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Rezension: „Die Kinder der Résistance“

Themen : Allgemein, Antifa, Nationalsozialismus · No Comments · von 21. Dezember 2020

Das hat­te ich in den letz­ten Jah­ren sel­ten, dass ich den gera­de gele­se­nen Comic-Band aus der Hand lege und umge­hend den Fol­ge­band lesen will. Dies ist mir jetzt in der Vor­weih­nachts­zeit mit dem ers­ten Band der Comic­se­rie „Die Kin­der der Résis­tance“ der Bel­gi­er Vin­cent Dugo­mier und Benoît Ers passiert. 

Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben wur­de der ers­te Band mit dem Titel „Ers­te Aktio­nen“ für ein deutsch­spra­chi­ges Publi­kum im Dezem­ber 2020 in dem öster­rei­chi­schen Ver­lag „bahoe books“. In Frank­reich und Bel­gi­en ist die seit dem Jahr 2015 im Brüs­se­ler Lom­bard Edi­ti­ons erschei­nen­de Serie „Les enfants de la Résis­tance“ längst eine Erfolgs­ge­schich­te, umfasst sechs Bän­de und wur­de als Gesamt­auf­la­ge schon 700.000 mal verkauft.

Die Kin­der der Résis­tance“ erzählt die Geschich­te drei­er Jugend­li­cher zur Zeit der deut­schen Besat­zung in Frank­reich. Dabei wer­den aus der Sicht des 13jährigen Fran­çois die Ereig­nis­se unter den Nazis und die Ent­wick­lung des anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands erzählt. Fran­çois lebt zusam­men mit sei­nem gleich­alt­ri­gen Freund Eusè­be in dem (fik­ti­ven) Dorf Pon­tain l Écluse.

Die bei­den Halb­wüch­si­gen erle­ben wie im Som­mer 1940 Flücht­lings­trecks durch ihr Dorf zie­hen, wie die deut­schen Trup­pen ein­mar­schie­ren und sich ein bru­ta­les Besat­zungs­re­gime im nord­west­li­chen Teil Frank­reichs instal­liert. Sie sind von dem pas­si­ven Ver­hal­ten der Erwach­se­nen ent­täuscht und begin­nen mit klei­nen Pro­pa­gan­da­ak­tio­nen, die zum Wider­stand gegen die Wehr­macht auf­ru­fen. Ihnen zur Sei­te gesellt sich Lisa. Das Flücht­lings­mäd­chen, das sich offi­zi­ell als Bel­gie­rin aus­gibt, ist Kind deut­scher Antifaschist*innen, die beim Ein­marsch der Wehr­macht ermor­det wur­den. Ganz allein auf der Flucht fin­det sie sich eines Tages auf der Dorf­stra­ße von Pon­tain l Éclu­se wie­der. Fran­çois und Eusè­be neh­men sich ihrer an, brin­gen sie in Fran­çois‘ Fami­lie unter und bald schon sind die drei ein unzer­s­trenn­li­ches Gespann in ihren Aktio­nen gegen die Besat­zer. Eine spon­ta­ne Idee von Fran­çois führt zu einer ers­ten gro­ßen Sabo­ta­ge­ak­ti­on. Was sich aber als Erfolg erweist, wirkt sich repres­siv auf die Dorf­ge­mein­schaft aus. So erle­ben sie das ers­te Mal, das Wider­stand sei­nen Preis hat. Den­noch wol­len sie wei­ter­ma­chen. Hier endet der ers­te Teil der Serie.

His­to­risch ver­siert doku­men­tiert der Autor Vin­cent Dugo­mier in die­sem ers­ten Band die unter­schied­li­chen Mei­nun­gen und Hal­tun­gen, die die fran­zö­si­sche Bevöl­ke­rung zu der deut­schen Besat­zung und den Nazis ein­nahm. Die Kin­der erle­ben eine zer­ris­se­ne Erwach­se­nen­welt, die von Resi­gna­ti­on, Anpas­sung und Kol­la­bo­ra­ti­on, aber auch heim­li­chem Groll, lei­sem Wider­spruch und stum­mer Wider­stän­dig­keit geprägt ist. Die unter­schied­li­chen Ein­stel­lun­gen gehen quer durch die Fami­li­en und die Dorf­ge­mein­schaft, ver­wir­ren sie, zwin­gen alle so oder so Posi­tio­nen zu bezie­hen – und, was die Protagonist*innen angeht, erwach­sen zu wer­den. Auf sich gestellt begin­nen sie mit ers­ten, zag­haf­ten Wider­stands­ak­tio­nen. Wider­stands­ak­tio­nen, die die rea­len Bedin­gun­gen und Ansät­ze der fran­zö­si­schen Résis­tance des Jah­res 1940 wider­spie­geln. Über unter­schied­li­che Erzähl­strän­ge gelingt es Dugo­mier didak­tisch geschickt die his­to­ri­schen Ereig­nis­se und Ent­wick­lun­gen dar­zu­stel­len und ein intel­li­gen­tes und lehr­rei­ches Nar­ra­tiv zu insze­nie­ren. Ein Nar­ra­tiv, dass Leser*innen mit den Held*innen Fran­çois, Eusè­be und Lisa mit­fie­bern lässt. Die­se Iden­ti­fi­ka­ti­on mit den Jugend­li­chen ist vor allem das Ver­dienst des Zeich­ners Benoît Ers. Die von ihm kre­ierten Land­schaf­ten und Orte, Hand­lun­gen und Figu­ren sind mit Hin­ga­be und Lie­be zum Detail gezeich­net und stim­mungs­voll umge­setzt wor­den. Sein schö­ner Stil ist ange­lehnt an der „ligne clai­re“ und die Zeich­nun­gen sorg­fäl­tig kolo­riert. Hier ergän­zen sich Autor und Zeich­ner kon­ge­ni­al. Und für die, die noch mehr Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen über das ers­te Jahr deut­scher Besat­zung in Frankreich1940 wün­schen, hat Vin­cent Dugo­mier im Anhang des Comics ein schön illus­trier­tes Glos­sar mit his­to­ri­schen Fak­ten, Bil­dern und Lite­ra­tur­ver­wei­sen angehängt.

Mit ihrem Werk „Die Kin­der der Résis­tance“ berei­chern der Autor Vin­cent Dugo­mier und der Zeich­ner Benoît Ers die Comic­welt um ein didak­tisch wert­vol­les und zeich­ne­risch bril­lan­tes Werk.

Allein von einem Wer­muts­trop­fen ist zu berich­ten: Laut Ver­lag soll der 2. Band erst in einem hal­ben Jahr erschei­nen. Solan­ge muss ich also mei­ne Neu­gier zügeln.

Vin­cent Dugo­mier & Benoît Ers: Die Kin­der der Résistance, Bahoe Books, Wien 2020, ISBN 978−3−903290−32−7, Lese­pro­be


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