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Fallstricke der deutschen Debatte

Themen : Allgemein, Antisemitismus, Rassismus · 0 Kommentare · von 4. März 2015

Für Peter Ullrich haben Differenzierungen in der Diskussion über Antisemitismus Seltenheitswert

Es gibt für Jüdinnen und Juden gegenwärtig einigen Grund zur Besorgnis, gerade angesichts aufgeputschter Demonstranten und Demonstrantinnen mit judenfeindlichen Sprüchen, Übergriffen auf Personen, Brandstiftungen in Synagogen und im nahen Ausland sogar islamistischen Terroranschlägen. Jüdinnen und Juden verdienen daher unsere volle Solidarität, die Auseinandersetzung mit Antisemitismus entsprechend hohe Priorität – im Sinne der Bedrohten und im Sinne einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft.

Bis hierhin besteht weitgehend Einigkeit, sieht man von den Antisemiten und Antisemitinnen selbst und einigen Radikalen der Palästina-Soli-Szene ab. Letztere scheinen in schnöder Eindimensionalität wohl zu glauben, dass die Anerkennung der Sorgen von Jüdinnen und Juden hierzulande ihren nahostpolitischen und antirassistischen Anliegen schadet. Diese zumindest moralisch falsche Einschätzung entbehrt aber nicht eines gewissen Realitätsbezugs. Denn am gegenwärtigen Modus der Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Bundesrepublik ist so vieles falsch. Die Opferkonkurrenz zwischen von Antisemitismus und Rassismus Betroffenen stellt dabei nur ein Problem unter vielen dar. Das liegt zuvörderst daran, dass der Kampf gegen Antisemitismus und die häufig daraus abgeleitete Solidarität mit Israel zu einer fragilen Hülse erinnerungspolitisch begründeter Politrituale geworden ist – zu einem allerdings nur rhetorisch durchgesetzten Symbol der deutschen «Staatsräson».