Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Debatte: Antisemitismuskritik in der Pädagogik

Themen : Allgemein, Antisemitismus, Rassismus · 0 Kommentare · von 18. Mai 2020

Anti­se­mi­ti­sche Ideen und Äuße­run­gen sind gera­de wie­der erschre­ckend aktu­ell (hier Teilnehmer*innen einer „Hygie­ne­de­mos“). Die Fra­ge des päd­ago­gi­schen Umgangs damit natür­lich auch. Foto: Pri­vat

Das Feld von Anti­se­mi­tis­mus­kri­tik und ‑bekämp­fung ist emo­tio­nal und poli­tisch hoch auf­ge­la­den. Im poli­ti­schen Dis­kurs sind man­che Ver­ein­deu­ti­gun­gen und nor­ma­ti­ve Aus­sa­gen nach­voll­zieh­bar und in ein­zel­nen Fäl­len sogar not­wen­dig. Anti­se­mi­tis­mus kann durch Bil­dungs­maß­nah­men nicht abge­schafft wer­den. Was aber im Rah­men der Mög­lich­kei­ten liegt, ist Anti­se­mi­tis­mus „zu erken­nen, Empa­thie mit den Opfern her(zu)stellen sowie Gegen­stra­te­gien (zu) erpro­ben.“ (S.9) Ein sol­ches Bewusst­sein über die Gren­zen des­sen, was Bil­dungs­ar­beit leis­ten kann, liegt quer zu öffent­li­chen und poli­ti­schen Erwar­tun­gen an die Päd­ago­gik, wenn im Anschluss an als anti­se­mi­tisch wahr­ge­nom­me­ne Vor­fäl­le nach der päd­ago­gi­schen Feu­er­wehr geru­fen wird.


Thüringen: Rechte Gewalt in Zeiten der Krise

Pro­tes­te gegen rechts in Erfurt 2019: Die Vie­len gegen den ras­sis­ti­schen „Flü­gel“

713 Fäl­le rech­ter, ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Gewalt in Thü­rin­gen zählt die Bera­tungs­stel­le ezra aus Erfurt seit 2015. Das erklär­ten die Sprecher*innen The­re­sa Lauß und Franz Zobel bei einer Pres­se­kon­fe­renz Mit­te März. Sie spra­chen von einer zuneh­men­den Eska­la­ti­on ras­sis­ti­scher Gewalt und von einem damit ein­her­ge­hen­den „Kli­ma der Angst“.
Im letz­ten Jahr regis­trier­te ezra 108 Vor­fäl­le rech­ter Gewalt mit min­des­tens 155 Betrof­fe­nen. Die­se Zah­len von 2019 beschrei­ben zwar einen leich­ten Rück­gang im Ver­gleich zu 166 Taten im Vor­jahr, sind aber — mit einer doku­men­tier­ten Gewalt­tat mit ras­sis­ti­scher Moti­va­ti­on fast jeden drit­ten Tag — den­noch erschre­ckend hoch. Dies sei mit dem gene­rel­len poli­ti­schen Kli­ma der letz­ten Jah­re zu erklä­ren — dem Wachs­tum von Bewe­gun­gen wie Pegi­da und einer Par­tei wie der AfD. So habe es seit 2015 rund 140 Angrif­fe jedes Jahr in Thü­rin­gen gege­ben.


Architektonischer Antisemitismus

Es kommt echt nicht häu­fig vor, dass ich eine Zeit­schrift von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te durch­le­se: Die aktu­el­le ARCH+ Nr. 235 zu „Rech­ten Räu­men“ habe ich atem­los durch­ge­le­sen, ent­setzt vom faschis­ti­schen Pan­ora­ma eines Euro­pas auf dem Weg in die Bar­ba­rei, das das Heft abschrei­tet. Und die­se Aus­ga­be einer renom­mier­te Archi­tek­tur-Zeit­schrift ist durch­aus nicht nur für Baumeister*innen und Architekturkritiker*innen (Sind wir das nicht alle?) inter­es­sant und schafft es „Rech­te Räu­me“ zu defi­nie­ren, die dahin­ter lie­gen­de Städ­te­bau­po­li­tik, die bau­li­che geschichts­re­vi­sio­nis­ti­sche Erin­ne­rungs­kul­tur und den rech­ten Rekon­struk­ti­ons­wahn frei­zu­le­gen und den Zusam­men­hang her­zu­stel­len zur aktu­el­len völ­kisch-natio­na­lis­ti­schen Renais­sance und zum offe­nem Faschis­mus in Euro­pa.


Projekttag mit Nazi: Intervention im Hamburger Schulskandal

Eine het­ze­ri­sche Ver­tei­di­gungs­re­de des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Rechts­an­walts Alfred Holl aus dem Jahr 1924, auf die sich Wolf ohne Abstri­che beruft. Für die Schul­be­hör­de offen­bar kein Pro­blem.

Nach den Aus­ein­an­der­set­zun­gen an zwei Ham­bur­ger Schu­len zum anti­fa­schis­ti­schen Enga­ge­ment eini­ger ihrer Schü­ler war es am Hele­ne-Lan­ge-Gym­na­si­um mit Bil­li­gung der Schul­be­hör­de zu einer Vor­trags­ver­an­stal­tung des AfD-Poli­ti­kers und Mit­glieds der Bür­ger­schaft, Alex­an­der Wolf, gekom­men. Dass Wolf ein lupen­rei­ner Nazi mit enthu­si­as­ti­schen Bezü­gen zum Natio­nal­so­zia­lis­mus ist, war dabei kein Hin­de­rungs­grund. Ein erschüt­tern­des Bei­spiel für ver­scho­be­ne und ver­schro­be­ne Sag­bar­keits­gren­zen, aus der Feder eines Schü­ler­va­ters, des Poli­to­lo­gen Dr. Mar­kus Mohr.


Rosa Luxemburgs Rückkehr nach Zamość

Die Wahr­heit kommt immer ans Licht. Selbst Gott kann die Wahr­heit nicht ändern. Das kön­nen nur His­to­ri­ker.“ Der das sagt, ist Pro­fes­sor Nicho­las Kittri, der hoch betag­te Nef­fe des Wider­stands­kämp­fers Leon Feld­hend­ler, dem an die­sem Tag pos­tum ein hoher Orden des pol­ni­schen Mili­tärs ver­lie­hen wird. Anlass ist der 75. Jah­res­tag des Häft­lings­auf­stands im deut­schen Mas­sen­mord­la­ger Sobi­bór in Ost­po­len, nahe der ukrai­ni­schen und der weiß­rus­si­schen Gren­ze. Am 14. Okto­ber 1943 erho­ben sich die jüdi­schen Häft­lin­ge, die den Nazis als Instru­men­te der Ver­nich­tung in den Gas­kam­mern von Sobi­bór dien­ten, gegen ihre Pei­ni­ger. Feld­hend­ler und der Leut­nant der Roten Armee, Alex­an­der Pet­scher­ski, führ­ten den Auf­stand an. Die Gefan­ge­nen töte­ten 12 SS-Män­ner und tra­ten eine ver­zwei­fel­te Flucht durch Sta­chel­draht­ver­hau und das Minen­feld an. Von den etwa 365 Flie­hen­den erreich­ten nur rund 200 den nahen, ret­ten­den Wald und flo­hen wei­ter. Bis zur Befrei­ung durch die Rote Armee Mit­te 1944 wur­den wei­te­re etwa 150 Geflo­he­ne durch die Deut­schen, durch pol­ni­sche Kol­la­bo­ra­teu­re und anti­se­mi­ti­sche Par­ti­sa­nen­grup­pen ermor­det. 47 der ehe­ma­li­gen Sobi­bór-Häft­lin­ge über­leb­ten die deut­sche Besat­zung.


Bastion Social – eine französische Bewegung à la CasaPound

Die faschis­ti­sche Bewe­gungs­par­tei „Casa­Pound Ita­lia“ fin­det euro­pa­weit Nach­ah­mer. Zur Zeit ist es die natio­nal-revo­lu­tio­nä­re Sam­mel­be­we­gung „Bas­ti­on Social“, die in Frank­reich von sich Reden macht.

für Car­lo und Nel­lo Ros­sel­li

In den letz­ten Wochen hat eine neue extrem rech­te Bewe­gung mit den Namen „Bas­ti­on Social“ in Stras­bourg, Lyon und Cham­bé­ry drei Sit­ze eröff­net. Die Eröff­nung eines wei­te­ren Stütz­punkts wur­de für den 10. Febru­ar in Aix-en-Pro­vence ange­kün­digt. Trei­ben­de Kraft der Bewe­gung ist die extrem rech­te Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­ti­on „Grou­pe Uni­on Défen­se“ (GUD). Mit der „Bas­ti­on Social“, die das ers­te Mal im Mai 2017 mit einer Haus­be­set­zung in Lyon von sich reden mach­te, ist eine Samm­lungs­be­we­gung ent­stan­den, die sich bemüht in dem außer­par­la­men­ta­ri­schen Bereich der extre­men Rech­ten unter­schied­li­che Grup­pen zusam­men­zu­füh­ren, zu ver­ein­heit­li­chen und eine natio­nal-revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung nach dem Vor­bild der „Casa­Pound Ita­lia“ in Frank­reich zu kre­ieren.


1938Projekt: Das Leo Baeck Institute präsentiert „Posts from the Past“

1938Projekt: Das Leo Baeck Institute präsentiert „Posts from the Past“

Ger­ne wei­sen wir auf ein außer­ge­wöhn­li­ches und berüh­ren­des Online- und Aus­stel­lungs­pro­jekt des Leo Baeck Insti­tuts New York | Ber­lin hin…


Zeigt die Doku!

Themen : Allgemein, Antisemitismus · (2) Kommentare · von 15. Juni 2017

Ein andert­halb­stün­di­ger Doku­men­tar­film über Juden­hass in Euro­pa und im Nahen Osten sorgt gera­de für Auf­se­hen. Der Film „Aus­er­wählt und aus­ge­grenzt – Der Hass auf Juden in Euro­pa“ von Joa­chim Schrö­der und Sophie Haf­ner wird von den öffent­lich-recht­li­chen Sen­dern arte und WDR, die ihn in Auf­trag gege­ben haben, zurück­ge­hal­ten, angeb­lich hand­werk­li­cher Män­gel wegen und weil nicht nach Ver­ein­ba­rung pro­du­ziert wor­den sei. Aus­ge­rech­net die Bild-Zei­tung hat in  einem Akt von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­ril­la den Film kur­zer­hand für 24 Stun­den ins Netz gestellt, getreu dem Mot­to: „Bild dir dei­ne Mei­nung“.

Der Film ist auf­rüt­telnd und alar­mie­rend, es ist wich­tig, dass er gezeigt wird. Selbst­ver­ständ­lich kann dar­an auch Kri­tik geäu­ßert wer­den, wo kämen wir sonst hin. Aber um ihn zu beur­tei­len und über­haupt Kri­tik oder eben auch Aner­ken­nung zu äußern, muss man ihn auf jeden Fall erst ein­mal zu sehen bekom­men. Tja, und dafür ist man viel­leicht sogar bereit, die ein­füh­ren­den Wor­te des Bild-Repor­ters Claas Wein­mann über sich erge­hen zu las­sen. Immer­hin ist der Film jetzt an meh­re­ren Stel­len — in einer noch nicht ganz fer­ti­gen Fas­sung — zu sehen: Klickt mal oben!

Die Art und Wei­se wie die Auf­trag­ge­ber gera­de mit dem Film und der Kri­tik umge­hen, kön­nen nur ver­wun­dern. Des­we­gen haben jetzt über 100 Erstunterzeichner_innen (zu denen der Autor die­ser Zei­len gehört) einen offe­nen Brief unter dem Mot­to Zeigt die Doku! an die Veant­wort­li­chen geschrie­ben, in dem sie die Aus­strah­lung der Doku for­dern. Wer auch fin­det, dass der Film gezeigt wer­den muss, kann sich dem Brief auch noch anschlie­ßen.

Nachklapp

Am gest­ri­gen Mitt­woch­abend, 21.6.2017, hat das ARD die Doku gezeigt und damit zur Dis­kus­si­on gestellt (eine Woche ist sie in der ARD-Media­thek zum nach­träg­li­chen Schau­en ver­füg­bar); im Anschluss an die Aus­strah­lung wur­de die „hit­zi­ge Debat­te“ über die Doku in der Talk­show Maisch­ber­ger  dis­ku­tiert. Mit dabei: Micha­el Wolff­s­ohn, Nor­bert Blüm, Ahmad Man­sour, Gemma Pörz­gen, Rolf Ver­le­ger und Jörg Schö­nen­born. Auch die Dis­ku wird wohl eine Woche abruf­bar sein.

 


Website „Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg“ jetzt aktualisiert

Website „Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg“ jetzt aktualisiert

Zum 20. Todes­tag von Sven Beu­ter geht die Opfer­per­spek­ti­ve mit ihrer aktua­li­sier­ten Web­site zu Todes­op­fern rech­ter Gewalt in Bran­den­burg online.…


50. Todestag von Emil Julius Gumbel: Vergessener Held der Demokratie

Gedenk­ta­fel für die deut­schen und öster­rei­chi­schen Flücht­lin­ge in Sana­ry-sur-Mer, unter ihnen Emil Juli­us Gum­bel // Bild: Ani­ma (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://​crea​ti​vecom​mons​.org/​l​i​c​e​n​s​e​s​/​b​y​-​s​a​/​3.0)], via Wiki­me­dia Com­mons


Es herrsch­te Hoch­span­nung  in Deutsch­land nach dem Ers­ten Welt­krieg. Der Ver­sail­ler Ver­trag wur­de als unge­recht in der desas­trö­sen wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on der Nach­kriegs­zeit gese­hen. Die Nie­der­la­ge wur­de durch die als demü­ti­gend emp­fun­de­nen Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen noch deut­li­cher gemacht und das ver­schärf­te die poli­ti­sche Situa­ti­on. Die jun­ge Wei­ma­rer Repu­blik hat­te die unmög­li­che Auf­ga­be, aus dem Desas­ter die demo­kra­ti­sche Gesell­schaft auf­zu­bau­en. Obwohl die Wei­ma­rer Ver­fas­sung in der Zeit enorm fort­schritt­lich war, hielt die Wei­ma­rer Repu­blik dem poli­ti­schen Druck nicht stand. Jus­tiz, Mili­tär und Ver­wal­tung bestan­den zu gro­ßen Tei­len noch aus den glei­chen Leu­ten wie im Kai­ser­reich, die die Demo­kra­tie zum größ­ten Teil rund­weg ablehn­ten. Die extre­me Rech­te, die von höchst unde­mo­kra­ti­schen Idea­len geprägt war, und hun­dert­tau­sen­de von den Schlacht­fel­dern heim­keh­ren­de Sol­da­ten hät­te den Krieg am liebs­ten wei­ter­ge­führt und schlos­sen sich viel­fach in anti­de­mo­kra­ti­schen und kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Frei­korps zusam­men. Das Ide­al der demo­kra­ti­schen Repu­blik ver­schwand hin­ter der bit­te­ren Rea­li­tät von wirt­schaft­li­cher Schwä­che und bru­ta­len poli­ti­schen Kämp­fen.