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Tribunal in Hofgeismar: Klagt Temme an!

Akti­on von NSU-Kom­plex auf­lö­sen an Andre­as Tem­mes Wohn­ort in Hof­geis­mar am 4.3.2018 Foto: NSU-Kom­plex auf­lö­sen

 

Hof­geis­mar — Am Sonn­tag stat­te­ten meh­re­re Aktivist*innen des Akti­ons­bünd­nis­ses „NSU-Kom­plex auf­lö­sen“ Andre­as Tem­me einen spon­ta­nen Besuch an sei­nen Wohn­ort in Hof­geis­mar ab. Dabei hin­ter­lie­ßen sie dem ehe­ma­li­gen Geheim­dienst­agen­ten des hes­si­schen Ver­fas­sungs­schut­zes die Ankla­ge­schrift des Tri­bu­nals NSU-Kom­plex auf­lö­sen und ver­teil­ten Flug­blät­ter (anbei) bei einem Demons­tra­ti­ons­zug durch den Ort an Passant*innen und Anwohner*innen. 
Andre­as Tem­me befand sich am 6. April 2006 zu dem Zeit­punkt im Inter­net­ca­fé, als des­sen 21jähriger Inha­ber Halit Yoz­gat ermor­det wur­de. Spä­ter erklär­te Tem­me mehr­fach, weder den Ster­ben­den hin­ter dem nied­ri­gen Tre­sen gese­hen noch die Schuss­ge­räu­sche gehört oder den Pul­ver­dampf gero­chen zu haben. Die­se Aus­sa­gen sind durch die Ergeb­nis­se des Lon­do­ner For­schungs­teams von Foren­sic Archi­tec­tu­re als Lügen ent­larvt wor­den.
Ismail Yoz­gat, Vater des ermor­de­ten Halit Yoz­gat, schluss­fol­gert: „Ent­we­der Andre­as Tem­me hat gese­hen, wer die Täter waren, oder er hat sie geführt, oder er selbst hat die Tat began­gen.“  Bei der Akti­on wur­den auch eine Fül­le von Plas­tik­tü­ten an Tem­mes Grund­stück hin­ter­las­sen. Sie erin­nern dar­an, dass er eine Plas­tik­tü­te mit einem schwe­ren Gegen­stand in der Hand gehabt haben soll, als er das Inter­net­ca­fé betrat. Dies bele­gen Zeu­gen­aus­sa­gen und ein auf­ge­zeich­ne­tes Tele­fo­nat sei­ner Ehe­frau. Ob es sich bei dem Gegen­stand um die Tat­waf­fe gehan­delt hat, wie Tem­me aus­ge­rech­net im Moment des Mor­des in dem Café kam, was er und sein Amt vor­her davon wuss­ten, ist nie aus­rei­chend geprüft wor­den. Eben­so sind Tem­mes Kon­tak­te in die Nazi­sze­ne nicht auf­ge­klärt.
Die Aktivist*innen kla­gen Andre­as Tem­me der Lüge an und fer­ner der Ver­hin­de­rung der Auf­klä­rung des Mor­des an Halit Yoz­gat und der Ver­hin­de­rung der Auf­klä­rung des gesam­ten NSU-Kom­ple­xes an. Sie for­dern dazu auf: Klagt Tem­me an!

Kein Schlussstrich unter den NSU-Komplex!   

 

Bei der Akti­on wur­den ent­spre­chen­de Fly­er in der Innen­stadt Hof­geis­mars ver­teilt:

„Entweder Andreas Temme hat gesehen, 
wer die Täter waren, oder er hat sie geführt, 
oder er selbst hat die Tat begangen.“
(Ismail Yozgat, Vater des am 6.4.2006 in Kassel ermordeten Halit Yozgat)

 

Im Namen der Auf­klä­rung, im Namen der Gerech­tig­keit, im Namen der Opfer und ihrer Ange­hö­ri­gen kla­gen wir Andre­as und Eva Tem­me an. Das nahen­de Ende des NSU-Pro­zes­ses vor dem Ober­lan­des­ge­richt in Mün­chen wird kein Schluss­punkt in unse­rem Kampf um die Wahr­heit sein. Wir for­dern die Nach­barn und das Umfeld von Andre­as und Eva Tem­me auf, mit uns für die Auf­klä­rung des Mor­des an Halit Yoz­gat und des gesam­ten NSU-Kom­ple­xes ein­zu­ste­hen.

WIR KLAGEN AN
Andre­as Tem­me, Jg. 1968, V-Per­son-Füh­rer des VS Hes­sen Tem­me erhielt am 24. März 2006 dienst­lich Kennt­nis von der Čes­ká-Mord­se­rie. Tem­me zeich­ne­te die­se Rund­mail per­sön­lich ab. Am 6. April 2006, unmit­tel­bar vor dem Mord an Halit Yoz­gat, tele­fo­nier­te Tem­me mit sei­ner von ihm geführ­ten V-Per­son, dem Skin­head und Nazi Ben­ja­min Gärt­ner zwei­mal, bevor er das Inter­net­ca­fé in Kas­sel auf­such­te. Dort logg­te er sich um 17.01 Uhr aus. Unmit­tel­bar dar­auf
fand İsmail Yoz­gat sei­nen erschos­se­nen Sohn hin­ter der Laden­the­ke. Tem­me stell­te sich auch nach meh­re­ren Auf­ru­fen der Poli­zei nicht als Zeu­ge des Tat­ge­sche­hens zur Ver­fü­gung.
Am Mon­tag den 10. April 2006 erschien Andre­as Tem­me wie­der bei der Arbeit im Hes­si­schen Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz. An die­sem Vor­mit­tag unter­hielt sich Tem­me mit einer Kol­le­gin über den Mord und sag­te dabei, dass die Tat ‚kei­nen regio­na­len Bezug‘ habe, weil die Waf­fe bei einer bun­des­wei­ten Serie ein­ge­setzt wor­den sei. Doch dass
beim Mord im Inter­net-Café mit der Čes­ká geschos­sen wur­de, war zu die­sem Zeit­punkt noch gar nicht bekannt. Die Poli­zei trat mit der Mel­dung, dass der Kas­se­ler Mord zu der Čes­ká-Serie gehört, erst am Nach­mit­tag vor die Pres­se. Woher Tem­me zu die­ser Zeit vom Ein­satz der Čes­ká in Kas­sel wuss­te, ist unbe­kannt. Ermitt­lungs­tech­nisch gese­hen war es Täter­wis­sen, das Tem­me in dem Gespräch mit sei­ner Kol­le­gin offen­bart hat­te.
Nach­dem die Poli­zei die Anwe­sen­heit von Tem­me zum Tat­zeit­punkt im Inter­net­ca­fe ermit­telt hat­te, nahm sie ihn am 21. April 2006 zu Hau­se in Hof­geis­mar vor­läu­fig fest. Bei einer Durch­su­chung sei­nes Arbeits­zim­mers fand sich sehr spe­zi­el­le Lite­ra­tur über den Natio­nal­so­zia­lis­mus, etwa den „Lehr­plan für die welt­an­schau­li­che Erzie­hung in der SS“ oder „Wil­le und Weg des Natio­nal­so­zia­lis­mus“, dane­ben Zei­chen­hef­te, in die sorg­fäl­tig die Orden des Drit­ten Reichs abge­malt waren. Außer­dem stell­te die Kri­po eini­ge Aus­ga­ben der Zeit­schrift „Das III. Reich“ sicher sowie Aus­zü­ge von „Mein Kampf.“
Nach der Selbstent­tar­nung des NSU 2011 erklär­te Tem­me mehr­fach in Unter­su­chungs­aus­schüs­sen und vor dem OLG Mün­chen, im Inter­net­ca­fé weder den toten Halit Yoz­gat gese­hen, noch die Schuss­ge­räu­sche gehört und auch nicht den Pul­ver­dampf gero­chen zu haben, noch zuvor dienst­lich von der Mord­se­rie Kennt­nis gehabt zu haben.
Die­se Aus­sa­gen sind durch die For­schungs­er­geb­nis­se von Foren­sic Archi­tec­tu­re und die Ermitt­lun­gen im Unter­su­chungs­aus­schus­ses des hes­si­schen Land­ta­ges zum NSU als Lügen ent­larvt wor­den.
Wir kla­gen Andre­as Tem­me der Lüge an sowie der Ver­hin­de­rung der Auf­klä­rung des Mor­des an Halit Yoz­gat und der Ver­hin­de­rung der Auf­klä­rung des gesam­ten NSU-Kom­ple­xes.

WIR KLAGEN AN
Eva Tem­me, Jg. 1972, Ehe­frau von Andre­as Tem­me
Eva Tem­me, die Ehe­frau von Andre­as Tem­me, tele­fo­nier­te am 28. April 2006, 22 Tage nach der Ermor­dung von Halit Yoz­gat, mit ihrer Schwes­ter über „die Schei­ße“, in der sie nun ste­cke. „Du hast unse­re Zeit ver­plem­pert in so einer Assel­bu­de bei einem Dreck­stür­ken“, warf die Ehe­frau ihrem Mann wäh­rend des Tele­fo­nats vor und füg­te noch hin­zu: „Inter­es­siert es mich denn, wen der heu­te wie­der nie­der­ge­met­zelt hat? Solan­ge er sich die Kla­mot­ten nicht schmut­zig macht!“ Dar­auf­hin lach­ten Eva Tem­me und ihre Schwes­ter. Am 214. Ver­hand­lungs­tag im NSU-Straf­pro­zess im Mün­che­ner Gerichts­saal behaup­te­te sie, ihr Mann sei „nie­mals aus­län­der­feind­lich gewe­sen“, und da habe sich „nichts dran geän­dert“. Seit der Selbstent­tar­nung des NSU strickt Eva Tem­me in Pres­se­auf­trit­ten die Mär von ihrem unschul­dig in die Situa­ti­on gera­te­nen Ehe­mann.
Wir kla­gen Eva Tem­me der Ver­hin­de­rung der Auf­klä­rung an sowie der Ver­höh­nung der Opfer und ihrer Hin­ter­blie­be­nen.

V.i.S.d.P.: Fri­da Kar­lo, Am Süd­stern 3, 10999 Ber­lin


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