Antifaschismus unter Anklage: Ein Trip nach Budapest zum Prozess gegen Maja T.

Land­ge­richt Buda­pest: Schau­platz eines Schau­pro­zes­ses vor der Macht­ku­lis­se des Gerichts­ge­bäu­des. Foto: Burschel

Der unga­ri­sche Staat führt seit 2025 einen offe­nen Angriff auf den Anti­fa­schis­mus. Was als Schutz der „öffent­li­chen Ord­nung“ dekla­riert wird, ist in Wahr­heit die poli­ti­sche Kri­mi­na­li­sie­rung einer Hal­tung, die sich gegen Faschis­mus, Ras­sis­mus und auto­ri­tä­re Herr­schaft rich­tet. Anti­fa­schis­ti­sche Zusam­men­künf­te wer­den nach einer neu­en recht­li­chen Rege­lung seit Herbst 2025 nicht mehr als legi­ti­me poli­ti­sche Ver­samm­lun­gen behan­delt, son­dern in den Bereich der inne­ren Sicher­heit verschoben.
Seit gerau­mer Zeit ist dies nun in Buda­pest gän­gi­ge Pra­xis:. Wäh­rend anti­fa­schis­ti­sche Soli­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen selbst in kleins­ter Form unter­sagt wer­den, erhal­ten Neo­na­zi­grup­pen regel­mä­ßig Geneh­mi­gun­gen für Auf­mär­sche, Kon­zer­te und soge­nann­te Gedenk­mär­sche. Seit Jahr­zehn­ten exis­tie­ren in Ungarn offen agie­ren­de neo­na­zis­ti­sche Struk­tu­ren. Jähr­lich fin­den Dut­zen­de Ver­an­stal­tun­gen statt, oft mit inter­na­tio­na­ler Betei­li­gung.1 Beson­ders deut­lich zeigt sich das rund um den so genann­ten Tag der Ehre. Seit fast drei­ßig Jah­ren dient die­ses Ereig­nis der Ver­herr­li­chung der Hit­ler­schen Wehr­macht und der faschis­ti­schen unga­ri­schen Pfeil­kreuz­ler. Auch wenn ein­zel­ne Demons­tra­tio­nen for­mal ver­bo­ten wur­den, fin­den die Akti­vi­tä­ten fak­tisch immer statt, umeti­ket­tiert als „Gedenk­wan­de­rung“. Tau­sen­de Neo­na­zis aus ganz Euro­pa rei­sen dafür nach Buda­pest. Der Staat weiß davon. Und er lässt sie gewähren. 

Dass anti­fa­schis­ti­sche Pro­tes­te gegen die­se inter­na­tio­na­len Nazi­tref­fen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren anwuch­sen, wird heu­te expli­zit gegen sie ver­wen­det. Nicht die faschis­ti­sche Mobi­li­sie­rung, son­dern der anti­fa­schis­ti­sche Wider­stand wird kriminalisiert.

Der Prozess gegen Maja T.

In die­ses poli­ti­sche Kli­ma ist der Pro­zess gegen Maja T. ein­ge­bet­tet. Der Antifaschist*in wird vor­ge­wor­fen, im Febru­ar 2023 am Ran­de des „Tags der Ehre“ am 11. Febru­ar an Angrif­fen auf Neo­na­zis betei­ligt gewe­sen zu sein. Von einem regu­lä­ren Straf­ver­fah­ren kann hier kaum gespro­chen wer­den. Der Pro­zess funk­tio­niert vor allem als poli­ti­sches Signal.

Maja T. sitzt seit fast 600 Tagen in Unter­su­chungs­haft. Die Län­ge die­ser Haft steht in kei­nem Ver­hält­nis zum bis­he­ri­gen Pro­zess­ver­lauf. Die Beweis­la­ge ist dünn. Vide­os zei­gen kei­ne akti­ve Tat­be­tei­li­gung. Zeug:innen konn­ten kei­ne ein­deu­ti­ge Iden­ti­fi­ka­ti­on vor­neh­men. Kon­kre­te Tat­bei­trä­ge sind nicht nach­weis­bar. Den­noch for­dert die Staats­an­walt­schaft eine dra­ko­ni­sche Stra­fe bis zu 24 Jah­ren Haft.

Beson­ders schwer wiegt der Vor­wurf der „kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung“. Das Gericht stützt sich dabei maß­geb­lich auf Akten deut­scher Behör­den, ohne eige­ne Ermitt­lun­gen vor­ge­nom­men zu haben oder die Anga­ben der Deut­schen auch nur einer kri­ti­schen Prü­fung zu unter­zie­hen. Weder Hier­ar­chien noch kon­spi­ra­ti­ve Struk­tu­ren oder gemein­sa­me Tat­ent­schlüs­se konn­ten belegt wer­den. Trotz­dem wird an die­sem Vor­wurf fest­ge­hal­ten, ent­ge­gen alle rechts­staat­li­chen Standards.

Hin­zu kommt die rechts­wid­ri­ge Aus­lie­fe­rung Majas nach Ungarn. Obwohl in Deutsch­land gegen die Aus­lie­fe­rung ein Eil­an­trag an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt lief, wur­de Maja im Juni 2024 in einer Nacht-und-Nebel-Akti­on an die unga­ri­schen Behör­den über­stellt. Damit schu­fen die deut­sche Stel­len voll­ende­te Tat­sa­chen, noch bevor das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu einer Ent­schei­dung kom­men konn­te. Wenig spä­ter stell­te das Gericht fest, dass die­se Aus­lie­fe­rung gegen grund­le­gen­de rechts­staat­li­che Prin­zi­pi­en ver­stieß. Die bekann­ten Risi­ken poli­ti­scher Ver­fol­gung und unmensch­li­cher Haft­be­din­gun­gen in Ungarn hät­ten zuvor aus­rei­chend geprüft wer­den müs­sen. Der deut­sche Staat ent­zog sich sei­ner Schutz­pflicht und lie­fer­te eine anti­fa­schis­ti­sche Aktivist*in bewusst einem auto­ri­tä­ren Jus­tiz­sys­tem aus. Die der­zei­ti­ge Haft Majas ist also nicht nur das Ergeb­nis unga­ri­scher Repres­si­on, son­dern auch Fol­ge eines deut­schen Rechtsbruchs.

Auch wur­den zen­tra­le Ver­fah­rens­un­ter­la­gen nur teil­wei­se über­setzt und der Zugang zu Beweis­ma­te­ri­al war für Maja stark ein­ge­schränkt. Hin­zu kommt, dass Anträ­ge der Ver­tei­di­gung, etwa auf­grund von Majas mas­siv geschwäch­tem Gesund­heits­zu­stand nach einem Hun­ger­streik, abge­lehnt wur­den. Von einem fai­ren Ver­fah­ren kann kei­ne Rede sein.

Der Pro­zess zeigt, wie poli­ti­scher Wil­le juris­ti­sche Prin­zi­pi­en ver­drängt und auf ein bestimm­tes erwünsch­tes Urteil hin beein­flusst. Als die Ver­tei­di­gung dies anbringt, schaut der Rich­ter, wie die meis­te Zeit stur gera­de­aus. Das Ver­fah­ren wird abge­spult, ohne dass Reak­tio­nen der betei­lig­ten Akteur*innen des Gerichts und der Staats­an­walt­schaft auch nur zu erken­nen wären. Was sich im Gerichts­saal abspielt, ist ein Spie­gel der poli­ti­schen Lage in Ungarn selbst. Rund 90 Pro­zent der Medi­en ste­hen unter staat­li­cher Auf­sicht. Pro­tes­te wer­den unter­bun­den. Trotz­dem geht das all­täg­li­che Leben irgend­wie wei­ter. Gewalt ist meist nur unter der Ober­flä­che spür­bar. Auf den Stra­ßen wirkt alles „nor­mal“, es bleibt weit­ge­hend ruhig. In der Gesell­schaft herrscht eine auf­fäl­li­ge Apa­thie gegen­über der poli­ti­schen Situa­ti­on.2

Trap­ped in Buda­pest: Maja T. bei der Vor­füh­rung in Ket­ten am 22. Janu­ar 2026, dem 16. Ver­hand­lungs­tag im Land­ge­richt Buda­pest. Foto: Burschel

Politische Justiz

Der Fall Maja T. ist kein Ein­zel­fall, son­dern Aus­druck einer umfas­sen­de­ren auto­ri­tä­ren Ent­wick­lung. Seit Jah­ren wickelt die Orbán-Regie­rung den Rechts­staat sys­te­ma­tisch ab. Staat­li­che Pro­pa­gan­da arbei­tet offen mit ras­sis­ti­schen, anti­se­mi­ti­schen und sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Moti­ven. Ein Fokus liegt dabei auch auf der quee­ren Com­mu­ni­ty in Ungarn. Auch Armut wird eth­ni­siert, gesell­schaft­li­che Kon­flik­te wer­den auf Min­der­hei­ten pro­ji­ziert.3

Dabei über­nimmt der Staat zen­tra­le Ele­men­te faschis­ti­scher Ideo­lo­gie selbst und macht klas­si­sche Neo­na­zi­struk­tu­ren zugleich poli­tisch ent­behr­lich, so berich­ten anti­fa­schis­ti­sche Aktivist*innen über­ein­stim­mend. Neo­na­zis­ti­sche Struk­tu­ren wer­den gedul­det, teils ein­ge­bun­den, aber bewusst klein gehal­ten. Ihre Ideo­lo­gie: Natio­na­lis­mus, Homo­pho­bie und Ras­sis­mus. Sie wird durch Orbáns Regie­rungs­po­li­tik effek­ti­ver umge­setzt als durch ihre eige­nen Strukturen.

Die­se Ent­wick­lung ist kein unga­ri­scher Son­der­fall. Welt­weit ver­schärft sich die auto­ri­tä­re Wen­de in Rekord­ge­schwin­dig­keit. Die Kri­se des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus, ver­schärf­te geo­po­li­ti­sche Kon­kur­renz , die zuneh­mend unkal­ku­lier­ba­ren Fol­gen des Kli­ma­wan­dels und mili­tä­ri­sche Eska­la­tio­nen begüns­ti­gen faschis­ti­sche Ten­den­zen. Anti­fa­schis­mus gerät zuneh­mend unter Druck, in den USA eben­so wie in Euro­pa und in Deutsch­land, wo die AfD sich die Hän­de reibt ange­sichts der anti-anti­fa­schis­ti­schen Eskalation.

Dass Orbáns Macht den­noch nicht gren­zen­los ist, zei­gen Mas­sen­mo­bi­li­sie­run­gen der letz­ten Jah­re, wie etwa ver­gan­ge­nes Jahr die gro­ße Pri­de Para­de mit über 300.000 Teil­neh­men­den aus aller Welt, die trotz eines Ver­bots (unter dem Schirm des libe­ra­len Buda­pes­ter Bür­ger­meis­ters) statt­fand. Des­halb greift das Regime auf das klas­si­sche faschis­ti­sche Instru­men­ta­ri­um zurück: Pro­pa­gan­da, Angst­ma­che, recht­li­che Will­kür und Kri­mi­na­li­sie­rung poli­ti­scher Gegner*innen.

Antifaschismus bleibt notwendig

Die Kri­mi­na­li­sie­rung des Anti­fa­schis­mus ist eine Etap­pe auf dem Weg in den Faschis­mus. Wer heu­te schweigt, wenn Anti­fa­schis­mus kri­mi­na­li­siert und ver­bo­ten wird, stellt sich fak­tisch auf die Sei­te der Repres­si­on. Die Geschich­te zeigt, dass Faschis­mus nicht von selbst ver­schwin­det. Er wird bekämpft oder er setzt sich durch.

Auch ein mög­li­cher Macht­ver­lust Orbáns wür­de den Faschis­mus nicht auto­ma­tisch been­den. Der anti­fa­schis­ti­sche Kampf – vom Akti­vis­mus bis in die wer­te­ori­en­tier­te bür­ger­li­che Mit­te – bleibt eine gesell­schaft­li­che Auf­ga­be. Er rich­tet sich nicht nur gegen orga­ni­sier­te Neo­na­zis, son­dern gegen die poli­ti­schen und sozia­len Bedin­gun­gen, die aktu­ell welt­weit auto­ri­tä­re Herr­schaft hervorbringen.

Wenn du wis­sen willst, was du in den 1930-er Jah­ren getan hät­test“, heißt es auf einem anti­fa­schis­ti­schen Blog aus Buda­pest, „dann schau dir an, was du heu­te tust.“

Ungarn lie­fert dafür der­zeit ein bedrü­cken­des Kli­ma, doch die Geschich­te ist noch nicht abgeschlossen.

Fuß­no­ten:

1 VVN-BdA. (12. Febru­ar 2024). Erneut behin­dert die unga­ri­sche Poli­zei Pro­tes­te gegen Nazi-Event „Tag der Ehre“. Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Naziregimes

2 Vers­eck, K. (2014, 22. Mai). Ungarn: Wo Rechts­extre­mis­mus in der Mit­te der Gesell­schaft ange­kom­men ist. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung (bpb)

3 PRO ASYL. (2015, 10. Juni). Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus in Ungarn: Bericht des Euro­pa­ra­tes übt mas­si­ve Kri­tik. PRO ASYL.

Gilead Rising: Verstörende Social-Media-Clips dokumentieren den Höllensturz der USA

Scho­ckie­ren­de State­ments zur staat­li­chen Gei­sel­nah­me von Frau­en in den USA: Pul­lup­s­Pas­ta­Po­li­tics Screenshot

Irgend­wie muss ich doch was falsch machen. Wenn ich mit den dicken Boo­mer-Fin­gern die Dut­zen­den und Hun­der­ten erschüt­tern­den, ver­stö­ren­den, bru­ta­len und empö­ren­den Clips aus den USA durch­swi­pe und aus dem Stau­nen und dem Hor­ror nicht mehr rauskomme.

Natür­lich weiß ich, dass durch mein Gebannt-sein von den Doku­men­ten des ent­fes­sel­ten Faschis­mus‘ im Land der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten, Algo­rith­men ansprin­gen, die mir immer mehr von die­sen Doku­men­ten des Grau­ens in die Time­line spülen.

Herstellung weißer Menschen

Nichts davon kann ich über­prü­fen, nicht die kur­zen Alarm- und Hil­fe­ru­fe aus Utah, Texas, Mis­sou­ri und Mon­ta­na, wo eine neue christ­lich-fun­da­men­ta­lis­ti­sche Legis­la­tur im Sin­ne der neu­en Macht­ha­ber schwan­ge­re Frau­en als Gei­seln nimmt, ihrer Grund- und Frei­heits­rech­te ent­klei­det oder gar Schwan­ge­re, die eine Fehl­ge­burt erlei­den, des Mor­des an einem Fötus anklagt und mit Gefäng­nis­stra­fen bis hin zur Todes­stra­fe bedroht. Ich weiß auch nicht viel dar­über, wer hin­ter Pul­lups Pas­ta Poli­tics steckt. Ich kann aber nur sagen, dass mei­ne Hän­de zit­tern und mir kal­te Schau­er des Ent­set­zens den Rücken her­un­ter­lau­fen, wenn die Front­per­son die­ses Accounts mir von den Aus­wir­kun­gen der neu­en Zeit in den USA erzählt und dass in Mis­sou­ri Geset­ze wie in Mar­gret Atwoods fik­ti­vem Staat „Gilead“ erlas­sen und recht­lo­se „Hand­maids“ unter mas­si­ver Straf­an­dro­hung zur Her­stel­lung wei­ßer Kin­der gefan­gen gehal­ten werden.

Lost in Bukeles Horrorknast

Oder die zahl­lo­sen Sze­nen ras­sis­ti­scher staat­li­cher Gewalt, bei denen wohl über­wie­gend ohne jede recht­li­che Grund­la­ge Men­schen durch Roll­kom­man­dos von Trumps Immi­gra­ti­on Con­trol Enforce­ment (ICE) oder gar dem FBI aus ihren Häu­sern, ihrem All­tag, in aller Öffent­lich­keit, vor den Augen ihrer Kin­der und eben auch zahl­lo­ser mit­fil­men­der Zeug*innen bru­tal fest­ge­nom­men und in – ja, wie soll ich sagen – Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger auf US-Boden oder gar in das regel­rech­te Hor­ror­ge­fäng­nis des gewis­sen­lo­sen sal­va­do­ria­ni­schen Dik­ta­tors Nay­ib Buke­le depor­tiert wer­den – auf Nim­mer­wie­der­se­hen, wie der Fall von Kil­mer Gar­cia zeigt, der trotz Ein­ge­ständ­nis eines Behör­den­feh­lers, nicht zurück aus El Sal­va­dor nach Hau­se kann. Es soll sich — laut New York Post — in weni­gen Wochen der zwei­ten Trump Admi­nis­tra­ti­on um 113.000 Fest­nah­men han­deln und 100.000 Abschie­bun­gen. Dar­un­ter nicht nur Fami­li­en mit Kin­dern, son­dern auch — und das wird hier­zu­lan­de beson­ders die AfD inters­sie­ren — auch US-Bürger*innen.

Rechtsweg abgeschnitten

Wäh­rend sich Trump und sei­ne Scher­gen die Taschen voll­pa­cken, den Staat als Beu­te unter sich auf­tei­len und dabei im Vor­bei­ge­hen über das Schick­sal von Mil­lio­nen Men­schen – und da geht es, was z.B. Ver­sor­gung mit Medi­ka­men­ten, Ver­hü­tungs­mit­teln angeht, für sehr vie­le Men­schen glo­bal um Leben und Tod – ent­schei­den (davon kün­den auch tau­sen­de Social-Media-Clips), gehen mas­si­ve, poli­tisch gesteu­er­te gesell­schaft­li­che Angrif­fe auf die LGBTQIA+-Community, auf Wissenschaftler*innen, Stu­die­ren­de, Journalist*innen, Staatsbeamt*innen und Gegner*innen und Kritiker*innen des „groß­ar­tigs­ten Prä­si­den­ten der US-Geschich­te“ und sei­ner nie­der­träch­ti­gen Spieß­ge­sel­len wie J.D. Van­ce und Elon Musk wei­ter. Ein Rechts­staat scheint auf­ge­ho­ben, Min­der­hei­ten, Frau­en, Nicht-Wei­ße sehen sich geball­tem Unrecht und ille­gi­ti­mer staat­li­cher Gewalt gegen­über. Der Rechts­weg ist abgeschnitten.

Die Bürgerlichen sticht der Hafer

Und die Welt? Sie schweigt und sieht zu, schließ­lich mischt man sich nicht in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten eines ande­ren Staa­tes ein. Machen wir ja in Chi­na und der Tür­kei, in Russ­land und Argen­ti­ni­en auch nicht, und las­sen auch inner­halb der EU illi­be­ra­le Poten­ta­ten á la Orban, Melo­ni, Wil­ders usw. gewäh­ren. Im Gegen­teil, die bis vor kur­zem noch bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en und selbst Sozi­al­de­mo­kra­tien sticht der Hafer, wenn sie sehen, wie schnell und gründ­lich man eine grund­sätz­li­che huma­ne Ori­en­tie­rung und die sozia­len Errun­gen­schaf­ten (vor allem im Bereich sexu­el­ler und repro­duk­ti­ver Rech­te) der zurück­lie­gen­den 80 Jah­re abräu­men und der Bar­ba­rei preis­ge­ben kann.

Niemöller revisited

Irre ich mich, oder sind ernst­haf­te Bericht­erstat­tung und inter­na­tio­na­ler Pro­test zu die­sem Höl­len­sturz in den USA über­schau­bar? Beschränkt sich die (inter­na­tio­na­le) Kri­tik auf die völ­lig frei dre­hen­de Außen­po­li­tik und die oft wirk­lich gefähr­lich dum­men Ver­laut­ba­run­gen aus der Trump-Admi­nis­tra­ti­on nicht auf halb belus­tig­te, halb ungläu­bi­ge Reak­tio­nen. Nur wenn es um die eige­nen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen geht – etwa durch die wild wuchern­de Zöl­le­po­li­tik Trumps – oder um unge­stör­te Urlaubs­rei­sen, die neu­er­dings ger­ne mal im US-Knast enden, fängt das übli­che lar­moy­an­te Geze­ter an. Wie Men­schen- und Min­der­hei­ten­rech­te, Grund- und Frei­heits­rech­te mit Füs­sen getre­ten wer­den, lockt in Niemöller’scher Manier offen­bar nie­man­den hin­ter dem Ofen her­vor. Oder nur die paar Mil­lio­nen, die sich dem Hor­ror die­ser Social-media-Clips aus­set­zen wie ich.

Kein Plan

Und dann? Ich hab‘ kei­nen Plan? Hilfs­pro­gram­me und Flucht­hil­fe für ver­folg­te Schwan­ge­re aus den US? Für von Abschie­bung und ille­ga­ler Inhaf­tie­rung Bedroh­te? Für die LGBTQIA+-Community? Für ver­folg­te Wissenschaftler*innen und Journalist*innen? Schmug­gel von Schrift­gut auf­klä­re­ri­schen Inhalts und zen­sier­ten Wer­ken über die grü­ne Gren­ze mit Canada?

Der Faschis­mus ist wie­der da. Und wir wis­sen wie­der nicht, was zu tun ist.

CSD: Dürum und Ayran in Sonneberg

Eine bun­te Pri­de mit 650 Men­schen zog durch das fast men­schen­lee­re Son­ne­berg und hauch­te ihm für ein paar Stun­den Leben ein…

Das Herz schlägt links“, sagt San­dro Kes­sel, sei­nes Zei­chens Stadt­rat von Son­ne­berg für das „Bünd­nis Sahra Wagen­knecht“ (BSW). Vor dem Rat­haus sam­melt sich lang­sam eine immer bun­ter und lau­ter wer­den­de Men­schen­men­ge, auf­ge­kratzt und erwar­tungs­voll, Regen­bo­gen- und Que­er-Fah­nen, dazwi­schen auch Par­tei­fah­nen, die Grü­nen, Jusos, Links­ju­gend Solid, domi­nie­rend die „Par­tei der Huma­nis­ten“ (PdH). Sie sind alle zur ers­ten „Chris­to­pher Street Day“-Parade (CSD) in die ver­schla­fe­ne süd­thü­rin­gi­sche Klein­stadt gekom­men, um dort – im wahrs­ten Sin­ne es Wor­tes – Far­be, oder viel­mehr vie­le bun­te und schil­lern­de Far­ben zu beken­nen. Gegen einen braun und brau­ner wer­den­den All­tag, in dem die AfD den Ton angibt und mit Robert Ses­sel­mann den ers­ten faschis­ti­schen Land­rat in Deutsch­land nach 1945 stellt. Jeden­falls hat sich in Son­ne­berg und in Süd­thü­rin­gen die Lage von Men­schen, die nicht ins rech­te Welt­bild pas­sen, erheb­lich ver­schlech­tert, laut der Opfer­be­ra­tungs­stel­le Ezra ist der Land­kreis neben der Lan­des­haupt­stadt Erfurt und der Mit­tel­stadt Wei­mar unter­des­sen zum drit­ten Hot­spot rech­ter Gewalt geworden.

BSW drängt sich ins Bild

Trotz­dem bleibt es an die­sem Sams­tag, wäh­rend die 650 Teil­neh­men­de zäh­len­de Pri­de laut und fröh­lich durch die fast aus­ge­stor­be­nen Stra­ßen der idyl­lisch gele­ge­nen Stadt zieht, ruhig. Es zei­gen sich kaum Einwohner*innen, Passant*innen geben sich freund­lich tole­rant. „Solan­ge hin­ter­her die Stra­ßen nicht dre­ckig sind“, sagt eine jun­ge Frau, sei das okay. Die erwar­te­ten Gegendemonstrant*innen und Stö­run­gen blei­ben völ­lig aus. Auch die Poli­zei gibt sich freund­lich und ent­spannt, war ja auch nichts.

Also bleibt nur das BSW. Vie­le der Teil­neh­men­den ste­cken schon wäh­rend des Zuges die Köp­fe zusam­men und fra­gen sich, wes­halb die­se erklär­ter­ma­ßen trans- und que­er­feind­li­che Par­tei sich hier so in die stol­ze Pri­de drängt. San­dro Kes­sel bleibt dabei, sei­ne neue Par­tei BSW — er kommt ursprüng­lich von „Die Par­tei“ – gehö­re hier mit dazu. Sei­nen T‑Shirt-Ärmel hat er extra hoch­ge­rollt, damit man sein umfang­rei­ches Till-Lin­de­mann-Tatoo nur ja gut sehen kann. Auch das bei einem CSD ein eher ver­stö­ren­des State­ment, wenn man sich die Debat­te um den Ramm­stein-Front­mann ins Gedächt­nis ruft. Auf die que­er­feind­li­chen State­ments sei­ner neu­en Par­tei­füh­re­rin ange­spro­chen, lässt Kes­sel sei­nen schrä­gen Vor­stel­lun­gen von Geschlechts­um­wand­lung frei­en Lauf und meint, die gesetz­li­che Mög­lich­keit, „jedes Jahr ein­mal sein Geschlecht zu wech­seln“, das gehe ein­fach zu weit.

Tolles Bühnenprogramm am PIKO-Platz

Natür­lich ticken die Uhren in einem win­zi­gen Pro­vinz­nest im ehe­ma­li­gen Zonen­rand anders. Im Rat­haus haben sich – in ihrer Not, möch­te man sagen – SPD, Lin­ke und eben BSW zusam­men­ge­tan, um Frak­ti­ons­stär­ke gegen die über­mäch­ti­ge AfD zu erlan­gen. Da nimmt man es dann mit der „rot-roten“ Abgren­zung viel­leicht nicht mehr so genau. Es bleibt dann der Grü­nen-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Made­lei­ne Henf­ling über­las­sen, auf der Büh­ne der Abschluss­kund­ge­bung noch ein­mal das gan­ze ent­lar­ven­de Wagen­knecht-Zitat von den „skur­ri­len Min­der­hei­ten“ zu zitie­ren und ihr Unver­ständ­nis dar­über aus­zu­drü­cken, dass die Organisator*innen von #CSDin­Son­ne­berg sich nicht klar abgrenz­ten, son­dern auch noch dem stell­ver­tre­ten­den BSW-Kreis­vor­sit­zen­den Stef­fen Schütz die Büh­ne für einen Rede­bei­trag über­las­sen. Ihre Kri­tik wird von laut­star­ken, zustim­men­den Buh-Rufen der auf dem PIKO-Platz (benannt nach der welt­be­rühm­ten DDR-Modell­ei­sen­bahn-Fabrik) ver­sam­mel­ten Men­ge begleitet.

Die Organisator*innen blei­ben dabei: Fre­de­ric For­kel (PdH Coburg) sagt, man wol­le dem BSW dies­mal die Chan­ce geben „sich zu bewäh­ren“. Tue es das nicht, sei es das nächs­te mal raus.

Lei­der ver­blas­sen hin­ter der Irri­ta­ti­on über die BSW-Betei­li­gung die gute Stim­mung, die enga­gier­ten anti­fa­schis­ti­schen Rede­bei­trä­ge und die star­ke klas­sen­kämp­fe­ri­sche Soli­da­ri­täts­er­klä­rung des DGB-Jugend­se­kre­tärs Gre­gor Gall­ner mit dem Anlie­gen des CSD und den Teil­neh­men­den. Und das mit­rei­ßen­de Büh­nen­pro­gramm mit dem pro­gram­ma­ti­schen Song „Dürüm und Ayran in der Thü­rin­ger Klein­stadt“ von Mau­rice Con­rad und Bru­neau, mit dem von Fans umla­ger­ten You­tube-Star „Yu“ und der beein­dru­cken­den Rap­pe­rin „Lati­fa Igu­ma“ aus dem ost­thü­rin­gi­schen Gera.

Die­ser Bei­trag erschien zuerst in bear­bei­te­ter Ver­si­on im ND.