Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus



«Vielleicht gehörten unsere Leben nicht immer uns, aber die Toten waren immer unsere Toten.» (Mario Levi)

Das Oberlandesgericht in der Münchner Nymphenburger Straße. Ein Zelt, drei Durchlässe: für die akkreditierte Presse einer, rechts außen. In der Mitte die Bevölkerung, die dabei sein können soll. Für wen ist der linke Durchlass reserviert, in dem niemand in der Schlange steht? Wer steht da sonst, wer fehlt heute? Ich bin das erste Mal hier. Also direkt vor dem Gerichtsgebäude. Ich bin nicht niemand, ich gehöre nicht zur akkreditierten Presse. Ich stehe in der Mitte. Ein Schild weist mein Interesse und meine Zugehörigkeit zu dieser Interessengruppe als legitim aus. Es scheint, ich repräsentiere die Bevölkerungsmehrheit. Was natürlich einer gewissen Sonderheit nicht entbehrt. Der Prozess, dem ich beiwohnen werde, geht gegen fünf Personen, die solche wie meinen Vater, meine Onkel – mich, der ich kein Kind und kein Jugendlicher mehr bin, genau im richtigen Alter also – ermordet haben. Bam-bam, Kopfschuss. Acht Schüsse, sechs davon in den Kopf. «Die Sache», «was da passiert ist», «der Tatort» wird der Zeuge vom Hessischen Landesamt für Verfassungsschutz sagen. Kein Blut, kein Schmerz, keine Zuständigkeit. Er ist ohnehin seit Jahren in Rente. «Ich erinnere mich nicht», «Jetzt, wo Sie es sagen», «Ich weiß es nicht», «Das könnte unter Umständen sein.» Und diesen interessantesten aller Sätze: «Ich sage ja jedem, wenn er weiß, dass irgendwo sowas passiert, bitte nicht vorbeifahren.» Er sagt nicht: «Ich sage ja jedem, wenn er weiß, dass irgendwo sowas passiert, bitte nicht töten. Bitte verhindern.»
Schwieriger wäre es zu sagen: «Ich bin Mörder. Wenigstens decke ich Leute, die andere ermorden. Ich lenke polizeiliche Ermittlungen. Gegebenenfalls auch in die Irre. Eins der Prinzipien, die mich und meine ehemalige Behörde in der Praxis leiten, heißt Rassismus. Das ist unser Geschäft – wir begehen rassistische Morde. Umstandshalber lassen wir sie lieber begehen.» Wer will, hört das aus dem Statement ohnehin heraus. Aber es gibt selbstverständlich auch die, die das nicht wollen.

Diese Menschen und ich sprechen dieselbe Sprache. Die einzige Heimat, die es gibt. Und doch wohnen wir ganz woanders. Andere Welten. Lohnt es sich zu fragen, was dem Zeugen seine Worte bedeuten? Was bedeuten sie denn mir? Seit einiger Zeit bin ich nah am Wasser gebaut. Das ist eine seltsame Formulierung, ich weiß. Denn «gebaut» bin ich vor viel längerer Zeit auf sehr solidem Grund. Durch Zuschüttungen und Festtrampelungen ist der Grund ganz und gar nicht nah am Wasser. Selbst das Grundwasser ist abgesunken, vor langer Zeit. Und doch ist mir nach Weinen, die ganze Zeit. Der Widerspruch steckt im Grund. Das Wasser kommt genau dann, wenn und wann es selbst es will. Meine Sicherheitsmaßnahmen scheren es nicht. Die Wörter beschreiben nicht mich, sondern sich. Und sie beschreiben sich immer dann und immer so, wie sie es gerade wollen. Wieso sollten sie auch mich fragen. Ich laufe ihnen ohnehin nur nach. Sie waren vor mir da und sie werden nach mir da sein. Ich kann nicht ich sein, selbst beim aller naivsten Willen. Ich war es nie. Es gibt kein Ich. Das, was dieser Sprache ihr «Ich» und «Mich» sein könnte, ist im besten Fall ein fremdes «Uns». Das zeigen mir Tage wie dieser im OLG München, Sitzungssaal soundso. Mit aller Macht und Gewalt.

Unweigerlich muss ich lachen, wenn der Zeuge vom Amt für den Schutz der Verfassung beim aufgezeichneten Gespräch sich nach dem Wohlbefinden von Frau und Kind erkundigt, ob alles gut sei, wie es so gehe. Er erkundigt sich nicht, wie es sich lebt als einer, der beim Schützen der Verfassung zwei Meter von einem Ermordeten stand und 50 Cent für die Nutzung des Internets auf einen Tresen legte und ging, während der Betreiber noch atmete, obwohl sein Tod schon vor langer Zeit konzessioniert war. Ich will nicht sagen, es könnte ein Scherz sein. Aber das Hilfsverb ist wirklich nicht notwendig. Es ist ein Scherz.
Wir sehen uns an, beim Lachen, beim Staunen, bei Wut und Trauer. Wir, hier oben auf der Tribüne. Aber sehen wir uns in die Augen? Können wir uns in die Augen sehen und sagen: Diese Sprache, die Laut und Wort gewordene Unmoral, ist meine Sprache? Unsere? Sprechen sie dort in einer Zunge, die auch meine ist? Unsere? Können wir irgendwann wieder zu dieser Sprache werden? Kann diese Sprache wieder zu uns werden? Können wir zum Wir werden? Ja und nein. Immer und nie. Selbstverständlich und ausgeschlossen.

Beate Zschäpe schweigt. Die einhundert vorhandenen Plätze sind voll. Sie sind voll, weil im ganzen Land Bayern sich kein größerer Saal finden ließ. Und weil «sie» vielleicht heute reden wird. So voll war es hier seit kurz nach Prozessauftakt nicht mehr. Gestern hatte sie Zahnschmerzen, der Richter erkundigte sich am Morgen, ob die Behandlung absolviert worden und sie mithin bereit sei für das, was ansteht. Akribisches Abarbeiten von Details. Tonnen und Abertonnen von Einzelheiten. Keine von ihnen wird mehr das Strafmaß erheblich in die Höhe treiben oder mindern. Es ist alles gesagt. Zumindest ist alles erhoben. Tausende Seiten liegen vor. Bedruckt mit Worten, die zusammengenommen weniger wiegen als ein kurzes Gedicht. Es ist Zeit, dass es Zeit wird. Es ist Zeit, dass der Stein zu blühen sich bequemt. Dass der Unrast ein Herz schlägt. Der Nervenzusammenbruch, mit dem die Zeugin aus der Keupstraße heute nicht hierher, sondern ins Krankenhaus verfrachtet wurde, steht unmittelbar im Zusammenhang mit dem Einnicken der Justizbediensteten, die sich dann gegenseitig sanft mit dem Ellenbogen wecken.
Eifrig schreiben Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung mit, was gesagt wird. In jedem gesagten Wort stecken dreißig andere, die verschwiegen werden. Eifrig tippt die anwesende Presse, lauter als unten, wo die Wichtigen sitzen. Eifrig schreiben Menschen wie ich mit, die nur zu Besuch sind in diesen heiligen Hallen, schreiben mit, was auf besonders originelle Weise schlecht ist. Mehr verstehen wir ohnehin nicht. Die Einzelheiten versteht niemand von uns. Wir sitzen eine Etage höher, abgeschirmt durch eine Glasscheibe, die deswegen so viel Luftstreifen aufweist, weil der anwesende Staat jede Annäherung sofort unterbindet. Gegebenenfalls muss dafür jemand kurz aufgeweckt werden. Keine Fotos, keine Laptops, keine Ahnung. So öffentlich muss es mit der Öffentlichkeit nicht werden. Überhaupt: Wäre der Raum nicht maisonette, müssten die Geschädigten der Mörderin und den Mördern auf dem Schoß sitzen, damit alle Platz haben. Ich bemerke zum dritten Mal: Es spricht nichts dagegen, dass die Angeklagten Laptops haben. Meinen Computer muss ich jedes Mal entgegennehmen, wenn ich rausgehe, um zu rauchen, und dann wieder abgeben, wenn ich wieder reinkomme.

Die Mörderin und die Mörder. Mein Blick geht unweigerlich und immer wieder auf die Hauptangeklagte. Die letzte Lebende von dem, was aus drei Personen bestanden haben soll. Dreimal einhundert wäre realistischer. «Das Terror-Trio» würde dann nicht passen, vermutlich ist es eine didaktische Reduktion. Noch dümmer wäre das Wort, wenn sie aus Tirol kämen oder aus Tauberbischofsheim. Das Tuttlinger Terror-Trio. Titel. These. Temperament. Es gibt zig Leute da unten: Anklage, Verteidigung, Nebenklage, Sturm, Heer und Stahl. Drei Leute, die Protokoll schreiben könnten. Sie werden eigens dafür bezahlt. Sie notieren aber nur, wer von den Prozessbeteiligten wann den Raum verlässt und wieder betritt. Ich gehöre nicht zu den Prozessbeteiligten. Von mir ist nur einmal der Ausweis kopiert worden, am Eingang. Der Inhalt dessen, was im schlecht gelüfteten Raum geschieht und was nicht geschieht, ist nicht merkenswert. Die Nachwelt braucht mit bestimmten Dingen nicht behelligt zu werden, wie es scheint.

Allein der Senat besteht aus sieben Leuten, jeweils drei links und rechts vom Richter, der die örtliche Diva verkörpert. «In meinem Dorf werden die Verkehrsregel eingehalten! Damit meine ich auch Sie – ja, Sie!» Der Richter, der Nebenklageanwalt mit dem interessanten Namen, die Nebenklageanwältin, die sich ihren Ruf beim Herrn Vorsitzenden offenbar erst erarbeiten musste, die langen schwarzen Roben, die Haare voll Gel, das Aufstehen, wenn der Senat den Raum betritt, nach jeder Pause, in der es nebenan für 1,40 Kaffee gibt. Geld darf mit rein in den Gerichtssaal, Stifte und Papier. Die vielen Justizbediensteten, die den Einlass und das Verhalten der Anwesenden auf den billigen Plätzen hier oben bei uns in ihren mal zarten und mal klobigen Händen halten – so viele wären interessanter als die eine Terror-Braut, das Nazi-Mädel. Die kalte, die emotionslose Teufelin. Die «durchaus eigenständig denkende und handelnde» Freundin von Uwe & Uwe, das nette Mädchen von nebenan, der das alles gar niemand zugetraut hätte. Beate kann zwar kein Nazi sein. Beate ist aber zugleich Obernazi.
Mein Tag, so scheint es, ist ein Beate-Tag. Ich denke mit Vornamen an sie, ich tue so, als würde ich ironisieren. Ich denke aber auch unironisch nicht Zschäpe-Tag. Die Beate und mich, uns verbindet etwas, das geht tiefer. Darf ich das sagen? Es ist klar, dass sowohl die Teufelin und als auch die Unschuld von nebenan schwierige Kennzeichnungen sind. Bei den vier Mitangeklagten, alles Männer, fragt niemand, ob sie der Teufel seien oder der liebe Junge von nebenan. Ich weiß das. Ich kenne jeden Einwand. Und dennoch sind die anderen Angeklagten nicht die Hälfte der Blicke wert. Mein Wunsch nach Drama lässt mich auf Beate sehen, mit der ich mehr gemein zu haben scheine als mit ihren Kumpels. Vielleicht sind ihre Kumpels auch gar nicht ihre Kumpels. So wenig ich weiß, warum hier offiziellerseits nur so ein Pillepalleprotokoll geführt wird, weiß ich, wie das Verhältnis zwischen denen ist, die «es» waren – oder nicht. Sie seltsame Entnennung, die an meinem ersten und erwartbar einzigen Prozesstag stattfindet, die Vereinzelung von Verantwortung, Tat, Motiv, Protokollführung und Taschenkontrolle scheint mir eins der Strukturmerkmale dieser Veranstaltung zu sein. Die Inszenierung von Recht und Gerechtigkeit legt Wert auf Individualität und Privatheit.
Dabei reicht die Geschichte weiter zurück als Beate und ich zusammen alt sind. Das Bestreben, Beate und mich gegenüberzustellen, wird der Komplexität unseres Verhältnisses nur zum Teil gerecht. Der Teil ihres Lebensweges, der sich mit einem Teil meines Lebensweges nicht kreuzt, sondern parallel dazu verläuft, macht uns zu Komplizin und Komplizen. Nur: Die Geschichte, die uns beide erzählt, sie und mich, sieht andere Rollen für uns vor. Nun ja, Dramatis personæ.
Beide stecken wir drin und handeln, beide verstecken wir uns darin. Darin und daraußen. Unser je eigener Bezirk ist abgesteckt, ich kenne die Mauern, die sie verteidigt, sie sind auch meine Mauern. Es ist kein Darüberkommen. Der Prozess: ein Prozess. Ihr Prozess: mein Prozess. Eine Ansammlung von Geschehnissen, die zu einer Ansammlung weiterer Geschehnisse führt. Das Ertrinken in Details ist – ganz vielleicht – auch der Angst geschuldet, einen falschen Schritt zu gehen. Wahrscheinlich ist es das aber nicht. Die Verteufelung und die Verharmlosung von Beate – ich denke immer noch mit dem Vornamen an sie, ich denke nicht mit dem Vornamen an «Wohlleben», auch nicht an «Eminger», «Schultze» oder «Gerlach» – stammt aus den Mauern, die uns umgeben. Das Wesen von Drinnen und Draußen. Kein Gerichtsprozess wird klären, was es damit auf sich hat. Beates Schweigen ist meine armselige Unfähigkeit, die Stimme zu erheben. Das ist die Verbindung, die zwischen uns existiert. Ich fasse mir nicht ein Herz, Grundsätzliches zu wollen, weil sie schweigt. Wäre ich in der Lage, Grundsätzliches zu wollen, Frau Zsch. könnte ruhig reden oder weiter schweigen. Aber ich müsste in meiner Lähmung nicht mehr: Sie anstarren. Wenn ich wirklich wüsste, wie unbedeutend sie als einzelne Person ist, könnte sie verurteilt werden oder nicht. Ich müsste für meine Freiheit nicht auf ihre Verurteilung warten.
Meine Überidentifikation mit Beate ist ein schlechter Scherz.

Koray Yılmaz-Günay besuchte den NSU-Prozess am 24. Juni 2015. Er arbeitet als Referent für Migration bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Anfang 2015 hat er den Verlag Yılmaz-Günay gegründet, in dem im Herbst 2015 das von Dostluk Sineması herausgegebene Buch «Von Mauerfall bis Nagelbombe – Der NSU-Anschlag auf die Kölner Keupstraße im Kontext der Pogrome und Anschläge der neunziger Jahre» in einer erweiterten Neuausgabe erscheinen wird.


SHARE :