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Köthen im September: Grausame Lektionen in „Heimat- und Sachkunde“

Anti­fa­schis­ti­scher Pro­test in Köthen am 16.9.2018: Zwi­schen­stopp in der Innen­stadt

Rede von Fried­rich Bur­schel als Ver­tre­ter von NSU-Watch in Köthen am Sams­tag, 16.9.2018, wo über 800 Antifaschist_innen gegen einen AfD-Auf­marsch pro­tes­tier­ten:  

Lie­be Leu­te,

mein Name ist Fritz Bur­schel und ich über­brin­ge Euch die soli­da­ri­schen und kämp­fe­ri­schen Grü­ße von NSU-Watch.

Vor zwei Wochen habe ich in Chem­nitz auf der Gegen­de­mo zum AfD-und-Nazi-Auf­marsch gesagt: „Chem­nitz wird in Kür­ze nur noch eine Zwi­schen­etap­pe der Eska­la­ti­on gewe­sen sein.“ Kei­ne Woche spä­ter war das bereits wahr gewor­den. Der tra­gi­sche Tod eines jun­gen Man­nes aus Köthen hat die Lage in Tei­len des Lan­des, dies­mal in Sach­sen-Anhalt, noch­mals gefähr­lich ver­schärft und das poli­ti­sche Gesamt­bild die­ses Lan­des wei­ter ver­dun­kelt.

Natür­lich füh­len wir mit den Trau­ern­den, vor allem mit den­je­ni­gen, für die zum Schmerz des Ver­lusts noch der Hor­ror der Instru­men­ta­li­sie­rung der Toten durch einen nazis­ti­schen Mob dazu­kommt. Wir tei­len ins­be­son­de­re mit den Ange­hö­ri­gen von Dani­el in Chem­nitz und Sophia aus Leip­zig die Wut dar­über, dass ihre schreck­li­chen Tode von einer auf­ge­hetz­ten Men­ge und ihren Einpeitscher_innen für ihre ekel­haf­ten Pro­pa­gan­da­zwe­cke miß­braucht wer­den: Das ist ein­fach nur wider­lich! Ihre Bil­der auf dem so genann­ten Trau­er­marsch in Chem­nitz zu sehen, war ein­fach nur zum Kot­zen!

Und wir sind heu­te hier in Köthen, weil wir unse­ren Freun­din­nen und Freun­den in die­ser Stadt bei­ste­hen und ihnen signa­li­sie­ren wol­len, dass sie mit ihrer Fas­sungs­lo­sig­keit und Wut nicht allei­ne ste­hen. Klar sind die meis­ten von uns in Sor­ge Ange­reis­ten heu­te Nacht wie­der weg und auf dem Weg nach Hau­se, wäh­rend Ihr immer­noch hier seid. Das heißt aber nicht, dass unse­re Sor­ge und Soli­da­ri­tät kurz­le­big und schal wäre: Ich gehe davon aus, dass die meis­ten, die heu­te den Weg hier­her gefun­den haben, sehr genau ahnen, was die Stun­de geschla­gen hat!

Wir sind aber auch hier, weil wir es satt haben, wie die Gemein­we­sen, die Städ­te und Dör­fer, in denen sich die­se Din­ge ereig­nen, nichts wei­ter im Kopf haben, als den angeb­lich guten Ruf ihrer Ort­schaf­ten. Als gäbe es in die­sen Städ­ten nicht über­all gut ver­netz­te Nazi-Struk­tu­ren, die jetzt die Gunst der Stun­de nut­zen, um ihre natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Gesin­nung auf die Stra­ße zu tra­gen. Es gibt in die­sen Orten meist kei­ne zivil­ge­sell­schaft­li­chen Gegen­kräf­te mehr, kei­ne sozio­kul­tu­rel­le Diver­si­tät, kei­ne men­schen­recht­lich ori­en­tier­te demo­kra­ti­sche All­tags­kul­tur. Und das ist nicht erst seit ges­tern so: Wer nur konn­te und bei kla­rem Ver­stand war, hat die­se ver­lo­re­nen Käf­fer vor Jah­ren schon ver­las­sen und sich selbst über­las­sen. Ruhig war es so nur des­halb gewor­den, weil im Lau­fe der Zeit nie­mand mehr da war, der einen demo­kra­ti­schen Dis­kurs ein­ge­for­dert und eine ande­re Mei­nung stark gemacht hat. Und weil die Nazis kaum noch jemand fan­den, den sie angrei­fen konn­ten.

Und ein bür­ger­li­cher Main­stream bis weit in die Mit­te der Gesell­schaft ist längst in den gespens­ti­schen Par­al­lel­wel­ten ver­sun­ken, in denen es wirk­lich „Mes­ser­mi­gra­ti­on“, „Bevöl­ke­rungs­aus­tausch“ und die gro­ße Ver­schwö­rung gegen das „deut­sche Volk“ gibt.

Denn  eins ist ganz klar: Chem­nitz ist über­all. Köthen ist über­all.  Dass eine nächs­te gefähr­li­che Eska­la­ti­ons­stu­fe rech­ten Auf­trump­fens aus­ge­rech­net hier erreicht wird, könn­te rei­ner Zufall sein. Ras­sis­ti­sche Gewalt, rech­ter Ter­ror und das unheil­vol­le Wuchern der neu­en Par­tei im „herr­li­chen“ Ver­fas­sungs­bo­gen der Bun­des­re­pu­blik, der so genann­ten Alter­na­ti­ve für Deutsch­land, geben uns grau­sa­me Lek­tio­nen in „Hei­mat- und Sach­kun­de“: Wir ler­nen Orte wie Claus­nitz ken­nen, Ein­sie­del, Hei­denau, Frei­berg, Ost­ritz in Sach­sen; Ball­städt, Matt­stedt, The­mar in Thü­rin­gen,  Köthen, Des­sau und Salz­we­del hier in Sach­sen-Anhalt; Cott­bus und Nau­en in Bran­den­burg; und wenn wir die Ant­wor­ten der Bun­des­re­gie­rung auf Klei­ne Anfra­gen zu ras­sis­ti­schen Anschlä­gen und Angrif­fen der zurück­lie­gen­den Jah­re aus­dru­cken, hal­ten wir tele­fon­buch­di­cke Post­leit­zah­len­ver­zeich­nis­se aus dem gan­zen Bun­des­ge­biet in Hän­den, Nord und Süd und Ost und West!

Aber ganz gene­rell: Die poli­ti­sche Situa­ti­on in Deutsch­land hat sich in Rekord­ge­schwin­dig­keit in den zurück­lie­gen­den etwa fünf Jah­ren ver­schlech­tert. Eine brei­te natio­na­lis­ti­sche Bürger*innenbewegung hat sich for­miert, in der die destruk­ti­ven Ener­gi­en

- ras­sis­tisch moti­vier­ter Normalbürger*innen,

- «intel­lek­tu­el­ler» faschis­ti­scher Thinktanks und Publi­ka­ti­ons­pro­jek­te,

- zuse­hends bes­ser orga­ni­sier­ter mili­tan­ter Neo­na­zis

- und der AfD als par­la­men­ta­ri­schem Arm zusam­men­schie­ßen.

Will­kom­men in Köthen: Der „anspre­chen­de Bahn­hof vor der Ankunft der Antifaschist_innen

Die­se wuch­ti­ge Dyna­mik hat seit der Ankunft zehn­tau­sen­der Geflüch­te­ter aus Syri­en und ande­ren Kriegs- und Bür­ger­kriegs­ge­bie­ten die­ser Welt im Jahr 2015 erst rich­tig Fahrt auf­ge­nom­men. Die soge­nann­te Will­kom­mens­kul­tur und das Mer­kel­sche «Wir schaf­fen das!» wur­den schnell von einem sich rasant for­mie­ren­den und radi­ka­li­sie­ren­den Pro­test so genann­ter besorg­ter Bür­ger medi­al und auf den Stra­ßen des Lan­des über­flü­gelt. Fort­an war nur noch von der «Flücht­lings­kri­se» die Rede und eine völ­kisch-natio­na­lis­ti­sche Bewe­gung ließ sich vom hass­erfüll­ten Furor ras­sis­ti­scher Scharf­ma­cher in die Höhe tra­gen. Das anti­fa­schis­ti­sche Ber­li­ner Recher­che­pro­jekt «apa­biz» stellt dazu fest: «Die­se Durch­läs­sig­keit zwi­schen den Milieus und auch die Mobi­li­sier­bar­keit meh­re­rer Gene­ra­tio­nen von Aktivist*innen der extre­men Rech­ten ent­spricht dem Stand anti­fa­schis­ti­scher Recher­chen und ist ein wesent­li­cher Grund der jet­zi­gen Ent­wick­lung auf der Stra­ße. »

Alar­mie­ren­der Effekt die­ser Ent­wick­lung sind:

- Die Ver­schie­bung der gesell­schaft­li­chen Dis­kur­se weit nach rechts,

- die Auf­lö­sung von Sag­bar­keits­gren­zen oder die Umkeh­rung von Tabus,

- die enor­me Ver­stär­ker­funk­ti­on in den sozia­len Medi­en und Netz­wer­ken für Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, rech­te und ras­sis­ti­sche Fake-News, natio­na­lis­ti­sche Kam­pa­gnen und Par­tei­pro­pa­gan­da, vie­le die­ser Men­schen bewe­gen sich in einer her­me­ti­schen völ­kisch-natio­na­lis­tisch auf­ge­pump­ten Infor­ma­ti­ons­bla­se, in der es kei­ne Zwei­fel, kei­ne Kor­rek­tu­ren und Gegen­mei­nun­gen mehr gibt und wahr ein­zig ist, was Leu­te wie etwa die Red­ne­rin­nen und Red­ner der heu­ti­gen AfD-Demo in Köthen so ver­zap­fen.

Der Durch­marsch der erst 2013 gegrün­de­ten AfD trägt zu die­ser dra­ma­ti­schen poli­ti­schen Ver­wahr­lo­sung eben­so bei wie die Zunah­me von Orga­ni­sa­ti­ons­grad, Mili­tanz und Gewalt­be­reit­schaft sei­tens ihrer außer­par­la­men­ta­ri­schen Unterstützer*innen (wie den «Iden­ti­tä­ren») und die Durch­drin­gung des poli­ti­schen Sys­tems der Bun­des­re­pu­blik (bis hin­ein in den Bun­des­tag) mit neu­rech­ten und nazis­ti­schen (oder neo­fa­schis­ti­schen) Akteur*innen.

Kaum jemand ver­folgt doch wirk­lich, mit wel­cher Chuz­pe und Dreis­tig­keit die Front­fi­gu­ren der AfD im Bun­des­tag und in den Lan­des­par­la­men­ten ihre men­schen­feind­li­che Pro­pa­gan­da hin­aus­po­sau­nen und Stim­mung machen. Unge­heu­er­li­che Hetz­re­den von Par­tei­che­fin Ali­ce Wei­del, von Ein­peit­scher Gott­fried Curio, Jörg Meu­then oder MdB Nico­le Höchst oder ent­spre­chen­de Anfra­gen und Anträ­ge wer­den außer­halb des hohen Hau­ses gar nicht recht zur Kennt­nis genom­men.

Dass die AfD in Sach­sen-Anhalt, wo sie bei den Land­tags­wah­len 2016 ein Vier­tel der Wähler_innenstimmen hol­te, dabei ist, demo­kra­ti­sche Kul­tur zu zer­stö­ren und abzu­schaf­fen, wird taten­los und ohne Pro­test zur Kennt­nis genom­men. Erst vor zwei Wochen hat die AfD dort unter Füh­rung des Pro­to­fa­schis­ten André Pog­gen­burg, der sich auch schon mal Lager für lin­ke Aka­de­mi­ker her­bei­wünscht, die Liqui­die­rung des Ver­eins „mit­ein­an­der“ wei­ter „durch­ge­kämpft“, so sei­ne Wor­te. Danach sei­en, so Pog­gen­burg, die Gewerk­schaf­ten und Ver­bän­de der Sozio­kul­tur dran.

Mit den immer wie­der wie­der­hol­ten Ver­leum­dun­gen, Unter­stel­lun­gen und Falsch­be­haup­tun­gen, „mit­ein­an­der“ habe Kon­takt zu Links­ex­tre­mis­ten, bege­he För­der­mit­tel­be­trug usw. usf. ver­sucht die AfD die groß­ar­ti­ge Arbeit des zivil­ge­sell­schaft­li­chen Ver­eins zu dis­kre­di­tie­ren und ihn zu zer­stö­ren. Die neu­rech­te Inter­net-Kam­pa­gne „Ein­Pro­zent“, die auch an der AfD-Demo hier heu­te in Köthen mit­strickt, legt mit pseu­do-inves­ti­ga­ti­ven Infos über Mitarbeiter_innen des Ver­eins nach. Und Ras­sist Pog­gen­burg hat damit Erfolg: Die Land­tags­frak­ti­on der CDU knickt ein und weist die durch­sich­ti­gen Anwür­fe der AfD nicht etwa zurück, son­dern betei­ligt sich an der Demon­ta­ge die­ser Säu­le demo­kra­ti­scher Kul­tur in Sach­sen-Anhalt, das mit sol­chen Säu­len nicht eben reich geseg­net ist.

Da wächst wohl schon zusam­men, was letzt­lich zusam­men­ge­hört und sicher auch in Sach­sen oder Bay­ern in abseh­ba­rer Zeit Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen füh­ren wird.

All das hat die­ses Land ver­än­dert — demo­kra­ti­sche (Alltags-)Kultur, huma­ne Ori­en­tie­rung und men­schen­recht­li­che Grund­stan­dards schwin­den im Nu dahin. Die Atmo­sphä­re ist ver­gif­tet mit einem auf­trump­fen­den und nie­der­träch­ti­gen Ras­sis­mus vie­ler, die sich vom Tau­mel der AfD-Erfol­ge und des glo­ba­len Rechts­rucks ermäch­tigt, beglau­bigt und ermu­tigt füh­len.

Es ist ein­ge­tre­ten, was Par­tei- und Frak­ti­ons­chef Alex­an­der Gau­land nach dem — aus sei­ner Per­spek­ti­ve — tri­um­pha­len Ein­zug der AfD in den Bun­des­tag am Wahl­abend des 24. Sep­tem­ber 2017 sie­ges­trun­ken ankün­dig­te: «Wir wer­den sie jagen. Wir wer­den Frau Mer­kel oder wen auch immer jagen. Und wir wer­den uns unser Land und unser Volk zurück­ho­len.» Und mit „unser Volk“ meint er ver­mut­lich Leu­te wie die­je­ni­gen, die wie ver­gan­ge­nen Sonn­tag hier in Köthen den Natio­nal­so­zia­lis­mus beschwö­ren, mit Lynch­jus­tiz dro­hen und sich mit Hit­ler­gruß und gewalt­be­reit zusam­men­rot­ten…

Wir hier müs­sen Gau­lands Ankün­di­gung defi­ni­tiv als Dro­hung ver­ste­hen.

Und sie trei­ben so eta­blier­te Par­tei­en tat­säch­lich vor sich her: Allein die baye­ri­sche CSU zeigt wie unge­bremst und panisch die bür­ger­li­chen und «Volks­par­tei­en» ver­su­chen, sich den «Rechts­po­pu­lis­ten“ anzu­nä­hern: War deren Füh­rungs­rie­ge schon immer ein kaum zu ertra­gen­der Män­ner­klün­gel aus rechts­kon­ser­va­ti­ven Stre­bern, gelang ihr unter dem Druck der AfD-Erfol­ge in beein­dru­cken­der Wei­se eine Regres­si­on zur beson­ders fies völ­kisch-natio­na­lis­ti­schen Besitz­stands­wah­rer-Par­tei. Selbst ihrer katho­li­sche Stammwähler*innenschaft wird es da bis­wei­len schwin­de­lig. Mit dem neu­en Bun­des­in­nen- und „Heimat“-Minister Horst See­ho­fer macht die CSU ihren ver­derb­li­chen Ein­fluss auch in der Bun­des­po­li­tik gel­tend.

Und der Hei­mat-Horst sieht sich eher auf der Sei­te derer, die sie nach wie vor „besorg­te Bür­ger“ nen­nen, obwohl sie unter­des­sen kei­ner­lei Hem­mun­gen mehr haben, sich mit den Nazis auf der Stra­ße zu tum­meln. Nein, das sieht See­ho­fer sicher wie sein Gesin­nungs­ge­nos­se, Sach­sens Minis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer:

Rech­ten Mob? — Hat’s nicht gege­ben!

Mas­sen­haft Hit­ler­gruß? — Hat’s nicht gege­ben!

Hetz­jag­den? „Hat’s nicht gege­ben!

Wäh­rend sich bür­ger­li­che Par­tei­en also zuse­hends nach rechts bewe­gen und auf fast erbar­mungs­wür­di­ge Wei­se ver­su­chen, sich ihrer ver­lus­tig gegan­ge­nen und größ­ten­teils zur AfD über­ge­lau­fe­nen Kli­en­tel wie­der anzu­die­nen, eta­blie­ren sich in den 14 Land­ta­gen und nun auch im Bun­des­tag AfD-Thinktanks, in denen vie­le Dut­zend nam­haf­te Akteur*innen der rechts-natio­na­lis­ti­schen und neo­na­zis­ti­schen Sze­ne wir­ken und für eine Nor­ma­li­sie­rung kru­de völ­ki­schen Gedan­ken­guts in den Ple­nar­sä­len und auf allen poli­ti­schen Ebe­nen sor­gen.

Es hat im Grun­de die gro­ße Stun­de der angeb­lich intel­lek­tu­el­len Neu­en Rech­ten geschla­gen, die kei­nes­wegs neu ist und die­sen Namen nun schon seit eini­gen Jahr­zehn­ten trägt. Neben dem Chef des neu­rech­ten Thinktanks «Insti­tut für Staats­po­li­tik» (IfS) und Chef des dazu gehö­ri­gen Ver­lags «Antai­os», Götz Kubi­schek, und sei­nen Mitstreiter*innen, geben sich seit­her ein­schlä­gi­ge Figu­ren

- wie der faschis­ti­sche Troll und eins­ti­ge Lin­ke, der Her­aus­ge­ber des expan­die­ren­den Hetz­ma­ga­zins «Com­pact», Jür­gen Elsäs­ser,

- der kru­de ras­sis­ti­sche, deutsch-tür­ki­sche Autor von Kat­zen­kri­mis, Akif Pirinçci,

- und der völ­ki­sche Rechts­aus­le­ger und Thü­rin­ger Frak­ti­ons­chef der AfD, Bernd Höcke, das Mikro in die Hand.

- Und zu den «alten Hau­de­gen» der neu­rech­ten und reak­tio­nä­ren Gil­de gesel­len sich auch jün­ge­re wie etwa Phil­ipp Stein von der bereits erwähn­ten so genann­ten Wider­stands­be­we­gung «Ein­Pro­zent» und

- Mar­tin Sell­ner von der «Iden­ti­tä­ren Bewe­gung» (IB), die mit Aktio­nen bild­stark und medi­en­wirk­sam völ­kisch-iden­ti­tä­re Stör­ma­nö­ver wie etwa die Beset­zung des Bran­den­bur­ger Tores in Ber­lin ver­an­stal­tet. Mit die­ser Prä­senz im öffent­li­chen Raum und als Debattenredner*innen und mit «ihrem Ein­fluss auf die AfD ver­fügt die Neue Rech­te nun über ein Instru­ment, um ihre poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen in die Par­la­men­te zu tra­gen. Tei­le der Gesell­schaft beweg­ten sich auf ihre Posi­tio­nen zu, ein Pro­zess der Nor­ma­li­sie­rung hat­te begon­nen», schreibt der His­to­ri­ker Vol­ker Weiss in sei­nem Buch „Die auto­ri­tä­re Revol­te“.

Wie weit das Selbst­be­wusst­sein die­ser Akteur*innen unter­des­sen ist und wie will­fäh­rig ihnen einer­seits gewalt­tä­ti­ge Neo­na­zis und ande­rer­seits ras­sis­tisch ver­bohr­te «Nor­mal­bür­ger» fol­gen, kann man in die­sen Tagen in Chem­nitz, Köthen und anders­wo stu­die­ren. Wie in wei­ten Tei­len gera­de­zu unwil­lig staat­li­che Stel­len und Ord­nungs­be­hör­den auf das Gesche­hen reagie­ren eben­so: Über wei­te Stre­cken ließ die säch­si­sche Poli­zei den Mob in Chem­nitz gewäh­ren, schritt gegen sich zusam­men­rot­ten­de Gewalt­tä­ter nicht ein. Journalist*innen wer­den in ihrer Berufs­aus­übung und gegen tät­li­che Angrif­fe nicht mehr geschützt.

Man muss gar nicht auf den unge­heu­er­li­chen Fall des Geheim­dienst­chefs Maas­sen ein­ge­hen, nicht noch ein­mal die Geschich­te des „Hut­bür­gers“ erzäh­len oder die des Haft­be­fehls im Inter­net, um zur nie­der­schmet­tern­den Ana­ly­se zu kom­men, dass es in den Staats­ap­pa­ra­ten in Bund und Län­dern, ins­be­son­de­re in den Repres­si­ons­be­hör­den erheb­li­che und gefähr­li­che Sym­pa­thi­en für das neu­rech­te völ­kisch-ras­sis­ti­sche Gedan­ken­gut gibt. Bei­spie­le gäbe es genug, die sich nicht nur auf exe­ku­ti­ve Behör­den, Jus­tiz und die Par­la­men­te bezie­hen, son­dern auch auf eine All­tags­kul­tur, in der es zuneh­mend en vogue ist, sei­ne Sym­pa­thi­en für ras­sis­ti­sches und neu­rech­tes Den­ken zu äußern: die Eska­la­tio­nen auf den Frank­fur­ter und Leip­zi­ger Buch­mes­sen und lar­mo­yan­te Bekennt­nis­se zu rechts­re­ak­tio­nä­rem Gedan­ken­gut auf offe­ner Büh­ne — wie das des preis­ge­krön­ten Schrift­stel­lers Uwe Tell­kamp in Dres­den — geben davon beredt Zeug­nis.

Der umfas­sen­de Rechts­ruck ist auf allen Ebe­nen gesell­schaft­li­chen Lebens zu spü­ren und beson­ders des­halb so erschre­ckend, weil ent­spre­chen­de Gegen­kräf­te in der Gesell­schaft wie para­ly­siert dem Gesche­hen zuse­hen und nur sehr lang­sam und ver­zagt in Bewe­gung kom­men. Dabei drängt die Zeit, die nächs­ten Land­tags- und auch vie­le Kom­mu­nal­wah­len sowie die Euro­pa­wahl 2019 ste­hen an. Im Okto­ber wird die AfD als Nächs­tes — gera­de in Bay­ern — ihren kalt lächeln­den Sie­ges­zug fort­set­zen und die fata­len Ver­su­che der CSU, die AfD rechts zu über­ho­len, der Lächer­lich­keit preis­ge­ben.

Die ein­zi­ge Chan­ce, eine in gewis­sem Rah­men offe­ne Gesell­schaft vor dem Zugriff der Reak­ti­on zu ret­ten, liegt in einer ent­schlos­se­nen und dem Ernst der Lage ange­mes­se­nen Mobi­li­sie­rung der Tei­le der Bevöl­ke­rung, die die huma­nis­ti­schen Errun­gen­schaf­ten der zurück­lie­gen­den 50 Jah­re und grund­le­gen­de huma­ne und uni­ver­sa­lis­ti­sche Wer­te nicht kampf­los dem rech­ten Mob opfern wol­len. Mas­sen­pro­tes­te gegen neue Poli­zei­ge­set­ze in etli­chen Bun­des­län­dern (Groß­de­mos in Bay­ern und NRW), gegen die Nor­ma­li­sie­rung der AfD in Ber­lin mit rund 50.000 auf­ge­kratz­ten Teilnehmer*innen und gegen das mör­de­ri­sche Gesche­hen im Mit­tel­meer haben in der ange­spann­ten Lage Mut gemacht. Vor uns lie­gen anti­ras­sis­ti­sche Groß­de­mons­tra­tio­nen wie am 29. Sep­tem­ber in Ham­burg unter dem Mot­to „We’ll come united!“ oder #unteil­bar-Demo am 13. Okto­ber in Ber­lin: Wir müs­sen dafür sor­gen, dass das Kund­ge­bun­gen der Huma­ni­tät und Demo­kra­tie wer­den. Wir müs­sen den rech­ten Durch­marsch end­lich stop­pen!

Und ich sage es noch ein­mal: Auch Köthen wird in Kür­ze nur noch eine Zwi­schen­etap­pe der Eska­la­ti­on gewe­sen sein.

Der Pro­zess des Durch­mar­sches und des Rechts­rucks in die­sem Land und auch in ganz Euro­pa, ja der gan­zen Welt, ist noch lan­ge nicht zu Ende.

Es ist höchs­te Zeit, dass wir alle in Bewe­gung kom­men!

Vie­len Dank!


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