Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Sowas kommt von sowas her: 8. Mai und NSU

HeilbronnGedenken Im baden-württembergischen Heilbronn gibt es im Stadtzentrum, mitten in der Fußgängerzone, einen historischen Turm, der als eine Art zentrale Gedenkstätte für die Leiden der Heilbronner_innen in den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts betrachtet werden kann. Derlei Denkmäler, meist weniger monumental, gibt es in fast allen Städten Deutschlands.

Auf der Spitze des Heilbronner Turms sitzt ein goldener Phönix, als „Symbol für den Überlebenswillen der durch den Bombenangriff am 4. Dezember 1944 stark zerstörten Stadt“. Dass sie diesen Aufstieg aus der Asche geschafft hat, so heißt es weiter, „verdankt die Stadt den Frauen und Männern, welche die Schrecken des Krieges und des Nationalsozialismus überlebt haben“.


Ermorden – Vertuschen – «Stilles Gedenken» zum Todestag von Oury Jalloh in Dessau

Es ist zu einer Art gruseliger Tradition geworden, dass sich an Oury Jallohs Todestag vor dem Dessauer Polizeirevier ausgerechnet diejenigen Behördenvertreter_innen zu einer Gedenkveranstaltung versammeln, die seit über zehn Jahren die Aufklärung derbild_kommentar Todesumstände von Oury Jalloh verhindern. «Man muss ein Stück zurückblicken», erklärt Marco Steckel, Leiter der Beratungsstelle für Opfer rechter Straf- und Gewalttaten im Dezember 2014 vor dem Dessauer Amtsgericht. «Ab 2008 hat die Stadt immer an der Friedensglocke an den Feuertod von Oury Jalloh gedacht. Danach sind einige Leute noch zum Revier gegangen.» Weil das viele schlecht durchgeführt fanden, organsierte Steckel zusammen mit dem Multikulturellen Zentrum und dem Netzwerk Gelebte Demokratie am 7. Januar 2011 erstmals eine Gedenkveranstaltung direkt am Polizeirevier in der Wolfgangstraße. Dort, wo Oury Jalloh am 7. Januar 2005 von Polizeibeamten rechtswidrig in eine Zelle gesperrt, an Händen und Füßen angekettet und angezündet worden ist. «Es ging dabei um die menschliche Geste, und darum, Trauer zum Ausdruck zu bringen an einem authentischen Ort», erklärt Steckel das Ansinnen. Unter dem Motto «Ein Licht für Oury Jalloh» versammelten sich in den darauf folgenden Jahren neben wenigen Bürger_innen der Stadt vor allem auch Polizei und Justiz am Ort des Geschehens. Steckel sei es allerdings nur um die Bürger_innen gegangen: «Die anderen wären einfach dazugekommen», fügt er hinzu.


Comic by krautfunding

Comic by krautfunding

Das Alternative Kultur- und Bildungszentrum (AKuBiZ) in Pirna, gelobt sei sein Name, ist bundesweit bekannt geworden, weil es den Sächsischen…


Rezension: Kommunisten gegen Hitler und Stalin

Themen : Allgemein, Gedenkpolitiken, Geschichte · 0 Kommentare · von 10. März 2015

Marcel Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Die linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik. Eine Gesamtdarstellung, Klartextverlag, Essen 2014, 613 S.

Die MonBois.inddografie basiert auf der im Juli 2014 verteidigten Dissertation des Autors. Nach dem Studium des Kompendiums ist man geneigt, der selbstbewussten Behauptung im Untertitel zu glauben. Eine Gesamtdarstellung über eine Gruppierung in der deutschen Arbeiterbewegung wird vorgelegt, ein facettenreicher Text über die Linke Opposition der KPD der Weimarer Republik. Viele Personen, Ereignisse und Dokumente werden vorgestellt und bewertet.

Die bemerkenswerte Aussage. Marcel Bois räumt mit der verbreiteten Illusion auf, die Linke Opposition habe vor allem aus Intellektuellen wie Ruth Fischer, Arcady Maslow, wie Werner Scholem, Iwan Katz, Karl Korsch und anderen bestanden, sie hätten nur wenige Anhänger in der Arbeiterklasse besessen. Vor allem am Wirken der erstmals gründlich untersuchten sogenannten Weddinger Opposition wird schlüssig nachgewiesen: Die Linke Opposition war keine „reine Intellektuellen-Strömung.“ Sie war vielmehr „an vielen Orten in der lokalen Arbeiterbewegung verankert.“ (S. 525f.)


«Berliner Zustände 2013»

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin  (MBR) und das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V. (apabiz) haben die mehr als hundertseitige Broschüre «Berliner Zustände 2013»veröffentlicht. Der Schwerpunkt des Schattenberichts liegt dieses Jahr auf der Situation Geflüchteter. Er beschäftigt sich beispielsweise mit dem rassistischen Diskurs im Zusammenhang mit der Eröffnung der Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Hellersdorf. Im letzten Jahr gründete sich die «Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf», die auf Facebook gegen die geplante Flüchtlingsunterkunft hetzte. Bald darauf kam es zu einer  Versammlung von Nazis und Anwohner_innen vor der Unterkunft. Es herrschte nicht nur einmal Pogromstimmung.


„Wir Deutschen sind ja immer bereit, schnell zu vergessen“ – Eine Wolfgang-Staudte-Filmreihe

Themen : Gedenkpolitiken · 0 Kommentare · von 28. April 2014

Wolfgang Staudte (1906-1984) war einer der größten deutschen Filmregisseure. Sein Lebensthema war die deutsche Schuld an Naziverbrechen und zwei Weltkriegen.

Szenenfoto aus „Die Mörder sind unter uns“. ©DEFA-Stiftung/Eugen Klagemann

Inszeniert hat er im Osten einige DEFA-Klassiker, dann störte er mit seinem politischen Erinnerungskino im Westen das deutsche Wirtschaftswunder. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung zeigt im Erinnerungsjahr der Weltkriege vier seiner Filme.

Die Filmreihe startet am Montag, den 28. April. 2014 mit dem ersten Film „Die Mörder sind unter uns“ im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung.  Seine Kulissen waren die echten Trümmer der Stadt Berlin. 1946 gedreht, war der Film der erste deutsche Nachkriegsfilm überhaupt.

Mehr Informationen.


«Blühende Landschaften» – Neonazi-Gewalt in Brandenburg 1989-1993

Themen : Gedenkpolitiken, Neonazismus · 0 Kommentare · von 12. Februar 2014

logoBL_0In seinem frisch freigeschalteten Recherche-Blog «Blühende Landschaften» veröffentlicht das Demokratische JugendFORUM Brandenburg eine Sammlung von Interviews mit Zeitzeug_innen, die in politischen Kontexten oder in öffentlichen  Verwaltungen die frühen 1990er Jahre im Land Brandenburg  erlebt und gestaltet haben. Ausgangspunkt der Recherche waren die 20. Jahrestage der rassistischen Pogrome in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Wie haben Menschen in Brandenburg die Ereignisse und die Zeit wahrgenommen? Was ist ihnen in Erinnerung geblieben? Wie bewerten sie die damaligen Entwicklungen heute?


Der unsichtbare Tropenhelm: Wie koloniales Denken noch immer unsere Köpfe beherrscht

Themen : Gedenkpolitiken, Rassismus · 0 Kommentare · von 18. Dezember 2013

Ja, auch Deutschland hat eine Kolonialgeschichte. Und ja, auch hierzulande sind die Köpfe durch jahrhundertealte rassistische Muster geprägt! Das macht die Ökonomin und Historikerin Friederike Habermann in ihrem kurzweilig geschriebenen Bändchen über den «unsichtbaren Tropenhelm» deutlich und plädiert dafür, die damit verbundenen Überlegenheitsphantasien abzulegen.

«Wer die abendländische Gesellschaft für frei, aufgeklärt und gerecht hält, wird über die Wunden, auf die Friederike Habermann den Finger legt, erstaunt sein», heißt es in der Verlagsankündigung. Exakt – außerdem aber auch oft amüsiert und nicht selten schockiert.

Amüsiert etwa über dumpfbackige Äußerungen des hoch geachteten Philosophen der Aufklärung Immanuel Kant wie: «Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen.» Schockiert zu erfahren, dass in der Kolonie «Deutsch-Südwest» Auspeitschungen der Ur-Einwohner durch die deutschen Kolonialherren an der Tagesordnung waren, «mit Vorliebe quer über das Gesicht». Und unangenehm berührt von Habermanns kühlem Hinweis darauf, dass wir es hinnehmen, dass heute alltäglich 100 000 Menschen verhungern – ganz ohne Nilpferdpeitsche.

«Da die Menschen alle aus Afrika kamen, haben wir alle einen migrantischen Hintergrund», erinnert uns die Autorin. «Alle späteren Versuche, Grenzlinien zwischen Menschen zu ziehen – sei es aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Religion oder was auch immer, dienen vor allem einem: klar zu machen, wer dazu gehört und wer nicht. Und damit letztlich: Wer an bestimmten Privilegien teilhat und wer nicht.»

So wird präzise auf den Punkt gebracht, was den Kern von Rassismus, Sexismus, Islamophobie, Antiziganismus und anderen Ausschlussmethoden ausmacht. Das «Othering» nämlich (der Begriff stammt von Gayarti Chakravorty Spivak, die es als Charakteristikum postkolonialen Verhaltens beschrieb), das «Zum-Fremden-Stempeln» wird in mehr oder weniger subtilen Formen auch hierzulande meist unbewusst, dennoch gnadenlos betrieben. Vor allem von den (weißen) Zeitgenoss_innen, denen es nützt.

Der historische Widerspruch zwischen der Proklamierung der Menschenrechte auf der einen Seite und dem Kolonialsystem und der Sklaverei auf der anderen Seite, den Habermann darstellt, erinnert unangenehm an zeitgenössische Kriege im Namen von Menschenrechten und darauf folgende Flüchtlings“ströme“, die dazu dienen, Illegalisierte in den reichen Industriestaaten auszubeuten.

Die Leser_innen erfahren, wie die Differenz der Hautfarben und darauf basierend die Wertigkeit von Menschen konstruiert wurde – in aufsteigender Linie von den «niederen» Afrikanern bis zu den Europäern «direkt unter den Engeln».

Kapitelüberschriften wie «Ist Rassismus von gestern?», «Die Bürde des weis(s)en Besserwessis», «Freiheit, Gleichheit, Ausschluss», «Die Erfindung des ‹Hungernden› im 18.Jahrhundert», «Wie wir uns selbst kolonialisieren», «Sex, ‹Race› und der Homo oeconomicus» umreißen die Bandbreite der kompakten, fakten- und gedankenreichen Darstellung.

 

Friederike Habermann: Der unsichtbare Tropenhelm. Wie koloniales Denken noch immer unsere Köpfe beherrscht. Drachen Verlag, Klein Jasedow 2013, 112 Seiten, 10 EUR

 

Dieser Text erschien zuerst in Ausgabe 351 von CONTRASTE, der Monatszeitung für Selbstorganisation (Dezember 2013): www.contraste.org


Die Schärfe der Konkretion

Eine spannende Veranstaltung für alle, die am Knacken von BRD-(Gründungs-)Mythen und an Erinnerungspolitik interessiert sind, findet am kommenden Sonntag, 1.12.2013, um 18 Uhr im Salon der Rosa Luxemburg Stiftung (Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin, Nähe Ostbahnhof) statt.

Die Schärfe der Konkretion

Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiografie
Strecker_Konkretion

Gottfried Oy, Christoph Schneider: Die Schärfe der Konkretion. Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiografie
2013 – 252 Seiten – € 24,90;
ISBN: 978-3-89691-933-5

Der Jahrzehntwende von den 1950er zu den 60er Jahren kommt eine wichtige Rolle in zwei historischen Großerzählungen zu. Für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus gilt sie als Wendepunkt vom Verleugnen hin zu Auseinandersetzung und Aufarbeitung. Zugleich finden sich hier die Anfänge der Jugend- und Studentenbewegung, die 1968 ihren Höhepunkt erreichte. Diese erinnerungspolitische Konstellation wird in dreierlei Hinsicht aufgenommen. In West-Deutschland war es damals eine kleine Zahl von Einzelpersonen, die an die NS-Vergangenheit rührte, darunter der Student Reinhard Strecker. Einem Gespräch mit dem früheren Aktivisten, dessen Aktion Ungesühnte Nazijustiz 1959/60 öffentlich für Wirbel sorgte, folgt ein Essay, der die Entwicklung des Verhältnisses der 68er-Bewegung zum Nationalsozialismus beleuchtet und sie als eine Art Schwundgeschichte rekonstruiert. Ein weiterer Essay prüft die Substanz der erinnerungspolitischen Großerzählung von der erfolgreichen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Fraglich erscheint es, ob die Geschehnisse zu Zeiten Streckers als Vorgeschichte eines zwar spät, aber doch noch einsetzenden Reifeprozesses der Bundesrepublik aufgefasst werden können. (aus der Verlags-Ankündigung)

Reinhard Strecker ist vielen bis heute kein Begriff, obwohl er einer der Pioniere der bundesdeutschen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist. Bereits Ende der 1950er Jahre begann auf Initiative des damaligen Sprachwissenschaftsstudenten an der Freien Universität Berlin eine kleine Gruppe aus dem Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) damit, Materialien über NS-Täter zu sammeln.

Sie recherchierte Dokumente zu Unrechtsurteilen aus der NS-Zeit und veröffentlichte sie mitsamt den Namen der verantwortlichen Richter und Staatsanwälte. Daraus entstand die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“. Für die Verjährungsdebatten im Bundestag und die Diskussion personeller Kontinuitäten in bundesdeutschen Behörden gab sie wesentliche Impulse.

Gottfried Oy und Christoph Schneider widmen sich in ihrem Buch „Die Schärfe der Konkretion“ dieser frühen Phase der Auseinandersetzung mit dem NS und ihren Folgen für die Neue Linke vor 1968.

In der Veranstaltung werden die Autoren geschichtspolitische Überlegungen vorstellen, die dem Buch zugrunde liegen.

Reinhard Strecker wird als Akteur der „58er“ aus erster Hand über die frühe NS-Aufarbeitung berichten.

Anschließend gibt es Raum für eine gemeinsame Diskussion dieser Ansätze und ihrer Wirkung.

 


Mauern 2.0 – Migrantische und antirassistische Perspektiven auf den Mauerfall

Der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit-geförderte Film «Mauern 2.0 – Migrantische und antirassistische Perspektiven auf den Mauerfall. Gestern und heute» ist seit kurzem online. Ausgangspunkt für das Projekt war der Film «Duvarlar/Mauern/Walls» von Can Candan (2000), der Perspektiven auf den Mauerfall und die Wiedervereinigung in den Jahren 1990–91, vor allem aus der türkeistämmigen Community in Westberlin, dokumentierte.

Der Film von Jana König, Elisabeth Steffen und Inga Turczyn (2011) befragt einige Protagonist_innen erneut und geht weiteren Perspektiven, auch aus dem Ost-Teil Berlins, nach. Vergangene Auseinandersetzungen werden aktualisiert, es wird nach Korrespondenzen und Konstellationen gefragt. Wie werden Rassismus, Nationalismus und ökonomische Ausbeutung heute gesehen?

Zahlreiche Screenings und Diskussionen, zum Teil mit den Protagonist_innen, haben gezeigt, dass der Film als Ausgangspunkt für ein Gespräch über Rassismus gut funktioniert und sich für den Einsatz in der politischen Bildung sehr gut eignet.

Hier kann der Film online gesehen werden.