Jetzt reden wir!“ Die Bewohner von Ellwangen melden sich zu Wort.

In der Debatte um die Geschehnisse in Ellwangen dokumentieren wir die Pressemitteilung und Einladung zur Pressekonferenz der Bewohner dieser Einrichtung.
Viel wurde über uns geredet, jetzt reden wir!

Wei­ter­le­senJetzt reden wir!“ Die Bewoh­ner von Ell­wan­gen mel­den sich zu Wort.“

50. Todestag von Emil Julius Gumbel: Vergessener Held der Demokratie

Gedenk­ta­fel für die deut­schen und öster­rei­chi­schen Flücht­lin­ge in Sana­ry-sur-Mer, unter ihnen Emil Juli­us Gum­bel // Bild: Ani­ma (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://​crea​ti​vecom​mons​.org/​l​i​c​e​n​s​e​s​/​b​y​-​s​a​/​3.0)], via Wiki­me­dia Commons
Es herrsch­te Hoch­span­nung  in Deutsch­land nach dem Ers­ten Welt­krieg. Der Ver­sail­ler Ver­trag wur­de als unge­recht in der desas­trö­sen wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on der Nach­kriegs­zeit gese­hen. Die Nie­der­la­ge wur­de durch die als demü­ti­gend emp­fun­de­nen Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen noch deut­li­cher gemacht und das ver­schärf­te die poli­ti­sche Situa­ti­on. Die jun­ge Wei­ma­rer Repu­blik hat­te die unmög­li­che Auf­ga­be, aus dem Desas­ter die demo­kra­ti­sche Gesell­schaft auf­zu­bau­en. Obwohl die Wei­ma­rer Ver­fas­sung in der Zeit enorm fort­schritt­lich war, hielt die Wei­ma­rer Repu­blik dem poli­ti­schen Druck nicht stand. Jus­tiz, Mili­tär und Ver­wal­tung bestan­den zu gro­ßen Tei­len noch aus den glei­chen Leu­ten wie im Kai­ser­reich, die die Demo­kra­tie zum größ­ten Teil rund­weg ablehn­ten. Die extre­me Rech­te, die von höchst unde­mo­kra­ti­schen Idea­len geprägt war, und hun­dert­tau­sen­de von den Schlacht­fel­dern heim­keh­ren­de Sol­da­ten hät­te den Krieg am liebs­ten wei­ter­ge­führt und schlos­sen sich viel­fach in anti­de­mo­kra­ti­schen und kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Frei­korps zusam­men. Das Ide­al der demo­kra­ti­schen Repu­blik ver­schwand hin­ter der bit­te­ren Rea­li­tät von wirt­schaft­li­cher Schwä­che und bru­ta­len poli­ti­schen Kämpfen.

Wei­ter­le­sen „50. Todes­tag von Emil Juli­us Gum­bel: Ver­ges­se­ner Held der Demokratie“

Rezension „Critical Whiteness“

Sinn und Zweck die­ser Rezen­si­on soll sein, die ak (ana­ly­se & kri­tik) Herbst 2013 Son­der­bei­la­ge zum Cri­ti­cal-Whiteness-Ansatz prä­gnant zu durch­leuch­ten. Die Bei­la­ge ist online für 4,50 € unter: https://​www​.akweb​.de/​s​e​r​v​i​c​e​/​b​e​i​e​i​n​z​el/ oder via Email an: vertrieb@​akweb.​de oder per Post an: ak — ana­ly­se & kri­tik, Rom­berg­stra­ße 10, 20255 Ham­burg zu bestel­len. Die­ser Ansatz will die Per­spek­ti­ve von den Opfern von Dis­kri­mi­nie­rung weg auf die („wei­ßen“) Täter rich­ten, damit die­se sich mit ihren Pri­vi­le­gi­en aus­ein­an­der­set­zen und die Opfer nicht mehr zum Objekt ihrer wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en wer­den. Was ist an die­sem Ansatz posi­tiv und was nega­tiv? Kann man ihn in die aka­de­mi­sche und poli­ti­sche Dis­kus­si­on als erwei­tern­de Per­spek­ti­ve auf­neh­men? Oder füh­ren die ihm inhä­ren­ten Spal­tun­gen nur zu einer Ver­här­tung der Positionen?

Edi­to­ri­al die ak-Redak­ti­on

Eine Ver­stän­di­gung zum The­ma und Kon­zept Cri­ti­cal Whiteness (CW) scheint wohl eher frag­lich, da sich hin­ter der Aus­le­gung von CW eine essen­tia­li­sie­ren­de Ten­denz ver­birgt. Man darf das Kri­te­ri­um „weiß“ nicht zwin­gend mit pri­vi­le­giert und ras­sis­tisch gleich­set­zen, denn will man Ras­sis­mus etwas ent­ge­gen­set­zen und ver­hin­dern, so setzt dies die Ver­än­der­bar­keit des mensch­li­chen bzw. des sozia­len Ver­hal­tens vor­aus. Das bedeu­tet, dass Ras­sis­mus ein sozia­les Pro­dukt ist, Men­schen also die Wahl haben, was sie sich selbst für Nor­men, Struk­tu­ren und Insti­tu­tio­nen setzen.

 

Deco­lo­ri­ze it! A. Ibra­him, J. Kara­ka­ya­li, S. Kara­ka­ya­li, V. Tsianos

Nach einer kur­zen Dar­stel­lung von CW, set­zen Ibra­him et al mit der Kri­tik fort. Als anti­ras­sis­ti­scher Ansatz legt CW, iro­ni­scher Wei­se, „Wei­ße“ auf­grund ihrer Haut­far­be als ras­sis­tisch fest. Sie wer­den also ent­mün­digt. Nicht gera­de emanzipatorisch.

Mit der Fra­ge danach, was Ras­sis­mus ver­ur­sa­che, kom­men die Autor_innen zum Schluss, dass die Ver­hält­nis­se ihn pro­du­zie­ren. Doch wenn die­se ein ras­sis­ti­sches Bewusst­sein und Struk­tu­ren pro­du­zier­ten, könn­te Anti­ras­sis­mus eigent­lich nicht statt­fin­den. Also muss es vor­her eine Idee von „Ras­se“ geben, die die­sen Struk­tur­auf­bau antreibt. So wür­de auch die Impli­ka­ti­on Struk­tu­ren (wenn auch unbe­ab­sich­tigt) als „natur­wüch­sig“ dar­zu­stel­len ver­hin­dert. Als sozia­les Kon­strukt sind sie hin­ge­gen ver­än­der­bar und auf­zu­lö­sen. Des­halb gilt es, nicht nur die mate­ri­el­len Ver­hält­nis­se auf­zu­de­cken und zu ver­än­dern, son­dern auch die Diskurse.

 

Far­ben­blind­heit ist auch kei­ne LösungA. Dugal­ski, M. Ham­sa, C. Lara

Hier wer­den Viel­zahl und Viel­falt der Mei­nun­gen ver­wech­selt. Auch dass die Geschich­te des, die For­schung zu und Bewe­gun­gen gegen Ras­sis­mus für die eige­ne Posi­ti­on ver­ein­nahmt wer­den, scheint wie­der essentialisierend.

Wei­ter­hin pro­ble­ma­tisch ist eine Rhe­to­rik des 19. und 20. Jahr­hun­derts, samt ihrer his­to­risch über­kom­me­nen Pos­tu­la­te. Denn sie redu­zie­ren den Begriff des Poli­ti­schen auf „Kampf“ und ent­lee­ren ihn somit. Wei­te­re begriff­li­che Unge­nau­ig­kei­ten bestehen in der Gleich­set­zung von CW und PoC (Peop­le of Colour), da so „Wei­ße“ aus­ge­schlos­sen wer­den. Es repro­du­ziert letzt­lich ras­sis­ti­sche Mecha­nis­men. Ihnen steht höchs­tens eine Unter­stüt­zer­rol­le zu. Der impli­zi­te Schluss, Benach­tei­li­gun­gen zumin­dest gleich zu ver­tei­len, anstatt sich die glei­chen Rech­te zu geben (vgl. hier­zu das Ver­hal­ten eini­ger CW-Akti­vis­t_in­nen auf dem No Bor­der Camp in Köln 2013), zeugt von einer Ver­wech­se­lung von Pri­vi­le­gi­en und Rech­ten. Denn auch in einem gericht­li­chen Pro­zess gilt, dass eine blo­ße Beschul­di­gung oder Unter­stel­lung noch lan­ge nicht zu einer Ver­ur­tei­lung füh­ren darf.

Man kommt auch nicht umher, sich an Orwells Ani­mal farm erin­nert zu füh­len, in dem die sie­ben Gebo­te der Tie­re zusam­men­ge­stri­chen wer­den auf: „All ani­mals are equal, but some ani­mals are more equal than others.“

Dass aus dem Ver­such, CW (eigent­lich eine ana­ly­ti­sche Per­spek­ti­ve) zu einem all­ge­mein­gül­ti­gen Lösungs­an­satz zu machen, die Kape­rung von CW und die Ver­bin­dung des Ansat­zes mit Auto­ri­ta­ris­mus her­vor­geht, erken­nen und bekla­gen auch die Autor_innen.

 

Dimen­sio­nen der Dif­fe­renzMode­ra­ti­on: J.O. Arps und R. Khan – Gesprächs­teil­neh­mer: J.K. Aikins, J. Kara­ka­ya­li, S. Kara­ka­ya­li, S.D. Otoo, V. Tsianos

Zunächst soll klar­ge­stellt wer­den, dass sich auf dem taz-lab im April 2013 bei­de Sei­ten dane­ben benom­men haben.

Auch in die­ser Gesprächs­run­de kommt man nicht viel wei­ter. Neben viel zu sprung­haf­ten Bei­trä­gen, zu vie­len Bei­spie­len, Umgangs­spra­che und sehr zurück­hal­ten­der Mode­ra­to­ren, sind auch hier die Ver­ein­nah­mung der Geschich­te (der Wis­sens­pro­duk­ti­on durch PoC) und die noto­ri­sche Ver­wech­se­lung von Pri­vi­le­gi­en und Rech­ten ein Problem.

Auch hier schließt der PoC-Begriff „Wei­ße“ aus. Doch die­ses Ver­ständ­nis von Ungleich­be­rech­ti­gung redu­ziert das Pro­blem auf ein Kri­te­ri­um (Her­kunft, Haut­far­be) und erkennt nicht die Idee oder den Mecha­nis­mus dahin­ter und ver­sucht auch nicht die­se auf­zu­lö­sen. Nur Tsia­nos greift dies kurz expli­zit auf. Der Fokus auf das Kri­te­ri­um, nach dem aus­ge­schlos­sen wird, ist nicht eman­zi­pa­to­risch, da die­ses meist nicht zu beein­flus­sen ist. Also spal­tet dies unnötigerweise.

Was eben­falls zu bedau­ern ist, ist die Beto­nung von his­to­ri­scher Kon­ti­nui­tät, gleich­zei­tig aber Ereig­nis­se wie die Sho­ah aus die­ser her­aus­ge­nom­men wer­den, mit dem Hin­weis sie sei­en sin­gu­lär. Dann soll aber aus die­ser Sin­gu­la­ri­tät eine his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung der „Deut­schen“ ent­ste­hen? Es fehlt der rote Faden.

Auch die Nen­nung von „Erkennt­nis­bar­rie­ren“ oder der Schaf­fung „ein[es] ande­ren Raum[es]“ wei­sen auf ähn­li­che Aus­gren­zungs­me­cha­nis­men in den Argu­men­ten, wie beim Ras­sis­mus hin.

 

Dyna­mi­sche Spra­che gegen Herr­schaft und Dis­kri­mi­nie­rung Inter­view­er: I. Stütz­le – Inter­view­te: L. Hornscheidt

Die Auf­fas­sung von Spra­che als einem Kon­strukt betont genau die Ele­men­te die oben schon öfters genannt wur­den: Eman­zi­pa­ti­on- und Ver­än­de­rungs­mög­lich­kei­ten, Beto­nung von Dis­kur­sen und die Kri­tik der Natu­ra­li­sie­rung und Essen­tia­li­sie­rung von Phänomenen.

Der Ver­zicht auf Lösun­gen von „oben“ spricht für einen eman­zi­pa­to­ri­schen Ansatz, der auf gesell­schaft­li­cher Ver­stän­di­gung und weni­ger auf Zwang (es sei denn auf den sich eigens gege­be­nen) baut. Trotz­dem soll hier gesagt sein, dass in die­sem kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­zess, Publi­kum und Sprecher_innen sich gegen­sei­tig dazu ver­pflich­ten, dem ande­ren sei­ne Rech­te ein­zu­ge­ste­hen. Es kann nicht sein, dass nur die einen auf­grund einer frü­he­ren Benach­tei­li­gung, nun über mehr Rech­te ver­fü­gen (Aus­spra­che), aber nicht sel­ber die Pflicht des Zuhö­rens haben, was nun aber für die vor­her nicht benach­tei­lig­ten Per­so­nen gel­ten solle.

In die­sem Pro­zess kommt es dar­auf an, die Argu­men­ta­ti­on (also den Kon­text) zu beach­ten und nicht nur auf die Asso­zia­tio­nen in Ver­bin­dung mit gewis­sen Schlag­wör­tern. Denn nur im Zusam­men­hang erge­ben Wor­te Sinn und las­sen Asso­zia­tio­nen ent­ste­hen. Um sich einen gewis­sen Frei­raum zu geben, dür­fen Wor­te nicht auf eine Bedeu­tung redu­ziert wer­den, sonst ent­steht ein Gefan­ge­nen­di­lem­ma und Alter­na­ti­ven kön­nen nur noch schwer arti­ku­liert wer­den. Geschieht die­se Aus­ein­an­der­set­zung mit Argu­men­ta­tio­nen nicht, zeugt es von einem pro­fun­den Miss­ver­ständ­nis von Diskurstheorie.

 

Nur für Ein­ge­weih­teH. Wet­tig

Wet­tig greift die eben genann­te Kri­tik auf, indem das Bei­spiel der Schwu­len­be­we­gung und der Umdeu­tung des Wor­tes „queer“ zum Posi­ti­ven und im Sin­ne der Bewe­gung genannt wird. Es stimmt auch, dass sich genau­so wie die Spra­che auch die Ver­hält­nis­se ändern müs­sen. Dies soll­te jedoch so ver­stan­den wer­den, dass Spra­che, die kei­nen Ein­fluss auf die Ver­hält­nis­se hat, als die Ver­hält­nis­se ledig­lich repro­du­zie­rend  ver­wor­fen wer­den soll­te. Dar­aus zu schlie­ßen, Spra­che wäre das zweit­ran­gi­ge Ziel, ist jedoch falsch. Viel­mehr geht es dar­um die Dia­lek­tik bei­der zu ver­ste­hen und den Impuls auf die Ver­än­de­rung der Ver­hält­nis­se durch Spra­che auszulösen.

Aller­dings kann Wet­tigs Posi­ti­on bekräf­tigt wer­den, dass dog­ma­ti­sche und unre­flek­tier­te Wort­neu­schöp­fun­gen eben­so eli­tär und von „oben“ kom­men, wenn sie nicht in einer gemein­sa­men Aus­ein­an­der­set­zung über Spra­che ent­ste­hen, son­dern nur der Betrof­fe­nen­grup­pe zuste­hen, die die­se mit­un­ter auch mit­tels der Auto­ri­tät der Wis­sen­schaft oder des Man­tras der Expert_innen durch­set­zen wol­len und sich nicht der Kri­tik des Publi­kums stellen.

 

Wer hat die Defi­ni­ti­ons­macht?S.D. Otoo

Auch in Otoos Bei­trag fin­den sich eini­ge kri­ti­sche Ele­men­te. Sie ach­tet bei Spra­che auf den Ton­fall (also den Kon­text), stellt danach aber die The­se auf, dass das Wort „End­lö­sung“ auf­grund der Asso­zia­tio­nen, die es her­vor­ruft (Kon­text: Natio­nal­so­zia­lis­mus), inner­halb eines kom­plett ande­ren Kon­tex­tes (z.B.: Mathe­ma­tik) nie mehr ver­wen­det wer­den könn­te. Eigent­lich wider­spricht sie sich selbst, da es ihr anschei­nend doch nicht auf den Kon­text, mit dem auch Inten­tio­nen ver­bun­den sind, ankommt. Sie redu­ziert Wor­te auf eine ein­zi­ge Bedeu­tung, was auto­ri­tär wirkt.

Die Unter­stel­lung, Wet­tig sei sich ihrer Pri­vi­le­gi­en nicht bewusst, kommt einem bereits bekannt vor. Das Argu­ment der „Betrof­fen­heit“, ver­mengt mit einer anschul­di­gen­den direk­ten Anspra­che der Leser_innen, kommt als Tot­schlag­ar­gu­ment rüber und beinhal­tet ein hyper­in­di­vi­dua­li­sier­tes Ver­ständ­nis von Gesell­schaft, in dem Ver­mitt­lung sehr schwie­rig wird. Sie ver­gisst, dass ihr Recht auf Selbst­be­zeich­nung auch eine Pflicht der Gegen­kri­tik mit sich bringt, sonst bevor­mun­det man sein Gegen­über, ist unkri­tisch und macht sozia­le Kom­mu­ni­ka­ti­on unmöglich.

Als sie von ver­se­hent­li­cher Dis­kri­mi­nie­rung spricht, erkennt sie nicht, dass ein Ver­se­hen einem ande­ren Kon­text ent­springt, als dem des ver­meint­lich Dis­kri­mi­nier­ten. Es zeugt von miss­ver­stan­de­ner Diskurstheorie.

 

Die Schwie­rig­kei­ten der Reprä­sen­ta­ti­on M.Z. Yufanyi

Bei­trä­ge wie der Yufany­is ver­die­nen Lob und Kri­tik. Dass sie Othe­ring anspricht, wird hier begrüßt, da es einen dis­kur­si­ven Mecha­nis­mus her­vor­hebt, anstel­le von rein mate­ri­el­len Verhältnissen.

Dass dies auch in der Wis­sen­schaft, spe­zi­ell in der Geo­gra­phie, statt­fand stimmt. Sich aber nur auf ein (his­to­risch über­hol­tes) Para­dig­ma zu bezie­hen und die jüngs­ten Ent­wick­lun­gen in der Human­geo­gra­phie nicht zu nen­nen, ist schlecht­hin ahis­to­risch, selek­tiv und essen­tia­li­sie­rend. Es scheint so, als wür­de Selbst­be­zeich­nung dazu ver­küm­mern, ledig­lich die Kon­struk­tio­nen des Selbst, die durch ande­re geschaf­fen wur­den, zu kri­ti­sie­ren. Wirk­lich auto­no­me Selbst­be­zeich­nung fin­det sich kaum.

Auch hier wird Viel­zahl der Mei­nun­gen mit Viel­falt ver­wech­selt. Es soll­te Alter­na­ti­ven zu Othe­ring geben, nicht wel­che inner­halb Otherings.

Damit wir im Anti­ras­sis­mus vor­an­kom­men, brau­chen wir eine selbst­kri­ti­sche Kri­tik von Opfern und Tätern. D.h., dass wir his­to­ri­sche Varia­bi­li­tät, also auch die per­so­nel­le Ver­än­de­rung aner­ken­nen müs­sen. Sonst wer­den Reha­bi­li­ta­ti­on, Schuld­be­glei­chung und Ver­ge­bung unmög­lich. Opfer sowie Täter wür­den stets in ihren Rol­len ver­blei­ben. Des­halb ist neben Bestra­fung auch eine Mög­lich­keit zum Aus­stieg aus rech­ten Krei­sen zu schaf­fen. Täter müs­sen sich von ihrem Täter­sein eman­zi­pie­ren kön­nen, damit die (poten­ti­el­len) Opfer bei deren Frei­las­sung nicht (wie­der) zu Opfern werden.

Es ist kei­ne Lösung, wenn jeder nur für sich und sei­ne sub­jek­ti­ven Erfah­run­gen spre­chen kann. Denn es geht nicht dar­um, kon­stant Gren­zen zwi­schen Per­so­nen zu zie­hen und aus ihren sepa­ra­ten Erfah­run­gen das arith­me­ti­sche Mit­tel zu neh­men, son­dern es geht viel­mehr um die Ver­mitt­lung zwi­schen Posi­tio­nen. Man kann also nicht ein­sei­tig und kon­text­los defi­nie­ren, was dis­kri­mi­nie­rend ist (z.B. die Fra­ge „Woher kommst du?“ ist nicht immer ras­sis­tisch), da man nicht in die glei­chen selek­ti­ven Argu­men­ta­ti­ons­struk­tu­ren ver­fal­len darf wie der Rassismus.

Auch Yufanyi ver­wech­selt Pri­vi­le­gi­en und Rech­te, was dahin füh­ren könn­te, dass wir vom „sepa­ra­te and une­qual“ zum „sepa­ra­te but equal“ kom­men, nicht aber zum simp­len „equal“.

Die Defi­ni­ti­on von „Weiß­sein“ ist eben­falls pro­ble­ma­tisch, da nicht nur der Begriff, son­dern auch die Argu­men­ta­ti­on essen­tia­li­sie­rend, gar ras­sis­tisch anmu­tet. Die Haut­far­be hat in die­sem Ver­ständ­nis einen Ein­fluss, wenn auch nicht bio­lo­gi­schen son­dern struk­tu­rel­len, auf die per­sön­li­che Ein­stel­lung. Was dar­an noch eman­zi­pie­rend sein soll, kann man sich durch­aus fra­gen. Es wäre bes­ser, die Eigen­schaf­ten zu benen­nen, sie nicht zu rei­fi­zie­ren (ver­ding­li­chen) und ein auto­no­mes Selbst zu entwerfen.

 

Die Gren­zen des Anti­ras­sis­mus A. Reed Jr.

Was nicht mit Reed Jr. geteilt wird ist die Kri­tik, der Begriff des Anti­ras­sis­mus wer­de zu stark betont, denn es erst wenn das Pro­blem be-grif­fen wur­de, kann ein Ziel for­mu­liert werden.

Posi­tiv ist, dass auch er die Ver­ein­nah­mung his­to­ri­scher Bewe­gun­gen durch aktu­el­le kri­ti­siert. Letz­te­ren wirft er eine Ein­zel­fall­mo­bi­li­sie­rung vor.

Sein dia­lek­ti­sches Ver­ständ­nis von Dis­kurs und Prak­tik ist gut. Aller­dings ver­tritt er die Mei­nung, dass die Wis­sens­pro­duk­ti­on zu ein­zel­nen sozia­len Teil­be­rei­chen unpro­duk­tiv sei, da sie nur neo­li­be­ra­le Refor­men umset­ze. Er sucht den kom­plet­ten Sys­tem­wan­del. Dem wird hier wider­spro­chen, da Refor­men nicht per se neo­li­be­ral sind, da sie dort anset­zen, wo Bedarf ist und nicht alles, v.a. nicht sozi­al gerech­te Ver­hält­nis­se (dort wo es sie gibt), über Bord wer­fen. Mit dem Sys­tem­wech­sel kommt auch die Fra­ge nach einer gewalt­frei­en Revo­lu­ti­on. Die­se lässt er außer Acht.

Auch dass Erkennt­nis nur wenig an den Prak­ti­ken ver­än­de­re, kann so nicht bejaht wer­den, da nach der Dia­lek­tik von Dis­kurs und Prak­tik, ein ver­än­der­ter Dis­kurs eine ver­än­der­te Prak­tik mit­bringt. Nur die Prak­tik zu ändern, ohne Argu­ment, löst den ideel­len Ras­sis­mus nicht auf.

Es ist auch an den kon­kre­ten Umstän­den zu arbei­ten, da sie Teil des Dis­kur­ses sind und ihn repro­du­zie­ren und legi­ti­mie­ren bzw. ihn auch wider­sprüch­lich erschei­nen lassen.

Doch die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem „Danach“, muss vor­her statt­fin­den, sonst kann die Bewe­gung ver­ein­nahmt und usur­piert wer­den. Es müs­sen Ant­wor­ten dar­auf gege­ben wer­den, was nach der Umver­tei­lung gesche­hen soll? Redu­ziert die Umver­tei­lung nicht die Debat­te auf Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­aspek­te? Nimmt es nicht auch die Gesell­schaft aus der Ver­ant­wor­tung, nach dem Mot­to: „Jetzt wo umver­teilt wur­de, ist es an euch, euch zu erwei­sen“? Nach wel­chen Markt­re­geln wol­len wir dann han­deln? Was ist, wenn wie­der auf­grund eines Merk­mals Grup­pen dis­kri­mi­niert wer­den? Liegt das dann im Sys­tem oder nur in einem Teil davon? Sind in einer Gesell­schaft nicht auch ande­re Fak­to­ren rele­vant (z.B.: Zuge­hö­rig­keits­vor­stel­lun­gen), die zuerst de- und dann rekon­stru­iert wer­den müss­ten? Ent­springt nicht gera­de dar­aus eine Grup­pe der „Uner­reich­ba­ren“, wenn der drit­te vor dem zwei­ten Schritt getan wird, als Teil eines hys­te­ri­schen Aktio­nis­mus, bevor über­haupt ein Kon­sens erreicht wur­de? Dies ist die eigent­lich schwie­ri­ge Aufgabe.

 

Kri­tik der ak-Son­der­bei­la­ge Herbst 2013