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Den NSU-Prozess öffnen und ent-grenzen

Themen : Allgemein, Gedenkpolitiken, NSU-Komplex · No Comments · von 10. September 2015

Wie viel Macht steckt in der Archi­tek­tur des Gerichts­saals, wo der NSU-Pro­zess statt­fin­det? Wer erzählt was über den NSU und wes­sen Sicht­wei­se wird gehört? Wer berich­tet zum Pro­zess aus wel­chen Moti­ven? Und war­um dis­ku­tie­ren so vie­le über den NSU, ohne über Ras­sis­mus in der Gesell­schaft zu spre­chen?entgrenzen3

Der Blog nsu­pro­zess­ent­gren­zen stellt wich­ti­ge Fra­gen. Und er gibt mög­li­che Ant­wor­ten.

Der Blog will nicht nur über den Pro­zess selbst infor­mie­ren, son­dern er will ana­ly­sie­ren, näm­lich die Art und Wei­se, wie berich­tet wird. Ein tol­les Ange­bot, aber es wird klar: Der Blog zum NSU-Kom­plex bleibt mit sei­ner Ana­ly­se kom­plex. nsu­pro­zess­ent­gren­zen behan­delt «Macht- und Herr­schafts­ver­hält­nis­se», «die Rol­le von Recht und Raum» und «Nar­ra­ti­ve» – alles kei­ne All­tags­wor­te und nicht so ein­fach zu lesen wie Zei­tungs­ar­ti­kel.

Denn der Blog will den NSU-Pro­zess als «Raum» und «Dis­kurs» ent-gren­zen und in Zusam­men­hän­ge set­zen. Der NSU-Pro­zess wird aber nicht nur als Raum, den man ermes­sen kann, in Form des Gerichts­saals A101 im Münch­ner Straf­jus­tiz­zen­trum, ana­ly­siert und der Dis­kurs nicht nur als die Berich­te der Medi­en etwa dar­über, dass Zschä­pe ein vier­ter Ver­tei­di­ger zur Sei­te gestellt wur­de. Statt­des­sen ist der Aus­gangs­punkt des Blogs, den NSU-Pro­zess als grö­ße­ren sozia­len Raum zu ver­ste­hen: Alles, was Betei­lig­te und völ­lig Unbe­tei­lig­te zum NSU-Pro­zess pos­ten, wie sie sich ver­hal­ten oder auch «sich-nicht-ver­hal­ten», etwa dann, wenn ihnen der NSU-Pro­zess völ­lig egal ist, das alles bil­det den «Raum» und «Dis­kurs» des NSU-Pro­zes­ses. Tei­le davon sind zum Bei­spiel auch die Gedenk­ta­feln an den Tat­or­ten der NSU-Mor­de, die Ver­stri­ckun­gen des Ver­fas­sungs­schut­zes im Umfeld des NSU als auch des­sen Ver­tu­schungs­ver­su­che durch Akten­schred­dern oder die Ver­kaufs­zah­len von Büchern zum NSU-Kom­plex. Und genau die­ser Raum und Dis­kurs zum NSU-Pro­zess soll auf dem Blog nsu­pro­zess­ent­gren­zen kri­tisch unter­sucht wer­den.

Der Blog wird von der «For­schungs­grup­pe Recht Raum NSU» besorgt.

Sie kri­ti­siert: Ers­tens die «Leit­me­di­en» dafür, dass sie nicht kri­tisch über den NSU-Pro­zess berich­ten.

Zwei­tens die Öffent­lich­keit, vor allem die wei­ße Öffent­lich­keit in Deutsch­land, dafür, dass sie «ein­ge­schla­fen» sei. Das öffent­li­che „Sich-nicht-ver­hal­ten“ zum Skan­dal NSU, weil vie­le nicht wirk­lich Auf­klä­rung wol­len.

Drit­tens das Pro­blem, dass es kei­ne wis­sen­schaft­li­che Beglei­tung geschwei­ge denn Ana­ly­se des NSU-Pro­zes­ses gibt.

 

Aus all die­ser Kri­tik folgt für die Betreiber_innen: Einen Blog zu star­ten und dort eine wis­sen­schaft­li­che Beglei­tung zumin­dest zu ver­su­chen. Die Art der wis­sen­schaft­li­chen Ana­ly­se erin­nert mich an die Dis­kurs­theo­rie des fran­zö­si­schen Theo­re­ti­kers Michel Fou­cault. Der Blog de-kon­stru­iert den NSU-Pro­zess, er baut ihn aus­ein­an­der, zer­legt ihn in Ein­zel­tei­le und setzt die­se in Ver­bin­dung zu ande­ren The­men. Die beson­de­re Leis­tung ist, dass zum Bei­spiel der Zusam­men­hang zu Raci­al Pro­filing bei den Ermitt­lun­gen zur NSU-Mord­se­rie her­ge­stellt und auch eine Per­spek­ti­ve vom Insti­tu­te of Race Rela­ti­ons aus Lon­don auf den NSU-Pro­zess dort ver­öf­fent­licht wird. Die Fra­ge ist: War­um ist der NSU-Pro­zess so, wie er ist? Wer spielt aus wel­chen Grün­den da mit? Die Annah­me in der Dis­kurs­theo­rie ist: Macht steckt über­all drin. Wer wie viel Macht hat, ist ent­schei­dend in der Bericht­erstat­tung, der Sitz­ord­nung im Gerichts­saal und dafür, wie die Ankla­ge lau­tet. Mit der Dis­kurs­theo­rie kann man Macht erken­nen und vor allem Ras­sis­mus auf­zei­gen und kri­ti­sie­ren. Der Blog ver­sucht den NSU-Pro­zess und wie er gesell­schaft­lich ver­han­delt wird zu reflek­tie­ren und zu pro­ble­ma­ti­sie­ren.

Die For­schungs­grup­pe, die den Blog nsu­pro­zess­ent­gren­zen besorgt, dis­ku­tiert Ras­sis­mus in Arti­keln, Vide­os sowie Inter­views, zum Bei­spiel mit Vertreter_innen der Neben­kla­ge aus dem NSU-Pro­zess. Der Blog bie­tet auch kur­ze, leicht ver­ständ­li­che Erfah­rungs­be­rich­te und Fil­me. Unter der Kate­go­rie «Raum» fin­den sich Ein­sich­ten in den NSU-Pro­zess in Form eines selbst­ge­zeich­ne­ten Erklär­films, der die Pro­zess­be­tei­lig­ten vor­stellt und ihre jewei­li­ge Sitz­po­si­ti­on mit­samt ihrer Sicht­per­spek­ti­ve im Gerichts­saal.

nsu­pro­zess­ent­gren­zen bie­tet so die Mög­lich­keit für alle, die es nicht selbst in den Gerichts­saal zieht, sich ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild zu machen und regt zum kri­ti­schen Nach­den­ken über den Umgang mit dem NSU-Kom­plex und sei­ner gericht­li­chen, par­la­men­ta­ri­schen, gesell­schaft­li­chen und insti­tu­tio­nel­len Auf­ar­bei­tung an.

 

 

 


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