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Unser Standpunkt zur Prostitution: Pro Nordisches Modell

In den letzten Monaten haben wir uns intensiv mit dem Thema Prostitution/Sexwork auseinandergesetzt. Als Ergebnis dessen halten wir die Auseinandersetzung mit der Gewaltseite der Prostitution für dringlich geboten. Unserer Meinung nach geschieht das derzeit in feministischen Kreisen nicht ausreichend, daher möchten wir hiermit Stellung beziehen und uns für das Nordische Modell aussprechen. Wir plädieren dafür, nicht länger die Gewalt, der Frauen, Kinder, Jugendliche, transgender & transsexuelle Menschen und wenige Männer in der Prostitution ausgesetzt sind, aus dem Diskurs auszublenden. Diese Gewalt zu thematisieren, sie zum Mittelpunkt der Debatte zu machen und ihr entgegenzutreten hat höchste Priorität: Zuhälterkontrollierte Prostitution/Zwangsprostitution ist serielle Vergewaltigung, an der sich Freier und Zuhälter bereichern.

Wichtig ist uns an der Thematik, dass ein deutlicher Zusammenhang zwischen liberalisierten Sexmärkten und Menschenhandel besteht. Das ist inzwischen nachgewiesen (siehe: Does Legalized Prostitution Increase Human Trafficking?).

Prostitution funktioniert nicht ohne Zwangsprostitution, weil es in Bezug auf die Nachfrage niemals genug Frauen gibt, die sich freiwillig in dieses Geschäft begeben. In den meisten Fällen ist diese Tätigkeit eine Folge von strukturellen Zwängen oder direkter Gewalt. Das Zusammenspiel von Patriarchat und Kapitalismus – Armut ist weiblich – lässt Frauen oft keine andere Möglichkeit zu überleben, als ihre Sexualität zu verkaufen. Besonders von dieser wirtschaftlichen Marginalisierung betroffen sind Frauen, die zusätzlicher Diskriminierung ausgesetzt sind, wie z.B. Frauen aus armen, besonders stark ausgebeuteten Gesellschaftsschichten, Frauen of Color und transsexuelle Frauen. Je mehr berufliche Möglichkeiten Frauen in einer Gesellschaft haben, desto weniger werden sie dazu bereit sein, Prostitution/Sexwork auszuüben. Das ist in Deutschland der Fall. Die Liberalisierung des Prostitutionsgesetzes hat deshalb dazu geführt, dass sich für Menschenhändler ein Markt mit hohen Profiten geöffnet hat, um die das Angebot übersteigende Nachfrage zu bedienen. So bringen oder finden sie Frauen und Kinder in Notlagen, um sie in die Prostitution zu zwingen. Die Gewalt, der diese Frauen und Kinder ausgesetzt sind, ist maßlos und brutal. Sie zu beenden, muss zu den dringlichsten Zielen feministischen Handelns gehören. Für uns ist unverständlich, dass es im gegenwärtigen Feminismus nur wenige Stimmen gibt, die sich dem Problem mit einem dringlichen Antrieb, das zu ändern, widmen, sondern stattdessen meist von den Betroffenen extremer Gewalt weggelenkt wird zu denen, die die Wahl haben und in diesem Geschäft in der privilegierteren Position sind.

Der Halbsatz „dagegen gibt es Gesetze“, der regelmäßig das Problem des Frauen- und Kinderhandels beiseite schieben soll, wird der Sache nicht gerecht, da die konsensuelle Sexarbeit und die zuhälterkontrollierte Prostitution/Zwangsprostitution in derselben Sphäre stattfinden. Freier können es nicht unterscheiden und sie wollen meistens auch nicht wissen, was der Fall ist, denn es ist den meisten schlicht egal.

Es gehört zum Konzept patriarchalischer Männlichkeit, diese über sexuelle Kontrolle und Dominanz herzustellen und zu bestätigen. Eine Möglichkeit das zu tun, ist, sich die sexuelle Verfügung über einen anderen Körper zeitlich begrenzt zu erkaufen. Als Ausdruck dieses Verfügungswunsches, dem Frauenhass zugrunde liegt, wird in der Prostitution die Verfügung häufig über den vereinbarten Rahmen hinaus ausgelebt; davon zeugen hohe Raten von Vergewaltigungen und körperlicher und verbaler Gewalt. Prostitution ist nicht „postgender“ und wird es niemals sein: Prostitution ist Symptom von Geschlechterhierarchien.

Daher greifen Analogien, die die Ausbeutung in der Prostitution mit anderer kapitalistischer Arbeitsausbeutung vergleichen und so den patriarchalischen Hintergrund ausklammern, auch zu kurz und tragen zur Verharmlosung des Problems bei.

Prostitution befindet sich an der Schnittstelle von Patriarchat und Kapitalismus und ist auf ungleiche Machtverhältnisse angewiesen. Daher spielt Armut und ihre Bekämpfung eine große Rolle. Es ist keine „Chance“, wenn Frauen nur die Wahl zwischen Elend/Tod oder strukturell erzwungenem Sex haben. Wenn die Umstände dies als einzige Möglichkeit der Lebensgestaltung lassen, sind diese Umstände invasiv und zerstörerisch und damit nicht hinnehmbar.

Zudem verdeutlichen zahlreiche Untersuchungen, dass ein Großteil der Frauen, die sich prostituieren, Gewalterfahrungen (sexuelle, physische, psychische Gewalt) in der kindlichen Sozialisation gemacht haben (siehe: Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland – Teilpopulation Prostituierte S. 465). Ein hoher Anteil von Frauen, die aus der Prostitution aussteigen, leidet an Posttraumatischen Symptom-Komplexen, die denen von Folteropfern ähnlich sind (siehe Symptoms of Posttraumatic Stress Disorder and Mental Health in Women Who Escaped Prostitution and Helping Activists in Shelters).

Das Nordische Modell, das Schweden als erstes Land umgesetzt hat, basiert auf der Erkenntnis, dass erst die Nachfrage die ausufernde Sexindustrie mit ihrem unvermeidlichen Zufluss durch Menschenhandel befördert. Die zugrunde liegende Maßnahme ist daher, den Markt durch Freierbestrafung zu minimieren. Als unabdingbar wurde erkannt, dass dies mit guten Ausstiegsprogrammen und Armutsbekämpfung kombiniert werden muss. Dazu zählen beispielsweise Unterstützungs- und Rehabilitationsmaßnahmen für Betroffene von (Zwangs-)Prostitution und sexueller Ausbeutung sowie spezielle Maßnahmen für suchtkranke prostituierte Frauen. Zusätzlich werden Präventionsprogramme für Kinder und Jugendliche bereit gestellt, die prostitutionsgefährdet sind.

Wir bejahen das Nordische Modell aufgrund der richtigen Erkenntnis über das Funktionieren der Sexindustrie und seiner klaren Parteilichkeit zugunsten der Menschen in der Prostitution und gegen diejenigen, die davon profitieren – nämlich Freier und Zuhälter.

Inwieweit im Konzept und in der konkreten Umsetzung noch nachjustiert werden muss: Das ist eine Debatte, die wir uns wünschen, wohl wissend, dass ein solches Modell kontinuierlich evaluiert, angepasst und verbessert werden muss. Das kann natürlich nicht passieren, ohne jene miteinzubeziehen, die von den negativen Seiten der Sexindustrie am meisten betroffen sind oder waren und daher am besten einschätzen können, was wirklich hilft. Anders als häufig behauptet wird, kommt Kritik an der Sexindustrie nicht nur von ehemaligen Prostituierten, sondern auch von aktiven: Das Nordische Modell ist das Resultat der Befragung von aktiven Prostituierten. Eine produktive Auseinandersetzung mit dem Nordischen Modell wird derzeit leider auch dadurch behindert, dass viele Fehlannahmen darüber im Umlauf sind, wie z.B. die, dass die Prostituierten kriminalisiert würden (das Gegenteil ist der Fall). Einige weitere derartige falsche Vorstellungen werden von Meagan Tyler hier richtig gestellt. Wir würden uns wünschen, dass sich Feministinnen angesichts der heftig entbrannten Debatte über Prostitution auf die gemeinsamen Schnittpunkte konzentrieren, um denjenigen, die im Sexmarkt Nöte ausstehen müssen, beizustehen.

Unerlässlich ist dabei, die Gewaltseite der Prostitution in den Blick zu nehmen und im Konzept über die Herangehensweise angemessen zu berücksichtigen. Aus diesem Grund sind wir über die Stimmen froh, die das ohne Wenn und Aber bereits getan haben und die die dringend benötigte Debatte darüber in Gang gebracht haben. Der Appell der Emma  und der Karlsruher Appell  können noch unterzeichnet werden.

Die Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt (Frankfurt am Main/ Mainz)


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  • Cla.

    Wer gegen sexuelle Gewalt und Prostitution ist, müsste eigentlich zwangsläufig auch gegen Pornoindustrie und Pornifizierung der Gesellschaft sein. Denn die Philosopie, Geschäftsmodelle, Ziele der beiden Industrie sind gleich.

    Genauso wie man Prostitution nicht mit „Selbstbestimmung der Sexarbeiter“ oder „es ist bessern wenn Männer Sex kaufen als dass sie vergewaltigen“ legitimieren kann, mann man auch Prono nicht mit „Selbstbestimmung der Pornodarsteller“ oder „es ist besser, wenn Männer Sex gucken als dass sie vergewaltigen“ legitimieren.