Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus



Zum «Rasse»-Begriff in Schulbüchern für den Englischunterricht

Themen : Allgemein, Rassismus · No Comments · von 13. Februar 2015

Eng­lisch-Schul­bü­cher stel­len einen von weni­gen Räu­men in der BRD dar, in denen das The­ma Ras­sis­mus aktu­ell expli­zit und ver­gleichs­wei­se aus­führ­lich dis­ku­tiert wird. In einer Ana­ly­se von 18 Eng­lisch-Lehr­wer­ken für die Sekun­dar­stu­fe II im Bun­des­land Bre­men, die zwi­schen 2000 und 2010 erschie­ne­nen sind, konn­te ich nach­zeich­nen, wie die­se Aus­ein­an­der­set­zung mit Ras­sis­mus in den Schul­bü­chern selbst in Ras­sis­mus ver­wo­ben ist (Bön­kost 2014). Die­se Ver­stri­ckung macht sich ins­be­son­de­re an der regel­haf­ten Ver­wen­dung des Ras­se­be­grif­fes in den Unter­richts­wer­ken fest. In über 100 Lern­ein­hei­ten der unter­such­ten Bücher wird der Begriff gebraucht. Trotz einer begriff­li­chen Unschär­fe und regel­rech­ten Begriffs­dif­fu­si­tät in eini­gen Lehr­wer­ken kenn­zeich­nen die The­ma­ti­sie­run­gen von «Ras­se» in den Schul­bü­chern bestimm­te Struk­tu­ren. Zum Bei­spiel wird der Begriff am häu­figs­ten mit Bezug auf die USA als Ziel­spra­chen­land benutzt.

Die Ver­wen­dung des Ras­se­be­grif­fes im Rah­men der Reprä­sen­ta­ti­on der USA in den Schul­bü­chern lässt ver­mu­ten, dass bei der Schul­buch­pro­duk­ti­on Über­le­gun­gen dar­über, wie die Adressat_innen den Aus­druck inter­pre­tie­ren könn­ten, kaum bedeu­tungs­voll waren. Der Ras­se­be­griff funk­tio­niert ledig­lich als zuord­nen­der Begriff und Per­so­nen­be­schrei­bung. Kein Schul­buch­text erklärt, wel­che Bedeu­tung ihm zukommt und war­um Men­schen in den USA, wie z. B. die viel­fach aus­drück­lich als «Ras­sen» ange­spro­che­nen Grup­pen «Schwar­ze» und «Wei­ße», «ras­sisch» kate­go­ri­siert wer­den. Damit rücken die Lehr­wer­ke die Dif­fe­renz der ver­meint­li­chen «Ras­sen» selbst in den Vor­der­grund. Weil sie das im Zusam­men­hang mit dem Ras­se­be­griff ange­bo­te­ne Wis­sen kaum begrün­den und erläu­tern, ist die Bedeu­tung des Begrif­fes kon­tex­tu­ell bestimmt.

Ich konn­te drei wie­der­keh­ren­de Ver­wen­dungs­kon­tex­te des Ras­se­be­grif­fes in den Lehr­wer­ken ermit­teln:

  • Die ers­te Kon­text­be­deu­tung umfasst die Beschrei­bung von «Ras­se» als apo­li­ti­sche Kate­go­rie, die über ihre ver­schie­de­nen Aus­prä­gun­gen die US-ame­ri­ka­ni­sche Bevöl­ke­rung in meh­re­re quan­ti­fi­zier­ba­re Kol­lek­ti­ve teilt. Zwecks Erfas­sung von Daten zur demo­gra­fi­schen Ent­wick­lung der USA wird auf sie zurück­ge­grif­fen.
  • In sei­ner zwei­ten Bedeu­tung ver­weist der Ras­se­be­griff auf ein Iden­ti­täts­merk­mal mit einer mög­li­chen poli­ti­schen Impli­ka­ti­on. Hier wird ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung the­ma­ti­siert. Die Tex­te mit die­sem Bedeu­tungs­ge­halt bezie­hen sich nur auf «Schwar­ze» und «Wei­ße», beschrei­ben die­se als oppo­si­tio­nel­les Paar und zei­gen Dif­fe­ren­zen zwi­schen ihnen auf. Wäh­rend Ers­te­re als von ras­sis­ti­scher Aus­gren­zung betrof­fen dar­ge­stellt wer­den, wer­den «wei­ße» US-Ame­ri­ka­ner_in­nen in der Rol­le als nicht von Ras­sis­mus dis­kri­mi­nier­te Men­schen por­trai­tiert. Sie wer­den außer­halb des Kon­struk­ti­ons­pro­zes­ses von Ras­sis­mus ver­or­tet, so dass die Kate­go­rie «weiß» als poli­tisch neu­tral beschrie­ben wird. Gesamt­ge­sell­schaft­li­che Macht­ver­hält­nis­se blei­ben unbe­rück­sich­tigt.
  • Drit­tens weist der Aus­druck «Ras­se» eine Ähn­lich­keit mit dem Eth­ni­zi­täts­be­griff auf. Hier ist die kul­tu­rel­le Viel­falt der USA vor­der­grün­dig, der sich die Schul­buch­tex­te trotz des ver­wen­de­ten Ras­se­be­grif­fes vor allem über einen ver­meint­lich poli­tisch neu­tra­len Eth­ni­zi­täts­be­griff annä­hern.

Aus den Lehr­wer­ken her­aus abge­lei­tet kann des­halb die Fra­ge Was ist «Ras­se»? nur bedingt für alle Schul­buch­tex­te gleich beant­wor­tet wer­den. Immer funk­tio­niert der Begriff jedoch als ver­meint­lich natür­li­che Dif­fe­renz- und Iden­ti­täts­ka­te­go­rie, die die Bevöl­ke­rung in meh­re­re Grup­pen unter­teilt. Alle drei Bedeu­tungs­di­men­sio­nen set­zen damit vor­aus, dass Men­schen selbst­ver­ständ­lich einer «Ras­se» ange­hö­ren. Kein Text ver­weist expli­zit auf den sozia­len Kon­struk­ti­ons­cha­rak­ter der Kate­go­rie und nur aus weni­gen Tex­ten geht die­se Infor­ma­ti­on impli­zit her­vor, so dass die «ras­si­sche» Zuge­hö­rig­keit des Indi­vi­du­ums regel­haft als natur­haft und vom his­to­ri­schen Kon­text los­ge­löst erscheint. Die Schul­bü­cher sug­ge­rie­ren somit eine Neu­tra­li­tät von «Ras­se», die es weder in den USA noch in Deutsch­land jemals gab und die gegen­wär­tig nicht exis­tiert.

Um die Grün­de für das Zustan­de­kom­men und die umfas­sen­de­re sozia­le Bedeu­tung der Deu­tungs­mus­ter, die die Reprä­sen­ta­tio­nen von «Ras­se» in den USA in den Lehr­wer­ken betref­fen, zu erfas­sen, muss gefragt wer­den, wel­che Inter­es­sen mit ihnen ver­folgt wer­den. Wer pro­fi­tiert war­um und inwie­fern von die­sen Lern­in­hal­ten?

Die spe­zi­fi­sche Ver­wen­dung des Ras­se­be­grif­fes in den Schul­bü­chern kon­sti­tu­iert auf der impli­zi­ten Bedeu­tungs­ebe­ne eine die deut­sche Gesell­schaft betref­fen­de wei­ße Sub­jekt­po­si­ti­on. Sie bezieht sich auf die Lebens­welt und Erfah­run­gen in einer ras­sis­ti­schen Gesell­schaft der Adressat_innen. Denn die Bücher bie­ten den Leser_innen eine Rol­le als Betrachter_innen von «Ras­se» in den USA an. Die­se Rol­le kann auch als Ort ver­stan­den wer­den, von dem aus «Ras­se» in den USA wahr­ge­nom­men wird. Als unhin­ter­frag­ter Blick­win­kel des Spre­chens über ist die­ser Ort macht­voll. Denn die Beschäf­ti­gun­gen mit «Ras­se» in den Schul­bü­chern bie­ten den Leser_innen macht­vol­le bekann­te ras­si­fi­zie­ren­de Wahr­neh­mungs­wei­sen an. Sie stel­len als Lern­in­halt die Nor­ma­li­tät der ras­sis­ti­schen Ord­nung der sozia­len Welt bereit und machen den Adressat_innen das Ange­bot, ihre eige­ne Iden­ti­tät inner­halb die­ser Struk­tu­ren zu begrei­fen. Damit prä­sen­tie­ren die Bücher mit ihrer The­ma­ti­sie­rung von «Ras­se» in den USA ein Wis­sens­an­ge­bot, das gel­ten­de ras­sis­ti­sche Herr­schafts­ver­hält­nis­se in Deutsch­land bestärkt. Sie wie­gen das vor­herr­schen­de wei­ße Sub­jekt in Sicher­heit, indem sie Gewiss­heit über die Kon­stanz natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler von Ras­sis­mus gepräg­ten Gesell­schafts­struk­tu­ren ermög­li­chen. Sie stüt­zen damit die Hand­lungs­fä­hig­keit der Ange­hö­ri­gen der wei­ßen Mehr­heit in der Gesell­schaft, wäh­rend sie die Mög­lich­kei­ten gesell­schaft­li­cher (kul­tu­rel­ler, öko­no­mi­scher, sozia­ler) Teil­ha­be von ras­sis­tisch aus­ge­grenz­ten Per­so­nen begren­zen.

Eine ras­sis­mus­kri­ti­sche Gestal­tung von Eng­lisch-Schul­bü­chern setzt vor­aus, dass der The­men­strang «race» kon­se­quent poli­ti­siert und nur in der Ver­bin­dung mit kri­ti­schen Refle­xio­nen unglei­cher Macht­ver­hält­nis­se und Inter­es­sen­la­gen im Kon­text von Ras­sis­mus ange­spro­chen wird. Bedeut­sam ist nicht pri­mär die Aus­wahl der The­men, son­dern eine poli­ti­sche Rhe­to­rik, die kon­se­quent deut­lich macht, dass «Ras­se» kei­ne dif­fe­ren­ten fest­ge­schrie­be­nen Iden­ti­tä­ten vor­aus­ge­hen, son­dern unter­schied­li­che, (dis­kur­siv) sozi­al erzeug­te und sich rela­tio­nal zuein­an­der ver­hal­ten­de Posi­tio­nen der Macht mit einem unglei­chen Zugang zu gesell­schaft­li­chen Res­sour­cen schafft. Ein ver­meint­lich neu­tra­ler und schein­bar natür­li­cher Ras­se­be­griff, der auf affir­ma­ti­ve Wei­se Viel­falt kon­no­tiert, ist kon­se­quent zurück­zu­wei­sen. Der Ras­se­be­griff ist grund­sätz­lich als hei­kel zu reflek­tie­ren, weil er immer ras­sis­ti­sche Bedeu­tungs­in­hal­te trans­por­tiert. Damit wür­de offen­ge­legt wer­den, dass er wie in Deutsch­land auch in den USA pro­ble­ma­tisch ist, weil er auch hier macht­po­li­tisch miss­braucht wird und mit ihm ein Kampf um Bedeu­tun­gen und damit um das Leben von Indi­vi­du­en zen­tral berüh­ren­de kul­tu­rel­le, öko­no­mi­sche und sozia­le Wirk­lich­kei­ten ver­bun­den ist.

 

Lite­ra­tur

Bön­kost, Jule (2014): Zur Kon­struk­ti­on des Ras­se­dis­kur­ses im Eng­lisch-Schul­buch. INPUTS – Kri­ti­sche Bei­trä­ge zum post­ko­lo­nia­len und trans­kul­tu­rel­len Dis­kurs, Bd. 5. Trier: WVT.


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