Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Dossier Empowerment

Themen : Empowerment?! · (2) Kommentare · von 14. Januar 2015

Empowerment ist ein Begriff, der aus der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und feministischen Bewegungen des globalen Südens kommt. Im Deutschland der 1980er und 1990er Jahren prägten Schwarze feministische Kämpfe sowie Bündnisarbeiten von Frauen of Color, Migrant_innen und jüdischen Frauen das Verständnis von Empowerment.

Empowerment: ein weiteres englischsprachiges Wort, das in aller Munde ist – schillernd und inhaltslos? Versuche, den Begriff auf Deutsch zu übersetzen, münden meist in «Selbstermächtigung». Bei Empowerment geht es aber um mehr, als sich selbst zu ermächtigen und eigene Süppchen zu kochen. Das Verständnis von Empowerment stammt aus radikalen sozialen Bewegungen und politischen Kämpfen, in denen Menschen die bestehenden Machtverhältnisse nicht hinnehmen wollten und kollektiv dagegen ankämpften. Es ist unsere Hoffnung, dass aus diesen Kämpfen auch etwas für gegenwärtige Auseinandersetzungen zu lernen ist…

Dieses Dossier geht der Frage nach: Was haben Empowerment-Ansätze, politische Kämpfe und Bildungsarbeit miteinander zu tun? Was verstehen die Autor_innen unter Empowerment in Bezug auf rassistische und andere Machtverhältnisse?

Die Beiträge sind von den Autor_innen eigens für dieses Dossier verfasst worden und geben nicht zwangsläufig die Meinung des Redaktionsteams wieder.


Mehr als nur ästhetische Korrekturen

Empower-Was?

Festiwalla 2011, Zugangsparade zum Haus der Kulturen der Welt. Foto: JTB

Als wir vor ziemlich genau elf Jahren in einem der von den Berliner Quartiersräten sogenannten sozialen Brennpunkte ein Projekt ins Leben riefen, bei dem sich Jugendliche aus nicht gerade privilegierten Verhältnissen selbst «ermächtigten» und ihre Anliegen in Form von Theater, Musik und Tanz auf eine Bühne brachten, war der Begriff Empowerment als pädagogischer Ansatz im deutschsprachigen Raum noch kein Modewort, wie es derzeit ist.

Heute erleben wir, dass einige Ansätze aus der Bürgerrechts- und anderen Bewegungen, in der Privatwirtschaft, in den Chefetagen globaler Konzerne und nun auch langsam – oft im Schneckentempo, aber doch zunehmend – Eingang in behäbigere und strukturkonservativere Institutionen finden wie Schulen, den öffentlichen Dienst und staatlich geförderte Kulturinstitutionen in Deutschland. Dies ist zum einen sicherlich der Tatsache geschuldet, dass es mittlerweile endlich auch in Deutschland ein Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz gibt, auf dessen Umsetzung die EU pocht; zum anderen ist es auch Ausdruck der Krise z.B. der etablierten Kulturbetriebe, die angesichts leerer Zuschauerränge den Druck verspüren, Verjüngungs- und Modernisierungsstrategien zu erproben.

So wird unter dem Stichwort Diversity von Personaler_innen die bahnbrechende Erkenntnis verhandelt, dass interkulturelle Belegschaften und Teams eine Bereicherung darstellen können oder dass qualifizierte Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderungen, nachdem sie jahrzehntelang diskriminiert wurden und immer noch werden, den Institutionen nicht unbedingt von alleine die Bude einrennen, sondern dass es dazu auch Ermutigung und direkter Ansprache, vielleicht sogar spezieller Förderprogramme oder gar Quoten bedarf. Empowerment-Ansätze gelten mittlerweile als Qualitätsmerkmal in Projektanträgen für Fördermittel und mancher Akademiker_in in der Organisationsentwicklung werden mittels des neuen «Fixstern(s) am Himmel der psychosozialen Arbeit» gar neue Jobchancen eröffnet. Ein Grund zur Freude? Wir sehen das mit gemischten Gefühlen und einer ordentlichen Portion Skepsis.


We can breathe

Prelude

Als ich in den letzten Monaten gefragt wurde, wie es mir geht, konnte ich meistens nur «besser» sagen. Denn dieses «besser» war für mich existenziell wichtig. Es beschrieb im Kern, wie es mir ging. Es folgte meistens dieser merkwürdige Moment, in dem mir aufgrund der Reaktion meines Gegenübers klar wurde, dass meine Antwort nicht verständlich ist, solange ich nicht benenne, warum es mir denn vorher «schlecht» gegangen war. Es reichte nicht zu sagen, worin die Verbesserung bestand, nein. Ich war irgendwie gezwungen zu benennen, was mein Bezugspunkt war. Was eigentlich der Ausgangspunkt des «besser» war. Um diesen merkwürdigen Moment und die darauf folgende Erklärdynamik zu vermeiden, antwortete ich manchmal mit «gut». Doch das war eine Lüge. Und ich entschied mich für die Wahrheit. Ich entschied, das vorangegangene «Schlechte» offen zu benennen. Seitdem frage ich mich wieder: Ist es möglich, über Selbststärkung und -ermächtigung zu sprechen, ohne darüber zu sprechen, was mich schwächt und entmächtigt? Ist es eigentlich möglich, immer und immer wieder die Befreiung meines Körpers zu proben, ohne zugleich auch aufzuzeigen, wer oder was mir Freiheit raubt? Kann ich von meiner Heilung sprechen, ohne davon zu sprechen, was mich krank macht?


Erinnern ist Empowerment

Themen : Allgemein, Empowerment?!, Migration · 0 Kommentare · von 14. Januar 2015

Bênav lebt in Diyarbakır, der kurdischen Metropole im Südosten der Türkei. Er ist Video-Performance-Künstler. Er wirft mit Milchpackungen und Orangen um sich und wendet sich um die laufende Nebelmaschine hin und her, während er von kurdischen Dörfern erzählt, die in der Vergangenheit dem Erdboden gleichgemacht wurden. In seinem wutendbrannten Monolog spricht er von verlorengegangener Geschichte und unterdrückter Identität, von gestohlenen Namen und der Suche nach Gerechtigkeit. Dafür steht Mely Kiyaks Figur im Theaterstück «Aufstand», das am 20. November 2014 im Maxim-Gorki-Theater in Berlin Premiere hatte. Zum Ende des Auftritts spricht der Protagonist eine Wahrheit des Widerstandes aus: «Erinnern ist Aufstand.» Bênav sucht nach Erzählungen und Realitäten, die in hegemonialer Geschichtsschreibung mundtot gemacht werden. Sein Aufstand ist einer der Erinnerung. Erinnern ist Aufstand. Erinnern ist aber auch Empowerment. Dafür braucht es Geschichten über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. Diese legen die Basis für den Stoff, aus dem Identitäten entstehen.


Rechte statt Fürsorge

Im September 2013 wurde vom Europäischen Parlament die Studie «Empowerment of Roma Women within the European Framework of National Roma Inclusion Strategies» herausgegeben. In dieser gut 98 Seiten schweren Studie wird Empowerment verstanden als: «das Konzept der Förderung von Roma-Frauen – also der Stärkung ihrer Gestaltungs- und Entscheidungsmacht –, um auf dieser Basis die derzeitigen Lebensbedingungen von Roma-Frauen zu analysieren, die jeweiligen nationalen Strategien zur Integration der Roma zu beleuchten und bewährte Praktiken zu ermitteln.»

Tendenziell ist dieser Bericht, ebenso wie auch die vorangegangenen EU-Berichte zur Lage der Roma-Frauen, durch folgende «Merkmale» gekennzeichnet:


Powersharing: Was machen mit Macht?!

Macht klingt für die meisten erst einmal nach etwas, das ziemlich weit weg ist. Nach etwas, das Vorgesetzte oder Staatsoberhäupter haben. Tatsächlich geht besonders viel Macht von Institutionen und den Menschen aus, die darin hohe Positionen besetzen. Aber Machtstrukturen werden auch durch alltägliche Handlungen produziert und gestärkt. Wenn es Menschen gibt, die aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft durch Rassismus diskriminiert und ausgeschlossen werden, haben diejenigen die als natürlich zugehörig gelten, automatisch bessere Chancen. Durch tägliche Ein- und Ausschlüsse werden manche Menschen diskriminiert, andere haben dadurch Vorteile und Privilegien.

Der Ansatz des Powersharing richtet sich an alle die, die strukturell privilegiert sind und ein politisches Interesse daran haben, diese Strukturen hin zu einer gerechteren Verteilung von Macht und Zugängen zu verschieben. Daher fragt der Powersharing-Ansatz danach: Wie und wo kann ich meine Haltung und mein Handeln verändern, um mich für eine gerechte Gesellschaft einzusetzen?


«If you can’t say love…» – Ein Empowerment-Flow zu Individuum, Diaspora-Community und pädagogischer Reflexion

Themen : Allgemein, Empowerment?!, Rassismus · 0 Kommentare · von und 14. Januar 2015

Intro: Laura Mvula / «Sing to the Moon»

Sebastian Fleary: Es passieren in meine Augen gerade im Empowerment-Bereich in Deutschland viele gute, starke Sachen. Ich habe das Gefühl, dass das, was da passiert, auch viel mit Inspiration, mit Anregungen und Weiterkommen zusammenhängt. Das ist echt für mich eine der Herausforderungen von Empowerment: Irgendwie habe ich eine Wahl, ich kann entscheiden, worauf ich meine Energie richte. Klar gibt es einen bestimmten Rahmen, der mir einige Sachen verwehrt. Ich bin nicht völlig frei, alles zu tun, was ich will. Es gibt auch 2014 immer noch eindeutig Barrieren, Ausschlüsse und Gefahren für PoC in Deutschland. Und in diesem Rahmen kann ich Entscheidungen treffen. bell hooks spricht in diesem Kontext viel von «choosing». In diesem Rahmen möchte ich mich dafür entscheiden, meine Energie auf Dinge zu richten, bei denen ich das Gefühl habe, die gehen vorwärts – und dabei geht es mir darum, was du tust. Ich finde dabei den Blick auf Diaspora  echt spannend. Und auch den Blick auf Community. Zusammengedacht, finde ich es gerade spannend mit Blick auf die Empowerment-Bewegung in Deutschland, sich Diaspora-Communities anzuschauen und zu fokussieren. Für mich ist Community etwas sehr Greifbares, sehr Haptisches, sehr Analoges und gleichzeitig ist Community auch spirituell, verbunden und digital. Sie ist mehrdimensional und multi-perspektivisch.


Pädagogin 2.0

Themen : Allgemein, Empowerment?!, Rassismus · (1) Kommentar · von 14. Januar 2015

In Vorbereitung auf diesen Text gab ich «Empowerment» bei Google ein, um mich ein wenig inspirieren zu lassen, und erhielt 53.800.000 Ergebnisse. Viele akademische Texte habe ich gelesen, viele überflogen, einige nicht verstanden und einige sehr gut gefunden. Ehrlich gesagt, kann ich das Konzept trotzdem immer noch nicht richtig erfassen. Vielleicht, weil es nicht richtig planbar ist, zu «empowern» und konkret genug ist es auch nicht immer: Empowerment ist kein klares, durchsichtiges Konzept. Seit ein paar Jahren umgibt mich dieser mittlerweile in bestimmten politischen Kreisen zum Mainstream gewordene, in der politischen Arbeit unentbehrliche und vielschichtige Begriff.

Nun ist es bereits zwölf Jahre her, dass ich die Ausbildung zur Erzieherin absolvierte und anfing, in einer Kindertagesstätte im Berliner Bezirk Wedding zu arbeiten. Ich lese ab und zu immer noch gern mein Jahrgangsbuch zum Abschluss der Ausbildung, um mich immer wieder an die Tuğba von damals zu erinnern. Jede Person der Klasse bekam dort eine Seite zum Ausfüllen. Erzählt wird darin von schönen Erinnerungen während der Schulzeit, von guten und schlechten Eigenschaften, Träumen und es ist jeweils ein sehr vielsagendes individuelles Lebensmotto mitgegeben. Mein Traum: «Es besser machen als andere und eine der besten Erzieherinnen sein.» Beim Lebensmotto schrieb ich und konnte mich wie so oft nicht für einen Satz festlegen: «Behandele andere Menschen so, wie du behandelt werden willst!!!» und «Die, die nichts zu sagen haben, reden viel. Die, die was zu sagen haben, hingegen kaum!»


Von persönlichen Problemen zu politischen Forderungen

Women in Exile ist eine Initiative von Flüchtlingsfrauen, die sich 2002 in Brandenburg zusammengefunden haben, um für ihre Rechte zu kämpfen. Aktivistinnen aus der Gründungszeit berichten: «Wir haben entschieden, uns als Flüchtlingsfrauengruppe zu organisieren, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass Flüchtlingsfrauen doppelt Opfer von Diskriminierung sind: Sie werden als Asylbewerberinnen durch rassistische Gesetze ausgegrenzt und als Frauen diskriminiert.» 2011 baute Women in Exile die Gruppe Women in Exile & Friends auf, in der sich auch Frauen ohne Fluchthintergrund engagieren. Seitdem tragen wir gemeinsam flüchtlingspolitische Forderungen aus feministischer Perspektive an die Öffentlichkeit. Außerdem unterstützen wir Flüchtlingsfrauen mit Informationsmedien und Workshops dabei, individuelle und kollektive Perspektiven zu entwickeln, um sich gegen sexualisierte Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung zu verteidigen.

Ein Grundprinzip unserer Arbeit ist: Flüchtlingsfrauen entscheiden über ihre politischen Forderungen auf Basis ihrer Alltagserfahrungen selbst, weil sie selbst die Expertinnen ihrer Situation sind.


Schwarze Menschen zwischen Fremdwahrnehmung und Selbstbestimmung

Themen : Allgemein, Empowerment?!, Rassismus · 0 Kommentare · von 14. Januar 2015

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Ende des deutschen Kaiserreiches hat es die Weimarer Republik nicht vermocht, die Verantwortung, die aus der deutschen kolonialen Vergangenheit entstanden war, zu übernehmen. Sie tat sich schwer, sich gegenüber den starken nationalen Kräften und deren Weltmachtansprüchen zu distanzieren.

Während der NS-Herrschaft wurde alles getan, um die koloniale Vergangenheit zu glorifizieren und die ehemaligen Kolonien «zurückzuholen». Nur dem Kriegsverlauf und der bedingungslosen Niederlage des faschistischen NS-Regimes ist es zu verdanken, dass dies nicht zustande kam. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges schrieben sich sowohl die DDR als auch die BRD auf die Agenda, den Erfahrungen der zurückliegenden Geschichte Rechnung zu tragen, indem sie allen Versuchen, Deutschland erneut als Weltmacht zu etablieren, eine Absage erteilten.