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Wurzen again: „Das Problem heißt Rassismus“ – Antifa-Kundgebung im braunen Herzen des Muldentals

Themen : Allgemein, Flucht & Asyl, Neonazismus, Rassismus · No Comments · von 22. Januar 2018

Es war in der Tat wie­der gru­se­lig in Wur­zen, wo etwa 250 Antifaschist_innen gegen die aktu­el­len ras­sis­ti­schen Angrif­fe auf Geflüch­te­te pro­tes­tier­ten. Es war klar, dass unter den Demons­trie­ren­den kaum Men­schen aus Wur­zen sein wür­den und das sich Leu­te von der Demo, die sich außer­halb der Poli­zei­sper­ren um den Kund­ge­bungs­ort im Stadt­park direkt neben dem Bahn­hof der Joa­chim-Rin­gel­natz-Stadt bewegt hät­ten, sich in gro­ße Gefahr bege­ben hät­ten, denn die Stra­ßen kon­trol­liert dort der orga­ni­sier­te Nazimob: eine neue SA mar­schiert in Wur­zen und anders­wo (wie etwa zeit­gleich in Cott­bus). Aus gege­be­nem Anlass doku­men­tie­ren wir hier den Demo­auf­ruf des Bünd­nis­ses „Irgend­wo in Deutsch­land“, der auf die schwe­ren ras­sis­ti­schen Angrif­fe, die ver­hee­ren­de media­le Bericht­erstat­tung und die erschre­cken­den poli­zei­li­chen und poli­ti­schen Reak­tio­nen dar­auf ein­geht. Dar­un­ter die Pres­se­mit­tei­lung des Bünd­nis­ses zu den Angrif­fen schwer bewaff­ne­ter Nazis auf die Anti­fa-Demons­tra­ti­on am Sams­tag:

Im Stadt­park von Wur­zen: Umla­gert von Poli­zei und Neo­na­zis erho­ben rund 250 Kundgebungsteilnehmer_innen ihre Stim­me gegen den ras­sis­ti­schen Kon­sens in der Rin­gel­natz-Stadt Foto: Bur­schel

Solidarität mit allen Betroffenen rassistischer und rechter Gewalt
– Vor rechten Strukturen keinen Millimeter zurückweichen!

In der Nacht von Frei­tag, dem 12. Janu­ar, kam es wie­der­holt zu ras­sis­ti­schen Angrif­fen von Neo­na­zis in Wur­zen, bei dem meh­re­re Men­schen ver­letzt wur­den. Dies ist ein wei­te­rer Höhe­punkt in einer Rei­he von Gewalt­ta­ten gegen Geflüch­te­te und nicht-rech­te Men­schen in der Stadt. Der Angriff fand in einem Wohn­haus statt, in dem vie­le Geflüch­te­te leb­ten. Eini­ge der Bewohner*innen sind von den Angreifer*innen im Schlaf über­rascht wor­den. Die meis­ten Betrof­fe­nen haben noch in der glei­chen Nacht Wur­zen ver­las­sen. Der Ras­sis­mus in Wur­zen ist seit vie­len Jah­ren all­täg­lich und sehr ent­hemmt: Fens­ter­schei­ben wer­den ein­ge­schmis­sen, Geflüch­te­te kör­per­lich atta­ckiert, sie wer­den auf dem Nach­hau­se­weg abge­fan­gen und belei­digt, Fami­li­en wer­den beim Ver­las­sen der Woh­nung bespuckt und bedroht. Immer wie­der ver­su­chen Neo­na­zis direkt in ihren Wohn­be­reich ein­zu­drin­gen.

Der Angriff am Frei­tag war geplant. Was die Neo­na­zis jedoch nicht ein­plan­ten, war die Selbst­ver­tei­di­gung der Ange­grif­fe­nen. Seit einer Woche ver­su­chen sich die Neo­na­zis als Opfer zu dekla­rie­ren und rufen in der Stadt und der Regi­on zu offe­nen Rache­ak­tio­nen auf. Auch für das kom­men­de Wochen­en­de (19. bis 21. Janu­ar) muss mit einem mas­si­ven Auf­lauf von neo­na­zis­ti­schen Kräf­ten und rech­ten Jugend­li­chen in Wur­zen gerech­net wer­den. Bereits im August 2016 kam es nach einem ras­sis­ti­schen Angriff vor einer Piz­ze­ria, der von den Neo­na­zis eben­falls zu einem Angriff von “Aus­län­dern” umge­dich­tet wur­de, nach weni­gen Tagen zu einem rech­ten Auf­marsch von mehr als 300 Neo­na­zis und Rassist*innen in Wur­zen.

Die Stadt die jeder hasst: Wur­zen!” So oder so ähn­lich füh­len sich momen­tan die Wurzner*innen: Falsch ver­stan­den und ver­ur­teilt. Der LVZ-Regio­nal-Chef­re­dak­teur Tho­mas Lieb fasst dies stell­ver­tre­tend für die “deut­schen” Einwohner*innen Wur­zens zusam­men, die er gleich­zei­tig in ihrer Hal­tung bestärkt. So kom­men­tier­te er: “Die eigent­li­che Tra­gö­die der neu­er­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Deut­schen und Aus­län­dern ist nicht die Tat an sich – es ist der Tat­ort. Wur­zen. Weil alle Welt damit das Nazi-Dorf in Sach­sen, in dem es stän­dig kracht, ver­bin­det. Egal, wie über­zo­gen die­ses Bild ist. Wäre das, was am Frei­tag­abend in Wur­zen pas­siert ist, in Grim­ma oder Bad Lau­sick pas­siert – es wäre schlimm, hät­te aber nicht die Trag­wei­te von Wur­zen erreicht.” Im Wei­te­ren ist Tho­mas Lieb der Mei­nung, dass die “dezen­tra­le Unter­brin­gung von Asyl­su­chen­den” unge­eig­net sei. Nun könn­te dies hei­ßen, dass er sich für eine gro­ße “Sam­mel­un­ter­kunft” für Geflüch­te­te aus­spricht – weit gefehlt. Er sagt: “Die Vor­komm­nis­se in Wur­zen haben (ein­mal mehr) unter­mau­ert, wor­an Wur­zen seit Jah­ren lei­det. Dafür trägt nie­mand die Schuld allein. (…) Da kann kein noch so gut besetz­tes Poli­zei­re­vier Frie­den sichern. In Wur­zen wird eine unge­stör­te Will­kom­mens­kul­tur in der bis­he­ri­gen Form nicht gelin­gen.” Er sagt damit, dass geflüch­te­te Men­schen in Wur­zen nie­mals sicher leben wer­den und behaup­tet, dass die ein­zi­ge Lösung dar­in besteht, kei­ne den Neo­na­zis nicht geneh­men Men­schen mehr nach Wur­zen zu las­sen. In sei­nen Kom­men­tar ver­gleicht er die ras­sis­ti­schen Angrif­fe mit einem Fuß­ball­spiel, die Geflüch­te­ten mit Hoo­li­gans. Damit unter­stützt er die Neo­na­zis und Rassist*innen mit ihrer For­de­rung “Aus­län­der raus”. Einen öffent­li­chen Wider­spruch gibt es dazu aus der Stadt­ge­sell­schaft bis heu­te nicht.

Auch die Poli­zei schafft es seit Jah­ren in Wur­zen sich auf die Sei­te der rech­ten Angreifer*innen zu stel­len. In den aktu­el­len Pres­se­mel­dun­gen wird das Gesche­hen zu einer Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen “Aus­län­dern” und “Deut­schen” gemacht. Wie durch alle Akteur*innen in Wur­zen betrei­ben auch sie eine bewuss­te Ent­po­li­ti­sie­rung. Schlim­mer noch, in der Ver­gan­gen­heit gibt es aus Wur­zen nicht weni­ge Berich­te, in denen Not­ru­fen von Betrof­fe­nen von ras­sis­ti­scher Gewalt erst nach­ge­gan­gen wur­den, nach­dem “Deut­sche” bei der Poli­zei anrie­fen. Als es Pfings­ten 2017 zu einem Angriff von betrun­ke­nen Rech­ten auf Geflüch­te­te kam, wur­den die Betrof­fe­nen von der Poli­zei über­haupt nicht befragt, ledig­lich die Rassist*innen konn­ten wie­der behaup­ten, sie sei­en ange­grif­fen wor­den. Auch nach die­sen Angriff ver­sam­mel­ten sich Tage spä­ter rund 70 Neo­na­zis und Rassist*innen und ver­such­ten die Woh­nun­gen der Betrof­fe­nen zu stür­men.

In den ver­gan­gen Jah­ren gab es aus der Stadt­ge­sell­schaft in Wur­zen kei­ne öffent­lich wahr­nehm­ba­re Soli­da­ri­sie­rung mit den Betrof­fe­nen ras­sis­ti­scher und rech­ter Gewalt. Statt­des­sen kommt es im Nach­gang immer wie­der zu rech­ten Ver­samm­lun­gen und Demons­tra­tio­nen, auf denen sich die Täter*innen als Opfer dar­stel­len kön­nen. Die Lis­te an schwers­ten Angrif­fen ist gera­de in den letz­ten Jah­ren lang, eine Kund­ge­bung gegen ras­sis­ti­sche und rech­te Gewalt gab es bis­her jedoch nie.

Unse­re Kund­ge­bung am Sams­tag in Wur­zen will genau die­ses deut­lich machen. Wir sind soli­da­risch an der Sei­te von allen Men­schen, die in Wur­zen seit Jah­ren Angrif­fen aus­ge­setzt sind. Zugleich wol­len wir uns mit der Kund­ge­bung gegen die Erzäh­lung in Wur­zen rich­ten, wonach die Stadt nur ein “Image­pro­blem” habe. Gepflegt wird die­se Mär von der Ver­wal­tung, den loka­len Medi­en sowie poli­ti­schen Akteur*innen. Das Pro­blem in Wur­zen heißt Ras­sis­mus. Und die­ser äußer­te sich nicht nur in den Über­grif­fen von “Deut­schen” am 12. Janu­ar gegen­über Geflüch­te­ten, son­dern er äußert sich eben­so in der Ver­harm­lo­sung der Tat als sol­cher.

Cafe Mor­gen­land* schrieb einst: “Die­se Hoff­nung – und unse­re Ver­pflich­tung, an der Sei­te der Stig­ma­ti­sier­ten zu ste­hen – speist sich aus der Ansicht, dass Ras­sis­mus und Natio­na­lis­mus als Kon­sum­gü­ter betrach­tet wer­den müs­sen, deren Erwerb – so wie bei allen ande­ren “Güter“ auch – einen Preis hat, etwas kos­tet. Die­sen Preis also müs­sen wir mög­lichst hoch trei­ben. (…) Wenn Ras­sis­ten angrei­fen, müs­sen wir dafür sor­gen, dass sie es nie wie­der tun!”

Bünd­nis “Irgend­wo in Deutsch­land”“

Und hier die PM zu dem dreis­ten Angriff schwer bewaff­ne­ter Nazis auf die Anti­fa-Kund­ge­bung:.

Selbst­be­wuss­te Hit­ler­ju­gend kon­trol­liert die Stra­ßen von Wur­zen: Ver­mummt, mit Foto­ap­pa­ra­ten und — wie sich spä­ter her­aus­stell­te — zum Teil schwer bewaff­net. Foto: Bur­schel

Für den heu­ti­gen Sams­tag [20.1.2018]  hat das bun­des­wei­te Bünd­nis “Irgend­wo in Deutsch­land” zu einer Kund­ge­bung in Wur­zen unter dem Mot­to “Soli­da­ri­tät mit allen Betrof­fe­nen ras­sis­ti­scher und rech­ter Gewalt” auf­ge­ru­fen, die aktu­ell noch läuft. Dem kurz­fris­ti­gen Auf­ruf folg­ten erfreu­li­cher­wei­se 250 Men­schen aus der Regi­on und dem gesam­ten Bun­des­ge­biet. Wie erwar­tet war die Poli­zei mit einem hohen Auf­ge­bot prä­sent und agier­te repres­siv gegen die Kund­ge­bung, die zuvor mit völ­lig über­zo­ge­nen Auf­la­gen belegt wor­den war. Wäh­rend der Kund­ge­bung kam es zu einem Angriff von Nazis, die u.a. bewaff­net mit lan­gen Mes­sern, Tele­skop­schlag­stock und Base­ball­schlä­ger aus einer bekann­ter­ma­ßen von Nazis genutz­ten Immo­bi­lie in der Bahn­hof­stra­ße stürm­ten. Fotos von dem Angriff fin­den sich hier. Zudem wur­de von Nazis eine Gegen­kund­ge­bung durch­ge­führt.

Die Pres­se­spre­che­rin des Bünd­nis­ses, San­dra Merth: “Wir sind heu­te nach Wur­zen gefah­ren, um zu zei­gen: Wur­zen hat kein Image-Pro­blem, Wur­zens Pro­blem heißt Ras­sis­mus. Wir nen­nen Wur­zen das brau­ne Herz des Mul­den­tals, denn es ver­eint all die Wider­lich­kei­ten, die auch anders­wo eine explo­si­ve Mischung bil­den: unge­stör­te Nazi­struk­tu­ren, eine größ­ten­teils schwei­gen­de bis unter­stüt­zen­de Stadt­be­völ­ke­rung und eine Poli­tik, die sich lie­ber um das Image der Stadt, als um das Wohl­erge­hen der Men­schen küm­mert, die in ihr leben.”

Schon in den 1990er Jah­ren galt Wur­zen als “natio­nal befrei­te Zone”. In den letz­ten Jah­ren waren Geflüch­te­te in der Stadt andau­ern­den Bedro­hun­gen, Belei­di­gun­gen und schwe­ren kör­per­li­chen Angrif­fen aus­ge­setzt. San­dra Merth dazu: “Es ist wich­tig, die Betrof­fe­nen zu fra­gen. Angrif­fe auf Geflüch­te­te und ihre Woh­nun­gen sind in Wur­zen All­tag. Es ist ein Skan­dal, dass nun Betrof­fe­ne aus Angst vor dem gewalt­tä­ti­gen Mob die Stadt ver­las­sen muss­ten, wäh­rend die Rassist_innen sich wei­ter­hin unge­stört am Bahn­hof, in den Stra­ßen, Knei­pen und Sport­ver­ei­nen von Wur­zen tref­fen.” San­dra Merth for­dert ein kon­se­quen­tes Ein­schrei­ten gegen­über der ras­sis­ti­schen Sze­ne in Wur­zen: “Wir begrü­ßen es, wenn sich Geflüch­te­te gegen ras­sis­ti­sche Angrif­fe zur Wehr set­zen. Wir bezwei­feln, dass sie dabei auf Stadt, Poli­zei oder Bun­des­land hof­fen dür­fen. Was es jetzt braucht, sind aber deut­li­che Signa­le an die Rassist_innen. Wir wer­den Wur­zen solan­ge kei­ne Ruhe las­sen, bis ihre Angrif­fe auf­hö­ren.”

Das “Irgend­wo in Deutschland”-Bündnis hat­te bereits am 2. Sep­tem­ber 2017 anläss­lich des “Tages der Sach­sen” in Wur­zen demons­triert. San­dra Merth ver­weist auf die dama­li­gen Erfah­run­gen: ”Auch bei unse­rer letz­ten Demons­tra­ti­on in Wur­zen wur­den Aus­schrei­tun­gen von der Lokal­pres­se gera­de­zu her­bei­ge­schrie­ben, am Bahn­hof mar­schier­te damals das SEK auf. Alles nur, damit die hie­si­gen Zustän­de unbe­ach­tet blei­ben. Auch heu­te zeig­te sich wie­der ein Mob aus gewalt­tä­ti­gen Rassist_innen, der unse­re Kund­ge­bung atta­ckie­ren woll­te. Wir las­sen uns davon nicht ein­schüch­tern!”

Das “Irgend­wo in Deutschland”-Bündnis unter­stützt zudem den Auf­ruf des RAA Sach­sen zu Spen­den für die selbst­or­ga­ni­sier­te Unter­brin­gung und recht­li­che Unter­stüt­zung von Geflüch­te­ten aus Wur­zen, der online hier zu fin­den ist. 

Bünd­nis “Irgend­wo in Deutsch­land”, irgendwoindeutschland@​systemli.​org, www​.irgend​wo​in​deutsch​land​.org,twit​ter​.com/​i​r​g​e​n​d​w​o​i​nde


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