Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Racial Profiling

 

Verwaltungsgericht Dresden erkennt in Racial Profiling keine Grundrechtsverletzung

racial profiling

Für das Verwaltungsgericht Dresden stellt eine öffentliche Stigmatisierung durch die Polizei keine »tiefgreifende spezifische Grundrechtsverletzung« für die betroffenen Menschen dar. Racial Profiling wurde nicht als rassistische Struktur in der Polizeiarbeit erkannt.


Flüchtlinge unwillkommen

Christian Jakob beschreibt das Verhältnis zwischen EU und deutsche Politik und dem Alltagsleben der Fluchtlinge

RW«Eine EU, die Flüchtlingen Schutz bieten will, aber gleichzeitig alles tut, damit niemand diesen Schutz in Anspruch nehmen kann…» Auf der zweiten Seite der Broschüre «Refugees Welcome? Mythen und Fakten zur Migrations- und Flüchtlingspolitik» der Rosa-Luxemburg-Stiftung lesen wir die Hauptthese. Die EU und Deutschland haben nicht nur die Fähigkeit, Flüchtlingen zu helfen, sondern sie benutzen auch die Rhetorik der Rettung, aber trotzdem tun sie entweder nicht genug, oder sie verabschieden Gesetze, die tatsächlich die Situation der Flüchtlinge erschweren. In der Broschüre beantwortet Christian Jakob seine eigene Frage – Flüchtlinge sind überhaupt nicht willkommen in Deutschland und der EU.


In der Geschichte über real vorhandene Menschen fehlen die Menschen

inva kuhn amrInva Kuhn erklärt in ihrem Einführungsbuch antimuslimischen Rassismus

«Wie sonst ist die reflexhafte Reaktion von fast der Hälfte der Deutschen zu erklären, in der Bundesrepublik lebten zu viele Muslime, bei einem tatsächlich geschätztem Anteil von vier bis fünf Prozent an der Gesamtbevölkerung? Warum denken über 54 Prozent, dass Muslime in Deutschland zu viele Forderungen stellen?»

Manchmal ist die Präsenz des Rassismus so allgegenwärtig, dass man vergisst zu fragen – warum? Wenn alle eine Meinung zu Charlie Hebdo oder PEGIDA haben, ist es einfach, auf das «Wie» oder «Was» zu fokussieren: Wie können PEGIDA so viel Macht erwerben? Was können wir dagegen tun? Diesen Fehler begeht Inva Kuhn nicht. In ihrem politikwissenschaftlichen Buch Antimuslimischer Rassismus. Auf Kreuzzug für das Abendland, unternimmt sie es, die Fragen nach dem «Wie» und dem «Warum» miteinander zu verbinden.


Comic by krautfunding

Comic by krautfunding

Das Alternative Kultur- und Bildungszentrum (AKuBiZ) in Pirna, gelobt sei sein Name, ist bundesweit bekannt geworden, weil es den Sächsischen…


Pflaster drauf und fertig?

Rassistische Ausschlüsse in der medizinischen Versorgung – ein Projektbericht aus der Jugendbildung der RLS

«Die Aktivist_innen, die bei unserem Projekt mitmachen, sind vielfach französischsprachig und kommen unter anderem aus Kamerun, Benin, Frankreich, aber auch aus der BRD aus Kenia, und seit kurzem gibt es auch jemanden aus der Schweiz», übersetzt Juliette ihren Mitstreiter Péguy. Beide engagieren sich seit zwei Jahren bei der Gruppe Corasol, die versucht, durch öffentliche Veranstaltungen und gezielte Aktionen auf die schwierige Situation von Geflüchteten und weiteren Migrant_innen in Deutschland aufmerksam zu machen, direkte Unterstützung anzubieten und solidarisch Handlungsmöglichkeiten zu erschließen. Zielgruppe sind Jugendliche und junge Erwachsene, die sie mit kreativen Informationsveranstaltungen, Soli-Partys, Demos und Kundgebungen erreichen.

«Unser Konzept für Jugendbildungsarbeit gestaltet sich am ehesten über die Formate und den niedrigschwelligen Zugang zu Wissen», erklärt Péguy. So sind Nachfragen bei den Veranstaltungen von Corasol ausdrücklich erwünscht. Die Aktivist_innen versuchen auf Interessierte einzugehen, sie ernst zu nehmen und bei der Erklärung nicht an der Oberfläche zu bleiben. Zu den Formen einfacheren Zugangs gehört auch, dass die Gruppe mit einem Internetblog und auf Facebook präsent ist.


Mehr als nur ästhetische Korrekturen

Empower-Was?

Festiwalla 2011, Zugangsparade zum Haus der Kulturen der Welt. Foto: JTB

Als wir vor ziemlich genau elf Jahren in einem der von den Berliner Quartiersräten sogenannten sozialen Brennpunkte ein Projekt ins Leben riefen, bei dem sich Jugendliche aus nicht gerade privilegierten Verhältnissen selbst «ermächtigten» und ihre Anliegen in Form von Theater, Musik und Tanz auf eine Bühne brachten, war der Begriff Empowerment als pädagogischer Ansatz im deutschsprachigen Raum noch kein Modewort, wie es derzeit ist.

Heute erleben wir, dass einige Ansätze aus der Bürgerrechts- und anderen Bewegungen, in der Privatwirtschaft, in den Chefetagen globaler Konzerne und nun auch langsam – oft im Schneckentempo, aber doch zunehmend – Eingang in behäbigere und strukturkonservativere Institutionen finden wie Schulen, den öffentlichen Dienst und staatlich geförderte Kulturinstitutionen in Deutschland. Dies ist zum einen sicherlich der Tatsache geschuldet, dass es mittlerweile endlich auch in Deutschland ein Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz gibt, auf dessen Umsetzung die EU pocht; zum anderen ist es auch Ausdruck der Krise z.B. der etablierten Kulturbetriebe, die angesichts leerer Zuschauerränge den Druck verspüren, Verjüngungs- und Modernisierungsstrategien zu erproben.

So wird unter dem Stichwort Diversity von Personaler_innen die bahnbrechende Erkenntnis verhandelt, dass interkulturelle Belegschaften und Teams eine Bereicherung darstellen können oder dass qualifizierte Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderungen, nachdem sie jahrzehntelang diskriminiert wurden und immer noch werden, den Institutionen nicht unbedingt von alleine die Bude einrennen, sondern dass es dazu auch Ermutigung und direkter Ansprache, vielleicht sogar spezieller Förderprogramme oder gar Quoten bedarf. Empowerment-Ansätze gelten mittlerweile als Qualitätsmerkmal in Projektanträgen für Fördermittel und mancher Akademiker_in in der Organisationsentwicklung werden mittels des neuen «Fixstern(s) am Himmel der psychosozialen Arbeit» gar neue Jobchancen eröffnet. Ein Grund zur Freude? Wir sehen das mit gemischten Gefühlen und einer ordentlichen Portion Skepsis.


Erinnern ist Empowerment

Themen : Allgemein, Empowerment?!, Migration · 0 Kommentare · von 14. Januar 2015

Bênav lebt in Diyarbakır, der kurdischen Metropole im Südosten der Türkei. Er ist Video-Performance-Künstler. Er wirft mit Milchpackungen und Orangen um sich und wendet sich um die laufende Nebelmaschine hin und her, während er von kurdischen Dörfern erzählt, die in der Vergangenheit dem Erdboden gleichgemacht wurden. In seinem wutendbrannten Monolog spricht er von verlorengegangener Geschichte und unterdrückter Identität, von gestohlenen Namen und der Suche nach Gerechtigkeit. Dafür steht Mely Kiyaks Figur im Theaterstück «Aufstand», das am 20. November 2014 im Maxim-Gorki-Theater in Berlin Premiere hatte. Zum Ende des Auftritts spricht der Protagonist eine Wahrheit des Widerstandes aus: «Erinnern ist Aufstand.» Bênav sucht nach Erzählungen und Realitäten, die in hegemonialer Geschichtsschreibung mundtot gemacht werden. Sein Aufstand ist einer der Erinnerung. Erinnern ist Aufstand. Erinnern ist aber auch Empowerment. Dafür braucht es Geschichten über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. Diese legen die Basis für den Stoff, aus dem Identitäten entstehen.


Rechte statt Fürsorge

Im September 2013 wurde vom Europäischen Parlament die Studie «Empowerment of Roma Women within the European Framework of National Roma Inclusion Strategies» herausgegeben. In dieser gut 98 Seiten schweren Studie wird Empowerment verstanden als: «das Konzept der Förderung von Roma-Frauen – also der Stärkung ihrer Gestaltungs- und Entscheidungsmacht –, um auf dieser Basis die derzeitigen Lebensbedingungen von Roma-Frauen zu analysieren, die jeweiligen nationalen Strategien zur Integration der Roma zu beleuchten und bewährte Praktiken zu ermitteln.»

Tendenziell ist dieser Bericht, ebenso wie auch die vorangegangenen EU-Berichte zur Lage der Roma-Frauen, durch folgende «Merkmale» gekennzeichnet:


Von persönlichen Problemen zu politischen Forderungen

Women in Exile ist eine Initiative von Flüchtlingsfrauen, die sich 2002 in Brandenburg zusammengefunden haben, um für ihre Rechte zu kämpfen. Aktivistinnen aus der Gründungszeit berichten: «Wir haben entschieden, uns als Flüchtlingsfrauengruppe zu organisieren, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass Flüchtlingsfrauen doppelt Opfer von Diskriminierung sind: Sie werden als Asylbewerberinnen durch rassistische Gesetze ausgegrenzt und als Frauen diskriminiert.» 2011 baute Women in Exile die Gruppe Women in Exile & Friends auf, in der sich auch Frauen ohne Fluchthintergrund engagieren. Seitdem tragen wir gemeinsam flüchtlingspolitische Forderungen aus feministischer Perspektive an die Öffentlichkeit. Außerdem unterstützen wir Flüchtlingsfrauen mit Informationsmedien und Workshops dabei, individuelle und kollektive Perspektiven zu entwickeln, um sich gegen sexualisierte Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung zu verteidigen.

Ein Grundprinzip unserer Arbeit ist: Flüchtlingsfrauen entscheiden über ihre politischen Forderungen auf Basis ihrer Alltagserfahrungen selbst, weil sie selbst die Expertinnen ihrer Situation sind.


Zur Notwendigkeit einer rassismuskritischen Sprache

Denk- und Handlungsformen, die an rassistische Unterscheidungen anschließen und die kulturell-diskursive Geltung dieser Formen bekräftigen, vermitteln auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit betrifft Einzelperson und Gruppen; sie ist aber auch kennzeichnend für organisationale (etwa für Institutionen des Bildungssystems) und strukturelle Zusammenhänge (etwa Rechtsprechung). Diskurse und Praxen, die Ausdruck natio-ethno-kultureller Dominanzverhältnisse sind, bestätigen und stabilisieren das System rassistischer Unterscheidungen.

Rassismuskritik bezeichnet ein erkenntnispolitisches Engagement, das Deutungen und Termini, eine Sprache also anbietet, erprobt, weiterentwickelt, um dieses machtvolle System als solches zu erkennen, reflexiv, kritisch zu hinterfragen. Mittels Sprache und Kritik können Handlungsalternativen entwickelt werden.