Es ist an der Zeit aus dem Staunen herauszukommen
„Kein Bericht kann die Fülle des Gleichzeitigen und der Geschwindigkeit gerecht werden, mit der die nationalsozialistische Diktatur errichtet, die totalitäre Zurichtung der Gesellschaft ins Werk gesetzt wurde,“ heißt es in Jens Biskys Bestseller „Die Entscheidung. Deutschland 1929 – 1934“. Und so etwas Ähnliches wird man dereinst über die letzten 15 Jahre der Bundesrepublik lesen können, seit Sarrazin, seit der AfD-Gründung, seit dem, was „Flüchtlingskrise“ genannt wurde, seit der Pandemie, seit Russlands Angriffskrieg, seit Trumps Wahl, seit Merz’ Wahl, seit… Wenn es uns nicht in letzter Minute noch gelingt, den Schalter für eine solidarische Schubumkehr umzulegen.
Die erschöpften After-Work-Gespräche, fast schon kleinlauten Panelveranstaltungen und traurigen Abgesänge auf Demokratie und Humanismus lassen jedoch daran zweifeln, dass uns das noch gelingen könnte. Höchste Zeit aus der Überrumpelung herauszukommen, aus unserem Stupor zu erwachen und uns auf die soziale Implosion einzustellen, wenn Gewalt Einzug hält auch in die Gesellschaften, deren Nutznießer*innen bisher für einen Alltag der Gewalt im Rest der Welt gesorgt haben. Das Pfeifen im Keller muss aufhören, wir müssen zueinander finden, müssen uns unserer Netzwerke versichern und neue entstehen lassen, Schutzräume und Rückzugsorte schaffen, Deckung organisieren für diejenigen, die am ungeschütztesten sozialem und staatlichem Terror ausgeliefert sein werden (und sich größtenteils schon lange und viel besser mit diesem Terror auskennen als „wir“ Blumenkinder der externalistischen „sozialen Marktwirtschaft“).
Wir müssen Kommunikation sicherstellen, wo Überwachung und Tracking übermächtig, Blackouts, Shutdowns und KI-gestützte Angriffe selbstverständlich werden – ich muss immer schmunzeln, wenn jetzt wieder von Telefonketten, Autokorsos und Nachrichtenübermittlung per Fahrrad die Rede ist – das ist so Eighties und Nineties und war so richtig. Wir müssen schmerzhafte offene Fragen ausdiskutieren, um uns sehr weitgehend vertrauen zu können, müssen unsere roten Linien definieren und unsere Freund*innenschaften (gesund)pflegen, heraus aus der – zuletzt während der Pandemie fast unerträglich gewordenen – Vereinzelung, Orte der Auseinandersetzung, der Gegenseitigkeit, Wärme und Sicherheit schaffen, wo wir uns dann sehen, wenn es wird wie in den USA jetzt oder „damals“ hier vor 100 Jahren. Und wir dürfen uns nicht länger und immer wieder überraschen lassen von der Wucht und Brutalität des Absehbaren, etwa dass in einem Sachsen-Anhalt nach einem Wahlsieg der AfD die euphorische Selbstermächtigung schnell ins Pogrom umschlagen kann: wären wir darauf vorbereitet?
Ungläubig sahen wir auf dem Weg nach MV neulich an einem random Freitag auf einer random Autobahnbrücke nahe Bernau junge Leute Pappschilder hochhalten, die das Wort „REMIGRATION“ ergaben. Solchem perfiden Engagement müssen wir doch unsere Vision einer besseren Welt entgegensetzen, unsere Solidarität und Liebe. Und wir müssen es selbst tun. „Es würde kein Kenntlicher kommen“.
Dieser Text wird in der August-Nummer des Magazins Analyse & Kritik zitiert
