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Töten zur Entspannung

Themen : Allgemein · No Comments · von 10. November 2015

Rezen­si­on: Klaus The­we­leit: Das Lachen der Täter: Brei­vik u.a. Psy­cho­gramm der Tötungs­lust. Wien: Resi­denz Ver­lag, 2015.

Das Lachen der Täter. Breivik u.a. (2015)

Das Lachen der Täter. Brei­vik u.a. (2015)

«Das Lachen der Täter» und nicht der Täte­rin­nen. Das gene­ri­sche Mas­ku­li­num ver­wen­det The­we­leit nicht wie so vie­le um der leich­te­ren Les­bar­keit wil­len. Es ist das Lachen der Täter: der Män­ner und nicht der Frau­en. Denn es gibt kei­ne Täte­rin­nen. Die Kern­the­se des Buchs steckt damit bereits im Titel.

Die Tat, bei der die Män­ner lachen, ist Töten in Form von Mord und Tot­schlag, das Quä­len, Fol­tern und Ver­ge­wal­ti­gen. Die Fra­ge, die sich The­we­leit stellt: War­um lachen Täter dabei? War­um emp­fin­den sie Lust wäh­rend­des­sen oder wenn sie hin­ter­her von ihren Taten berich­ten?Das berühm­tes­te Bei­spiel ist Anders Brei­vik. 2011 plat­zier­te Brei­vik als Poli­zist ver­klei­det im Olso­er Regie­rungs­vier­tel eine Bom­be, die acht Men­schen töte­te und Dut­zen­de ver­letz­te, bevor er auf die Insel Utøya fuhr und dort in einem Jugend­zelt­la­ger der nor­we­gi­schen Arbeiter_innenpartei mit einem Maschi­nen­ge­wehr und einer Pis­to­le 68 Teil­neh­men­de erschoss. Brei­vik war nicht vor­be­straft. Er war aktiv auf Neo­na­zi- und anti-isla­mi­schen Inter­net­sei­ten. Zeug_innen berich­ten, dass er gelacht habe, wäh­rend er den Jugend­li­chen auf der Insel Utøya aus einem hal­ben Meter Ent­fer­nung in den Kopf schoss. Aus dem Gerichts­saal, wo ihm spä­ter der Pro­zess gemacht wird, gibt es zahl­rei­che Fotos mit einem Lächeln auf den Lip­pen des nor­we­gi­schen Mas­sen­mör­ders.

Klaus Theweleit

Klaus The­we­leit

Nach The­we­leit liegt der Grund für eine sol­che Tötungs­lust im männ­li­chen Kör­per. Wie schon in sei­nen berühm­ten «Män­ner­phan­ta­si­en» (1977÷78) behaup­tet er, der männ­li­che Kör­per nei­ge des­we­gen zu Gewalt, weil er bei der Geburt frag­men­tiert geblie­ben und in der frü­hen Ent­wick­lung „nicht zu Ende gebo­ren“ sei. Dadurch sei­en die Män­ner zer­stört und ver­such­ten, die­se Zer­stö­rung durch einen Span­nungs­aus­gleich zu über­win­den. Obwohl ein Eck­pfei­ler von The­we­leits Buch die The­se ist, dass Täter wie Brei­vik ganz nor­ma­le Män­ner sei­en, nicht psy­chisch krank oder ideo­lo­gisch ver­brämt (S.24f), wie­sen sie aber eine Beson­der­heit im Umgang mit ihrer Frag­men­tie­rung auf: Denn die unvoll­stän­di­gen oder zer­stör­ten Män­ner­kör­per sehn­ten sich zwar alle nach einem Span­nungs­aus­gleich (S.85), aber nicht alle müss­ten dafür töten. Wäh­rend Nicht-Täter-Män­ner  durch Sex oder Musik einen Span­nungs­aus­gleich emp­fän­den, gelin­ge dies den lachen­den Tätern durch das Umbrin­gen ande­rer Men­schen (S.92). Laut The­we­leit kör­per­lich-ener­ge­tisch ver­gleich­ba­re Vor­gän­ge. Bei den Tätern zie­le das Töten als «Tätig­keit auf die – mög­lichst voll­kom­me­ne – Zer­stö­rung ande­rer Kör­per […]», um sich selbst ganz und heil zu füh­len. Die dabei emp­fun­de­ne Lust äuße­re sich in Lachen und sei ver­gleich­bar mit dem Auf­tre­ten eines Orgas­mus (S. 92). Es sei die Abgren­zung gegen­über dem Getö­te­ten, dem mensch­li­chen Opfer – das bei extre­mer Bru­ta­li­tät nur noch «blu­ti­ger Brei» sei (S.227) –, die den Täter sich ganz füh­len las­se. Das dabei ent­ste­hen­de Hoch­ge­fühl drü­cke sich in Lachen aus, für The­we­leit «die Beglei­te­rup­ti­on zur eige­nen Selbst­ge­burt» (S.137).

Wel­che der nor­ma­len, aber «frag­men­tiert» gebo­re­nen Män­ner wer­den nun zu Tätern? Mal schreibt The­we­leit, die ganz nor­ma­len Män­ner erfüll­ten durch ihr Töten das «Grund­ge­setz ihrer jewei­li­gen Gesell­schafts­ge­bil­de oder ‚Kul­tu­ren’», mal, das Töten sei das zen­tra­le Mit­tel die­ser Kör­per, um den Span­nungs­aus­gleich zu errei­chen (S.91/92). Damit wären aber ja alle Män­ner gemeint. Er echauf­fiert sich gera­de­zu, wenn ande­re Autor_innen dies als «besorg­nis­er­re­gen­de Erkennt­nis» ein­ord­nen, weil es sei­ner Mei­nung nach «schlicht anzu­er­ken­nen gilt, dass die Mord­voll­zü­ge immer von ganz nor­ma­len Män­nern in ganz nor­ma­len Orga­ni­sa­tio­nen aus- und durch­ge­führt wer­den» (S.224). Doch schließ­lich töten nicht alle Män­ner die­ser Erde, um sich zu ent­span­nen. Und an ande­rer Stel­le scheint auch bei The­we­leit der Weg zum Span­nungs­aus­gleich – über Sex oder bru­ta­le Gewalt – nicht vom Mann­sein allein abhän­gig, son­dern von der Ent­wick­lung einer gesun­den Sexua­li­tät. Zu Ver­ge­wal­ti­gun­gen von Frau­en behaup­tet der Autor: «An Kör­pern, die lust­vol­le Sexua­li­tät wün­schen, ver­sagt das Glied in sol­chen Fäl­len sei­nen Dienst. Es geht dann nichts mehr. Jeden­falls bei sexu­el­len Kör­pern» (S.112). The­we­leit belegt die­se The­se in einem Inter­view mit der Zeit­schrift «kon­kret» (9÷2015) empi­risch, wenn auch mit klei­ner Stich­pro­ben­an­zahl: «Män­ner mit einer Sexua­li­tät, die sich in lust­vol­len Bezie­hun­gen ent­wi­ckelt hat, wären dazu nicht in der Lage. Ich ken­ne jeden­falls nur Leu­te, denen der Schwanz nicht hoch­gin­ge bei sol­cher Aus­sicht [auf Ver­ge­wal­ti­gung der Nach­bars­toch­ter, deren Vater dane­ben steht, Anm. N.Z.].» Sind es somit ase­xu­el­le Män­ner, die beim Mor­den Lust emp­fin­den? Stel­len­wei­se klingt das lust­vol­le Tötungs­ver­hal­ten bei The­we­leit trotz sei­ner The­se von der «Nor­ma­li­tät» die­ser Män­ner sogar ver­däch­tig patho­lo­gisch begrün­det. Zumin­dest fin­det er es schein­bar nicht nor­mal, was immer er damit meint.

Soviel zur The­se des Buchs. The­we­leit reißt hier­für neu­ro­lo­gi­sche Erklä­run­gen an. Mit Zita­ten des Hirn­for­schers Anto­nio Dema­sio aus Har­vard erklärt er die dyna­mi­sche Ver­bin­dung zwi­schen Kör­per und Neu­ro­nen. Dem­nach gäbe es eine «Reprä­sen­ta­ti­on der Außen­welt im Gehirn», einer Art Map­ping aller rele­van­ten kör­per­li­chen Prä­gun­gen in den Neu­ro­nen (S.84). Dar­an knüpft er mit sei­ner The­se des männ­li­chen, frag­men­tier­ten Kör­pers an. Die kör­per­li­chen Erfah­run­gen des Tötens wür­den in den Zel­len gespei­chert und führ­ten in den Neu­ro­nen zum Span­nungs­aus­gleich (S.88 f.). Doch was das für die mora­li­sche, aber auch prag­ma­ti­sche Fra­ge nach Eigen­ver­ant­wor­tung oder Deter­mi­niert­heit eines Täters bedeu­tet, bleibt lei­der unbe­han­delt.

Statt­des­sen fährt The­we­leit mit über 20 Bei­spie­len auf. Taten und Täter, die, wie er behaup­tet, «sich so sehr ähneln und in so über­ein­stim­men­den Emo­ti­ons­aus­brü­chen wie dem Lachen beim Mor­den äußern» (S.85): In Wirk­lich­keit sind es auch im Bezug auf das Täter­ver­hal­ten stark unter­schied­li­che Gräu­el­ta­ten aus der jün­ge­ren und jüngs­ten Mensch­heits­ge­schich­te. Dar­un­ter fin­den sich welt­be­kann­te – wie die Erschie­ßungs­kom­man­dos der deut­schen Wehr­macht, die Geno­zi­de in Ruan­da und Sre­bre­ni­ca, Brei­vik oder die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Isla­mi­scher Staat (IS) – als auch lokale­re Bei­spie­le wie Frau­en­gangs aus Los Ange­les (S.102). Moment. Frau­en­ban­den? Lachen Frau­en als Täte­rin­nen also doch? Ja. Aber das ist für The­we­leit kein Gegen­ar­gu­ment zu sei­ner Theo­rie, eher eine Aus­nah­me, die aber als sol­che nicht benannt wird. Ohne­hin wird im von ihm zitier­ten taz-Arti­kel behaup­tet, die Frau­en der Gangs in L.A. sei­en «hart gewor­den, oder geben vor, hart zu sein». Das klingt, als könn­ten nur Män­ner wirk­lich authen­tisch hart sein und passt der­art inter­pre­tiert auch wie­der zur Kern­the­se des Buchs.

The­we­leit schreibt locker, frei her­aus. Oft bestehen Sät­ze nur aus einem ein­zi­gen Wort. Es liest sich so, als wür­de er live dis­ku­tie­ren. Groß­zü­gig zitiert er aus Zei­tun­gen, vor allem der taz und der Süd­deut­schen Zei­tung, wenn er die jewei­li­gen Fall­bei­spie­le von Täter­ver­hal­ten abhan­delt. Die von ihm zusam­men­ge­stell­te Samm­lung offen­bart die Viel­zahl von  Tötungs­ex­zes­sen und deren Bru­ta­li­tät. Es hin­ter­lässt Fas­sungs­lo­sig­keit, dass sol­che Taten mög­lich sind. The­we­leit packt eine_n genau bei die­ser Fas­sungs­lo­sig­keit und bei der Ver­su­chung, die Taten mit dem Eti­kett der Unmensch­lich­keit ins Dämo­ni­sche, weit ent­fernt vom eige­nen Ich, zu schie­ben. Statt­des­sen for­dert er auf, zu erken­nen, dass es mensch­li­che Kör­per sind, die töten, und dass es Men­schen sind, die dabei Lust emp­fin­den kön­nen. Eini­ge sei­ner Bei­spie­le tei­len tat­säch­lich die Gemein­sam­keit von Tätern, die sich ihrer Taten erfreu­en, sei es im Akt des Voll­zie­hens selbst oder hin­ter­her, wenn sie gegen­über Richter_innen oder Journalist_innen über ihr Töten berich­ten oder am Stamm­tisch damit prah­len. Doch zu vie­le Bei­spie­le über­zeu­gen nicht, schei­nen eher um der Quan­ti­tät wil­len her­bei­ge­zo­gen, wäh­rend ein «Lachen der Täter» dort jedoch nicht belegt ist, son­dern vom Autor viel­mehr ver­mu­tet wird. The­we­leits Quel­len sind oft unge­nau. Wenn er zum Bei­spiel bei Ruan­da über den berüch­tig­ten „Hate Radio“-Sender RTLM schreibt – «Die Gesich­ter an den Radio­ap­pa­ra­ten: lächelnd“ (S.71) –, lässt er völ­lig offen, woher er die­se Ver­mu­tung nimmt. Ähn­lich sein Kom­men­tar zu Hit­ler, wel­cher gleich­zei­tig The­we­leits pole­mi­sche Spra­che illus­triert: „Man kann ziem­lich sicher sein, dass die­ses aus­er­wähl­te Stück Son­der­schei­ße sich ver­ab­schie­de­te mit einem Lächeln, als er Eva Braun erschoss und dann, hohn­la­chend, sich selbst“ (S.118).

Die vie­len Unstim­mig­kei­ten im Buch zei­gen: The­we­leit scheut kei­ne Wider­sprü­che.

Statt­des­sen zele­briert er gera­de­zu einen pro­vo­kan­ten Schreib­stil und die stei­le The­se. Man stol­pert schon mal über ein­ge­streu­te Behaup­tun­gen wie: «Wer eine Stun­de lang redet, um eige­ne Stand­punk­te zu unter­mau­ern und sei­ne Hand­lun­gen zu recht­fer­ti­gen, ist struk­tu­rell ein Faschist; unab­hän­gig davon, was er ‚inhalt­lich’ sagt» (S.140). Indem er in den Ton­fall der lachen­den Täter ver­fällt und zynisch beschreibt «wie wit­zig» ihre Taten gewe­sen sei­en oder zu Brei­vik fragt: «Er ist ein Held, nicht wahr?», zwingt The­we­leit sei­ne Lese­rin­nen und Leser dazu, sich mit dem Buch und sei­nem Autor aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Im Gegen­satz zum gän­gi­gen wis­sen­schaft­li­chen Jar­gon der Rela­ti­vie­rung mit vagen, ver­schach­tel­ten Sät­zen erleich­tert die­ser Stil, eine Posi­ti­on zu bezie­hen. Jedoch wäre es für den_die Leser_in leich­ter, er täte dies nicht auch durch zahl­rei­che Fuß­no­ten, die oft­mals ledig­lich aus flap­si­gen Kom­men­ta­ren bestehen. Die wir­ken, als hät­te er sie sich schlicht und ergrei­fend nicht ver­knei­fen kön­nen – tra­gen jedoch rein gar nichts zum Ver­ständ­nis und nur sel­ten zur Unter­hal­tung bei. Lei­der geht gegen Ende des Buchs der Zynis­mus mit The­we­leit durch die Decke, sobald er auf die Ana­ly­se der Wehr­machts­ver­bre­chen durch das Auto­ren­duo Harald Wel­zer und Sön­ke Neit­zel mit ihrer Stu­die über «Sol­da­ten» (2011) ein­geht. Sei­ne Kri­tik an ihrer Ein­schät­zung der mör­de­ri­schen Gräu­el­ta­ten als inner­halb eines «Refe­renz­rah­mens Krieg» nicht all­zu bedeu­tend erfolgt unsach­lich (S.123). The­we­leit scheint hier sei­nen gekränk­ten Stolz dar­über, dass Wel­zer und Neit­zel in ihrem Buch die von ihm über­nom­me­nen The­sen aus den «Män­ner­phan­ta­si­en» nicht kennt­lich machen, zur Schau zu tra­gen. Er sti­li­siert sich selbst zum Opfer, und zwar von Aus­lö­schung: Das Vor­ge­hen der bei­den Auto­ren zei­ge, so The­we­leit allen Erns­tes, den Wil­len, sei­ne Bücher «aus­lö­schen» zu wol­len (S.237). Dabei schreibt der Autor selbst beim anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus auch vom Neid Brei­viks auf den mus­li­mi­schen Mann, ohne dabei auf Edward Saids «Ori­en­ta­lis­mus» (1978) zu ver­wei­sen.  Bei den Pas­sa­gen mit per­sön­li­chen Angrif­fen – Wel­zer und Neit­zel behan­del­ten  einen For­schungs­ge­gen­stand, «dem sie nicht gewach­sen sind» – oder bei der Unter­stel­lung, dass sie am Abend in Knei­pen «über Ange­neh­me­res» «gelöst abla­chen» wür­den (S.124), fragt sich der_die Leser_in, ob „der gro­ße“ The­we­leit das wirk­lich nötig hat.

Schlim­mer sind aber Sät­ze wie die­se: «Mus­li­me welt­weit empö­ren sich über den Tod von Frau­en und Kin­dern, leh­nen eine von US-Pan­zern auf­ge­zwun­ge­ne Demo­kra­tie ab. (Die meis­ten von ihnen leh­nen die ‚Demo­kra­tie’ sowie­so ab.)» (S. 208). Der Satz in Klam­mern steht im Abschnitt zum Irak­krieg. Die­se fal­sche, grup­pen­be­zo­gen dif­fa­mie­ren­de Aus­sa­ge wird auch durch die Anfüh­rungs­stri­che beim Wort Demo­kra­tie nicht weni­ger anti­mus­li­misch ver­stan­den, auch wenn damit die zuvor erwähn­te ‚Zwangs­de­mo­kra­tie’ durch US-Pan­zer gemeint sein mag. Das ist fahr­läs­si­ger Stamm­tisch­stil. Denn der Autor schreibt unvor­sich­tig und dis­kri­mi­nie­rend in gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hän­gen der Taten rund um Mord und Ter­ror: hier im Kon­text von anti­is­la­mi­scher Het­ze und anti­mus­li­mi­schen Vor­ur­tei­len. Wer wie der Autor zwölf lan­ge Sei­ten aus Brei­viks anti-isla­mi­scher, ras­sis­ti­scher Pro­pa­gan­da­rede wie­der­gibt und damit schrift­lich ver­viel­fäl­tigt – trotz des Hin­wei­ses, dass Brei­vik mehr­fach betont habe, sei­ne Tat nur began­ge­nen zu haben, um Auf­merk­sam­keit für sein «Mani­fest» zu erzwin­gen (S.156) –, der soll­te nicht der­art über Muslim_innen schrei­ben.

Eben­so wenn er von Alfons Rosen­bruch aus Ham­burg erzählt, der 2014 im Alter von 19 Jah­ren in Syri­en stirbt. Mit Zita­ten aus einem taz-Arti­kel schil­dert The­we­leit des­sen fami­liä­res und freund­schaft­li­ches Umfeld. Rosen­bruchs Eltern hät­ten getrennt gelebt und zum Vater habe Alfons die ers­ten sechs­ein­halb Jah­re sei­nes Lebens kei­nen Kon­takt gehabt (S.194). The­we­leit geht auf den von der taz inter­view­ten Freund Rosen­bruchs ein: «Aziz (Name geän­dert)». Der habe über Rosen­bruch gesagt, ein schlech­ter fami­liä­rer Hin­ter­grund tref­fe für sei­nen Freund nicht zu (S.193). Aber eine Sei­te spä­ter belehrt The­we­leit uns eines bes­se­ren: Die im Zei­tungs­ar­ti­kel berich­te­ten Kon­flik­te mit dem Vater beleg­ten: «Damit ist der Punkt ‚gute Fami­lie’, den Freund Aziz vor­ge­bracht hat, wohl hin­fäl­lig.» The­we­leit wird hier wie so oft zynisch. Den end­gül­ti­gen Bruch mit dem Vater im Alter von 16 Jah­ren kom­men­tiert er, wenn auch in Anfüh­rungs­stri­chen, mit «‚Gute Fami­lie‘». Vor allem der anschlie­ßen­de Satz von The­we­leit ist pro­ble­ma­tisch: «Aus Aziz’ Sicht, der ver­mut­lich Schlim­me­res kennt, viel­leicht schon» (S.194). Wie­der eine Aus­sa­ge ohne jeg­li­che Her­lei­tung. Aziz’ Fami­lie wird im taz-Arti­kel nicht beschrie­ben und von The­we­leit eben­so wenig. Ohne Anga­be einer ein­zi­gen Infor­ma­ti­on über Aziz’ Leben wirkt es statt­des­sen so, als mache The­we­leit sei­ne Ver­mu­tung an des­sen (vom taz-Autor geän­der­ten) Namen fest. Ver­mu­tun­gen sind per se erlaubt und könn­ten auch ohne Begrün­dung über­zeu­gen. Doch die­se schlägt zu sehr in ein ras­sis­ti­sches Vor­ur­teil: nicht-deutsch oder gar mus­li­misch klin­gen­de Namen, ergo zer­rüt­te­te Fami­li­en­ver­hält­nis­se. Das wäre anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus par excel­lence. Doch wer Brei­viks anti-mus­li­mi­schen Ras­sis­mus ein paar Sei­ten zuvor abdruckt, muss sich klar von die­sem distan­zie­ren und soll­te sich zu kei­nen aus der Luft gegrif­fe­nen Ver­mu­tun­gen über Men­schen, deren Namen für die wei­ße Mehr­heits­ge­sell­schaft nach nicht-deut­scher, mus­li­mi­scher Her­kunft klin­gen, hin­rei­ßen las­sen.

Außer­dem ist zu kri­ti­sie­ren, dass The­we­leit in einem Buch, das sich zen­tral zu einer Geschlech­ter­fra­ge äußert, der­art nach­läs­sig damit umgeht, sei­ne Spra­che zu gen­dern. In den 246 Sei­ten von «Das Lachen der Täter» ver­wen­det er durch­ge­hend das gene­ri­sche Mas­ku­li­num, nicht nur inhalt­lich-logisch bei den Tätern, son­dern auch bei Jour­na­lis­ten, Exper­ten, Zuhö­rern…. Unter den zitier­ten Journalist_innen sind dabei über 20 Frau­en. Die­se sind von The­we­leit in der männ­li­chen Schreib­wei­se viel­leicht mit­ge­dacht und mit­ge­meint. Die Aus­nah­me bil­det die Berufs­grup­pe der «Leh­re­rin­nen» (S. 187, 191): Die fin­det sich in gegen­der­ter Bin­nen-I-Schreib­wei­se. Als loh­ne es sich nur im Care-Bereich neue Aus­drucks­for­men zu wagen, weil hier so vie­le Frau­en beschäf­tigt sind. Die­se inkon­se­quen­te Schreib­wei­se sug­ge­riert im Umkehr­schluss, es gäbe in den übri­gen Berufs­grup­pen kei­ne ernst­zu­neh­men­de Anzahl von Frau­en, als das er sie kennt­lich machen müsste.Von ande­ren For­men von Geschlecht­lich­keit ganz zu schwei­gen. Auch dass er für Sex­ar­bei­te­rin­nen oder Pro­sti­tu­ier­te die Berufs­be­zeich­nung «Nut­te» in einer Fuß­no­te wählt um das alt­mo­di­sche «Frau­en­zim­mer» (S.125) zu erklä­ren, zeugt nicht von einer femi­nis­ti­schen Hal­tung.

Laut The­we­leit bewegt sich eine Beschäf­ti­gung mit lachen­den Mör­dern auf «kei­nes­wegs unge­si­cher­tem Ter­rain» (S.85). Sein Buch kann das Ter­rain aber nicht wei­ter fes­ti­gen. So macht «Das Lachen der Täter» im bes­ten Fall neu­gie­rig auf wei­te­re Ver­su­che einer Erklä­rung für die «mons­trö­sen» Taten von «ganz nor­ma­len Män­nern». The­we­leits Buch regt an, das Ziel einer Gesell­schaft ohne phy­si­sche Gewalt und des­sen Ver­wirk­li­chung zu hin­ter­fra­gen und über Schuld sowie die Exis­tenz eines frei­en Wil­lens nach­zu­den­ken. Es ist ein Ver­dienst des Buchs, mit dem Fokus auf die frag­men­ta­ri­sche Zurich­tung des (Männer-)Körpers und sei­ne zen­tra­le Rol­le beim Töten, des­sen Bedeu­tung für die Erklä­rung indi­vi­du­el­ler wie gesell­schaft­li­cher Phä­no­me­ne zu stär­ken.


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