Antifaschismus unter Anklage: Ein Trip nach Budapest zum Prozess gegen Maja T.

Land­ge­richt Buda­pest: Schau­platz eines Schau­pro­zes­ses vor der Macht­ku­lis­se des Gerichts­ge­bäu­des. Foto: Burschel

Der unga­ri­sche Staat führt seit 2025 einen offe­nen Angriff auf den Anti­fa­schis­mus. Was als Schutz der „öffent­li­chen Ord­nung“ dekla­riert wird, ist in Wahr­heit die poli­ti­sche Kri­mi­na­li­sie­rung einer Hal­tung, die sich gegen Faschis­mus, Ras­sis­mus und auto­ri­tä­re Herr­schaft rich­tet. Anti­fa­schis­ti­sche Zusam­men­künf­te wer­den nach einer neu­en recht­li­chen Rege­lung seit Herbst 2025 nicht mehr als legi­ti­me poli­ti­sche Ver­samm­lun­gen behan­delt, son­dern in den Bereich der inne­ren Sicher­heit verschoben.
Seit gerau­mer Zeit ist dies nun in Buda­pest gän­gi­ge Pra­xis:. Wäh­rend anti­fa­schis­ti­sche Soli­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen selbst in kleins­ter Form unter­sagt wer­den, erhal­ten Neo­na­zi­grup­pen regel­mä­ßig Geneh­mi­gun­gen für Auf­mär­sche, Kon­zer­te und soge­nann­te Gedenk­mär­sche. Seit Jahr­zehn­ten exis­tie­ren in Ungarn offen agie­ren­de neo­na­zis­ti­sche Struk­tu­ren. Jähr­lich fin­den Dut­zen­de Ver­an­stal­tun­gen statt, oft mit inter­na­tio­na­ler Betei­li­gung.1 Beson­ders deut­lich zeigt sich das rund um den so genann­ten Tag der Ehre. Seit fast drei­ßig Jah­ren dient die­ses Ereig­nis der Ver­herr­li­chung der Hit­ler­schen Wehr­macht und der faschis­ti­schen unga­ri­schen Pfeil­kreuz­ler. Auch wenn ein­zel­ne Demons­tra­tio­nen for­mal ver­bo­ten wur­den, fin­den die Akti­vi­tä­ten fak­tisch immer statt, umeti­ket­tiert als „Gedenk­wan­de­rung“. Tau­sen­de Neo­na­zis aus ganz Euro­pa rei­sen dafür nach Buda­pest. Der Staat weiß davon. Und er lässt sie gewähren. 

Dass anti­fa­schis­ti­sche Pro­tes­te gegen die­se inter­na­tio­na­len Nazi­tref­fen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren anwuch­sen, wird heu­te expli­zit gegen sie ver­wen­det. Nicht die faschis­ti­sche Mobi­li­sie­rung, son­dern der anti­fa­schis­ti­sche Wider­stand wird kriminalisiert.

Der Prozess gegen Maja T.

In die­ses poli­ti­sche Kli­ma ist der Pro­zess gegen Maja T. ein­ge­bet­tet. Der Antifaschist*in wird vor­ge­wor­fen, im Febru­ar 2023 am Ran­de des „Tags der Ehre“ am 11. Febru­ar an Angrif­fen auf Neo­na­zis betei­ligt gewe­sen zu sein. Von einem regu­lä­ren Straf­ver­fah­ren kann hier kaum gespro­chen wer­den. Der Pro­zess funk­tio­niert vor allem als poli­ti­sches Signal.

Maja T. sitzt seit fast 600 Tagen in Unter­su­chungs­haft. Die Län­ge die­ser Haft steht in kei­nem Ver­hält­nis zum bis­he­ri­gen Pro­zess­ver­lauf. Die Beweis­la­ge ist dünn. Vide­os zei­gen kei­ne akti­ve Tat­be­tei­li­gung. Zeug:innen konn­ten kei­ne ein­deu­ti­ge Iden­ti­fi­ka­ti­on vor­neh­men. Kon­kre­te Tat­bei­trä­ge sind nicht nach­weis­bar. Den­noch for­dert die Staats­an­walt­schaft eine dra­ko­ni­sche Stra­fe bis zu 24 Jah­ren Haft.

Beson­ders schwer wiegt der Vor­wurf der „kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung“. Das Gericht stützt sich dabei maß­geb­lich auf Akten deut­scher Behör­den, ohne eige­ne Ermitt­lun­gen vor­ge­nom­men zu haben oder die Anga­ben der Deut­schen auch nur einer kri­ti­schen Prü­fung zu unter­zie­hen. Weder Hier­ar­chien noch kon­spi­ra­ti­ve Struk­tu­ren oder gemein­sa­me Tat­ent­schlüs­se konn­ten belegt wer­den. Trotz­dem wird an die­sem Vor­wurf fest­ge­hal­ten, ent­ge­gen alle rechts­staat­li­chen Standards.

Hin­zu kommt die rechts­wid­ri­ge Aus­lie­fe­rung Majas nach Ungarn. Obwohl in Deutsch­land gegen die Aus­lie­fe­rung ein Eil­an­trag an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt lief, wur­de Maja im Juni 2024 in einer Nacht-und-Nebel-Akti­on an die unga­ri­schen Behör­den über­stellt. Damit schu­fen die deut­sche Stel­len voll­ende­te Tat­sa­chen, noch bevor das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu einer Ent­schei­dung kom­men konn­te. Wenig spä­ter stell­te das Gericht fest, dass die­se Aus­lie­fe­rung gegen grund­le­gen­de rechts­staat­li­che Prin­zi­pi­en ver­stieß. Die bekann­ten Risi­ken poli­ti­scher Ver­fol­gung und unmensch­li­cher Haft­be­din­gun­gen in Ungarn hät­ten zuvor aus­rei­chend geprüft wer­den müs­sen. Der deut­sche Staat ent­zog sich sei­ner Schutz­pflicht und lie­fer­te eine anti­fa­schis­ti­sche Aktivist*in bewusst einem auto­ri­tä­ren Jus­tiz­sys­tem aus. Die der­zei­ti­ge Haft Majas ist also nicht nur das Ergeb­nis unga­ri­scher Repres­si­on, son­dern auch Fol­ge eines deut­schen Rechtsbruchs.

Auch wur­den zen­tra­le Ver­fah­rens­un­ter­la­gen nur teil­wei­se über­setzt und der Zugang zu Beweis­ma­te­ri­al war für Maja stark ein­ge­schränkt. Hin­zu kommt, dass Anträ­ge der Ver­tei­di­gung, etwa auf­grund von Majas mas­siv geschwäch­tem Gesund­heits­zu­stand nach einem Hun­ger­streik, abge­lehnt wur­den. Von einem fai­ren Ver­fah­ren kann kei­ne Rede sein.

Der Pro­zess zeigt, wie poli­ti­scher Wil­le juris­ti­sche Prin­zi­pi­en ver­drängt und auf ein bestimm­tes erwünsch­tes Urteil hin beein­flusst. Als die Ver­tei­di­gung dies anbringt, schaut der Rich­ter, wie die meis­te Zeit stur gera­de­aus. Das Ver­fah­ren wird abge­spult, ohne dass Reak­tio­nen der betei­lig­ten Akteur*innen des Gerichts und der Staats­an­walt­schaft auch nur zu erken­nen wären. Was sich im Gerichts­saal abspielt, ist ein Spie­gel der poli­ti­schen Lage in Ungarn selbst. Rund 90 Pro­zent der Medi­en ste­hen unter staat­li­cher Auf­sicht. Pro­tes­te wer­den unter­bun­den. Trotz­dem geht das all­täg­li­che Leben irgend­wie wei­ter. Gewalt ist meist nur unter der Ober­flä­che spür­bar. Auf den Stra­ßen wirkt alles „nor­mal“, es bleibt weit­ge­hend ruhig. In der Gesell­schaft herrscht eine auf­fäl­li­ge Apa­thie gegen­über der poli­ti­schen Situa­ti­on.2

Trap­ped in Buda­pest: Maja T. bei der Vor­füh­rung in Ket­ten am 22. Janu­ar 2026, dem 16. Ver­hand­lungs­tag im Land­ge­richt Buda­pest. Foto: Burschel

Politische Justiz

Der Fall Maja T. ist kein Ein­zel­fall, son­dern Aus­druck einer umfas­sen­de­ren auto­ri­tä­ren Ent­wick­lung. Seit Jah­ren wickelt die Orbán-Regie­rung den Rechts­staat sys­te­ma­tisch ab. Staat­li­che Pro­pa­gan­da arbei­tet offen mit ras­sis­ti­schen, anti­se­mi­ti­schen und sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Moti­ven. Ein Fokus liegt dabei auch auf der quee­ren Com­mu­ni­ty in Ungarn. Auch Armut wird eth­ni­siert, gesell­schaft­li­che Kon­flik­te wer­den auf Min­der­hei­ten pro­ji­ziert.3

Dabei über­nimmt der Staat zen­tra­le Ele­men­te faschis­ti­scher Ideo­lo­gie selbst und macht klas­si­sche Neo­na­zi­struk­tu­ren zugleich poli­tisch ent­behr­lich, so berich­ten anti­fa­schis­ti­sche Aktivist*innen über­ein­stim­mend. Neo­na­zis­ti­sche Struk­tu­ren wer­den gedul­det, teils ein­ge­bun­den, aber bewusst klein gehal­ten. Ihre Ideo­lo­gie: Natio­na­lis­mus, Homo­pho­bie und Ras­sis­mus. Sie wird durch Orbáns Regie­rungs­po­li­tik effek­ti­ver umge­setzt als durch ihre eige­nen Strukturen.

Die­se Ent­wick­lung ist kein unga­ri­scher Son­der­fall. Welt­weit ver­schärft sich die auto­ri­tä­re Wen­de in Rekord­ge­schwin­dig­keit. Die Kri­se des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus, ver­schärf­te geo­po­li­ti­sche Kon­kur­renz , die zuneh­mend unkal­ku­lier­ba­ren Fol­gen des Kli­ma­wan­dels und mili­tä­ri­sche Eska­la­tio­nen begüns­ti­gen faschis­ti­sche Ten­den­zen. Anti­fa­schis­mus gerät zuneh­mend unter Druck, in den USA eben­so wie in Euro­pa und in Deutsch­land, wo die AfD sich die Hän­de reibt ange­sichts der anti-anti­fa­schis­ti­schen Eskalation.

Dass Orbáns Macht den­noch nicht gren­zen­los ist, zei­gen Mas­sen­mo­bi­li­sie­run­gen der letz­ten Jah­re, wie etwa ver­gan­ge­nes Jahr die gro­ße Pri­de Para­de mit über 300.000 Teil­neh­men­den aus aller Welt, die trotz eines Ver­bots (unter dem Schirm des libe­ra­len Buda­pes­ter Bür­ger­meis­ters) statt­fand. Des­halb greift das Regime auf das klas­si­sche faschis­ti­sche Instru­men­ta­ri­um zurück: Pro­pa­gan­da, Angst­ma­che, recht­li­che Will­kür und Kri­mi­na­li­sie­rung poli­ti­scher Gegner*innen.

Antifaschismus bleibt notwendig

Die Kri­mi­na­li­sie­rung des Anti­fa­schis­mus ist eine Etap­pe auf dem Weg in den Faschis­mus. Wer heu­te schweigt, wenn Anti­fa­schis­mus kri­mi­na­li­siert und ver­bo­ten wird, stellt sich fak­tisch auf die Sei­te der Repres­si­on. Die Geschich­te zeigt, dass Faschis­mus nicht von selbst ver­schwin­det. Er wird bekämpft oder er setzt sich durch.

Auch ein mög­li­cher Macht­ver­lust Orbáns wür­de den Faschis­mus nicht auto­ma­tisch been­den. Der anti­fa­schis­ti­sche Kampf – vom Akti­vis­mus bis in die wer­te­ori­en­tier­te bür­ger­li­che Mit­te – bleibt eine gesell­schaft­li­che Auf­ga­be. Er rich­tet sich nicht nur gegen orga­ni­sier­te Neo­na­zis, son­dern gegen die poli­ti­schen und sozia­len Bedin­gun­gen, die aktu­ell welt­weit auto­ri­tä­re Herr­schaft hervorbringen.

Wenn du wis­sen willst, was du in den 1930-er Jah­ren getan hät­test“, heißt es auf einem anti­fa­schis­ti­schen Blog aus Buda­pest, „dann schau dir an, was du heu­te tust.“

Ungarn lie­fert dafür der­zeit ein bedrü­cken­des Kli­ma, doch die Geschich­te ist noch nicht abgeschlossen.

Fuß­no­ten:

1 VVN-BdA. (12. Febru­ar 2024). Erneut behin­dert die unga­ri­sche Poli­zei Pro­tes­te gegen Nazi-Event „Tag der Ehre“. Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Naziregimes

2 Vers­eck, K. (2014, 22. Mai). Ungarn: Wo Rechts­extre­mis­mus in der Mit­te der Gesell­schaft ange­kom­men ist. Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung (bpb)

3 PRO ASYL. (2015, 10. Juni). Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus in Ungarn: Bericht des Euro­pa­ra­tes übt mas­si­ve Kri­tik. PRO ASYL.