Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Dialog der Klapptafeln

«We will rise»-Aus­stel­lung zur Refu­gee-Bewe­gung

Kurz vor der Aus­stel­lungs­er­öff­nung Anfang August kam es zu einer hef­ti­gen Debat­te. Im Hof des Fried­richs­hain-Kreuz­berg-Muse­ums dis­ku­tier­ten die Ausstellungsmacher_innen mit der Muse­ums­lei­tung dar­über, ob und wie die Refu­gee-Bewe­gung die Poli­tik des Bezirks kri­ti­sie­ren darf. Der Bezirks­teil Kreuz­berg war einer der Kris­tal­li­sa­ti­ons­punk­te der neu­er­lich erstark­ten Bewe­gung der letz­ten Jah­re. Hier befin­den sich der Ora­ni­en­platz mit dem berühmt gewor­de­nen Pro­test­camp und die mit einem mas­si­ven Poli­zei­auf­ge­bot geräum­te Ger­hart-Haupt­mann-Schu­le.


Of Hope. Ungarn und der lange Sommer der Migration

Quelle: Migrant Solidarity Group of Hungary (http://MigSzol.com)

Foto von Migrant Soli­da­ri­ty Group of Hun­ga­ry (http://​MigS​zol​.com)

Bahn­hof Buda­pest Keleti, in der Nacht von Frei­tag, 4. Sep­tem­ber auf Sams­tag 2015. Kurz nach Mit­ter­nacht. Bus­se des öffent­li­chen Nah­ver­kehrs kom­men an, von Ungarns Regie­rung geschickt, um die Flücht­lin­ge, die dort seit rund einer Woche cam­pie­ren, an die unga­risch-öster­rei­chi­sche Gren­ze zu brin­gen. Noch miss­trau­isch, ob es sich erneut um einen hin­ter­häl­ti­gen Trick der Regie­rung han­delt, war­ten vie­le Flücht­lin­ge erst ein­mal ab. Doch lang­sam bestei­gen sie die Bus­se und machen sich wie­der auf den Weg, an die nächs­te Gren­ze. Nach Tagen des Aus­har­rens sind sie wie­der unter­wegs, und nach Tagen brül­len­der Hit­ze setzt plötz­lich, als ob auch das Wet­ter einen Schluss­strich unter die­se Woche der Kämp­fe set­zen will, leich­ter Regen ein.

Im Lau­fe der Nacht und am dar­auf fol­gen­den Tag über­schrei­ten mehr als 10 000 Flücht­lin­ge die öster­rei­chi­sche Gren­ze. Öster­reich und Deutsch­land hat­ten sich bereit erklärt, sie ein­rei­sen zu las­sen. Vie­le wei­te­re machen sich auf den Weg. Wir wol­len in die­sem Arti­kel reka­pi­tu­lie­ren, was sich in der Woche in Ungarn und Euro­pa zuge­tra­gen hat und ein­schät­zen, was es für die Zukunft des euro­päi­schen Migra­ti­ons- und Grenz­re­gimes bedeu­tet.


Was ist «undeutsch»? Sigmar Gabriels Besuch in Heidenau — Ein Kommentar von Jutta Ditfurth

Sig­mar Gabri­el, mit einem Tross von Jour­na­lis­ten und Kapi­tal­ver­tre­tern in Sach­sen unter­wegs, muss­te wohl auch mal einen Anschlags­ort sehen und fuhr am 24.8.2015 nach Hei­denau. Da hat­te der ras­sis­ti­sche Mob schon zwei Tage lang gewü­tet. Die Poli­zei, von den Nazis atta­ckiert, hat­te Antifaschist*innen kran­ken­haus­reif geschla­gen, was die meis­ten Medi­en zu erwäh­nen ver­ga­ßen. Waren ja nur Lin­ke.

Mona­te zu spät kam Gabri­el, aber zwei Tage vor Mer­kel. Das zählt im edlen Wett­be­werb staats­tra­gen­der Par­tei­kon­kur­renz und bei der Pfle­ge des Image des deut­schen «Stand­orts». 

War Gabri­el empa­thisch mit den ange­grif­fe­nen, um ihr Leben fürch­ten­den Flücht­lin­gen? Ich habe nichts davon gele­sen. Will er die Abschaf­fung des Asyl­rechts (unter Mit­wir­kung der SPD 1992 fak­tisch aus dem Grund­ge­setz ent­fernt) rück­gän­gig machen, weil er sich end­lich dafür schämt? Nein. Will er Roma in Deutsch­land zu einem glück­li­chen Leben ver­hel­fen? Nie­mals! Alles «West­bal­kan», wo immer die­ses Land liegt. Hat er sich je klar und deut­lich gegen Ras­sis­mus gestellt? Nein. 

Der ach so deut­sche Vize­kanz­ler und Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Gabri­el fährt nach Hei­denau und sagt wört­lich: «Man darf die­sen Typen, die sich hier in den letz­ten Tagen aus­ge­brei­tet haben, kei­nen Mil­li­me­ter Raum geben. In Wahr­heit sind es die undeut­sches­ten Typen, die ich mir vor­stel­len kann.»  «Undeutsch» sagt der deut­sche Vize­kanz­ler. Eine Aus­sa­ge in jeder Hin­sicht so furcht­bar dumm, reak­tio­när, natio­na­lis­tisch und ahis­to­risch.  


In der rassistischen Zeitmaschine

coraxKom­men die 1990er Jah­re zurück? Also jene Zeit, in der es täg­lich Brand­an­schlä­ge auf Asyl– und Flücht­lings­un­ter­künf­te gab, jene Zeit, in der ras­sis­ti­sche Mor­de aus allen Tei­len der Repu­blik, aber beson­ders aus  Ost­deutsch­land gemel­det wur­den? Kommt all das zurück? Wer die Nach­rich­ten über ras­sis­ti­sche Angrif­fe auf Flücht­lings­un­ter­künf­te, ehren­amt­li­che Hel­fer und Poli­ti­ker, die sich für Flücht­lin­ge enga­gie­ren ver­folgt, kann sich die­ses Ein­drucks nicht erweh­ren. Zu signi­fi­kant ist der Anstieg sol­cher Angrif­fe gegen­über jenen der Jah­re 2013 und 2014. Das Selbst­be­wusst­sein, mit dem Neo­na­zis in der Öffent­lich­keit auf­tre­ten, Ras­sis­mus pro­pa­gie­ren und Gewalt aus­üben, scheint einen neu­en Höhe­punkt zu errei­chen, und der­zeit gren­zen­los zu sein. Wie­der­holt sich also die Geschich­te als bit­te­re, ras­sis­ti­sche Far­ce?


«Unfassbare Geschichtsvergessenheit»

Unser Koope­ra­ti­ons­part­ner Ama­ro Foro e.V. ver­öf­fent­licht aus Anlass des Gedenk­ta­ges an den Geno­zid an Sin­ti und Roma wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus eine Pres­se­mit­tei­lung zu den aktu­ell im Zuge der aggres­si­ven, von der CSU eska­lier­ten «Zuwan­de­rungs­de­bat­te» gefor­der­ten Son­der­la­gern für «Bal­kan­flücht­lin­ge». Der von Horst See­ho­fer ein­ge­brach­te Vor­schlag, die Geflüch­te­ten aus Staa­ten wie Maze­do­ni­en und Koso­vo in Son­der­la­ger unter­zu­brin­gen, wird von Ama­ro Foro auf das Schärfs­te kri­ti­siert. Vie­le der «Bal­kan­flücht­lin­ge» sei­en Roma, wes­halb der ras­sis­ti­sche Vor­schlag des baye­ri­schen Minis­ter­prä­si­den­ten von einer «unfassbare[n] Geschichts­ver­ges­sen­heit» zeu­ge. Der Vor­sit­zen­de Merd­jan Jaku­pov, selbst Rom aus Maze­do­ni­en, erklärt dazu: «Anläss­lich des 2. August wird in Deutsch­land von Sin­ti und Roma des Geno­zids im Natio­nal­so­zia­lis­mus gedacht. In der Nacht zum 2. August wur­den in Ausch­witz fast 3000 Men­schen im soge­nann­ten Zigeu­ner­la­ger ermor­det. Es ist unfass­bar, dass heu­te ein Minis­ter­prä­si­dent in Deutsch­land tat­säch­lich Son­der­la­ger für eine bestimm­te Grup­pe von Flücht­lin­gen vor­schla­gen kann, ohne sofort zurück­tre­ten zu müs­sen.»


Flüchtlinge unwillkommen

Chris­ti­an Jakob beschreibt das Ver­hält­nis zwi­schen EU und deut­sche Poli­tik und dem All­tags­le­ben der Flucht­lin­ge

RW«Eine EU, die Flücht­lin­gen Schutz bie­ten will, aber gleich­zei­tig alles tut, damit nie­mand die­sen Schutz in Anspruch neh­men kann…» Auf der zwei­ten Sei­te der Bro­schü­re «Refu­gees Wel­co­me? Mythen und Fak­ten zur Migra­ti­ons- und Flücht­lings­po­li­tik» der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung lesen wir die Haupt­the­se. Die EU und Deutsch­land haben nicht nur die Fähig­keit, Flücht­lin­gen zu hel­fen, son­dern sie benut­zen auch die Rhe­to­rik der Ret­tung, aber trotz­dem tun sie ent­we­der nicht genug, oder sie ver­ab­schie­den Geset­ze, die tat­säch­lich die Situa­ti­on der Flücht­lin­ge erschwe­ren. In der Bro­schü­re beant­wor­tet Chris­ti­an Jakob sei­ne eige­ne Fra­ge – Flücht­lin­ge sind über­haupt nicht will­kom­men in Deutsch­land und der EU.


Pflaster drauf und fertig?

Ras­sis­ti­sche Aus­schlüs­se in der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung – ein Pro­jekt­be­richt aus der Jugend­bil­dung der RLS

«Die Aktivist_innen, die bei unse­rem Pro­jekt mit­ma­chen, sind viel­fach fran­zö­sisch­spra­chig und kom­men unter ande­rem aus Kame­run, Benin, Frank­reich, aber auch aus der BRD aus Kenia, und seit kur­zem gibt es auch jeman­den aus der Schweiz», über­setzt Juli­et­te ihren Mit­strei­ter Péguy. Bei­de enga­gie­ren sich seit zwei Jah­ren bei der Grup­pe Cora­sol, die ver­sucht, durch öffent­li­che Ver­an­stal­tun­gen und geziel­te Aktio­nen auf die schwie­ri­ge Situa­ti­on von Geflüch­te­ten und wei­te­ren Migrant_innen in Deutsch­land auf­merk­sam zu machen, direk­te Unter­stüt­zung anzu­bie­ten und soli­da­risch Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zu erschlie­ßen. Ziel­grup­pe sind Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne, die sie mit krea­ti­ven Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen, Soli-Par­tys, Demos und Kund­ge­bun­gen errei­chen.

«Unser Kon­zept für Jugend­bil­dungs­ar­beit gestal­tet sich am ehes­ten über die For­ma­te und den nied­rig­schwel­li­gen Zugang zu Wis­sen», erklärt Péguy. So sind Nach­fra­gen bei den Ver­an­stal­tun­gen von Cora­sol aus­drück­lich erwünscht. Die Aktivist_innen ver­su­chen auf Inter­es­sier­te ein­zu­ge­hen, sie ernst zu neh­men und bei der Erklä­rung nicht an der Ober­flä­che zu blei­ben. Zu den For­men ein­fa­che­ren Zugangs gehört auch, dass die Grup­pe mit einem Inter­net­blog und auf Face­book prä­sent ist.


Rechte statt Fürsorge

Im Sep­tem­ber 2013 wur­de vom Euro­päi­schen Par­la­ment die Stu­die «Empower­ment of Roma Women wit­hin the Euro­pean Frame­work of Natio­nal Roma Inclu­si­on Stra­te­gies» her­aus­ge­ge­ben. In die­ser gut 98 Sei­ten schwe­ren Stu­die wird Empower­ment ver­stan­den als: «das Kon­zept der För­de­rung von Roma-Frau­en – also der Stär­kung ihrer Gestal­tungs- und Ent­schei­dungs­macht –, um auf die­ser Basis die der­zei­ti­gen Lebens­be­din­gun­gen von Roma-Frau­en zu ana­ly­sie­ren, die jewei­li­gen natio­na­len Stra­te­gi­en zur Inte­gra­ti­on der Roma zu beleuch­ten und bewähr­te Prak­ti­ken zu ermit­teln.»

Ten­den­zi­ell ist die­ser Bericht, eben­so wie auch die vor­an­ge­gan­ge­nen EU-Berich­te zur Lage der Roma-Frau­en, durch fol­gen­de «Merk­ma­le» gekenn­zeich­net:


Von persönlichen Problemen zu politischen Forderungen

Women in Exi­le ist eine Initia­ti­ve von Flücht­lings­frau­en, die sich 2002 in Bran­den­burg zusam­men­ge­fun­den haben, um für ihre Rech­te zu kämp­fen. Akti­vis­tin­nen aus der Grün­dungs­zeit berich­ten: «Wir haben ent­schie­den, uns als Flücht­lings­frau­en­grup­pe zu orga­ni­sie­ren, weil wir die Erfah­rung gemacht haben, dass Flücht­lings­frau­en dop­pelt Opfer von Dis­kri­mi­nie­rung sind: Sie wer­den als Asyl­be­wer­be­rin­nen durch ras­sis­ti­sche Geset­ze aus­ge­grenzt und als Frau­en dis­kri­mi­niert.» 2011 bau­te Women in Exi­le die Grup­pe Women in Exi­le & Fri­ends auf, in der sich auch Frau­en ohne Flucht­hin­ter­grund enga­gie­ren. Seit­dem tra­gen wir gemein­sam flücht­lings­po­li­ti­sche For­de­run­gen aus femi­nis­ti­scher Per­spek­ti­ve an die Öffent­lich­keit. Außer­dem unter­stüt­zen wir Flücht­lings­frau­en mit Infor­ma­ti­ons­me­di­en und Work­shops dabei, indi­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Per­spek­ti­ven zu ent­wi­ckeln, um sich gegen sexua­li­sier­te Gewalt, Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­gren­zung zu ver­tei­di­gen.

Ein Grund­prin­zip unse­rer Arbeit ist: Flücht­lings­frau­en ent­schei­den über ihre poli­ti­schen For­de­run­gen auf Basis ihrer All­tags­er­fah­run­gen selbst, weil sie selbst die Exper­tin­nen ihrer Situa­ti­on sind.


Gemeindezugehörigkeit oder jüdische Identität? Wie Ethnie und Religion sich ergänzen

Vor 25 Jah­ren begann eine jüdi­sche Ein­wan­de­rung, wie sie nach dem Holo­caust undenk­bar schien. Die DDR war fast pas­sé und die deut­sche Ein­heit stand an, als im Febru­ar 1990 der drei Mona­te alte Jüdi­sche Kul­tur­ver­ein Ber­lin (JKV) am Zen­tra­len Run­den Tisch die bedin­gungs­lo­se Öff­nung der DDR-Gren­ze für alle for­der­te, die sich in der Sowjet­uni­on als Juden bedroht sahen.

«Jüdisch» war in der UdSSR eine von 126 Natio­na­li­tä­ten. Die «natio­na­le Zuge­hö­rig­keit» war iden­tisch mit der eth­ni­schen und als «5. Punkt» auch im Inlands­pass ver­merkt. Das Natio­nal-Eth­ni­sche ein­te, grenz­te aber auch ab und aus. Die jüdi­sche Bevöl­ke­rung wuss­te, wel­che Stu­di­en­rich­tun­gen und Arbeits­fel­der für sie gesperrt waren, leb­te zumeist in Groß­städ­ten. Fami­li­en tra­dier­ten die Bil­dungs­idea­le, der Anteil an jüdi­schen Hoch­schul- und Uni­ver­si­täts­ab­sol­ven­ten über­stieg jede Quo­te. Sie gal­ten pau­schal als hoch­be­gabt, geschickt und gut ver­netzt, je nach poli­ti­scher Lage als Welt­ver­schwö­rer und Zio­nis­ten.