Zum «Rasse»-Begriff in Schulbüchern für den Englischunterricht

Englisch-Schulbücher stellen einen von wenigen Räumen in der BRD dar, in denen das Thema Rassismus aktuell explizit und vergleichsweise ausführlich diskutiert wird. In einer Analyse von 18 Englisch-Lehrwerken für die Sekundarstufe II im Bundesland Bremen, die zwischen 2000 und 2010 erschienenen sind, konnte ich nachzeichnen, wie diese Auseinandersetzung mit Rassismus in den Schulbüchern selbst in Rassismus verwoben ist (Bönkost 2014). Diese Verstrickung macht sich insbesondere an der regelhaften Verwendung des Rassebegriffes in den Unterrichtswerken fest. In über 100 Lerneinheiten der untersuchten Bücher wird der Begriff gebraucht. Trotz einer begrifflichen Unschärfe und regelrechten Begriffsdiffusität in einigen Lehrwerken kennzeichnen die Thematisierungen von «Rasse» in den Schulbüchern bestimmte Strukturen. Zum Beispiel wird der Begriff am häufigsten mit Bezug auf die USA als Zielsprachenland benutzt. Continue reading „Zum «Rasse»-Begriff in Schulbüchern für den Englischunterricht“

Dossier Empowerment

Empowerment ist ein Begriff, der aus der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und feministischen Bewegungen des globalen Südens kommt. Im Deutschland der 1980er und 1990er Jahren prägten Schwarze feministische Kämpfe sowie Bündnisarbeiten von Frauen of Color, Migrant_innen und jüdischen Frauen das Verständnis von Empowerment.

Empowerment: ein weiteres englischsprachiges Wort, das in aller Munde ist – schillernd und inhaltslos? Versuche, den Begriff auf Deutsch zu übersetzen, münden meist in «Selbstermächtigung». Bei Empowerment geht es aber um mehr, als sich selbst zu ermächtigen und eigene Süppchen zu kochen. Das Verständnis von Empowerment stammt aus radikalen sozialen Bewegungen und politischen Kämpfen, in denen Menschen die bestehenden Machtverhältnisse nicht hinnehmen wollten und kollektiv dagegen ankämpften. Es ist unsere Hoffnung, dass aus diesen Kämpfen auch etwas für gegenwärtige Auseinandersetzungen zu lernen ist…

Dieses Dossier geht der Frage nach: Was haben Empowerment-Ansätze, politische Kämpfe und Bildungsarbeit miteinander zu tun? Was verstehen die Autor_innen unter Empowerment in Bezug auf rassistische und andere Machtverhältnisse?

Die Beiträge sind von den Autor_innen eigens für dieses Dossier verfasst worden und geben nicht zwangsläufig die Meinung des Redaktionsteams wieder.

Mehr als nur ästhetische Korrekturen

Empower-Was?

Festiwalla 2011, Zugangsparade zum Haus der Kulturen der Welt. Foto: JTB

Als wir vor ziemlich genau elf Jahren in einem der von den Berliner Quartiersräten sogenannten sozialen Brennpunkte ein Projekt ins Leben riefen, bei dem sich Jugendliche aus nicht gerade privilegierten Verhältnissen selbst «ermächtigten» und ihre Anliegen in Form von Theater, Musik und Tanz auf eine Bühne brachten, war der Begriff Empowerment als pädagogischer Ansatz im deutschsprachigen Raum noch kein Modewort, wie es derzeit ist.

Heute erleben wir, dass einige Ansätze aus der Bürgerrechts- und anderen Bewegungen, in der Privatwirtschaft, in den Chefetagen globaler Konzerne und nun auch langsam – oft im Schneckentempo, aber doch zunehmend – Eingang in behäbigere und strukturkonservativere Institutionen finden wie Schulen, den öffentlichen Dienst und staatlich geförderte Kulturinstitutionen in Deutschland. Dies ist zum einen sicherlich der Tatsache geschuldet, dass es mittlerweile endlich auch in Deutschland ein Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz gibt, auf dessen Umsetzung die EU pocht; zum anderen ist es auch Ausdruck der Krise z.B. der etablierten Kulturbetriebe, die angesichts leerer Zuschauerränge den Druck verspüren, Verjüngungs- und Modernisierungsstrategien zu erproben.

So wird unter dem Stichwort Diversity von Personaler_innen die bahnbrechende Erkenntnis verhandelt, dass interkulturelle Belegschaften und Teams eine Bereicherung darstellen können oder dass qualifizierte Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderungen, nachdem sie jahrzehntelang diskriminiert wurden und immer noch werden, den Institutionen nicht unbedingt von alleine die Bude einrennen, sondern dass es dazu auch Ermutigung und direkter Ansprache, vielleicht sogar spezieller Förderprogramme oder gar Quoten bedarf. Empowerment-Ansätze gelten mittlerweile als Qualitätsmerkmal in Projektanträgen für Fördermittel und mancher Akademiker_in in der Organisationsentwicklung werden mittels des neuen «Fixstern(s) am Himmel der psychosozialen Arbeit» gar neue Jobchancen eröffnet. Ein Grund zur Freude? Wir sehen das mit gemischten Gefühlen und einer ordentlichen Portion Skepsis. Continue reading „Mehr als nur ästhetische Korrekturen“

We can breathe

Prelude

Als ich in den letzten Monaten gefragt wurde, wie es mir geht, konnte ich meistens nur «besser» sagen. Denn dieses «besser» war für mich existenziell wichtig. Es beschrieb im Kern, wie es mir ging. Es folgte meistens dieser merkwürdige Moment, in dem mir aufgrund der Reaktion meines Gegenübers klar wurde, dass meine Antwort nicht verständlich ist, solange ich nicht benenne, warum es mir denn vorher «schlecht» gegangen war. Es reichte nicht zu sagen, worin die Verbesserung bestand, nein. Ich war irgendwie gezwungen zu benennen, was mein Bezugspunkt war. Was eigentlich der Ausgangspunkt des «besser» war. Um diesen merkwürdigen Moment und die darauf folgende Erklärdynamik zu vermeiden, antwortete ich manchmal mit «gut». Doch das war eine Lüge. Und ich entschied mich für die Wahrheit. Ich entschied, das vorangegangene «Schlechte» offen zu benennen. Seitdem frage ich mich wieder: Ist es möglich, über Selbststärkung und -ermächtigung zu sprechen, ohne darüber zu sprechen, was mich schwächt und entmächtigt? Ist es eigentlich möglich, immer und immer wieder die Befreiung meines Körpers zu proben, ohne zugleich auch aufzuzeigen, wer oder was mir Freiheit raubt? Kann ich von meiner Heilung sprechen, ohne davon zu sprechen, was mich krank macht? Continue reading „We can breathe“

Erinnern ist Empowerment

Bênav lebt in Diyarbakır, der kurdischen Metropole im Südosten der Türkei. Er ist Video-Performance-Künstler. Er wirft mit Milchpackungen und Orangen um sich und wendet sich um die laufende Nebelmaschine hin und her, während er von kurdischen Dörfern erzählt, die in der Vergangenheit dem Erdboden gleichgemacht wurden. In seinem wutendbrannten Monolog spricht er von verlorengegangener Geschichte und unterdrückter Identität, von gestohlenen Namen und der Suche nach Gerechtigkeit. Dafür steht Mely Kiyaks Figur im Theaterstück «Aufstand», das am 20. November 2014 im Maxim-Gorki-Theater in Berlin Premiere hatte. Zum Ende des Auftritts spricht der Protagonist eine Wahrheit des Widerstandes aus: «Erinnern ist Aufstand.» Bênav sucht nach Erzählungen und Realitäten, die in hegemonialer Geschichtsschreibung mundtot gemacht werden. Sein Aufstand ist einer der Erinnerung. Erinnern ist Aufstand. Erinnern ist aber auch Empowerment. Dafür braucht es Geschichten über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. Diese legen die Basis für den Stoff, aus dem Identitäten entstehen. Continue reading „Erinnern ist Empowerment“