Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Empowerment durch Recht

Ange­sichts von Ent­mäch­ti­gung durch gesell­schaft­li­che Ungleich­heits­ver­hält­nis­se, wie Ras­sis­mus wer­den struk­tu­rel­le Macht­dif­fe­ren­zen geschaf­fen. Empower­ment ist ein eman­zi­pa­to­ri­scher und befrei­en­der Pro­zess, um von unglei­chen Macht­ver­hält­nis­sen in der Gesell­schaft aus­zu­bre­chen und die­se zu ver­än­dern.

Die Anwen­dung und Durch­set­zung von Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­recht ist eine der Mög­lich­kei­ten, die zur Ver­fü­gung ste­hen, wenn es dar­um geht, erleb­tes Unrecht sicht­bar zu machen und indi­vi­du­el­le Schutz­rech­te ein­zu­for­dern. In Deutsch­land gibt es seit 2006 das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG). Hier­bei han­delt es sich um die Umset­zung euro­päi­scher Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­richt­li­ni­en u.a. aus dem Jahr 2000, die für alle euro­päi­schen Län­der ver­pflich­tend sind. Deutsch­land gehört zu den Län­dern, die als Schluss­lich­ter die Richt­li­ni­en in ein natio­na­les Gesetz umge­setzt haben. Dies lag auch am enor­men Wider­stand aus Kir­chen sowie Wirt­schafts- und Immo­bi­li­en­ver­bän­den. Ihr erfolg­rei­cher Ein­fluss ist im AGG in diver­sen Aus­nah­me­re­ge­lun­gen (z.B. die so genann­te «Kir­chen­klau­sel ») und stark ein­schrän­ken­den Rege­lun­gen (z.B. kur­ze Fris­ten) wie­der­zu­fin­den. Von den Gesetzesgegner_innen wur­den vor allem Ängs­te davor geschürt, dass enor­me Kos­ten durch Kla­ge­wel­len und Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen ent­ste­hen wür­den.. Eini­ge Jah­re spä­ter ist klar, dass das Gegen­teil ein­ge­tre­ten ist. Die Zahl der Kla­gen ist über­sicht­lich und es müss­te eher gefragt wer­den, war­um die Anwen­dung des AGG bei den Betrof­fe­nen, u.a. bei den Betrof­fe­nen von Ras­sis­mus, so wenig Reso­nanz fin­det. Wor­in lie­gen kon­kret die Hür­den und Bar­rie­ren?


Gemeindezugehörigkeit oder jüdische Identität? Wie Ethnie und Religion sich ergänzen

Vor 25 Jah­ren begann eine jüdi­sche Ein­wan­de­rung, wie sie nach dem Holo­caust undenk­bar schien. Die DDR war fast pas­sé und die deut­sche Ein­heit stand an, als im Febru­ar 1990 der drei Mona­te alte Jüdi­sche Kul­tur­ver­ein Ber­lin (JKV) am Zen­tra­len Run­den Tisch die bedin­gungs­lo­se Öff­nung der DDR-Gren­ze für alle for­der­te, die sich in der Sowjet­uni­on als Juden bedroht sahen.

«Jüdisch» war in der UdSSR eine von 126 Natio­na­li­tä­ten. Die «natio­na­le Zuge­hö­rig­keit» war iden­tisch mit der eth­ni­schen und als «5. Punkt» auch im Inlands­pass ver­merkt. Das Natio­nal-Eth­ni­sche ein­te, grenz­te aber auch ab und aus. Die jüdi­sche Bevöl­ke­rung wuss­te, wel­che Stu­di­en­rich­tun­gen und Arbeits­fel­der für sie gesperrt waren, leb­te zumeist in Groß­städ­ten. Fami­li­en tra­dier­ten die Bil­dungs­idea­le, der Anteil an jüdi­schen Hoch­schul- und Uni­ver­si­täts­ab­sol­ven­ten über­stieg jede Quo­te. Sie gal­ten pau­schal als hoch­be­gabt, geschickt und gut ver­netzt, je nach poli­ti­scher Lage als Welt­ver­schwö­rer und Zio­nis­ten.


Empowerment ist ein politischer Begriff

Themen : Allgemein, Empowerment?!, Rassismus · (1) Kommentar · von 14. Januar 2015

Žakli­na, wel­che Bedeu­tung hat Empower­ment für dich?

Für mich per­sön­lich ist Empower­ment eine wich­ti­ge Hand­lungs­op­ti­on in mei­nem Leben: mit Men­schen zusam­men­zu­kom­men, die mich in mei­nen Fra­gen und in den Belan­gen unter­stüt­zen, wo ich auch Unter­stüt­zung geben kann, wo ich Stär­kung erfah­ren und soli­da­risch sein kann. Empower­ment ist ein Pro­zess und auch ein Raum, wo ich mit Gleich­ge­sinn­ten zusam­men­sit­zen und Hand­lungs­stra­te­gi­en ent­wi­ckeln kann. Empower­ment wird oft mit Selbst­er­mäch­ti­gung über­setzt. Ich glau­be, Selbst­er­mäch­ti­gung ist Teil von Empower­ment-Pro­zes­sen, aber wenn wir bei Selbst­er­mäch­ti­gung ste­hen blei­ben, dann kriegt es auch etwas Neo­li­be­ra­les: «Ja, wenn du willst, dann schaffst du es!» Mit Selbst­er­mäch­ti­gung ist im Grun­de gemeint, Räu­me zu haben, in denen ich mich mit Gleich­ge­sinn­ten aus­tau­schen kann. Das muss aber auch wei­ter­ge­hen. Über die­se Räu­me des Aus­tau­sches hin­aus müs­sen For­de­run­gen durch­ge­setzt wer­den, gera­de im Bereich von Ras­sis­mus und Herr­schafts­ver­hält­nis­sen. Es darf nicht bei einem «Ich muss mich selbst stär­ken» ste­hen blei­ben.


Zur Notwendigkeit einer rassismuskritischen Sprache

Denk- und Hand­lungs­for­men, die an ras­sis­ti­sche Unter­schei­dun­gen anschlie­ßen und die kul­tu­rell-dis­kur­si­ve Gel­tung die­ser For­men bekräf­ti­gen, ver­mit­teln auf unter­schied­li­chen gesell­schaft­li­chen Ebe­nen Wirk­lich­keit. Die­se Wirk­lich­keit betrifft Ein­zel­per­son und Grup­pen; sie ist aber auch kenn­zeich­nend für orga­ni­sa­tio­na­le (etwa für Insti­tu­tio­nen des Bil­dungs­sys­tems) und struk­tu­rel­le Zusam­men­hän­ge (etwa Recht­spre­chung). Dis­kur­se und Pra­xen, die Aus­druck natio-eth­no-kul­tu­rel­ler Domi­nanz­ver­hält­nis­se sind, bestä­ti­gen und sta­bi­li­sie­ren das Sys­tem ras­sis­ti­scher Unter­schei­dun­gen.

Ras­sis­mus­kri­tik bezeich­net ein erkennt­nis­po­li­ti­sches Enga­ge­ment, das Deu­tun­gen und Ter­mi­ni, eine Spra­che also anbie­tet, erprobt, wei­ter­ent­wi­ckelt, um die­ses macht­vol­le Sys­tem als sol­ches zu erken­nen, refle­xiv, kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Mit­tels Spra­che und Kri­tik kön­nen Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven ent­wi­ckelt wer­den.


Gemeinsam könnten wir das Haus rocken!

Themen : Allgemein, Empowerment?! · 0 Kommentare · von und 14. Januar 2015

Ein Inter­view mit Nina und Son­gül

Nina und Son­gül, ihr habt 2012 die Aus­stel­lung «Lux like Comic – (Un)Mögliche Bil­dungs­we­ge» erstellt. Wie seid ihr auf die Idee gekom­men?

Unser Bil­dungs­auf­trag im Rah­men der Stif­tung war ein Kon­zept zu ent­wi­ckeln, dass die Bil­dungs­si­tua­ti­on von Men­schen, die kei­nen aka­de­mi­schen Hin­ter­grund haben, the­ma­ti­siert und in die Öffent­lich­keit bringt. In einem klei­nen Rah­men konn­ten wir Stu­di­en­sti­pen­di­en für die­se Ziel­grup­pe ver­ge­ben und somit Ein­zel­per­so­nen über eine Finan­zie­rung und Beglei­tung den Zugang zu Hoch­schu­len ermög­li­chen. Unse­re Pro­jekt­ziel­grup­pe waren Men­schen ohne aka­de­mi­schen Bil­dungs­hin­ter­grund, das bedeu­tet Men­schen, deren Elter_n nicht stu­diert haben und die sich im Über­gang von Schule/Praktikum ins Berufsleben/Studium befin­den.

Die finan­zi­el­len Rah­men­be­din­gun­gen waren in die­sem Pro­jekt ziem­lich gut. Da konn­ten wir unse­re Ide­en und Krea­ti­vi­tät gut ent­fal­ten. Was uns etwas Druck berei­tet hat, war, dass wir nur eine sehr begrenz­te Zeit hat­ten, die­ses Pro­jekt umzu­set­zen. Und wir woll­ten das Pro­jekt ja über einen lin­ken Kreis von Inter­es­sier­ten hin­aus in die Öffent­lich­keit brin­gen – und zwar mit Berück­sich­ti­gung von struk­tu­rel­len Macht­ver­hält­nis­sen, die bei Dis­kur­sen rund um PISA meis­tens aus dem Blick gera­ten. Daher woll­ten wir das The­ma so ange­hen, dass es alle angeht und alle inter­es­siert. Dazu bedurf­te es auch, dass wir das The­ma aus den aka­de­mi­schen Kon­tex­ten raus­ho­len und bar­rie­re­frei­er gestal­ten.


Of Hope. Ungarn und der lange Sommer der Migration

Quelle: Migrant Solidarity Group of Hungary (http://MigSzol.com)

Foto von Migrant Soli­da­ri­ty Group of Hun­ga­ry (http://​MigS​zol​.com)

Bahn­hof Buda­pest Keleti, in der Nacht von Frei­tag, 4. Sep­tem­ber auf Sams­tag 2015. Kurz nach Mit­ter­nacht. Bus­se des öffent­li­chen Nah­ver­kehrs kom­men an, von Ungarns Regie­rung geschickt, um die Flücht­lin­ge, die dort seit rund einer Woche cam­pie­ren, an die unga­risch-öster­rei­chi­sche Gren­ze zu brin­gen. Noch miss­trau­isch, ob es sich erneut um einen hin­ter­häl­ti­gen Trick der Regie­rung han­delt, war­ten vie­le Flücht­lin­ge erst ein­mal ab. Doch lang­sam bestei­gen sie die Bus­se und machen sich wie­der auf den Weg, an die nächs­te Gren­ze. Nach Tagen des Aus­har­rens sind sie wie­der unter­wegs, und nach Tagen brül­len­der Hit­ze setzt plötz­lich, als ob auch das Wet­ter einen Schluss­strich unter die­se Woche der Kämp­fe set­zen will, leich­ter Regen ein.

Im Lau­fe der Nacht und am dar­auf fol­gen­den Tag über­schrei­ten mehr als 10 000 Flücht­lin­ge die öster­rei­chi­sche Gren­ze. Öster­reich und Deutsch­land hat­ten sich bereit erklärt, sie ein­rei­sen zu las­sen. Vie­le wei­te­re machen sich auf den Weg. Wir wol­len in die­sem Arti­kel reka­pi­tu­lie­ren, was sich in der Woche in Ungarn und Euro­pa zuge­tra­gen hat und ein­schät­zen, was es für die Zukunft des euro­päi­schen Migra­ti­ons- und Grenz­re­gimes bedeu­tet.


Dialog der Klapptafeln

«We will rise»-Aus­stel­lung zur Refu­gee-Bewe­gung

Kurz vor der Aus­stel­lungs­er­öff­nung Anfang August kam es zu einer hef­ti­gen Debat­te. Im Hof des Fried­richs­hain-Kreuz­berg-Muse­ums dis­ku­tier­ten die Ausstellungsmacher_innen mit der Muse­ums­lei­tung dar­über, ob und wie die Refu­gee-Bewe­gung die Poli­tik des Bezirks kri­ti­sie­ren darf. Der Bezirks­teil Kreuz­berg war einer der Kris­tal­li­sa­ti­ons­punk­te der neu­er­lich erstark­ten Bewe­gung der letz­ten Jah­re. Hier befin­den sich der Ora­ni­en­platz mit dem berühmt gewor­de­nen Pro­test­camp und die mit einem mas­si­ven Poli­zei­auf­ge­bot geräum­te Ger­hart-Haupt­mann-Schu­le.


Rassistischer Gimmick

Rewe_Werbung_groß_20.9.2015Der renom­mier­te Schul­buch­ver­lag Klett soll sei­ne ras­sis­ti­sche Schul­buch­rei­he «Mei­ne India­ner­hef­te» ein­stel­len. Das zumin­dest for­dert der Ver­ein glo­kal e.V.  in einem offe­nen Brief. Die kri­ti­sier­ten Hef­te sind Lern­ma­te­ria­li­en für Grund­schul­kin­der, die mit Ano­ki, einem klei­nen «India­ner» illus­triert sind. Der Klett-Ver­lag hat reagiert und glo­kal e.V. ein Gesprächs­an­ge­bot gemacht.

glo­kal kri­ti­siert die Schul­hef­te dafür, dass sie Nati­ve Ame­ri­cans als Mas­kott­chen für Wer­be­zwe­cke miss­brau­chen und sie kli­schee­haft dar­stel­len wür­den. Die­se Kri­tik wird von Orga­ni­sa­tio­nen der Nati­ve Ame­ri­cans und 200 ande­ren Unterzeichner_innen aus Schu­le, Poli­tik und Wis­sen­schaft unter­stützt. Sei­tens Vertreter_innen der Nati­ve Ame­ri­cans in den USA wer­den seit Jah­ren Kam­pa­gnen wie «We are a cul­tu­re, not a cos­tu­me» und «Not your mas­cot» betrie­ben, um auf die ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung auf­merk­sam zu machen.

Ein Inter­view mit glo­kal e.V.


EDEWA: Berlins erster widerständiger Supermarkt

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Regal des EDEWA, Foto: Mar­co Schott

EDEWA: Ber­lins ers­ter wider­stän­di­ger Super­markt

Inter­es­siert beugt sich eine „Kun­din“ über eine Packung „Super­blöd­manns“, ein an die „Scho­ko­küs­se“ ange­lehn­tes Pro­dukt im ers­ten anti­ras­sis­ti­schen und wider­stän­di­gen Super­markt Ber­lins, kurz EDEWA. Nach dem Öff­nen erwar­ten die Besucher_innen kei­ne süßen Lecke­rei­en, son­dern wei­ße und schwar­ze Scho­ko­küs­se aus Papp­ma­sche, auf deren Unter­sei­te Gedich­te der schwar­zen Femi­nis­tin May Ayim geklebt sind. Die­se und wei­te­re anti­ras­sis­ti­sche und anti­se­xis­ti­sche Pro­dukt-Adap­tio­nen las­sen sich in der EDE­WA-Filia­le in Neu­kölln bestau­nen. EDEWA steht für „Ein­kaufs­ge­nos­sen­schaft anti­ras­sis­ti­schen Wider­stan­des“, eine inter­ak­ti­ve Wan­der­aus­stel­lung, die ihre Besucher_innen auf Ras­sis­men und Sexis­men, sowie ande­ren Unter­drü­ckungs­for­men inner­halb der Mehr­heits­ge­sell­schaft auf­merk­sam machen will.

Dabei haben die Initiator_innen eine Kulis­se gewählt, die jede_r von uns kennt. In Form eines Super­mark­tes zei­gen sie die Dis­kri­mi­nie­rung anhand einer brei­ten Palet­te von Pro­duk­ten, die uns im täg­li­chen Leben so oder so ähn­lich begeg­nen. Am 15.11.2015 fand die Eröff­nung inklu­si­ve Füh­rung durch die „Filia­le“ statt. Dazu kamen etwa 60 Per­so­nen in die klei­ne, namen­lo­se Gale­rie in die Weser­stra­ße 176 in Ber­lin-Neu­kölln.