Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus



Trümmerschatten der verratenen Revolution

Einführungsrede zur Vernissage der Ausstellung >wo liegt die Erinnerung< von Rasso Rottenfußer, in den Studios Lichtenberg, am 22.3.2019

I. Rasso

Ich ken­ne Ras­so Rot­ten­fuß­er schon aus den 1980er Jah­ren, wir kom­men aus dem dem­sel­ben Land­kreis, dem ober­baye­ri­schen Land­kreis Ebers­berg im Mün­che­ner Osten und ken­nen uns aus einer Jugend­treff­punkt­s­in­itia­ti­ve all­dort. Ich ver­fol­ge, beglei­te und beschrei­be sei­ne künst­le­ri­sche Ent­wick­lung und sei­ne Pro­jek­te seit­her und bin ein gro­ßer Freund sei­nes destruk­ti­ven Kon­struk­ti­vis­mus, sei­ner Kunst Din­ge, Räu­me, Gebäu­de und Sachen zu zer­le­gen und zu neu­er Kennt­lich­keit wie­der zusam­men­zu­fü­gen und umzu­deu­ten. Dar­in ist er groß. Und auch oft stur.
Schon die gro­ßen schein­bar mono­chro­men, aber in viel­fa­cher Schich­tung der Acryl­far­ben fein struk­tu­rier­ten Tafel­bil­der sei­ner Früh­pha­se mit „ech­ten“ Appli­ka­tio­nen aus natür­li­chen Werk­stof­fen wie Leder, Rin­de oder Flech­ten waren Neu­kom­bi­na­tio­nen sich schein­bar wider­spre­chen­der Ele­men­te. Es muss in den 1990er Jah­ren gewe­sen sein, im Umfeld des Rosen­hei­mer Kunst­ver­eins, dass Ras­so Rot­ten­fuß­er mit dem Aus­ein­an­der­neh­men von Räu­men, Flä­chen und Kör­pern begann. Bei der gro­ßen Kunst­schau „Kei­ne Erin­ne­rung“ im Rosen­hei­mer Finanz­amt spie­gel­te er die Flä­chen einer typi­schen Beamt*innenstube der Behör­de so an sich selbst und der Umge­bung bis der Raum quer zum archi­tek­to­ni­schen Ensem­ble lag und wie durch zwei die­ser schma­len Amts­stu­ben gescho­ben, gebro­chen, gehievt, gepresst schien. Ähn­lich ver­fuhr er mit einem Aus­stel­lungs­raum in der Ober­föh­rin­ger Stra­ße und mit sei­ner Stamm­knei­pe, dem Valen­tins­st­überl, in Mün­chen.

II: Rohe, Ludwig Mies van der

Es gab eine Pha­se in Ras­so Rot­ten­fuß­ers Schaf­fen, in der er Mar­kie­run­gen setz­te. Klei­ne Tep­pich­stü­cke, die er im öffent­li­chen Raum, meist im Kunst­kon­text, an Wän­den befes­tig­te. Was heu­te jeder zwei­te Stree­tart-Künst­ler macht, war damals, in den 1990er Jah­ren, ein uner­hör­ter Akt der Aneig­nung und auch Kri­tik am gro­ßen Kunst­be­trieb, ein „tag“, den der rebel­li­sche Künst­ler, die rebel­li­sche Künst­le­rin an den glän­zen­den Ober­flä­chen der Hoch­kul­tur hin­ter­lässt, um die Ober­flä­che anzu­krat­zen, in Fra­ge zu stel­len und eben auch sich selbst als Anwe­sen­den bemerk­bar zu machen. Ich war zuge­gen als Rot­ten­fuß­er eine sol­che Tep­pich­flie­se an einem Pavi­li­on — ich glau­be, es war der öster­rei­chi­sche — auf der Bien­na­le in Vene­dig anhef­te­te. An das genaue Jahr kann ich mich nicht erin­nern. Nicht dabei war ich, als er ein klei­nes Recht­eck an jenem Pavil­li­on appli­zier­te, den Lud­wig Mies van der Rohe 1929 für die Welt­aus­stel­lung in Bar­ce­lo­na errich­te­te. (Und der danach ver­schwand, in den 1980er Jah­ren jedoch rekon­stru­iert wur­de, also heu­te dort wie­der zu sehen ist). Über die Tep­pich­flie­se hat Ras­so damals im Grun­de so etwas wie den Kon­takt zu einem der bedeu­tends­ten Ver­tre­ter der Archi­tek­tur­mo­der­ne, dem eins­ti­gen Bau­haus-Direk­tor Mies van der Rohe her­ge­stellt, sich sei­nem rekon­stru­ier­ten Bau­denk­mal auf­ge­drängt, ange­klebt, ange­hef­tet.

III. Revolution

Lud­wig Mies van der Rohe war kein Revo­lu­tio­när. Der bür­ger­li­che Bau­meis­ter pfleg­te in der Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik jene Koket­te­rie mit einer sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on, die auf den Schwin­gen der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on zum Flug in die Zukunft abzu­he­ben schien, die für gebil­de­te libe­ra­le Krea­ti­ve damals zum guten Ton gehör­te. Sein Wir­ken vom Her­kömm­li­chen zum Moder­nen lässt sich gera­de in Ber­lin wun­der­bar nach­voll­zie­hen vom eher betu­li­chen Haus Riehl, sei­nem Erst­ling, das er in den Jah­ren 190708 bau­te, über sei­ne Wohn­bau­ten in der Afri­ka­ni­schen Stra­ße Mit­te der 1920er Jah­re bis zur Voll­endung im Haus Lem­ke am „Fau­len See“ im Nor­den Ber­lins, in dem sich heu­te das „Mies van der Rohe“-Haus befin­det. Es ist ver­mut­lich kein Zufall, dass er in der Zeit, in der er die Sied­lungs­bau­ten in der Afri­ka­ni­schen Stra­ße für nor­ma­le, mög­li­cher­wei­se eher pro­le­ta­ri­sche Mieter*innen bau­te, auch den Auf­trag für das Revo­lu­ti­ons­denk­mal annahm, wel­ches Gegen­stand unse­rer heu­ti­gen Aus­stel­lung und natür­lich auch im Kon­text der zahl­rei­chen Revo­lu­ti­ons- und Bau­haus-Jubi­lä­en immer wie­der betrach­tet und erör­tert wird.
War die Rus­si­sche zumin­dest zeit­wei­se geglückt, ertrank die Deut­sche Revo­lu­ti­on 191819 — vor 100 Jah­ren — im Blut der Revolutionär*innen. Der Ver­rat der Sozi­al­de­mo­kra­tie an der auf­be­geh­ren­den Arbei­ter­klas­se ist ihrer Geschich­te ein­ge­schrie­ben wie ein Kains­mal des Oppor­tu­nis­mus der Macht und des unbe­ding­ten Macht­er­halts. Die Sozen hat­ten sich dazu mit den bru­ta­len Kräf­ten der Reak­ti­on ver­bün­det, bis ihnen ein gutes Jahr­zehnt spä­ter die Nationalsozialist*innen ihrer­seits den Gar­aus mach­ten.

IV. Rosa Luxemburg

Schlagt ihre Füh­rer tot! Tötet Karl Lieb­knecht!“ wur­de damals in Ber­lin pla­ka­tiert, am 15. Janu­ar 1919 töte­ten Sol­da­ten des toxi­schen Män­ner­bun­des der „Schwar­zen Reichs­wehr“ im Auf­tra­ge des sol­zi­al­de­mo­kra­ti­schen „Blut­hunds“ Gus­tav Noske auch die Arbei­ter­füh­re­rin Rosa Luxem­burg und den Revo­lu­tio­när Karl Lieb­knecht. Für die bei­den Ermor­de­ten und vie­le Hun­dert ande­re Getö­te­te der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on ff soll­te nun also ein Denk­mal errich­tet wer­den, beschlos­sen schon 1924, rea­li­siert und eröff­net dann 1926. In einem Auf­satz in einem The­men­heft zum Revo­lu­ti­ons­denk­mal schreibt der Kunst­wis­sen­schaft­ler Mar­tin Schön­feld: „Die Errich­tung des Revo­lu­ti­ons­denk­mals von Lud­wig Mies van der Rohe 1926 ließ das dor­ti­ge Grä­ber­feld zu einer Büh­ne und Memo­ri­al­fes­tung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands wer­den. Nicht nur Bei­set­zun­gen, auch Gedenk­ta­ge fan­den an die­sem Denk­mal ihre poli­ti­sche Prä­sen­ta­ti­on“. Zwar war Mies van der Rohe im Jahr des Denk­mal­baus sogar in Edu­ard Fuchs’ „Gesell­schaft der Freun­de des Neu­en Russ­lands“ ein­ge­tre­ten, aber — so schreibt es die Direk­to­rin des „Mies van der Rohe“-Hauses, Wita Noack — die “ unge­wöhn­li­che For­men­spra­che der kon­struk­ti­vis­ti­schen Denk­mal­struk­tur — ein Back­stein­bau aus längs gerich­te­ten und asy­me­trisch zusam­men­ge­füg­ten Kuben — ent­sprach nicht dem Kunst­ge­schmack der meis­ten Ver­tre­ter der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung. Der küh­ne, „revo­lu­tio­nä­re“ Wurf des bür­ger­li­chen Archi­tek­ten gefiel nun aus­ge­rech­net den Revo­lu­tio­nä­ren nicht, unter denen, so Noack, „in ästhe­ti­scher Hin­sicht (…) eher die bür­ger­li­che Form“ gou­tiert wur­de. Ver­kehr­te Welt. Ver­damm­te Spie­ßer.
Aber ja, es hat auch mich, wenn Sie die per­sön­li­che Bemer­kung gestat­ten, Jah­re gekos­tet, die Schön­heit im Bru­ta­lis­mus der 1970er Jah­re zu erken­nen. Heu­te kann ich mich dar­an kaum satt­se­hen. Auch das Mies’sche Denk­mal in Fried­richs­fel­de kommt auf jeden Fall erst ein­mal recht grob und wuch­tig, unge­schlacht und gewal­tig daher. Es war, soweit man es auf den Foto­gra­fi­en der Gedenk­ver­an­stal­tun­gen und Auf­mär­sche sehen kann, impo­sant und unge­wöhn­lich und in sei­ner Wucht viel­leicht der Wucht der blu­ti­gen Kon­ter­re­vo­lu­ti­on ange­mes­sen und ein Monu­ment der Trau­er und des Wider­stands. Damals.

V. Rekonstruktion

Ich hal­te eine viel dis­ku­tier­te Rekon­struk­ti­on des Denk­mals in sei­ner ursprüng­li­che Gestalt übri­gens für eine Schnaps­idee. Nur in der Form, wie Ras­so Rot­ten­fuß­er es etwa vor­hat­te und hier modell­haft zeigt, wäre es eine denk­ba­re Annä­he­rung, Aneig­nung, eine Dekon­struk­ti­on des Mythos, der dem ver­schwun­de­nen Denk­mal ein­ge­schrie­ben war und ist, eine Ver­frem­dung auch der buch­stäb­lich erschöpf­ten Sym­bo­le von Ham­mer und Sichel und roter Fah­ne.
Viel­leicht haben Sie neben dem Ost­bahn­hof den Neu­bau mei­ner Arbeit­ge­be­rin, der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung, gese­hen, an dem optisch die X‑Konstruktionen im ers­ten Stock­werk als Remi­nis­zen­zen an das X in Rosa Luxem­burgs Namen sehr auf­fäl­lig sind. Man kann sich über die archi­tek­to­ni­sche Gestal­tung des Baus strei­ten und auch dar­über, ob der Stand­ort des Gebäu­des an der Stel­le dort akzep­ta­bel ist. Im Grun­de, so könn­te man sagen, ist das neue RLS-Gebäu­de im Ensem­ble ein Wurm­fort­satz der Mer­ce­des- und bizar­ren Kon­sum­welt, die gegen­wär­tig rund um die eins­ti­ge O2-Are­na, die heu­ti­ge Mer­ce­des-Benz-Are­na, aus dem Boden schießt. Was wür­de unse­re, vor 100 Jah­ren ermor­de­te Namens­pa­tro­nin dazu sagen, wenn sie sich inmit­ten von Ver­gnü­gungs­mei­len, Ein­kaufs­malls, Kon­zert­hal­len und unter dem sich dre­hen­den Stern eines der größ­ten Auto­kon­zer­ne Deutsch­lands wie­der­fän­de. (Auch wenn die­ser Stern im Sin­ken begrif­fen zu sein scheint.) Kolleg*innen aus der Stif­tung haben nun kürz­lich vor­ge­schla­gen, man soll­te auf dem Dach unse­res neu­en Hau­ses doch dem Mer­ce­des-Stern einen rotie­ren­den Roten Stern oder das, übri­gens im Ori­gi­nal 1932 von Max Geb­hardt im Des­sau­er Bau­haus geschaf­fe­ne Sym­bol der Anti­fa­schis­ti­schen Akti­on ent­ge­gen­set­zen, um „kennt­lich zu machen, nicht Teil die­ser Ent­wick­lung zu sein“, aber gleich­zei­tig auch — und in ziem­li­chen Gegen­satz dazu — um mit dem Daim­ler-Stern „in einen poli­ti­schen Dia­log zu tre­ten“ oder — noch­mal ein gewag­tes Manö­ver — eben auch „in Erin­ne­rung an das Denk­mal für Rosa und all die ande­ren 1919 umge­kom­me­nen von Mies van der Rohe“.
Die­se Ide­en sind abwe­gig und geschichts­los, sie reani­mie­ren bedeut­sa­me, aber auch in vie­ler Hin­sicht gebro­che­ne und frag­wür­di­ge poli­ti­sche Sym­bo­le für Zwe­cke, die im Zusam­men­hang des ador­ni­ti­schen Fal­schen in einer glo­ba­li­sier­ten Welt des Kapi­ta­lis­mus ste­hen. Auch die Rosa-Luxem­burg-Stif­tung ist Teil des Estab­lish­ments in einem der reichs­ten und destruk­tivs­ten Län­der der Welt, einem Glo­bal Play­er des alles ver­schlin­gen­den Neo­li­be­ra­lis­mus. Wer, wie ich, bei der Stif­tung arbei­ten kann, ist pri­vi­le­giert. Inso­fern hat es durch­aus eine gewis­se stim­mi­ge Iro­nie, dass unser Haus in die­ser Umge­bung zu ste­hen kommt. Eine Ori­en­tie­rung an den his­to­ri­schen For­ma­tio­nen der Arbei­ter­klas­se müs­sen unter den heu­ti­gen Bedin­gung in die Irre füh­ren und kön­nen allen­falls als Bezug­punk­te einer revo­lu­tio­nä­ren Erin­ne­rung in Betracht gezo­gen wer­den.
Und all­mäh­lich keh­re ich zurück zu der heu­ti­gen Aus­stel­lungs­er­öff­nung und dem Künst­ler Ras­so Rot­ten­fuß­er, der sol­cher gefüh­li­gen Roman­tik gänz­lich abhold ist.

VI. Ruinen

Schat­ten und Trüm­mer, das ist es, was vom Mies’schen Revo­lu­ti­ons­denk­mal übrig geblie­ben ist. „Ver­lo­re­ne Bau- und Kunst­denk­ma­le, deren Nach­wir­ken — über Genera­tio­nen, ja womög­lich über Jahr­hun­der­te hin­weg — unse­re Wahr­neh­mung von Geschich­te im Raum prägt, cha­rak­te­ri­sie­ren Denk­mal­pfle­ger gele­gent­lich als Schat­ten­ar­chi­tek­tur“, schrieb der Ber­li­ner Lan­des­kon­ser­va­tor Jörg Has­pel in dem erwähn­ten Son­der­heft zum Revo­lu­ti­ons­denk­mal. Die Schat­ten der Ver­gan­gen­heit, das im Schat­ten­denk­mal für die ver­ra­te­nen Revolutionär*innen sicht­lich abwe­send ist ist 1935 von den Nazis abge­ris­sen und geschleift wor­den, nach­dem schon aller­lei nie­der­träch­ti­ge Späß­chen mit dem vor­her abge­schla­ge­nen Stern mit Ham­mer und Sichel getrie­ben wor­den war. Es gibt ein Bild, das einen Hau­fen fein gesäu­ber­ter und auf­ge­schich­te­ter Zie­gel zeigt, die einst das Denk­mal waren. Das Bild scheint eine sinn­fäl­li­ge Vor­weg­nah­me der spä­te­ren Trüm­mer zu sein, in die die Nazis die Welt haben sin­ken las­sen.
Ich habe in Mün­chen den Pro­zess gegen die Neo­na­zi-Mör­der­ban­de NSU über fünf Jah­re lang beob­ach­tet und im Lau­fe die­ses Mam­mut­ver­fah­ren vie­le neue Wor­te gelernt, meist aus dem Mun­de von Sach­ver­stän­di­gen, Brand­gut­ach­tern, Gerichts­me­di­zi­nern und Waf­fen­ex­per­ten. Eines die­ser Wor­te war „Trüm­mer­schat­ten“. Der Ver­such der NSU-Ter­ro­ris­tin Bea­te Zschä­pe, den letz­ten Unter­schlupf des NSU-Kern­tri­os in der Zwi­ckau­er Früh­lings­stra­ße anzu­zün­den, ende­te in einer Explo­si­on, bei der Tei­le der Außen­wän­de des Gebäu­des nach außen geschleu­dert wur­den. Die Trüm­mer die­ser Außen­wän­de und ihre Ver­tei­lung in der Umge­bung wer­den als Trüm­mer­schat­ten bezeich­net.
In gewis­sem Sin­ne kann man Rot­ten­fuß­ers Reinstal­la­ti­on der Kuben des Revol­tu­ti­ons­denk­mals ent­lang einer gewis­sen Stre­cke als den Trüm­mer­schat­ten von Revo­lu­ti­on, Ver­rat und Mord betrach­ten, deren Wucht uns die Tei­le bis heu­te vor die Füße wirft.

VII. Refugee

Er hat das Ant­litz der Ver­gan­gen­heit zuge­wen­det. Wo eine Ket­te von Bege­ben­hei­ten vor uns erscheint, da sieht er eine ein­zi­ge Kata­stro­phe, die unab­läs­sig Trüm­mer auf Trüm­mer häuft und sie ihm vor die Füße schleu­dert.“ So beschreibt Wal­ter Ben­ja­min den „Ange­lus Novus“ auf Paul Klees Gemäl­de, den Ben­ja­min als „Engel der Geschich­te“ bezeich­net. Der Engel steht der Ver­gan­gen­heit zuge­wandt und ihm weht der Sturm aus der Ver­gan­gen­heit ins Gesicht: „Aber ein Sturm weht vom Para­die­se her, der sich in sei­nen Flü­geln ver­fan­gen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schlie­ßen kann. Die­ser Sturm treibt ihn unauf­halt­sam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, wäh­rend der Trüm­mer­hau­fen vor ihm zum Him­mel wächst. Das, was wir den Fort­schritt nen­nen, ist die­ser Sturm.“ Vor sei­nen Füßen lie­gen auch die Trüm­mer des Revo­lu­ti­ons­denk­mals und die Fra­ge ist, was unser Fort­schritt sein könn­te oder ob es nicht wie­der dunk­le Ereig­nis­se und Ent­wick­lun­gen sind, die ihre Schat­ten vor­aus­wer­fen und unse­ren Blick zurück trü­ben und umnach­ten. Wal­ter Ben­ja­min haben die­se Schat­ten Angst und Panik berei­tet. So sehr, dass er sich nach einer müh­sa­men Flucht über die Pyre­nä­en im kata­la­ni­schen Port Bou 1940 das Leben nahm. Der Refu­gee Ben­ja­min steht in per­so­na und als Den­ker für die Ahnung des­sen, was auf uns auch gegen­wär­tig zurast, er steht für die Angst der Mensch­lich­keit vor der Bar­ba­rei.

VII. Rechtsruck

Denn auch heu­te zeigt der Faschis­mus wie­der sein höh­ni­sches Gesicht und lässt vie­le in Mut­lo­sig­keit und Furcht ver­fal­len, dys­to­pi­sche End­zeit­stim­mung macht sich breit und Leu­te wie wir faseln von Flucht und Exil. Der gro­ße Peter Weiss lässt eine Figur in sei­nem Jahr­hun­der­t­ro­man „Die Ästhe­tik des Wider­stands“ die­sen wohl­fei­len Wan­kel­mut satu­rier­ter und über­spann­ter Humanist*innen sehr tref­fend beschrei­ben, ich zitie­re: „Wir sind Huma­nis­ten, (…) doch uns­re Huma­ni­tät ist mit Schan­de bedeckt. All­zu­vie­le, die stän­dig den Huma­nis­mus, den Pazi­fis­mus im Mund füh­ren, die das Unrecht wohl sehn, für eine Ver­änd­rung aber nicht kämp­fen wol­len, sind, in ihrer Dis­kre­ti­on, nichts and­res als Apo­lo­ge­ten der herr­schen­den Klas­sen.“
Denn die Not, Flucht und Migra­ti­on, Ver­zweif­lung und Elend fin­den seit vie­len Jahr­hun­der­ten woan­ders, im so genann­ten glo­ba­len Süden statt als gna­den­lo­se Kampf­zo­ne des sich glo­ba­li­sie­ren­den Kapi­ta­lis­mus’, die­ser gna­den­lo­se Kno­chen­müh­le der Akku­mu­la­ti­on und der gewinn­brin­gen­den Zer­stö­rung und des „irren Selbst­zwecks“ (Tomasz Konicz) eines Gewinns um sei­ner selbst Wil­len. Einer kri­ti­schen fra­gen­den Per­son stellt sich auch die grund­sätz­li­che Fra­ge, ob die Wider­sprü­che und Unver­ein­bar­kei­ten des­sen, was wir so leicht­hin als „Demo­kra­tie“ und „demo­kra­tisch“ bezeich­nen, nicht schon his­to­risch unse­ren ver­meint­lich frei­en Gesell­schaf­ten ein­ge­schrie­ben waren und sich in einer fina­len Kri­se der „impe­ria­len Lebens­wei­sen“ des Kapi­ta­lis­mus und der kapi­ta­lis­ti­schen „Exter­na­li­sie­rungs­ge­sell­schaft“ gera­de zur gro­ßen auto­ri­tä­ren Regres­si­on zusam­men­bal­len: Vie­ler­orts las­sen die glo­ba­len Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­se und ihre Fol­gen ras­sis­ti­sche Modi der Besitz­stands­wah­rung aktiv wer­den. Das Erstar­ken rech­ter und neo­fa­schis­ti­scher Par­tei­en rund um die Welt kor­re­spon­diert so mit dem mili­ta­ri­sier­ten Abwehr­kampf gegen Geflüch­te­te und negiert deren Men­schen­rech­te. Im Inne­ren der Fes­tung Euro­pa sind Rechts­ruck, mas­si­ve Ein­schrän­kun­gen der Bürger*innen- und Menschen‑, der Grund- und Frei­heits­rech­te sowie der Abbau sozia­ler und über Jahr­zehn­te erkämpf­ter men­schen­recht­li­cher Stan­dards zu beob­ach­ten.
Ich muss wohl hier nicht die zwei­fa­che Auf­kün­di­gung des fun­da­men­ta­len Men­schen­rechts auf Leben und Unver­sehrt­heit im Mit­tel­meer und auf ande­ren glo­ba­len Flucht­rou­ten erwäh­nen. Den Men­schen wird die Ret­tung aus See­not ver­wei­gert und sie wer­den, zynisch gesagt: wenn sich die Ret­tung nicht ver­mei­den lässt oder sie von frei­wil­li­gen Seenotretter*innen besorgt wird, einem skru­pel­lo­sen Refoulment in extra­le­ga­le Lager, Gefäng­nis­se und Fol­ter­stät­ten etwa in Liby­en aus­ge­setzt. Die Party‑, Weih­nachts­markt- und Sport­welt­meis­ter­schafts­zi­vi­li­sa­ti­on zuckt nicht mit den Wim­pern. Stan­dards wer­den ver­füg­bar gemacht, öko­no­mi­schen Fak­to­ren ange­passt, sie sind aus­wech­sel­bar und ste­hen zur Dis­po­si­ti­on. Im unab­läs­si­gen, durch die vir­tu­el­len Wel­ten der so genann­ten sozia­len Medi­en ins Unend­li­che ver­viel­fach­ten Dis­kurs gehen sie in den Hass­kom­men­tar­spal­ten und ent­hu­ma­ni­sier­ten Echo­kam­mern des Cyber­space sang- und klang­los unter…

VIII. Regression

Aber egal, ob die AfD in Deutsch­land davon träumt stolz sein zu dür­fen „auf die Leis­tun­gen deut­scher Sol­da­ten in zwei Welt­krie­gen“, im pol­ni­schen Zamość die Gedenk­ta­fel am Geburts­haus von Rosa Luxem­burg abge­schla­gen wird, weil sie Kom­mu­nis­tin war, oder der faschis­ti­sche ita­lie­ni­sche Innen­mi­nis­ter Sal­vi­ni im Zusam­men­hang mit geret­te­ten Geflüch­te­ten von einer „Fracht Men­schen­fleisch“ spricht: Die Umdeu­tung der Wor­te und Wer­te, der Bru­ta­li­sie­rung von State­ments, For­de­run­gen und Geset­zes­vor­ha­ben ist längst im Gan­ge. In den fieb­ri­gen Echo­kam­mern des Inter­nets, in zahl­lo­sen eige­nen Publi­ka­ti­ons­me­di­en und demons­tra­ti­ons­kul­tu­rel­len Sphä­ren der neu­en rech­ten und rohen Bürger*innenbewegung ent­steht ein par­al­le­les Uni­ver­sum, in dem rück­wärts­ge­wand­te Geschlech­ter­bil­der und repres­si­ve Gewalt­phan­ta­si­en gegen Frau­en und LGBTQI eben­so fröh­li­che Urstän­de fei­ern wie reli­giö­ser Fana­tis­mus aus ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten. Trump und Bol­so­na­ro wur­den von einer Wel­le evan­ge­li­ka­ler Ver­zü­ckung an die Macht gespült, in Euro­pa for­mie­ren sich christ­li­che Abtreibungsgegner*innen, katho­li­sche Fundamentalist*innen und ortho­do­xe Fanatiker*innen um Repro­duk­ti­ons­the­men, Homo­pho­bie und restrik­ti­ve Sexu­al­mo­ral.
Der neue Faschis­mus steigt aus den Trüm­mern der Ver­gan­gen­heit auf und wirft sei­ne bedroh­li­chen Schat­ten vor­aus.
Wir müs­sen uns mit die­sen Schat­ten und den Trüm­mer­schat­ten lin­ker Ver­gan­gen­hei­ten beschäf­ti­gen und kön­nen dies beim Reflek­tie­ren an Ras­so Rot­ten­fuß­ers viel­schich­ti­gem Werk, sei­ner dekon­struk­ti­vis­ti­schen Re-Instal­la­ti­on von Lud­wig Mies van der Rohes Revo­lu­ti­ons­denk­mal tun.

Die Aus­stel­lung >wo liegt die Erin­ne­rung< ist noch bis zum 30. April 2019 in Lich­ten­berg Stu­di­os im Café (Zugang über Lich­ten­berg Muse­um) in der Türrschmidt­stras­se 24, 10317 Ber­lin zu sehen.


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