Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Migration & Sexarbeit: Diskussionsforum

Themen : Sexarbeit · 0 Kommentare · von 9. Mai 2014

Die Themen Prostitution/Sexarbeit und Menschenhandel werden immer wieder besonders erbittert diskutiert. Gleichzeitig stehen derzeit auf mehreren Ebenen politische Weichenstellungen an. Das Europäische Parlament berät den Vorschlag, nach dem Vorbild Schwedens die Bestrafung von Freiern in allen Mitgliedsstaaten einzuführen. In Deutschland wird im Herbst eine Entscheidung zur Revision des Prostitutionsgesetzes gefällt werden. Jüngst wurde im Bundesrat eine Erlaubnispflicht für Bordelle beschlossen. Angeheizt wurde die Debatte vor einigen Monaten aber auch durch eine Kampagne der Zeitschrift Emma, die Prostitution mit Sklaverei gleichgesetzt und eine Rücknahme des Prostitutionsgesetzes (ProstG in Kraft seit 2002) forderte. Die Meinungen zu diesen Entwicklungen gehen auch innerhalb der gesellschaftlichen und politischen Linken weit auseinander. Zwischen der Forderung nach kategorischem Verbot und einer unkritischen Pro-Prostitutions-Haltung liegen viele verschiedene Positionen.

Das im April 2014 von der Rosa-Luxemburg-Stiftung veröffentlichte «Standpunkte»-Papier mit dem Titel «Liberal zu sein reicht nicht aus» von PG Macioti hat zu zahlreichen, stark voneinander abweichenden Reaktionen geführt. Aus diese Anlass wird mit diesem Blog wird ein moderiertes Forum eröffnet, das Raum für Anmerkungen, Austausch und Diskussion schafft und die Debatte für eine weitere Öffentlichkeit erschließt. Veröffentlicht werden  Debattenbeiträge, die sich auf das Papier beziehen,  aber auch darüber hinausgehende Positionen einnehmen können. Wir bitten wenn möglich um Beiträge in geschlechtergerechter Sprache.

Die hier vertretenen Positionen sind individuelle Meinungsäußerungen und geben nicht zwangsläufig die Meinung des Redaktionsteams wieder.

Redaktion: Koray Yılmaz-Günay, Referent für Migration; Dr. Eva Schäfer, Referentin für Geschlechterverhältnisse; Katharina Pühl, Referentin für feministische Gesellschafts- und Kapitalismusanalyse; Laura Bremert, Praktikantin Referat feministische Gesellschafts- und Kapitalismusanalyse;  Lukas Fuchs, Mitarbeit im Bereich Migration der Akademie für Politische Bildung der Rosa-Luxemburg-Stiftung.


Die Forderungen der Hurenbewegung sind noch immer nicht umgesetzt

Von Mareen Heying

Zunächst möchte ich PG Macioti für ihr sehr gutes Standpunkte-Papier danken. Die Autorin ist äußerst gut informiert und weiß, worüber sie schreibt – gerade beim Thema Sexarbeit ist das leider keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil. Menschen lieben es, sich zu Prostitution zu äußern, ohne auch nur im Ansatz zu wissen, wie sich das so genannte «Rotlichtmilieu» bestimmt und wie es den überwiegend weiblichen Sexarbeiterinnen geht. Und nein, es reicht nicht aus, einen Mainstream-Presse-Artikel gelesen zu haben. Sondern wer sich zu Sexarbeit äußert, sollte sich mit den Positionen der in der Prostitution Tätigen beschäftigen; durch Gespräche, das Lesen von Hurenzeitschriften und -büchern und durch genaues Hinhören statt vorschneller moralischer Bewertung. Wir Linke glauben doch auch sonst nicht, was uns die Medien verkaufen wollen, warum bei der Prostitution?


Fragen Sie uns selbst!

Themen : Allgemein, Sexarbeit · 0 Kommentare · von 17. Juni 2014

Von Doris Winter

PG Macioti spricht mir aus dem Herzen. Ich fing mit 18 Jahren mit Sexarbeit an und habe viele Jahre angeschafft. Dabei litt ich sowohl unter der früheren Gesetzgebung vor 2002 als auch unter dem Hurenstigma. Nicht unter meinem Job selbst, den mochte ich, schon alleine wegen der finanziellen Unabhängigkeit, der freien Zeiteinteilung und den Gestaltungsmöglichkeiten jeder einzelnen Situation. Ich lernte viel und habe nie bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Parallel dazu begann ich eine Ausbildung, um eine berufliche Alternative in der Tasche zu haben. Auch damals gab es schon eine Art «Rettungsindustrie». Ich geriet an einen Ermittlungsrichter, der unbedingt meinen damaligen Bordellbetreiber einbuchten wollte. Das wollte allerdings ich nicht, denn mein Arbeitsplatz war fair organisiert, ich war zufrieden dort.


Linke Feminist_innen in der Sackgasse?

Themen : Migration und Arbeit, Sexarbeit · (7) Kommentare · von 30. Juni 2014

«Ich bin es so verdammt leid. Ich bin es leid, mir diese Marxist_innen anzuschauen, diese Sozialist_innen, diese Anarchist_innen, diese ach so revolutionären Leute, die Frauen da draußen in der Kälte stehen lassen. Ich bin es leid, dass sie in allen Fragen radikale Positionen einnehmen, außer bezüglich der Sexindustrie. Denn wisst ihr, wir können die Welt verändern, wir können eine neue Gesellschaft schaffen – eine, die fair ist, gerecht, frei und egalitär – aber wir erhalten eine Klasse von Frauen für Blowjobs.» (Meghan Murphy: «Why I won’t be supporting Canada’s Next Top Progressive Startup, Ricochet»)


Probleme mit Prostitution?

Ich danke PG Macioti für den durchdachten Beitrag. Er zeigt hervorragend auf, wie Prostitution auf historisch spezifische Weise gesellschaftlich hervorgebracht wird. Macioti sieht die Ursachen deutlicher Abhängigkeitsverhältnisse, von denen einige Sexarbeiter_innen betroffen sind, nicht in der Prostitution per se. Vielmehr seien diese bedingt durch Hurenstigma, rechtliche Diskriminierung und eine Vielzahl gesellschaftlicher Bedingungen, die nicht unmittelbar mit der Prostitution zu tun haben, sich aber besonders stark im stigmatisierten Sexgewerbe niederschlagen: v.a. herrschende Geschlechterverhältnisse, Migrationsregime, kapitalistische Organisation der Erwerbsarbeit und ungleiche Vermögensverteilung. Dem kann ich nur zustimmen.


Unser Standpunkt zur Prostitution: Pro Nordisches Modell

In den letzten Monaten haben wir uns intensiv mit dem Thema Prostitution/Sexwork auseinandergesetzt. Als Ergebnis dessen halten wir die Auseinandersetzung mit der Gewaltseite der Prostitution für dringlich geboten. Unserer Meinung nach geschieht das derzeit in feministischen Kreisen nicht ausreichend, daher möchten wir hiermit Stellung beziehen und uns für das Nordische Modell aussprechen. Wir plädieren dafür, nicht länger die Gewalt, der Frauen, Kinder, Jugendliche, transgender & transsexuelle Menschen und wenige Männer in der Prostitution ausgesetzt sind, aus dem Diskurs auszublenden. Diese Gewalt zu thematisieren, sie zum Mittelpunkt der Debatte zu machen und ihr entgegenzutreten hat höchste Priorität: Zuhälterkontrollierte Prostitution/Zwangsprostitution ist serielle Vergewaltigung, an der sich Freier und Zuhälter bereichern.


«Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit» (Melissa Gira Grant)

Themen : Allgemein, Sexarbeit · 0 Kommentare · von 28. Oktober 2014

Sexarbeiter_innen kommen in der laufenden Verbots- und Kriminalisierungs-Debatte kaum selbst zu Wort. In ihrem Buch «Hure spielen» lässt Melissa Gira Grant, Journalistin und ehemalige Sexarbeiterin die Akteur_innen selbst zu Wort kommen. Sie plädiert für einen grundsätzlich neuen Blick auf die Sexindustrie – inklusive männlicher und transsexueller Sexarbeit. Die Dokumentation ihrer Buchpräsentation am Freitag, den 17. Oktober 2014, in der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Katharina Florian (Edition Nautilus) sowie Liad Kantorowicz (Moderation) ist mit begleitendem Material jetzt online einsehbar: http://www.rosalux.de/documentation/51717.


«Macht- und Gewaltausübung sind kein Kundenmerkmal»

Themen : Allgemein, Sexarbeit · (1) Kommentar · von 17. Juni 2014

Von Christiane Howe

Prostitution ist, wie auch PG Macioti in ihrem Beitrag feststellt, ein sehr facettenreiches und komplexes Feld. Nicht nur in Deutschland bestehen bis heute unterschiedliche ethische Grundhaltungen zu dieser Art der Tätigkeit. Kategorien wie Menschenwürde, individuelle Handlungsfreiheit, sexuelle Selbstbestimmung sowie Gleichberechtigung von Mann und Frau werden hier in unterschiedlicher Weise inhaltlich gefüllt und gegeneinander abgewogen.