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Heimatschutz“: Kriminologisches Wimmelbild

Themen : Allgemein, NSU-Komplex · (3) Comments · von 6. August 2014
Stefan Aust, Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU, Patheon 2014, 864 Seiten, ISBN: 978−3−570−55202−5

 

Heimatschutz von Dirk Laabs
Buch­co­ver von „Hei­mat­schutz“, der ambi­tio­nier­ten NSU-Gesamt­schau von Dirk Laabs und Ste­fan Aust

Auch das noch, war der ers­te Gedan­ke vie­ler, die sich inten­siv mit dem NSU-Kom­plex beschäf­ti­gen, als der 800-Sei­ten-Klotz „Hei­mat­schutz. Der Staat und die Mord­se­rie des NSU“ im Juni 2014 auf den Tisch gedon­nert wur­de. 350.000 Sei­ten Ermitt­lungs­ak­ten, 488 Sei­ten Ankla­ge­schrift mit 1600 Fuß­no­ten im Mün­che­ner NSU-Ver­fah­ren, 1400 Sei­ten Abschluss­be­richt des NSU-Unter­su­chungs­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges, gewich­ti­ge Abschluss­be­rich­te der Par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schüs­se (PUA) der Län­der Bay­ern, Sach­sen und Thü­rin­gen, Kom­mis­si­ons­be­rich­te, eine unüber­seh­ba­re Fül­le qua­li­ta­tiv völ­lig unter­schied­li­cher Medi­en­be­rich­te, mehr oder weni­ger glaub­wür­di­ge Recher­che­er­geb­nis­se, ufer­lo­se Inter­net­de­bat­ten, die wöchent­lich im NSU-Pro­zess dazu kom­men­den Pro­to­kol­le (z.B. von NSU-Watch), Beweis­an­trä­ge, Erklä­run­gen, Gerichts­ent­schei­dun­gen und Stel­lung­nah­men, die Aus­sa­gen von bis­her rund 400 Zeu­gin­nen und Zeu­gen mit ent­spre­chen­dem Medi­en­echo, und dann eben noch eine gan­ze Rei­he von Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen, die immer knapp zu ihrem eige­nen Ver­falls­da­tum erschei­nen und sich so stets auch dem Ver­dacht aus­setz­ten, dass sie rasch noch die Sah­ne eines media­len Auf­re­ger­the­mas abschöp­fen soll­ten. Der Wett­lauf mit dem Sahn­el­öf­fel begann nur weni­ge Mona­te nach dem Auf­flie­gen, der Selbstent­tar­nung, dem rät­sel­haft blu­tig-abrup­ten Ende – wie immer man das nen­nen will, was sich am 4. Novem­ber 2011 in Eisen­ach abspiel­te –, dem Ende des­sen, was seit­her irre­füh­rend das „Zwi­ckau­er Ter­ror­trio“ genannt wird: die­se frü­hen Bücher sind heu­te, zwei Jah­re spä­ter, im Grun­de wert­los, weil von den Ereig­nis­sen, die andau­ern, vom „Skan­dal in Echt­zeit“ (Tho­mas Moser in „Geheim­sa­che NSU“) längst über­holt wor­den sind. War­um also soll­te man sich den Tort antun und sich durch das – ver­mut­lich eben­so kurz­le­bi­ge – Kon­vo­lut der Auto­ren Ste­fan Aust und Dirk Laabs arbei­ten?

Eben­so könn­te man sich dem kur­zen, aber ver­nich­ten­den Urteil von Jens Hoff­mann in kon­kret 7/2014 anschlie­ßen: „‚Hei­mat­schutz‘ ist so über­flüs­sig wie Staats­bür­ger­kun­de“. Hoff­mann stößt sich vor allem an For­ma­lem – „…dass etwa 90 Pro­zent der ver­wen­de­ten Zita­te gar nicht erst nach­ge­wie­sen wer­den“ – und dem typi­schen Kol­por­ta­ges­til in Spie­gel-Manier, wo der V-Mann Tho­mas Star­ke als „Halb-Grie­che“ (S. 25) ein­ge­führt wird, wo man die Pocken­nar­ben des Blood&Honour-Kaders Jan Wer­ner erst erkennt, „wenn man näher an ihn her­an­tritt“ (S. 293) und wo Bea­te Zschäpes Lächeln kaschiert, „dass sie eigent­lich nicht beson­ders hübsch ist – ihre Augen sind zu groß, die Lip­pen zu schmal, die Nase ist zu klein, die Pro­por­tio­nen ihres Gesichts schei­nen nicht zu stim­men“ (S. 193). Ähn­li­che Stel­len gibt es zuhauf in dem Buch und sie sto­ßen einem tat­säch­lich sau­er auf.

Und natür­lich ist auch ziem­lich durch­sich­tig, wes­halb dem eigent­li­chen Autor Dirk Laabs der illus­tre „Ter­ro­ris­mus­ex­per­te“ Ste­fan Aust, der inzwi­schen als Her­aus­ge­ber in Sprin­gers „Welt“ ange­kom­men ist, auf den Bauch gebun­den wur­de: es ist anzu­neh­men, dass die Ver­mark­tungs­gi­gan­ten von Ran­dom Hou­se, bei deren Ver­lag Pan­the­on der mit dem Preis von 22,99 Euro wohl­fei­le Zie­gel erschie­nen ist, sich von Aust eine gehö­ri­ge Ver­kaufs­för­de­rung erwar­ten.

Vielversprechende Collagetechnik

Kurz und gut: War­um soll­te man sich das nächs­te NSU-Kon­vo­lut also ein­ver­lei­ben? Der Grund ist ein­fach der, dass das Buch ins­ge­samt gar nicht so schlecht ist. Es liest sich stre­cken­wei­se rich­tig gut und span­nend und ist mit dem Ansatz rela­tiv erfolg­reich, die an sehr unter­schied­li­chen Orten, zu völ­lig unter­schied­li­chen Zei­ten und in sehr ver­schie­de­nen Kon­tex­ten ent­stan­de­nen Puz­zle­stei­ne eines gro­ßen Bil­des zusam­men­zu­tra­gen und zu einer ers­ten kon­tex­tua­li­sie­ren­den, wenn auch viel­fach noch unschar­fen Gesamt­schau zusam­men­zu­le­gen. Frei­lich wird auch die­se Moment­auf­nah­me von Juni 2014 nur flüch­tig blei­ben und in einem hal­ben Jahr um vie­ler­lei neue Details und Ent­de­ckun­gen ergänzt wer­den müs­sen. Die Col­la­ge­tech­nik aber könn­te tat­säch­lich der Weg sein, die Geschich­te zu erzäh­len, wie sie wirk­lich war.

Denn noch ist jeder und jede, die sich in die Tie­fen die­ser mons­trö­sen Geschich­te wagen wol­len, dar­auf ange­wie­sen, sich in dem beschrie­be­nen Dickicht von Quel­len, Repor­ten, Äuße­run­gen, Berich­ten, Papie­ren und Akten zurecht­zu­fin­den, um sich im Unge­fähr vie­ler Medi­en­be­rich­te, Inter­net­kol­por­ta­gen, Ver­schwö­rungs­theo­ri­en und zum Teil wil­den Spe­ku­la­tio­nen ein halb­wegs brauch­ba­res „Wie es wirk­lich gewe­sen sein könn­te“ zu erar­bei­ten. Schließ­lich geht es ja nicht nur dar­um, eine span­nen­de Kri­mi­nal­ge­schich­te mit all ihren wahn­wit­zi­gen Facet­ten zu durch­schau­en oder wie beim sonn­täg­li­chen „Tat­ort“ mit­zu­rät­seln, son­dern es geht dar­um am Ende die Ver­ant­wort­li­chen für mör­de­ri­schen Nazi-Ter­ror und den größ­ten Geheim­dienst­skan­dal in der BRD benen­nen zu kön­nen und ent­spre­chen­de Kon­se­quen­zen gesell­schaft­lich ein­zu­for­dern und kei­ne Ruhe zu geben, bis sich eini­ges ver­än­dert hat. Im Moment sieht es ja mehr danach aus, dass alles beim alten bleibt und der Inlands­ge­heim­dienst aus dem Grau­en, das er mit zu ver­ant­wor­ten hat, noch Kapi­tal schla­gen kann. Bis auf vier, fünf Amts­lei­ter­köp­fe ist hier nichts zur Unschäd­lich­ma­chung gefähr­lich unkon­trol­lier­ba­rer Struk­tu­ren ins Rol­len gekom­men: es herrscht fast schon wie­der Kon­sens dar­über, dass die Diens­te nur aus­ge­baut und bes­ser koor­di­niert wer­den müs­sen, um zu ver­hin­dern, dass der­ar­ti­ges wie­der pas­siert. Gel­der und Per­so­nal wer­den auf­ge­stockt, Plä­ne geschmie­det, wie die Inlands­ge­heim­diens­te das „ver­lo­re­ne Ver­trau­en“ durch mehr Bür­ger­nä­he und eine Plat­zie­rung in der „Mit­te der Gesell­schaft“, durch Bil­dungs­an­ge­bo­te und Öffent­lich­keits­ar­beit zurück­ge­win­nen kön­nen (vgl. diver­se Pro­to­kol­le der Innen­mi­nis­ter­kon­fe­ren­zen und die lau­war­me Bun­des­tags­de­bat­te zu den Kon­se­quen­zen aus dem NSU-Skan­dal am 20.2.2014).

Nachwende-Wirren“

Schon um zu erken­nen, wie zynisch der­lei kos­me­ti­sche Retu­schen sind, ange­sichts des­sen, was man über die Rol­le der Diens­te im NSU-Kom­plex weiß, kann einem/einer der Laab­s/Aust-Schin­ken hel­fen: Was die Ent­wick­lung der Nazi-Sze­ne im Nach­wen­de-Deutsch­land angeht, reicht der Rück­blick im Buch bis in die frü­hen Neun­zi­ger Jah­re zurück und zu der ers­ten gro­ßen Wel­le von ras­sis­ti­schen Pogro­men im wie­der­ver­ei­nig­ten Land und erin­nert dar­an, dass es vor allem die offi­zi­el­le deut­sche Poli­tik in den „Nach­wen­de-Wir­ren“ war, etwa des „Wäh­rungs­schocks“ vom 1.7.1990, die die Stim­mung anheiz­te: „Seit Mona­ten hat­ten kon­ser­va­ti­ve Innen­po­li­ti­ker Inter­view für Inter­view, Schlag­zei­le für Schlag­zei­le ein ande­res The­ma in den Mit­tel­punkt gerückt – Deutsch­land wer­de, so stell­ten vor allem Innen­po­li­ti­ker der CDU fest, von Asyl­be­wer­bern gleich­sam über­rannt“ (S. 41). Die rasan­te Ent­wick­lung einer zuneh­mend mili­tan­ten Nazi-Sze­ne in Deutsch­land ist nur vor die­sem Hin­ter­grund nach­voll­zieh­bar: die Erfah­rung kon­se­quenz­lo­ser Geset­zes­über­tre­tung und „erfolg­rei­cher“ Voll­stre­ckung eines „Volks­wil­lens“ ver­schaf­fen der sich radi­ka­li­sie­ren­den Sze­ne enor­men Zulauf, nicht nur, aber vor allem in Ost­deutsch­land. „Mit dem Herr­schafts­mo­dell implo­diert auch ein Auto­ri­täts­mo­dell: Alle Auto­ri­tä­ten – Leh­rer, Poli­zis­ten, Rich­ter, Eltern – wer­den in Fra­ge gestellt. Nie­mand setzt mehr Gren­zen, und wenn doch, rei­ßen vie­le Jugend­li­che sie nie­der. (…) In den Mona­ten nach der ers­ten frei­en Wahl in der DDR und der Wäh­rungs­uni­on im Juli 1990 reißt ein Vaku­um auf. Das fül­len vie­le Jugend­li­che mit ihrer auf­ge­stau­ten Ener­gie, aber auch mit einer schon zu DDR-Zei­ten auf­ge­stau­ten Aggres­si­vi­tät. Die bricht nun auf, eska­liert unkon­trol­liert“ (S. 64). Davon aus­ge­hend und immer wie­der auch mit Rück­griff auf die Orga­ni­sie­rungs­an­sät­zen bedeu­ten­der west­deut­scher Nazi-Kader aus jener Zeit (Micha­el Küh­nen, Fried­helm Bus­se, Man­fred Roeder etc.) wer­den die fol­gen­den Epi­so­den über die indi­vi­du­el­le Ent­wick­lung etwa Uwe Böhn­hardts vom Anfüh­rer einer kri­mi­nel­le Ban­de von Jung­rech­ten, die Autos knack­te, Ein­brü­che ver­üb­te, Kör­per­ver­let­zun­gen beging und mit Waf­fen han­tier­te, zu einem über­zeug­ten und orga­ni­sier­ten Nazi-Kader im „Thü­rin­ger Hei­mat­schutz“ und ras­sis­ti­schen Mör­der einer­seits, aber ande­rer­seits auch die Ent­ste­hung eines bun­des­wei­ten und durch­aus inter­na­tio­nal ange­bun­de­nen Netz­wer­kes von gut orga­ni­sier­ten und gewalt­tä­ti­gen Nazi-Kader­grup­pen nach­voll­zieh­bar.

Vom „Hochspielen“ von V-Leuten

Und von Anfang an dabei auch immer schon der „Ver­fas­sungs­schutz“ genann­te Inlands­ge­heim­dienst, des­sen Per­fo­ra­ti­on der Nazi-Sze­ne mit Infor­man­ten, mit „V(ertrauens)-Leuten“ und „Gewähr­sper­so­nen“ in der bekann­ten Manier bis in die 1970er Jah­re West­deutsch­lands reicht: „In den 1970er Jah­ren war es den ver­schie­de­nen west­deut­schen Ver­fas­sungs­schutz­äm­tern immer wie­der gelun­gen, die rech­te Ter­ror­sze­ne zu unter­wan­dern, ohne jedes Atten­tat stop­pen zu kön­nen oder stop­pen zu wol­len“ (S. 87). Für die Ent­wick­lung des west­deut­schen Inlands­ge­heim­diens­tes neh­men sich die Auto­ren des Buches durch­aus Raum und zeich­nen mit knap­pen Stri­chen die prä­dis­po­nie­ren­den Tra­di­ti­ons­li­ni­en der heu­ti­gen Ämter nach: „Von 1950 bis 1975 ist das [Bundes-]Amt fast ohne Unter­bre­chung auf die eine oder ande­re Art von ehe­ma­li­gen Nazis geführt oder unter deren Kon­trol­le. Die­ses Netz­werk deckt zumin­dest zeit­wei­se die Gesin­nungs­ge­nos­sen im Land“ (S. 82f) Die­se „Grün­der­ge­ne­ra­ti­on“ hat den Inlands­ge­heim­dienst geprägt und Metho­den eta­bliert, die in bis heu­te gül­ti­ge Hand­bü­cher des Amtes Ein­gang gefun­den haben. Dazu gehört das Füh­ren von V-Leu­ten, zu dem es im Hand­buch „Der Schutz der Ver­fas­sung. Ein Hand­buch für Theo­rie und Pra­xis“ des Regie­rungs­di­rek­tors Schwa­gerl, gewis­ser­ma­ßen der Vater des Ver­fas­sungs­schut­zes heu­ti­gen Zuschnitts, heißt: „Die Füh­rung der V-Leu­te … kann vor­über­ge­hend zu einem akti­ven Ein­satz füh­ren, um durch die Stim­me oder Mei­nung des V-Manns die Beschlüs­se eines ver­fas­sungs­feind­li­chen Gre­mi­ums in einem dem Auf­trag­ge­ber gewünsch­ten Sin­ne zu beein­flus­sen. … Die­ses sog. ‚Hoch­spie­len‘ eines V-Man­nes gehört … zur ‚hohen Schu­le‘ der V-Mann-Füh­rung“ (zit. nach Laabs/Aust, S. 83).

Die Karriere des Herrn Thein

Geführt wer­den die zeit­ge­nös­si­schen V-Leu­te von Per­so­nal, das als Sei­ten­ein­stei­ger, von der Schul­bank oder von der Uni­ver­si­tät zum Geheim­dienst stößt und dort die­ses zwei­fel­haf­te Hand­werk lernt, das im Kon­text des NSU-Kom­ple­xes zwei­fel­los den größ­ten Skan­dal dar­stellt. Dem Buch „Hei­mat­schutz“ ver­dan­ken wir da neue Ein­bli­cke, die tat­säch­lich tief bli­cken las­sen: uns wird der V-Mann-Füh­rer Mar­tin Thein vor­ge­stellt, der den V-Mann „Tarif“ aka Micha­el See, einen der wich­tigs­ten Thü­rin­ger Nazi-Kader mit NSU-Kon­takt mit betreu­en wird. „Spä­ter“, so erfah­ren wir neben­bei, „wird er dann sei­ne aka­de­mi­sche Kar­rie­re auf sei­ner Erfah­rung als BfV-Agent auf­bau­en und eine Dok­tor­ar­beit schrei­ben, in der er ‚Aus­stei­ger­inter­views“ von Neo­na­zis aus­wer­tet, aber mit kei­nem Wort erwähnt, dass er ein Mann des Bun­des­am­tes des Ver­fas­sungschut­zes ist“ (S. 101, vgl. hier­zu „Ver­fas­sungs­schutz­wis­sen­schafts­jour­na­lis­mus“ [LINK]). Ein wei­te­res Bei­spiel also für Leu­te, die den Geheim­dienst als Sprung­brett für ande­re Kar­rie­ren ver­wen­den, ohne ihre Ver­stri­ckung offen­zu­le­gen. Mar­tin Thein, der sich nach der Pro­mo­ti­on, die eben­falls noch „im Dienst“ ent­stand, hat­te sich in den zurück­lie­gen­den Jah­ren zu einem Exper­ten in Sachen Fuß­ballfan­kul­tur ent­wi­ckelt – wie­der jedoch ohne sei­ne Anbin­dung an das BfVS offen­zu­le­gen. Er war wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Insti­tut für Sport­wis­sen­schaft in Würz­burg und Mit­be­grün­der etwa der Platt­form „fankultur.​com“, ver­öf­fent­licht hat er u.a. bei dem eher lin­ken Ver­lag „Die Werk­statt“: die drei betrof­fe­nen Insti­tu­tio­nen rin­gen um einen ange­mes­se­nen Umgang mit dem Geheim­agen­ten, denn, glaubt man dem Spie­gel, Thein ist „seit rund zwei Jahr­zehn­ten und bis heu­te für das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz tätig“.

Noch schwe­rer als Thein scheint sich ein ande­rer Geheim­dienst­mit­ar­bei­ter mit Offen­heit und Trans­pa­renz zu tun. Er wird uns im Buch als Lothar Lin­gen vor­ge­stellt, was nicht sein rich­ti­ger Name sein soll. Lin­gen spielt eine Schlüs­sel­rol­le beim orga­ni­sier­ten Ver­nich­ten von Akten im Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz. Lothar Lin­gen war nicht nur selbst V-Mann-Füh­rer von „Tarif“, son­dern hat Micha­el See auch per­sön­lich für die Spit­zel­diens­te gewor­ben. Lin­gen muss gewusst haben, wel­che ver­hee­ren­den Fol­gen die Offen­le­gung bestimm­ter Akten zum V-Mann „Tarif“ und zur „Ope­ra­ti­on Renn­steig“ – einer kon­zer­tier­ten Infil­tra­ti­ons­ak­ti­on der rech­ten Sze­ne von BfVS, BND und MAD – für ihn und sein Amt haben wür­de und hat sie des­halb extra­le­gal bereits Tage nach dem Auf­flie­gen des NSU, am 11.11.2011 schred­dern las­sen und um deren Ver­nich­tung auch sicher­zu­stel­len, sogar sei­nen Chef, den Prä­si­den­ten des BfVS, Heinz Fromm, belo­gen. Im Buch auf den ers­ten Sei­ten geschil­dert wird im Lau­fe der lan­gen Erzäh­lung der NSU-Sto­ry klar, dass Lin­gens Allein­gang zum eigen­stän­di­gen Quel­len- und Geheim­schutz die „ori­gi­nal sin“ der deut­schen Geheim­bü­ro­kra­tie bei der Auf­klä­rung des NSU-Skan­dals und nichts weni­ger als kri­mi­nell war. Und ist, denn „in den nächs­ten sie­ben Mona­ten, bis in den Juni 2012 hin­ein, wer­den Hun­der­te von Akten im Bun­des­amt geschred­dert“ (S. 18).

Extralegaler Quellenschutz und kriminelle Aktenvernichtung

Die Lek­tü­re des Buches offen­bart in schmerz­haf­ter Deut­lich­keit, wie sehr der Staat über sei­ne (Geheim-)Behörden in der Nazi-Sze­ne prä­sent war, wie vie­le füh­ren­de Köp­fe der mili­tan­ten, gewalt­tä­ti­gen Nazi-Sze­ne sich als V-Leu­te betä­tig­ten. Bis­wei­len hat man den Ein­druck, dass fast alle gefragt wor­den sind und sehr vie­le zu einer Zusam­men­ar­beit mit den Gehei­men bereit waren. Auch das Buch kommt im Lau­fe der Erzäh­lung auf rund 24 VS-Spit­zel im mehr oder weni­ger nahen Umfeld des NSU, wie groß des­sen Kern­grup­pe auch immer gewe­sen ist. Aber nicht nur eine frag­wür­di­ge und durch extra­le­ga­len Quel­len­schutz und kri­mi­nel­le Akten­ver­nich­tung ver­ne­bel­te Ver­stri­ckung der Ämter wird deut­lich, son­dern auch das begriff­lich viel geschol­te­ne und miß­ver­ständ­li­che „Ver­sa­gen“ aller am NSU-Kom­plex betei­lig­ten Behör­den. Da wird bis­wei­len ein Aus­maß an Igno­ranz und Däm­lich­keit offen­bar, das gepaart mit der kri­mi­nel­len Kalt­schnäu­zig­keit etwa eines Lothar Lin­gen einem kal­te Schau­er über den Rücken treibt: „In regel­mä­ßi­gen Abstän­den wird die Geheim­dienst-Gemein­de in den nächs­ten zwei Jah­ren [bis ca. 2000, Anm. d. A.] einen Hin­weis nach dem ande­ren bekom­men, dass Uwe Böhn­hardt, Uwe Mund­los und Bea­te Zschä­pe in der Tat in Chem­nitz unter­ge­taucht sind. In Wel­len wer­den Obser­van­ten durch die Stadt schwap­pen und die Sze­ne obser­vie­ren – doch stop­pen wird die drei nie­mand“ (S. 329). Im Buch gibt es Bil­der, die das Thü­rin­ger LfVS im Mai 2000, weni­ge Mona­te vor dem ers­ten dem NSU zuge­schrie­be­nen Mord an Enver Şimşek in Nürn­berg, von einem Umzug Man­dy Strucks, einer Chem­nit­zer Sze­ne-Grö­ße, gemacht hat. Sie zei­gen einen jun­gen Umzugs­hel­fer bei der Arbeit: es ist Uwe Böhn­hardt, wie das BKA nach einem Abgleich fest­stellt – aller­dings erst Wochen nach der Obser­va­ti­on.

Alles drin

Das Buch ist voll sol­cher Geschich­ten, die man zum Teil schon mal gehört oder in den Medi­en mit­be­kom­men hat, es geht um den mons­trö­sen Giga-V-Mann Tino Brandt, um das weit ver­zweig­te und mit V-Leu­ten durch­setz­te Nazi-Netz­werk, um das Ver­schwin­den des Begriffs „ter­ro­ris­tisch“ aus den Poli­zei- und Medi­en­mel­dun­gen über den Nagel­bom­ben­an­schlag am 9. Juni 2004 in der Köl­ner Keup­stra­ße, es geht um die Rol­le des Mili­tä­ri­schen Abschirm­diens­tes (MAD) der Bun­des­wehr im gan­zen Gesche­hen, es geht um die euro­pa­weit ver­netz­te und sich inspi­rie­ren­de Nazi-Ter­ror­sze­ne und die Ein­flüs­se der US-Vor­den­ker des „klein­tei­li­gen“ Ter­rors, der von Zel­len und im füh­rer­lo­sen Wider­stand zu erfol­gen habe, es geht um die „Tur­ner Dia­ries“ von Wil­liam Pier­ce als ideo­lo­gi­sches Rüst­zeug, um Bob Mat­thews‘ Ter­ror­trup­pe „The Order“, um „Com­bat 18“ in Groß­bri­tan­ni­en als mili­tan­tem Arm der „Blood&Honour“-Organisation und wel­chen Ein­fluss all die­se wahn­wit­zi­gen „Ras­sen­krie­ger“ auf die deut­sche Sze­ne und ins­be­son­de­re das NSU-Umfeld hat­ten. Es geht um den Ku-Klux-Klan, dem die Auto­ren eini­gen Raum geben, um deut­lich zu machen, dass die­se „tra­di­ti­ons­rei­che“ US-Orga­ni­sa­ti­on, deren Prot­ago­nis­ten in den frü­hen 1990ern in Deutsch­land weil­ten, auf eine natio­na­le Erhe­bung hoff­ten und eini­ge der im NSU-Netz Akti­ven für ihre Zie­le gewan­nen: nicht nur die V-Män­ner Corel­li und Piat­to waren KKK-Mit­glie­der, son­der auch eini­ge baden-würrtem­ber­gi­sche Poli­zei­be­am­te aus dem dienst­li­chen Nah­um­feld der ermor­de­ten Miché­le Kie­se­wet­ter. Ein wei­te­res Mal wird man lesend auf die kata­stro­pha­len Fehl­ein­schät­zun­gen des dama­li­gen Vize-Chefs des BfVS (und eins­ti­gen Büro­lei­ters des Baye­ri­schen Innen­mi­nis­ters Gün­ther Beck­stein), Klaus-Die­ter Frit­sche, gesto­ßen, der – Was wuss­te er damals über­haupt dar­über? — noch 2003 eine ter­ro­ris­ti­sche Betä­ti­gung der drei „Jena­er Bom­ben­bau­er“ gegen­über dem Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Otto Schi­ly kate­go­risch in Abre­de stell­te. Was mag der heu­ti­ge zum Geheim­dienst­ko­or­di­na­tor im Kanz­ler­amt beför­der­te Frit­sche aber 2012 vor dem Bun­des­tags-Unter­su­chungssaus­schuss gemeint und gewusst haben, als er brüsk den viel zitier­ten Satz sprach: „Es dür­fen kei­ne Staats­ge­heim­nis­se bekannt wer­den, die ein Regie­rungs­han­deln unter­mi­nie­ren“ (hier: S. 821). Aber auch alle ande­ren Unge­heu­er­lich­kei­ten und Unge­reimt­hei­ten des NSU-Kom­ple­xes wer­den in das auf­wän­di­ge, viel­tei­li­ge Puz­zle ein­ge­fügt: das bren­nen­de Wohn­mo­bil in Eisen­ach am 4.11.2011, der Weg der Mord­waf­fe Čes­ká 83, Miché­le Kie­se­wet­ters pri­va­tes und beruf­li­ches Umfeld und ihre Situa­ti­on vor ihrer Ermor­dung, der dif­fu­se und weit­ge­hend unge­klär­te Tat­her­gang in Heil­bronn, die Anwe­sen­heit aus­län­di­scher Agen­ten dort, der bizar­re Fall des V-Mann-Füh­rers Andre­as Tem­me in Kas­sel, der bei der Ermor­dung Halit Yoz­gats in des­sen Laden anwe­send war, Fra­gen zum höh­ni­schen Beken­ner­vi­deo – alles kommt in dem monu­men­ta­len Werk zur Spra­che, auch wenn anzu­neh­men ist, dass genau die­se Detail- und Fak­ten­fül­le, die tau­send Namen und Ver­bin­dun­gen, die beschrie­ben wer­den, für unbe­darf­te Lesen­de schlicht eine Über­for­de­rung dar­stel­len dürf­ten.

Puzzle-Bild mit Fratze

Ein Buch für Nerds und Fach­leu­te, Prozessbeobachter_innen und ande­re Irre also? Das steht zu befürch­ten, zumal selbst inter­es­sier­te, flei­ßig Zei­tung lesen­de und vom NSU-Kom­plex nach­hal­tig ver­un­si­cher­te und alar­mier­te Leu­te all­mäh­lich den Über­blick zu ver­lie­ren dro­hen.

Immer­hin bie­tet das „Heimatschutz“-Buch durch­aus auch eine gan­ze Rei­he von Fuß­no­ten, wenn auch nicht zu allen Behaup­tun­gen, Zita­ten und Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen. Es wer­den nicht nur offi­zi­el­le und Main­stream-Bele­ge, son­dern auch das Pro­zess­be­ob­ach­tungs­pro­jekt NSU-Watch aus­gie­big zitiert und auch ande­re Anti­fa-Quel­len kon­sul­tiert. Ein kri­mi­no­lo­gisch-poli­ti­sches Wim­mel­bild ist hier ent­stan­den, das vie­le Män­gel, eini­ge gra­vie­ren­de Feh­ler (So ist z.B. 2003 vom BVerfG nicht etwa das Ver­bot der NPD, son­dern die Annah­me des Ver­bots­an­tra­ges abge­lehnt wor­den, vgl. S. 487) auf­weist, aber als ein ers­ter Ver­such gewür­digt wer­den kann, dem Wust an Infor­ma­tio­nen, Bewer­tun­gen, Ana­ly­sen, gro­ßen Zusam­men­hän­gen und kleins­ten Details Herr zu wer­den. Ein gro­bes Puz­zle-Bild ist ent­stan­den, aber vie­le Stei­ne feh­len noch. Zu erken­nen aber ist schon jetzt, was da einst zu sehen sein wird: die Frat­ze eines lachen­den Geheim­agen­ten.



  • anti­ra aus ber­lin

    Bit­te, bit­te, lie­ber Fritz Bur­schel, lass doch die „Erklä­rung“ des Gan­zen mit der „Igno­ranz und Däm­lich­keit“ der Diens­te weg. Danach sor­tie­re ich näm­lich für mich per­sön­lich so ein biss­chen, wes­sen Mei­nung ernst zu neh­men ist in der Dis­kus­si­on über die Geheim­diens­te und den NSU. Wer von der „Igno­ranz und Däm­lich­keit“ der Diens­te anfängt, ist nicht mehr weit von den „Pan­nen“, ist nicht mehr weit von …

    • Fritz Bur­schel

      Liebe_r Anti­ra,

      nein, lass ich nicht weg, denn die zum Teil slap­stick­ar­tige
      Gur­ken­trup­pig­keit ist neben der kri­mi­nel­len Ver­stri­ckung und
      dem irr­wit­zi­gen Ras­sis­mus sehr wohl auch ein wich­ti­ger Aspekt
      des­sen, was pas­siert ist; es gibt all die­se Aspek­te und es hat wenig
      Sinn „Igno­ranz und Däm­lich­keit“ als Befun­de weg­zu­las­sen, nur um
      nicht in den Ver­dacht zu gera­ten, man wol­le den gan­zen NSU-Kom­plex
      als „Ver­sa­gen“ oder Anein­an­der­rei­hung pein­li­cher „Pan­nen“
      ver­harm­lo­sen; wer Tem­me oder eini­ge ande­re Kri­po– oder VS-Leu­te im
      Gerichts­saal in Mün­chen und jen­seits davon erlebt hat, weiß, was ich
      mei­ne. Dan­ke den­noch für die kri­ti­sche Rück­mel­dung, auch wenn ich
      künf­tig durch Dein kate­go­ri­sches Ras­ter fal­len dürf­te: einen
      schö­nen Som­mer wünscht Fritz Bur­schel

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