Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


In die Abgründe staatlicher Verstrickung blicken

Themen : Neonazismus, NSU-Komplex, Rassismus · 0 Kommentare · von 10. Juli 2013
Die RLS im NSU-Prozess: Stiftungsreferent Friedrich Burschel hat einen festen Platz im Gerichtssaal in München

 

DSC_0845

Geden­ken zur Pro­zess­eröff­nung am 6. Mai 2013: Abdurra­him Özüd­oğ­ru wur­de am 13. Juni 2001 in Nürn­berg erschos­sen Foto: NSU-Watch

In den Jah­ren 2000 – 2007 hat der «Natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Unter­grund» (NSU) einem 2011 auf­ge­tauch­ten Beken­ner-Video zufol­ge neun Men­schen mit tür­ki­schen, kur­di­schem und grie­chi­schem Hin­ter­grund aus ras­sis­ti­schen Moti­ven und eine Poli­zis­tin ermor­det: Enver Şimşek, Abdurra­him Özüd­oğ­ru, Süley­man Taş­köprü, Habil Kılıç, Yunus Tur­gut, İsmail Yaşar, Theo­do­ros Boul­ga­ri­des, Meh­met Kubaşık, Halit Yoz­gat, Miché­le Kie­se­wet­ter.

Seit Anfang Mai 2013 wird in Mün­chen der «NSU-Kom­plex» vor Gericht ver­han­delt. Ange­klagt ist Bea­te Zschä­pe, die ein­zi­ge Über­le­ben­de der so genann­ten Zwi­ckau­er Ter­ror­zel­le, sowie deren mut­maß­li­che Kom­pli­zen und Hel­fer Ralf Wohl­le­ben, André E., Cars­ten S. und Hol­ger G. der 6. Straf­kam­mer des Ober­lan­des­ge­rich­tes Mün­chen unter Vor­sitz des Rich­ters Man­fred Götzl begann der Pro­zess, bei dem es um 10-fachen Mord, min­des­tens drei Spreng­stoff­an­schlä­ge u.a. mit einer Nagel­bom­be und zahl­rei­chen zum Teil Schwer­ver­letz­ten, mit 15 Bank­über­fäl­len und um eine der größ­ten Bank­raub-Seri­en in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik sowie um Mit­glied­schaft bzw. Unter­stüt­zung einer Ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung nach § 129 a geht.

Wei­ter im Text, aktu­el­le Infos und alle Berich­te und Audio- und Print-Bei­trä­ge zum Pro­zess von Fried­rich Bur­schel fin­den Sie in unse­rem neu­en Online-Dos­sier zum NSU-Pro­zess.

 


Definitiv kein Grund zum Feiern

Themen : Allgemein, NSU-Komplex · 0 Kommentare · von 29. April 2015

Kom­men­tar zu zwei Jah­ren NSU-Pro­zess von Fried­rich Bur­schel, Refe­rent für Neo­na­zis­mus und Strukturen/Ideologien der Ungleich­wer­tig­keit der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung und Beglei­ter des NSU-Pro­zes­ses in Mün­chen. Der gesam­te Text des Kom­men­tars steht unter: www​.rosa​lux​.de/​n​e​w​s​/​4​1​438

Was ist wich­tig? Nach 200 Pro­zess­ta­gen und fast zwei Jah­ren NSU-Pro­zess wird es zuneh­mend schwie­ri­ger, sich auf das Wesent­li­che zu kon­zen­trie­ren. Zu vie­le Pro­zess­ta­ge, zu viel Stoff, zu vie­le Details, zu vie­le Zeu­gen, zu viel Pau­sen, zu viel Leer­lauf und gleich­zei­tig zu viel Gesche­hen im Saal A101 in Mün­chen, das sich allen­falls noch anek­do­ten­haft dar­stel­len lässt.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum NSU-Kom­plex und zum NSU-Pro­zess in Mün­chen unter: www​.rosa​lux​.de/​nsu


Heimatschutz“: Kriminologisches Wimmelbild

Themen : Allgemein, NSU-Komplex · (3) Kommentare · von 6. August 2014
Stefan Aust, Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU, Patheon 2014, 864 Seiten, ISBN: 978−3−570−55202−5

 

Heimatschutz von Dirk Laabs
Buch­co­ver von „Hei­mat­schutz“, der ambi­tio­nier­ten NSU-Gesamt­schau von Dirk Laabs und Ste­fan Aust

Auch das noch, war der ers­te Gedan­ke vie­ler, die sich inten­siv mit dem NSU-Kom­plex beschäf­ti­gen, als der 800-Sei­ten-Klotz „Hei­mat­schutz. Der Staat und die Mord­se­rie des NSU“ im Juni 2014 auf den Tisch gedon­nert wur­de. 350.000 Sei­ten Ermitt­lungs­ak­ten, 488 Sei­ten Ankla­ge­schrift mit 1600 Fuß­no­ten im Mün­che­ner NSU-Ver­fah­ren, 1400 Sei­ten Abschluss­be­richt des NSU-Unter­su­chungs­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges, gewich­ti­ge Abschluss­be­rich­te der Par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schüs­se (PUA) der Län­der Bay­ern, Sach­sen und Thü­rin­gen, Kom­mis­si­ons­be­rich­te, eine unüber­seh­ba­re Fül­le qua­li­ta­tiv völ­lig unter­schied­li­cher Medi­en­be­rich­te, mehr oder weni­ger glaub­wür­di­ge Recher­che­er­geb­nis­se, ufer­lo­se Inter­net­de­bat­ten, die wöchent­lich im NSU-Pro­zess dazu kom­men­den Pro­to­kol­le (z.B. von NSU-Watch), Beweis­an­trä­ge, Erklä­run­gen, Gerichts­ent­schei­dun­gen und Stel­lung­nah­men, die Aus­sa­gen von bis­her rund 400 Zeu­gin­nen und Zeu­gen mit ent­spre­chen­dem Medi­en­echo, und dann eben noch eine gan­ze Rei­he von Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen, die immer knapp zu ihrem eige­nen Ver­falls­da­tum erschei­nen und sich so stets auch dem Ver­dacht aus­setz­ten, dass sie rasch noch die Sah­ne eines media­len Auf­re­ger­the­mas abschöp­fen soll­ten. Der Wett­lauf mit dem Sahn­el­öf­fel begann nur weni­ge Mona­te nach dem Auf­flie­gen, der Selbstent­tar­nung, dem rät­sel­haft blu­tig-abrup­ten Ende – wie immer man das nen­nen will, was sich am 4. Novem­ber 2011 in Eisen­ach abspiel­te –, dem Ende des­sen, was seit­her irre­füh­rend das „Zwi­ckau­er Ter­ror­trio“ genannt wird: die­se frü­hen Bücher sind heu­te, zwei Jah­re spä­ter, im Grun­de wert­los, weil von den Ereig­nis­sen, die andau­ern, vom „Skan­dal in Echt­zeit“ (Tho­mas Moser in „Geheim­sa­che NSU“) längst über­holt wor­den sind. War­um also soll­te man sich den Tort antun und sich durch das – ver­mut­lich eben­so kurz­le­bi­ge – Kon­vo­lut der Auto­ren Ste­fan Aust und Dirk Laabs arbei­ten?

Eben­so könn­te man sich dem kur­zen, aber ver­nich­ten­den Urteil von Jens Hoff­mann in kon­kret 7/2014 anschlie­ßen: „‚Hei­mat­schutz‘ ist so über­flüs­sig wie Staats­bür­ger­kun­de“. Hoff­mann stößt sich vor allem an For­ma­lem – „…dass etwa 90 Pro­zent der ver­wen­de­ten Zita­te gar nicht erst nach­ge­wie­sen wer­den“ – und dem typi­schen Kol­por­ta­ges­til in Spie­gel-Manier, wo der V-Mann Tho­mas Star­ke als „Halb-Grie­che“ (S. 25) ein­ge­führt wird, wo man die Pocken­nar­ben des Blood&Honour-Kaders Jan Wer­ner erst erkennt, „wenn man näher an ihn her­an­tritt“ (S. 293) und wo Bea­te Zschäpes Lächeln kaschiert, „dass sie eigent­lich nicht beson­ders hübsch ist – ihre Augen sind zu groß, die Lip­pen zu schmal, die Nase ist zu klein, die Pro­por­tio­nen ihres Gesichts schei­nen nicht zu stim­men“ (S. 193). Ähn­li­che Stel­len gibt es zuhauf in dem Buch und sie sto­ßen einem tat­säch­lich sau­er auf.

Und natür­lich ist auch ziem­lich durch­sich­tig, wes­halb dem eigent­li­chen Autor Dirk Laabs der illus­tre „Ter­ro­ris­mus­ex­per­te“ Ste­fan Aust, der inzwi­schen als Her­aus­ge­ber in Sprin­gers „Welt“ ange­kom­men ist, auf den Bauch gebun­den wur­de: es ist anzu­neh­men, dass die Ver­mark­tungs­gi­gan­ten von Ran­dom Hou­se, bei deren Ver­lag Pan­the­on der mit dem Preis von 22,99 Euro wohl­fei­le Zie­gel erschie­nen ist, sich von Aust eine gehö­ri­ge Ver­kaufs­för­de­rung erwar­ten.


Audio-Doku „A Glance from the Outside“

Themen : Neonazismus, NSU-Komplex · 0 Kommentare · von 17. Dezember 2013
DSC_0099

Ver­an­stal­tung zum NSU-Kom­plex im Eine-Welt-Haus in Mün­chen am 9.12.2013: Aaa­ron Flana­gan (USA), Hei­ke Kleff­ner (Mode­ra­ti­on), Liz Feke­te (UK), Mats Deland (Schwe­den)  Foto: NSU-Watch

Eine span­nen­de Fach­ta­gung zum NSU-Kom­plex mit inter­na­tio­na­len Gäs­ten ist am Wochen­en­de 6. — 8. Dezem­ber 2013 in Mün­chen über die Büh­ne gegan­gen und hat­te in einer Abend­ver­an­stal­tung am Mon­tag, 9.12.2013, im voll besetz­ten Eine-Welt-Haus Ihren Höhe­punkt. Wir haben den Abend in den Ori­gi­nal­spra­chen auf­ge­nom­men und wol­len Euch alle ermun­tern, in die­se wirk­lich span­nen­de Ver­an­stal­tung mal rein­zu­hö­ren.

Ihr fin­det sie auf der RLS-Home­page hier.

 

 


Bilder des Schreckens

Themen : Neonazismus, NSU-Komplex, Rassismus · 0 Kommentare · von 26. August 2013
Verstörendes aus den ersten drei Monaten des NSU-Prozesses vor dem OLG München

DSC_0389Das Ent­set­zen hat Ein­zug gehal­ten in den NSU-Pro­zess vor dem Ober­lan­des­ge­richt (OLG) in Mün­chen. Nach wochen­lan­gem Gezer­re um Pres­se­plät­ze und Anträ­ge der Ver­tei­di­gung und der rund 50-köp­fi­gen Neben­kla­ge­ver­tre­tung kam in den zwei dar­auf fol­gen­den Mona­ten bis zur gericht­li­chen Som­mer­pau­se die ras­sis­ti­sche Mord­se­rie des „Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds“ (NSU) zur Spra­che. Zehn Men­schen sind vom NSU ermor­det wor­den, bekannt haben sich die Nazi-Ter­ro­ris­ten dazu erst nach ihrem Auf­flie­gen bzw. – was die zwei mut­maß­li­chen Haupt­tä­ter Uwe Mund­los und Uwe Böhn­hardt betrifft – nach ihrem angeb­li­chen Dop­pel­selbst­mord am 4. Novem­ber 2011 im Gefol­ge eines Bank­über­falls in Eisen­ach. Auf der Ankla­ge­bank sitzt die Drit­te in die­sem Bun­de, Bea­te Zschä­pe und vier Hel­fer des NSU: die gestän­di­gen oder teil­ge­stän­di­gen Hol­ger Ger­lach und Cars­ten Schult­ze sowie Ralf Wohl­le­ben und André Emin­ger, die bei­de zu den Vor­wür­fen eben­so schwei­gen wie Zschä­pe.


Gedenken an Burak Bektaş: Energie zum Durchhalten

Anläss­lich des zwei­ten Jah­res­ta­ges des Mor­des an Burak Bek­taş  gin­gen  über 300 Men­schen  auf die Stra­ße um Auf­klä­rung zu for­dern. Da es kei­ner­lei Reak­ti­on von ver­ant­wort­li­chen Politiker_innen gab, ruft  die „Initia­ti­ve für die Auf­klä­rung des Mor­des an Burak B.“  zu einer wei­te­ren Mahn­wa­che in Geden­ken an Burak auf. Die  Mahn­wa­che: Burak unver­ges­sen! — fin­det am Sams­tag,  den 10. Mai, um 12 Uhr in der Rudo­wer Stra­ße 21 statt.

Für anti­fra* hat sich Katha­ri­na Helf­rich mit Hel­ga Seyb, Mit­ar­bei­te­rin der Ber­li­ner Opfer­be­ra­tung „Reach out“, über den Mord an Burak Bek­taş und Par­al­le­len zu den NSU-Mor­den unter­hal­ten.

Am Sams­tag jährt sich der Mord an Burak Bek­taş zum zwei­ten Mal. Was hat sich am 5. April. 2012  ereig­net?

buraktranspigross

Demo mit Tran­spi zum Geden­ken an den Mord an Burak Bek­taş am 24.11.2012 in Rudow. Foto: „Initia­ti­ve für die Auf­klä­rung des Mor­des an Burak B.“

Am 5. April 2012 wur­de nachts in der Rudo­wer­stra­ße in Rudow gegen­über dem Kran­ken­haus Neu­kölln von einem Unbe­kann­ten in eine Grup­pe von jun­gen Män­nern hin­ein­ge­schos­sen. Zwei Män­ner wur­den sehr schwer ver­letzt und Burak Bek­taş getö­tet. Der Mör­der ist damals wie aus dem Nichts auf­ge­taucht, hat auf die Jun­gen geschos­sen und ist sofort wie­der abge­hau­en. Da der Täter nichts gesagt hat, ist der Mord völ­lig uner­klär­lich. Bis jetzt wur­de noch kein Mör­der gefun­den und es gibt zunächst kein Motiv.

Aber inzwi­schen spricht ja sogar der Rund­funk Ber­lin Bran­den­burg (RBB) von einem Ver­bre­chen mit ras­sis­ti­schem Hin­ter­grund. Wor­an macht ihr ein ras­sis­ti­sches Tat­mo­tiv fest?

Wir machen es nicht fest. Son­dern wir sagen, dass Ras­sis­mus ein Motiv sein könn­te. Die „Initia­ti­ve für die Auf­klä­rung des Mor­des an Burak Bek­taş“ hat sich auch vor dem Hin­ter­grund der Selbstent­tar­nung des NSU-Tri­os, des angeb­li­chen Tri­os, gegrün­det. Die NSU-Mor­de lie­fen genau nach dem glei­chen Sche­ma ab. Es taucht einer auf, schießt und ver­schwin­det wie­der. Die Tat­sa­che, dass es beim Mord an Burak kein Motiv gibt, ist ein Hin­weis dar­auf, dass der Mord nach dem Vor­bild der NSU Mor­de gesche­hen sein könn­te.


Hinterland # 23 erschienen

Hinterland # 23 erschienen

Hin­ter­land #23: Rei­sen (88 Sei­ten, 4,50 €) außer­dem an Bord: Wir kön­nen nicht mehr war­ten! Der Non Citi­zen Pro­test im…


Kulturbüro Sachsen in Gefahr

anti­fra* schließt sich den For­de­run­gen der betrof­fe­nen Pro­jek­te an:

Opferberatungsprojekte fordern mehr Unterstützung und warnen vor der drohenden Abwicklung von Beratungsprojekten in Sachsen

Am 4. Novem­ber 2013 jährt sich die Selbstent­tar­nung des NSU zum zwei­ten Mal.

P1130599

2. Novem­ber 2013: Demons­tra­ti­on zum Geden­ken an die Opfer des NSU, der sich am 4.11.2011 selbst ent­tarnt hat­te Foto: Bur­schel

Täg­lich regis­trie­ren die Bera­tungs­stel­len mehr als zwei bis drei rechts­mo­ti­vier­te Gewalt­ta­ten. Bei den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den fehlt eine Zäsur in der Aus­ein­an­der­set­zung mit poli­tisch rechts, ras­sis­tisch und anti­se­mi­tisch moti­vier­ter Gewalt immer noch. Anläss­lich des zwei­ten Jah­res­ta­ges der Selbstent­tar­nung des Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds (NSU) kri­ti­sie­ren die Bera­tungs­stel­len für Betrof­fe­ne poli­tisch rechts, ras­sis­tisch und anti­se­mi­tisch moti­vier­ter Gewalt, dass eine Zäsur bei den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den im Umgang mit ein­schlä­gi­gen Gewalt­ta­ten noch immer nicht statt­ge­fun­den habe. „Wir regis­trie­ren täg­lich zwei bis drei poli­tisch rechts, ras­sis­tisch oder anti­se­mi­tisch moti­vier­te Gewalt­ta­ten,“ sagt Robert Kusche, ein Spre­cher der Bera­tungs­pro­jek­te. So wur­de bei­spiels­wei­se am 21. Sep­tem­ber 2013 ein Imbiss­be­trei­ber tür­ki­scher Her­kunft in Bern­burg (Sach­sen-Anhalt) von Neo­na­zis an sei­ner Arbeits­stel­le ange­grif­fen und so schwer am Kopf ver­letzt, dass er zwei Wochen lang im Koma lag und ver­mut­lich blei­ben­de Schä­den davon tra­gen wird. „Und noch immer sind vie­le Betrof­fe­ne mit Poli­zei­be­am­ten und Staats­an­walt­schaf­ten kon­fron­tiert, die ras­sis­ti­sche Moti­ve igno­rie­ren oder ver­harm­lo­sen oder den Betrof­fe­nen eine Mit­ver­ant­wor­tung für die Angrif­fe zuschrei­ben,“ so Robert Kusche wei­ter.


Lenin heißt jetzt Jesus

Themen : Gedenkpolitiken, Neonazismus, NSU-Komplex · 0 Kommentare · von 17. Oktober 2013

EisenkinderDie net­ten Kolleg_innen von kri​tisch​-lesen​.de haben eine Rezen­si­on des Buches „Eisen­kin­der“ von Sabi­ne Renne­fanz aus mei­ner Feder ver­öf­fent­licht: es ist die Lang­ver­si­on einer Rezen­si­on,  die in ana­ly­se + kri­tik, Nr. 585, vom 14.8.2013 gekürzt erschie­nen ist, und die den geneig­ten Leser_innen nicht vor­ent­hal­ten wer­den soll:

http://​www​.kri​tisch​-lesen​.de/​r​e​z​e​n​s​i​o​n​/​l​e​n​i​n​-​h​e​i​s​s​t​-​j​e​t​z​t​-​j​e​sus

 


München, Zwickau und die Nazibarbarei

Themen : Allgemein, NSU-Komplex · 0 Kommentare · von 18. September 2014

Ein Tag im NSU-Pro­zess: Impres­sio­nen eines Zwi­ckau­ers

EingangOLG

Ein­gangs­schleu­se zum NSU-Pro­zess vor dem Straf­jus­tiz­zen­trum in Mün­chen Bild: NSU-Watch

Ver­schla­fen lau­fe ich durch den Mün­che­ner Mor­gen. Ich ren­ne zur U-Bahn, Stiglmay­er­platz, Nym­phen­bur­ger­stra­ße. Mein Ziel, ich stei­ge aus und füh­le mich nicht wohl in die­ser Stadt, den­ke an die Wahl­hei­mat Ber­lin und fin­de mich vor dem Straf­jus­tiz­zen­trum wie­der. Hier fin­det der NSU-Pro­zess statt. Es ist 8 Uhr 12, ich habe noch Zeit, rau­che eine Ziga­ret­te, zwei Ziga­ret­ten bis mein Kol­le­ge kommt und mir sagt, wo ich hin muss und so wei­ter. Ich war­te kurz vor dem Gebäu­de, dann holen mich die Poli­zis­ten. Ich muss mei­ne Taschen lee­ren, das Gepäck wird durch­leuch­tet, ein bay­ri­scher Beam­ter tas­tet mich ab und nur Zet­tel und Stift bei mir tra­gend, stei­ge ich eine Trep­pe hin­auf. Die Zuschau­er und die Pres­se sit­zen auf einer Tri­bü­ne und vor ihnen, unten, liegt der erstaun­lich klei­ne Gerichts­saal, noch leer. Ich war­te eine hal­be Stun­de und den­ke an Zwi­ckau, die Stadt, in der ich auf­wuchs, aus wel­cher ich immer nur weg woll­te und mit der ich doch untrenn­bar ver­bun­den bin. Die Stadt, in der die „Zwi­ckau­er Ter­ror­zel­le“, bestehend aus den Jena­er Neo­na­zis Bea­te Zschä­pe, Uwe Mund­los und Uwe Böhn­hardt, jah­re­lang gelebt und unbe­hel­ligt Mor­de geplant hat. Ich den­ke an Robert Schu­mann, auch ein Zwi­ckau­er Kind. Deut­sche Kul­tur. Und dann den­ke ich an den Tag, vor ein paar Jah­ren, als ich mit dem Fahr­rad nach Hau­se fuhr, als da das gel­be Haus in der Früh­lings­stra­ße aus­ge­brannt da lag, und nie­mand genau wuss­te, was pas­siert war. Den­ke an die Opfer, die zahl­rei­chen Men­schen, wel­che ster­ben muss­ten, da sie die „deut­sche Ras­se ver­un­rei­ni­gen“ wür­den. Deut­sche Kul­tur. Dann betritt die Haupt­an­ge­klag­te Bea­te Zschä­pe den Saal. Ihre Züge sind stäh­lern und starr, ihr Blick geht ins Lee­re. Irri­tie­rend ist ihre eigen­ar­ti­ge Mäd­chen­haf­tig­keit, ja fast Ver­spielt­heit. Wie sie sich stän­dig Bon­bons in den Mund steckt oder sich durch die Haa­re fährt. Die ein­zi­ge erkenn­ba­re Gefühls­re­gung: Am Anfang ein Lächeln zu Wohl­le­ben, dem eins­ti­gen NPD-Mann aus Thü­rin­gen, oder zu Olaf Klem­ke, sei­nem Ver­tei­di­ger, der schon seit Jah­ren als Sze­ne-Anwalt bekannt ist, genau habe ich es nicht gese­hen. Das Blitz­licht prallt an Zschäpes lan­gen schwar­zen Haa­ren ab, dann ver­las­sen die Foto­gra­fen den Saal, der Vor­sit­zen­de Rich­ter der 6. Straf­kam­mer des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen, Man­fred Götzl kommt her­ein und grüßt in alle Rich­tun­gen: Guten Mor­gen, Guten Mor­gen, Guten Mor­gen, Guten Mor­gen. Mir ist kalt. An der Wand ste­hen hohe Rega­le, voll von Akten, wie ein stil­les Denk­mal deut­scher Büro­kra­tie. Über der Tür ein Kru­zi­fix, schwarz und schwei­gend.