Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Rechte statt Fürsorge

Im Sep­tem­ber 2013 wur­de vom Euro­päi­schen Par­la­ment die Stu­die «Empower­ment of Roma Women wit­hin the Euro­pean Frame­work of Natio­nal Roma Inclu­si­on Stra­te­gies» her­aus­ge­ge­ben. In die­ser gut 98 Sei­ten schwe­ren Stu­die wird Empower­ment ver­stan­den als: «das Kon­zept der För­de­rung von Roma-Frau­en – also der Stär­kung ihrer Gestal­tungs- und Ent­schei­dungs­macht –, um auf die­ser Basis die der­zei­ti­gen Lebens­be­din­gun­gen von Roma-Frau­en zu ana­ly­sie­ren, die jewei­li­gen natio­na­len Stra­te­gi­en zur Inte­gra­ti­on der Roma zu beleuch­ten und bewähr­te Prak­ti­ken zu ermit­teln.»

Ten­den­zi­ell ist die­ser Bericht, eben­so wie auch die vor­an­ge­gan­ge­nen EU-Berich­te zur Lage der Roma-Frau­en, durch fol­gen­de «Merk­ma­le» gekenn­zeich­net:


Von persönlichen Problemen zu politischen Forderungen

Women in Exi­le ist eine Initia­ti­ve von Flücht­lings­frau­en, die sich 2002 in Bran­den­burg zusam­men­ge­fun­den haben, um für ihre Rech­te zu kämp­fen. Akti­vis­tin­nen aus der Grün­dungs­zeit berich­ten: «Wir haben ent­schie­den, uns als Flücht­lings­frau­en­grup­pe zu orga­ni­sie­ren, weil wir die Erfah­rung gemacht haben, dass Flücht­lings­frau­en dop­pelt Opfer von Dis­kri­mi­nie­rung sind: Sie wer­den als Asyl­be­wer­be­rin­nen durch ras­sis­ti­sche Geset­ze aus­ge­grenzt und als Frau­en dis­kri­mi­niert.» 2011 bau­te Women in Exi­le die Grup­pe Women in Exi­le & Fri­ends auf, in der sich auch Frau­en ohne Flucht­hin­ter­grund enga­gie­ren. Seit­dem tra­gen wir gemein­sam flücht­lings­po­li­ti­sche For­de­run­gen aus femi­nis­ti­scher Per­spek­ti­ve an die Öffent­lich­keit. Außer­dem unter­stüt­zen wir Flücht­lings­frau­en mit Infor­ma­ti­ons­me­di­en und Work­shops dabei, indi­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Per­spek­ti­ven zu ent­wi­ckeln, um sich gegen sexua­li­sier­te Gewalt, Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­gren­zung zu ver­tei­di­gen.

Ein Grund­prin­zip unse­rer Arbeit ist: Flücht­lings­frau­en ent­schei­den über ihre poli­ti­schen For­de­run­gen auf Basis ihrer All­tags­er­fah­run­gen selbst, weil sie selbst die Exper­tin­nen ihrer Situa­ti­on sind.


Gemeindezugehörigkeit oder jüdische Identität? Wie Ethnie und Religion sich ergänzen

Vor 25 Jah­ren begann eine jüdi­sche Ein­wan­de­rung, wie sie nach dem Holo­caust undenk­bar schien. Die DDR war fast pas­sé und die deut­sche Ein­heit stand an, als im Febru­ar 1990 der drei Mona­te alte Jüdi­sche Kul­tur­ver­ein Ber­lin (JKV) am Zen­tra­len Run­den Tisch die bedin­gungs­lo­se Öff­nung der DDR-Gren­ze für alle for­der­te, die sich in der Sowjet­uni­on als Juden bedroht sahen.

«Jüdisch» war in der UdSSR eine von 126 Natio­na­li­tä­ten. Die «natio­na­le Zuge­hö­rig­keit» war iden­tisch mit der eth­ni­schen und als «5. Punkt» auch im Inlands­pass ver­merkt. Das Natio­nal-Eth­ni­sche ein­te, grenz­te aber auch ab und aus. Die jüdi­sche Bevöl­ke­rung wuss­te, wel­che Stu­di­en­rich­tun­gen und Arbeits­fel­der für sie gesperrt waren, leb­te zumeist in Groß­städ­ten. Fami­li­en tra­dier­ten die Bil­dungs­idea­le, der Anteil an jüdi­schen Hoch­schul- und Uni­ver­si­täts­ab­sol­ven­ten über­stieg jede Quo­te. Sie gal­ten pau­schal als hoch­be­gabt, geschickt und gut ver­netzt, je nach poli­ti­scher Lage als Welt­ver­schwö­rer und Zio­nis­ten.


Refugees Welcome – Was heißt hier «willkommen»?

Themen : Allgemein, Flucht & Asyl, Migration, Rassismus · 0 Kommentare · von 9. Dezember 2014

Ein Gespräch mit Inva Kuhn vom Gesprächs­kreis Migra­ti­on der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung über die Work­shop-Rei­he «Flucht, Asyl und Will­kom­mens­kul­tur in der Kom­mu­ne», die vor dem Hin­ter­grund der an vie­len Orten gewalt­tä­ti­gen «Pro­tes­te» gegen die Unter­brin­gung von Asyl­su­chen­den bis­her ein Dut­zend mal ange­bo­ten wur­de und Inhal­te zu Flucht­ur­sa­chen, Antrags­zah­len, Geset­zes­la­gen und Zustän­dig­kei­ten ermit­tel­te und ein Forum bot, um gemein­sam lokal wirk­sa­me Argu­men­ta­ti­ons­stra­te­gi­en zu erar­bei­ten und lokal­po­li­ti­sche Akteu­re mit Selbst­or­ga­ni­sa­tio­nen von Asyl­su­chen­den und anti­ras­sis­ti­schen Initia­ti­ven zu ver­net­zen.

Inva, du hast mit ande­ren Mit­glie­dern des Gesprächs­krei­ses Migra­ti­on der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung die «Refugees-Welcome»-Seminarreihe mit­ent­wi­ckelt. Wor­um geht es bei den Semi­na­ren und was war der Anstoß für die Semi­nar­rei­he?

Ange­sichts der stei­gen­den ras­sis­ti­schen und neo­na­zis­ti­schen Angrif­fe sowie Brand­an­schlä­ge auf (Sam­mel-) Unter­künf­te von Asyl­su­chen­den bun­des­weit – im Ost, West, Nord und Süd – wur­de sich im Gesprächs­kreis Migra­ti­on der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung viel aus­ge­tauscht. Im gemein­sa­men Pro­zess mit den Referent_innen für Migra­ti­on und Kom­mu­nal­po­li­tik der RLS ent­stand dazu die Idee – pas­send zu den Kom­mu­nal­wah­len in elf Bun­des­län­dern im Jahr 2014 – Mandatsträger_innen ein grund­le­gen­des Bil­dungs­an­ge­bot zum The­ma Asyl, Migra­ti­on und «Will­kom­mens­kul­tur» zur Ver­fü­gung zu stel­len. Die Semi­nar­rei­he umfasst vie­le Aspek­te der aktu­el­len Asyl­po­li­tik und ver­steht sich als ein Ein­stiegs­an­ge­bot für kom­mu­nal­po­li­tisch Akti­ve, die kom­mu­na­le Migra­ti­ons­po­li­tik im Rat, im Kreis­tag oder auch in Bünd­nis­sen und Netz­wer­ken mit­ge­stal­ten wol­len.


Bewegungsfreiheit für Alle! Plädoyer für offene Grenzen

Ein Jahr ist ver­gan­gen, seit am 3. Okto­ber 2013 366 Geflüch­te­te in Sicht­wei­te von Lam­pe­du­sa ertran­ken, wäh­rend im kei­nen Kilo­me­ter ent­fern­ten Hafen die Küs­ten­wa­che vor Anker lag. Ihnen und den ins­ge­samt min­des­tens drei­und­zwan­zig­tau­send­zwei­hun­dert­acht­und­fünf­zig Opfern euro­päi­scher Grenz­ab­schot­tungs­po­li­tik inner­halb von 14 Jah­ren kön­nen wir nur noch geden­ken. Und wir, die Men­schen in Euro­pa, müs­sen fra­gen: Was wur­de seit­dem geän­dert an der EU-Grenz­po­li­tik, die ins­be­son­de­re das Mit­tel­meer zu einer Todes­zo­ne macht? Im Okto­ber letz­ten Jah­res zeig­ten sich füh­ren­de EU-Poli­ti­ker_in­nen ange­sichts der bis dahin schwers­ten Schiffs­ka­ta­stro­phe tief bestürzt. «Die EU wird das Mög­li­che unter­neh­men, um die Situa­ti­on zu ändern», ver­sprach der dama­li­ge Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Bar­ro­so. Was also hat sich geän­dert? Und was müss­te sich ändern? Im Fol­gen­den eine Bestands­auf­nah­me der herr­schen­den Grenz­po­li­tik und Dis­kus­si­on um soli­da­ri­sche Alter­na­ti­ven.


Die Ökonomie der Migrationsdebatte: Verwertungslogik als wirtschaftspolitische Grundlage und die Diskurslinien in der ‹deutschen› Auseinandersetzung mit Migration

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Aced/Düzyol/Rüzgar/Schaft (Hg.): Migra­ti­on, Asyl und (Post-) Migran­ti­sche Lebens­wel­ten in Deutsch­land. Bestands­auf­nah­me und Per­spek­ti­ven migra­ti­ons­po­li­ti­scher Prak­ti­ken. Müns­ter: Lit-Ver­lag.

Die Debat­ten über die Frei­zü­gig­keit von Arbeitnehmer_innen im EU-Raum im letz­ten Jahr waren nicht nur durch den popu­lis­ti­schen Slo­gan der CSU «Wer betrügt der fliegt!» geprägt. Die öffent­li­che Dis­kus­si­on über die­ses migra­ti­ons­po­li­ti­sche The­men­feld beschränk­te sich in der Regel auf die Fra­ge nach dem wirt­schaft­li­chen Nut­zen von «Zuwanderer_innen» für den bun­des­deut­schen Arbeits­markt. Dabei zeigt sich, dass die Ver­wer­tungs­lo­gik bereits seit Bestehen der BRD exis­tiert und die Migra­ti­ons­po­li­tik als Instru­men­ta­ri­um für wirt­schafts­po­li­ti­sche Ziel­vor­ga­ben ein­ge­setzt wird.

Ledig­lich Ende der 1980er Jah­re und Anfang der 1990er Jah­re kam es zu einem hohen Aus­maß an Ein­wan­de­run­gen, im Beson­de­ren von Schutz­su­chen­den aus Kriegs- und Bür­ger­kriegs­re­gio­nen wie Jugo­sla­wi­en und der Tür­kei. Sehr bald jedoch wur­de die kur­ze Pha­se einer hohen posi­ti­ven Wan­de­rungs­bi­lanz durch zunächst bun­des­ge­setz­li­che Maß­nah­men und schließ­lich über Ver­ein­ba­run­gen auf der euro­päi­schen Ebe­ne gestoppt. Eine gesteu­er­te Ein­wan­de­rung soll die wirt­schaft­li­che Ver­wert­bar­keit der Migrant_innen berück­sich­ti­gen. Die­sem Ver­ständ­nis nach ist eine Asyl­po­li­tik nach huma­ni­tä­ren Kri­te­ri­en dem über­ge­ord­ne­ten Ziel der wirt­schaft­li­chen Nütz­lich­keit nicht dien­lich. Wäh­rend noch über die Art und Wei­se einer steu­er­ba­ren und wirt­schaft­li­chen Effi­zi­enz­kri­te­ri­en genü­gen­den Ein­wan­de­rungs­po­li­tik dis­ku­tiert wird, trei­ben die Bun­des­re­gie­rung und die EU die Abschot­tung an den Gren­zen der EU mas­siv vor­an.


«Berliner Zustände 2013»

Die Mobi­le Bera­tung gegen Rechts­ex­tre­mis­mus in Ber­lin  (MBR) und das Anti­fa­schis­ti­sche Pres­se­ar­chiv und Bil­dungs­zen­trum Ber­lin e.V. (apa­biz) haben die mehr als hun­dert­sei­ti­ge Bro­schü­re «Ber­li­ner Zustän­de 2013»ver­öf­fent­licht. Der Schwer­punkt des Schat­ten­be­richts liegt die­ses Jahr auf der Situa­ti­on Geflüch­te­ter. Er beschäf­tigt sich bei­spiels­wei­se mit dem ras­sis­ti­schen Dis­kurs im Zusam­men­hang mit der Eröff­nung der Flücht­lings­un­ter­kunft in Ber­lin-Hel­lers­dorf. Im letz­ten Jahr grün­de­te sich die «Bür­ger­initia­ti­ve Mar­zahn-Hel­lers­dorf», die auf Face­book gegen die geplan­te Flücht­lings­un­ter­kunft hetz­te. Bald dar­auf kam es zu einer  Ver­samm­lung von Nazis und Anwohner_innen vor der Unter­kunft. Es herrsch­te nicht nur ein­mal Pogrom­stim­mung.


Was passierte in Zelle fünf? Der Polizei-Mord an Oury Jalloh und die Kriminalisierung von Protest und Gedenken

«Die­ser Pro­zess ist ein poli­ti­scher Pro­zess! Die Beschul­di­gun­gen, die hier von Poli­zei­zeu­gen vor­ge­bracht wer­den, sol­len ledig­lich der Ein­schüch­te­rung der Ange­klag­ten sowie der Kri­mi­na­li­sie­rung der Aktivist_innen in Geden­ken an Oury Jal­loh die­nen», erklärt der Ange­klag­te  Mbo­lo Yufanyi vor dem Amts­ge­richts Des­sau am 29. April 2014. Dem Akti­vis­ten der Geflüch­te­ten­selbst­or­ga­ni­sa­ti­on «The VOICE Refu­gee Forum» wird vor­ge­wor­fen, anläss­lich der Gedenk­de­mons­tra­ti­on zum 7ten Todes­ta­ges von Oury Jal­loh am 7. Janu­ar 2012 in Des­sau Polizist_innen ver­letzt zu haben.

Oury Jal­loh war am 7. Janu­ar 2005 in der Zel­le Num­mer fünf des Des­sau­er Poli­zei­re­viers ver­brannt. Gegen den dama­li­gen Dienst­grup­pen­lei­ter der Des­sau­er Poli­zei lief im Jahr 2007 ein Gerichts­ver­fah­ren. Die Ankla­ge lau­te­te auf Kör­per­ver­let­zung mit Todes­fol­ge. Denn fest steht: Der Dienst­grup­pen­lei­ter hat­te, als es in der Zel­le fünf brann­te, den Feu­er­alarm mehr­mals aus­ge­schal­tet und die Hil­fe­schreie des Inhaf­tier­ten bewusst igno­riert. Zunächst wur­den der Dienst­lei­ter und sein mit­an­ge­klag­ter Kol­le­ge frei­ge­spro­chen. Doch sowohl die Neben­kla­ge als auch die Staats­an­walt­schaft leg­ten Revi­si­on ein, sodass das Ver­fah­ren im Jahr 2011 erneut auf­ge­nom­men wur­de. Dar­auf­hin wur­de der Dienst­grup­pen­lei­ter wegen fahr­läs­si­ger Tötung zu einer Geld­stra­fe von 10.800 € ver­ur­teilt.


Lukrative Abschiebegeschäfte

Botschaft Nigerias scheitert mit Anzeige gegen Voice-Aktivisten Rex Osa

Einem Akti­vis­ten der Geflüch­te­ten­selbst­or­ga­ni­sa­ti­on „The VOICE Refu­gee Forum“ wur­de Ende März vor dem Amts­ge­richt Tier­gar­ten der Pro­zess gemacht.  Die Staats­an­walt­schaft warf dem Stutt­gar­ter Rex Osa vor, im Okto­ber 2012 mit etwa 14 Aktivist_innen vor und in der nige­ria­ni­schen Bot­schaft gegen  die Flücht­lings­po­li­tik des deut­schen Staa­tes und die Zusam­men­ar­beit deut­scher Abschie­be­be­hör­den mit nige­ria­ni­schen Diplomat_innen demons­triert zu haben. Der Vor­wurf lau­te­te auf Haus­frie­dens­bruch.


Interaktive Karte der Gewalt gegen Flüchtlinge

Hoyers­wer­da 1991, Ros­tock-Lich­ten­ha­gen im Jahr dar­auf. Die­se Namen ste­hen in den Köp­fen vie­ler für den Höhe­punkt der Frem­den­feind­lich­keit und der Gewalt gegen Flücht­lin­ge und Migranten_innen in Deutsch­land, jedoch zugleich für ein abge­schlos­se­nes Kapi­tel. Doch sah das Jahr 2013 eine ste­ti­ge Stei­ge­rung von ras­sis­ti­schen Über­grif­fen, Aktio­nen und Gewalt­ta­ten gegen Flücht­lings­hei­me und deren Bewohner_innen.

Die­se inter­ak­ti­ve Kar­te des Doku­men­ta­ti­ons­ar­chivs «Moni­to­ring Agi­ta­ti­on Against Refu­gees in Ger­ma­ny» (Beob­ach­tung von Het­ze gegen Flücht­lin­ge in Deutsch­land) ver­an­schau­licht die zeit­li­che und räum­li­che Ent­wick­lung von Brand­an­schlä­gen, direk­ten Aktio­nen oder Demons­tra­tio­nen gegen Flücht­lin­ge seit dem 01.01.2013 und wird fort­lau­fend aktua­li­siert. Ein Höhe­punkt ist im Okto­ber und Novem­ber 2013 zu ver­zeich­nen. Zynisch, wur­de zu genau die­ser Zeit doch um die Opfer der Boots­un­glü­cke vor Lam­pe­du­sa getrau­ert.

Zur Kar­te: (http://​www​.dok​-maar​.de/)