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Mehr rassistische Gewalt in Berlin

Auf Rei­sen: Ber­li­ner Kampf gegen Ras­sis­mus, Straf­lo­sig­keit und poli­zei­li­che Untä­tig­keit, die Burak-Initia­ti­ve in Des­sau am 7.1.2018

Das The­ma rech­te, anti­se­mi­ti­sche und ras­sis­ti­sche Gewalt war ver­gan­ge­ne Woche The­ma einer Pres­se­kon­fe­renz im Haus der Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te: Die Doku­men­ta­ti­ons- und Bera­tungs­stel­len ReachOut, die  Ber­li­ner Regis­ter­stel­len und Each One (EOTO e.V.) stell­ten ihre Ergeb­nis­se und Ana­ly­sen zu ent­spre­chen­den Vor­fäl­len im ver­gan­ge­nen Jahr vor und berich­te­ten dabei von größ­ten­teils stei­gen­den Zah­len.

ReachOut, die Bera­tungs­stel­le für Opfer rech­ter, ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt Ber­lin, doku­men­tier­te für das Jahr 2019 390 tät­li­che Angrif­fe von Kör­per­ver­let­zun­gen über mas­si­ve Bedro­hun­gen bis hin zu zwei ver­such­ten Tötun­gen. Die bis­her höchs­te doku­men­tier­te Zahl seit Start des Pro­jek­tes im Jahr 2001. Gestie­gen sei­en dabei sowohl die Anzahl an ras­sis­ti­schen moti­vier­ten (55%) als auch die LGBTIQ*-feindlichen Angrif­fe. Die Zah­len sind dabei höher, als die der Poli­zei, da auch Vor­fäl­le mit­auf­ge­nom­men wer­den, die nicht zur Anzei­ge gebracht wur­den. Die Dun­kel­zif­fer dürf­te wohl noch weit­aus höher sein. ReachOut-Mit­ar­bei­te­rin Sabi­ne Seyb beschreibt die stei­gen­den Angriffs­zah­len mit einer zuneh­men­den Ent­ta­bui­sie­rung des Sag- und Mach­ba­ren im poli­ti­schen Raum, auch jen­seits der AfD. Zugleich sei­en vie­le unauf­ge­klär­te Gewalt­de­lik­te eine Ermu­ti­gung für Täter*innen straf­frei agie­ren zu kön­nen, da sie oft­mals nicht mit Kon­se­quen­zen rech­nen müss­ten.

Die meis­ten Taten fan­den 2019 laut ReachOut in den städ­ti­schen Bezir­ken Ber­lins statt und ein Groß­teil an öffent­li­chen Orten (136). Gestie­gen sei gleich­zei­tig die Zahl an Angrif­fen, die in pri­va­ten Räu­men, dem direk­ten Wohn­um­feld, Arbeits­platz, oder bei Frei­zeit­ver­an­stal­tun­gen vor­kä­men, von 71 Taten 2018 auf 121 im ver­gan­ge­nen Jahr. So wur­den zum Bei­spiel im Juni ver­gan­ge­nen Jah­res in Trep­tow zwei Schüs­se direkt auf die Woh­nungs­tür einer geflüch­te­ten Fami­lie in Adlers­hof abge­ge­ben — die Kugeln blie­ben in der Tür ste­cken. Zuvor sei die Fami­lie wie­der­holt ras­sis­tisch moti­viert belei­digt und Zaun und Brief­kas­ten sei­en zer­stört wor­den. Fäl­le wie die­ser beschrei­ben die Zuspit­zung des gesell­schaft­li­chen Kli­mas und die wach­sen­de Selbst­si­cher­heit ras­sis­tisch moti­vier­ter Täter*innen, auch in pri­va­te Räu­me ein­zu­drin­gen. Seyb sprach auch über den rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlag in Hanau. Sie  appel­lier­te in die­sem Kon­text an die Wich­tig­keit, lang­fris­ti­ge gesell­schaft­li­che Debat­ten zu schaf­fen, um Taten wie die­se nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten zu las­sen und sich gegen das sich ver­schär­fen­de poli­ti­sche Kli­ma zu stel­len.

Gewalt gegen Schwar­ze Men­schen

Auch Ras­sis­mus gegen­über Schwar­zen steigt an. In die­sem Kon­text stell­te Jeff Kwa­si Klein die Arbeit der im Jah­re 2019 neu gegrün­de­ten Orga­ni­sa­ti­on „Each One moni­to­ring“ vor. Das jun­ge Pro­jekt ver­steht sich als Erst­be­ra­tungs­stel­le bei Anti-Schwar­zem Ras­sis­mus‘ mit dem Ziel, Betrof­fe­ne zu empowern und der gleich­zei­tig ras­sis­tisch moti­vier­te Vor­fäl­le in der Öffent­lich­keit sicht­bar zu machen und zu skan­da­li­sie­ren. Für das Jahr 2019 ver­zeich­ne­te „Each one moni­to­ring“ 193 Fäl­le Vor­fäl­le mit ras­sis­ti­schem Hin­ter­grund. Jeff Kwa­si Klein berich­tet von einem gene­rel­len Anstieg Vor­fäl­le die­ser Art mit einem gleich­zei­ti­gem gro­ßen Des­in­ter­es­se in der Öffent­lich­keit. Dies lege den struk­tu­rel­len Ras­sis­mus in unse­rer Gesell­schaft offen, kom­men­tier­te Klein, und ver­deut­li­che zugleich den gestei­ger­ten Bedarf von Doku­men­tie­rung der Fäl­le, um die Pro­ble­ma­tik sicht­ba­rer zu machen.

Das Moni­to­ring von „Each one“ gehe dabei in drei Rich­tun­gen: Zum einen sol­len mit dem Pro­gramm Schwar­ze, afri­ka­ni­sche und afro­dia­spo­ri­sche Men­schen ange­spro­chen wer­den. Gleich­zei­tig rich­tet es sich aber auch an poli­ti­sche Insti­tu­tio­nen und Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­netz­wer­ke in Ber­lin. Klein betont die Wich­tig­keit von Netz­wer­ken in der Anti­dis­kri­mie­rungs­ar­beit, die nur über Aus­tausch und gemein­sa­me Arbeit funk­tio­nie­ren kön­ne. Zen­tral sei in der Arbeit auch immer ein inter­sek­tio­na­ler Blick, da beson­ders Schwar­ze Men­schen oft von Mehr­fach­dis­kri­mi­nie­rung betrof­fen sei­en. So beschreibt er zum Bei­spiel den Fall einer Mut­ter, die in der Kita auf­grund ihrer Haut­far­be, ihrer Spra­che und ihrem Geschlecht auf meh­re­ren Eben­den gleich­zei­tig dis­kri­mi­niert wird.

Each One moni­to­ring“ möch­te einen erwei­ter­ten Hand­lungs­rah­men schaf­fen im Kon­text die­ses Ras­sis­mus‚. So sol­len die Moni­to­ring-Berich­te in Zukunft in Behör­den gelan­gen, um auf die­ser Grund­la­ge kon­kret auf ras­sis­ti­sche Struk­tu­ren ver­wei­sen zu kön­nen.

Anstieg ras­sis­ti­scher Belei­di­gun­gen und LGBTIQ*-feindlicher Angrif­fe 

Auch die Ber­li­ner Regis­ter­stel­len ver­mel­den ein zuneh­mend gewalt­sa­mes poli­ti­sches Kli­ma. Für das Jahr 2019 berich­ten sie von 3277 Vor­fäl­len mit extrem rech­tem, ras­sis­ti­schem, anti­se­mi­ti­schem, LGBTIQ*-feindlichem, sozi­al­chau­vi­nis­ti­schem oder behin­der­ten­feind­li­chem Hin­ter­grund. Die Defi­ni­ti­on von „Vor­fäl­len“ ist dabei umfas­sen­der als die von ReachOut und beein­hal­tet auch nicht-tät­li­che Angrif­fe wie Belei­di­gun­gen und Pro­pa­gan­da­de­lik­te. Die Regis­ter­stel­len möch­ten damit, laut Spre­che­rin Kati Becker, ein gene­rel­les gesell­schaft­li­ches Kli­ma beschrei­ben. Die Zahl der Vor­fäl­le habe zwar im Ver­gleich zum Vor­jahr leicht abge­nom­men (2018: 3405), die Form habe sich jedoch ver­än­dert. Doch die Zahl der tät­li­chen Angrif­fe habe ein­deu­tig zuge­nom­men, — nach Anga­ben von ReachOut von 317 im Jahr 2018 auf 390 im ver­gan­ge­nen Jahr.

Im Janu­ar 2019 sei einer Mit­ar­bei­te­rin eines Kir­chen­asyls auf ihrem pri­va­ten Tele­fon­an­schluss fol­gen­de Drohnach­richt hin­ter­las­sen wor­den: „Es wird Zeit das du Deutsch­land ver­lässt.“ Ein Bei­spiel für die vie­len ras­si­ti­schen moti­vier­ten Vor­fäl­le aus dem ver­gan­ge­nen Jahr. Denn die größ­te Tat­mo­ti­va­ti­on blei­be Ras­sis­mus mit 44 Pro­zent. Die­se Zahl sei zwar ähn­lich zu der aus dem Vor­jahr, doch es zei­ge sich, dass es statt nicht tät­li­chen Bedro­hung und ver­ba­len Angrif­fen immer mehr tät­li­che Angrif­fe sei­en. Auch hier wird von einem sich immer wei­ter zuspit­zen­den Kli­ma gespro­chen, dass jedes Jahr gewalt­vol­ler wer­de und mit einem gestei­ger­ten Selbst­be­wusst­sein von Täter*innen ein­her­ge­he, die sich zu rech­ten, ras­sis­tisch moti­vier­ten Angrif­fen ermäch­tigt fühl­ten, so Becker.

Signi­fi­kant gestie­gen sei­en auch die LGBTIQ*-feindlichen Angrif­fe, die­se hät­ten sich mit einer Zahl von 222 seit dem Vor­jahr mehr als ver­dop­pelt (2018: 109). So sei zum Bei­spiel am 28. Juli in Köpe­nick die vor dem Rat­haus gehiss­te Regen­bo­gen­fah­ne von zwei Män­nern ver­sucht wor­den zu ver­bren­nen. Dazu klet­ter­ten die­se bis zum Fah­nen­mast und ver­ur­sach­ten ein Brand­loch in der Fah­ne.

Kati Becker appel­liert an die Öffent­lich­keit, die bru­ta­len Anschlä­ge der letz­ten Mona­te in Hanau und Hal­le nicht als Rand­er­schei­nung, Ein­zel­fäl­le oder loka­le Ereig­nis­se zu ver­harm­lo­sen, son­dern als Ergeb­nis eines gene­rell ver­schlech­ter­ten  gesell­schaft­li­chen Kli­mas: Das Pro­blem lie­ge viel­mehr in der Mit­te der Gesell­schaft. Ein ähn­lich erschre­cken­de Tat kön­ne über­all pas­sie­ren, auch in Ber­lin, wie die Zunah­me an Gewalt in den zurück­lie­gen­den Jah­ren ver­deut­li­che.

 

 


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