Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Splittergarten

Themen : Splittergarten · 0 Kommentare · von und 16. Februar 2015

In der Kri­mi­nal­tech­nik wird zur Ermitt­lung von Wucht und Wir­kung einer unkon­ven­tio­nel­len Explo­siv­vor­rich­tung ein Ver­suchs­are­al abge­steckt, das als «Split­ter­gar­ten» bezeich­net wird.

Unse­re regel­mä­ßi­ge Kolum­ne zu aktu­el­len Ereig­nis­sen und Ent­wick­lun­gen in unse­ren The­men­fel­dern wird unter dem poe­ti­schen Titel auf Gedan­ken­split­ter und Blü­ten der Kri­tik ver­wie­sen, die wir in die­sem Gar­ten sprie­ßen las­sen wol­len. Und zwar aus der Feder nam­haf­ter Autor_innen und befreun­de­ter Kolleg_innen. Das gan­ze kann bier­ernst, iro­nisch, lite­ra­risch, per­sön­lich, pole­misch, abwe­gig, sach­lich und/oder zuge­spitzt sein.


Sowas kommt von sowas her: 8. Mai und NSU

HeilbronnGedenken Im baden-würt­tem­ber­gi­schen Heil­bronn gibt es im Stadt­zen­trum, mit­ten in der Fuß­gän­ger­zo­ne, einen his­to­ri­schen Turm, der als eine Art zen­tra­le Gedenk­stät­te für die Lei­den der Heilbronner_innen in den Krie­gen des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts betrach­tet wer­den kann. Der­lei Denk­mä­ler, meist weni­ger monu­men­tal, gibt es in fast allen Städ­ten Deutsch­lands.

Auf der Spit­ze des Heil­bron­ner Turms sitzt ein gol­de­ner Phö­nix, als „Sym­bol für den Über­le­bens­wil­len der durch den Bom­ben­an­griff am 4. Dezem­ber 1944 stark zer­stör­ten Stadt“. Dass sie die­sen Auf­stieg aus der Asche geschafft hat, so heißt es wei­ter, „ver­dankt die Stadt den Frau­en und Män­nern, wel­che die Schre­cken des Krie­ges und des Natio­nal­so­zia­lis­mus über­lebt haben“.


Ein Prozess, der uns alle angeht

Am 20.4. hat der Pro­zess gegen die Gol­de­ne Mor­gen­rö­te (Chry­si Avgi) in Athen begon­nen. Kurz dar­auf wur­de er wegen feh­len­der juris­ti­scher Ver­tre­tung eines der Ange­klag­ten unter­bro­chen und auf den 7.5. ver­tagt. Wor­um geht es in die­sem Pro­zess und wie­so ist er sowohl für Grie­chen­land, als auch für ganz Euro­pa wich­tig?


Besser spät als nie: NSU-Untersuchungsausschuss in BaWü

NSU-LUA.BaWue.2015.Abgeordneter.DrexlerAm 23. Janu­ar 2015 fand nach drei nicht­öf­fent­li­chen die ers­te öffent­li­chen Sit­zung des baden-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­un­ter­su­chungs­aus­schuss (LUA) mit der exak­ten Bezeich­nung „Die Auf­ar­bei­tung der Kon­tak­te und Akti­vi­tä­ten des Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds (NSU) in Baden-Würt­tem­berg und die Umstän­de der Ermor­dung der Poli­zei­be­am­tin M. K.“ statt.  


Weimarer Frühling

Themen : Allgemein, Rassismus, Splittergarten · 0 Kommentare · von 7. April 2015
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Nach einem klä­ren­den Gewit­ter: Regen­bo­gen über dem Wei­ma­rer Markt­platz Foto: Bur­schel

In Wei­mar hat sich etwas Unge­wöhn­li­ches ereig­net: dort ist die übli­che Opfer-Täter-Umkehr, wenn es um Poli­zei­ge­walt geht, gran­di­os geschei­tert. In der Nacht zum 20. April 2012 waren vier jun­ge Leu­te wegen des Ver­dachts der Sach­be­schä­di­gung von Wei­ma­rer Beamt_innen in Gewahr­sam genom­men und – nach Anga­ben der Betrof­fe­nen – in den poli­zei­li­chen Haft­zel­len gede­mü­tigt und – im Fal­le einer jun­gen Frau – belei­digt und hand­fest miß­han­delt wor­den. Nach dem Schock die­ser bra­chia­len Frei­heits­be­rau­bung brauch­ten die jun­gen Leu­te, die sich einer links­al­ter­na­ti­ven Sze­ne zurech­nen, erst­mal ein paar Wochen, ehe sie sich zur Anzei­ge gegen die Polizist_innen ent­schlos­sen. Lan­ge Zeit wer­den sie die­sen Schritt, wie vie­le ande­re in ähn­li­cher Situa­ti­on, bit­ter bereut haben, denn der Spieß der Straf­an­zei­ge wur­de recht bald zu ihren Unguns­ten umge­dreht und drei von ihnen fan­den sich schließ­lich auf der Ankla­ge­bank im Amts­ge­richt Wei­mar wie­der. Nach­dem das Ver­fah­ren gegen die beschul­dig­te Schicht der Poli­zei­in­spek­ti­on (PI) Wei­mar ein­ge­stellt wor­den war, muss­te fast auto­ma­tisch Kla­ge gegen die drei Betrof­fe­nen wegen „fal­scher Ver­däch­ti­gung“ der Beamt_innen und der „Vor­täu­schung einer Straf­tat“ erho­ben wer­den.


Ermorden – Vertuschen – «Stilles Gedenken» zum Todestag von Oury Jalloh in Dessau

Es ist zu einer Art gru­se­li­ger Tra­di­ti­on gewor­den, dass sich an Oury Jal­lohs Todes­tag vor dem Des­sau­er Poli­zei­re­vier aus­ge­rech­net die­je­ni­gen Behördenvertreter_innen zu einer Gedenk­ver­an­stal­tung ver­sam­meln, die seit über zehn Jah­ren die Auf­klä­rung derbild_kommentar Todes­um­stän­de von Oury Jal­loh ver­hin­dern. «Man muss ein Stück zurück­bli­cken», erklärt Mar­co Ste­ckel, Lei­ter der Bera­tungs­stel­le für Opfer rech­ter Straf- und Gewalt­ta­ten im Dezem­ber 2014 vor dem Des­sau­er Amts­ge­richt. «Ab 2008 hat die Stadt immer an der Frie­dens­glo­cke an den Feu­er­tod von Oury Jal­loh gedacht. Danach sind eini­ge Leu­te noch zum Revier gegan­gen.» Weil das vie­le schlecht durch­ge­führt fan­den, organ­sier­te Ste­ckel zusam­men mit dem Mul­ti­kul­tu­rel­len Zen­trum und dem Netz­werk Geleb­te Demo­kra­tie am 7. Janu­ar 2011 erst­mals eine Gedenk­ver­an­stal­tung direkt am Poli­zei­re­vier in der Wolf­gang­stra­ße. Dort, wo Oury Jal­loh am 7. Janu­ar 2005 von Poli­zei­be­am­ten rechts­wid­rig in eine Zel­le gesperrt, an Hän­den und Füßen ange­ket­tet und ange­zün­det wor­den ist. «Es ging dabei um die mensch­li­che Ges­te, und dar­um, Trau­er zum Aus­druck zu brin­gen an einem authen­ti­schen Ort», erklärt Ste­ckel das Ansin­nen. Unter dem Mot­to «Ein Licht für Oury Jal­loh» ver­sam­mel­ten sich in den dar­auf fol­gen­den Jah­ren neben weni­gen Bürger_innen der Stadt vor allem auch Poli­zei und Jus­tiz am Ort des Gesche­hens. Ste­ckel sei es aller­dings nur um die Bürger_innen gegan­gen: «Die ande­ren wären ein­fach dazu­ge­kom­men», fügt er hin­zu.


Frauen, Männer und Pegida

Anti-PegidaProtest in Dresden

99 Luft­bal­lons: Anti-Pegi­da-Pro­test in Dres­den am 28. Febru­ar 2015 Foto: Chris­ti­ne Buch­holz

Wenn wir uns mit der ras­sis­ti­schen und in Tei­len rechts­ex­tre­men Pegi­da aus einer Geschlech­ter­per­spek­ti­ve aus­ein­an­der­set­zen, uns fra­gen, was könn­te das mit «Frau­en» oder «Män­nern» zu tun haben, tre­ten fol­gen­de vier Aspek­te zu Tage:

Zum einen spielt in der Bericht­erstat­tung, bis auf weni­ge Aus­nah­men, die Kate­go­rie Geschlecht wie so häu­fig kei­ne Rol­le. (Anders  aus­ge­drückt, fra­gen sich ganz weni­ge, was die Tat­sa­che, dass sich in den unter­schied­li­chen «Gidas» so vie­le Män­ner sehr gern tum­meln, über deren Männ­lich­keit bzw. Männ­lich­keits­vor­stel­lun­gen aus­sagt.)


Lügen und Enthüllungen: Der NSU-Ausschuss in Hessen hat seine Arbeit aufgenommen

Gedenk­plat­te für die NSU-Opfer am Halit­platz in Kas­sel, der dem dor­ti­gen Opfer Halit Yoz­gat gewid­met wur­de Foto: Bur­schel

Er hat schon wie­der gelo­gen. Vol­ker Bouf­fier, hes­si­scher Minis­ter­prä­si­dent, stand am letz­ten Diens­tag mit hoch­ro­tem Kopf vor den Kame­ras, um neue Ent­hül­lun­gen in der „Welt“ zu sei­ner Rol­le im NSU-Skan­dal zu kom­men­tie­ren. Dort war der Ablauf der Ereig­nis­se um den Mord in Kas­sel an Halit Yoz­gat rekon­stru­iert wor­den, wobei Abhör­pro­to­kol­le, die erst jetzt aus­ge­wer­tet wer­den konn­ten, eine wich­ti­ge Rol­le spie­len. Dem­nach gibt es nun den drin­gen­den Ver­dacht, dass der Ver­fas­sungs­schutz­mit­ar­bei­ter Andre­as T., der zur Tat­zeit am Tat­ort war, Täter­wis­sen hat­te. Bouf­fier wird vor­ge­wor­fen, die Ermitt­lun­gen gegen Andre­as T. behin­dert zu haben, indem er (damals Innen­mi­nis­ter) ver­hin­der­te, dass die von Andre­as T. geführ­ten V-Leu­te poli­zei­lich ver­nom­men wur­den. Außer­dem wer­fen ihm die Neben­kla­ge­an­wäl­te vor, er habe bereits weni­ge Wochen nach der Tat vom Tat­ver­dacht gegen T. gewusst. Mona­te spä­ter hat er im Innen­aus­schuss des Land­ta­ges behaup­tet, er habe von den Vor­wür­fen erst soeben „aus der Zei­tung erfah­ren“. Damit hat­te er damals das Par­la­ment belo­gen. Am Diens­tag behaup­te­te er nie gesagt zu haben, er habe die Sache „erst aus der Zei­tung erfah­ren“, womit er erneut gelo­gen hat, wie sich im Pro­to­koll der Innen­aus­schuss­sit­zung nach­voll­zie­hen lässt.


Alles falsch in Sachsen

Seit etwa einem hal­ben Jahr demons­trie­ren mon­täg­lich tau­sen­de Men­schen in Schnee­berg, Dres­den, Leip­zig und eini­gen ande­ren Kom­mu­nen Sach­sens gegen die Auf­nah­me von Geflüch­te­ten und gegen das Grund­recht auf Asyl. Sie müs­sen das wohl tun, denn sie haben ihre par­tei­po­li­ti­sche «Hei­mat» ver­lo­ren. Die NPD ist im ver­gan­ge­nen Jahr nach zehn Jah­ren abge­wählt wor­den und nicht mehr im Säch­si­schen Land­tag ver­tre­ten. Sie kann nur noch auf 100 Kreis- und Kom­mu­nal­man­da­te für die Durch­set­zung ihrer For­de­run­gen zurück­grei­fen. So ist es nicht ver­wun­der­lich, dass sich die «Schutz suchen­den» Demons­trie­ren­den unter die Ret­tungs­schir­me neu­er poli­ti­scher Kräf­te flüch­ten.

Ganz ohne Gegen­leis­tung wird ihnen das frei­lich nicht gewährt und so müs­sen sie jetzt auch gegen die Gen­de­ri­sie­rung der Gesell­schaft und die Frühse­xua­li­sie­rung von Kin­dern Gesicht zei­gen. Die Bereit­schaft der Abend­spa­zie­ren­den wei­te­re Zie­le zu ver­fol­gen, ermög­lich­te die Kon­sti­tu­ie­rung eines facet­ten­rei­chen Netz­wer­kes. So strei­ten die inzwi­schen nach einem Form­tief in Dres­den am 16.2.2015 wie­der auf mehr als 4000 geschätz­ten «Patrii» nun auch gegen das Selbst­be­stim­mungs­recht von Frau­en, gegen die Russ­land betref­fen­den Sank­tio­nen, gegen die poli­ti­sche Ein­heit Euro­pas, gegen alle Frei­han­dels­ab­kom­men, ganz en vogue auch gegen TTIP und – natür­lich – für mehr Poli­zei.


AfD in der Hamburgischen Bürgerschaft

Der Tag danachHH16.2.15

Auf den Müll damit: AfD-Pla­kat in ange­mes­se­nem Ton­nen-Ambi­en­te. Gese­hen in der Ham­bur­ger Schüt­zen­stra­ße am Tag danach, den 16.2.2015 Foto: Bur­schel

DIE LINKE hat bei den Bür­ger­schafts­wah­len in Ham­burg mit 8,5 % (2011: 6,4%) und elf Man­da­ten (2011: acht) ein über­zeu­gen­des Votum für eine star­ke lin­ke und kon­struk­ti­ve Oppo­si­ti­ons­po­li­tik erhal­ten. Das ist die gute Nach­richt. Die schlech­te Nach­richt ist, neben wei­ter sin­ken­der Wahl­be­tei­li­gung, der Ein­zug der AfD. Sie erhielt 6,1% der Stim­men und acht Man­da­te und ist damit erst­mals in einem west­deut­schen Lan­des­par­la­ment ver­tre­ten.

Die AfD hat rund 8000 vor­ma­li­ge Nicht­wäh­le­rIn­nen mobi­li­siert. Die CDU ver­lor 8000 Wäh­le­rIn­nen an die AfD, 7000 die SPD, 4000 die FDP und je 1000 LINKE und Grü­ne.