Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Gemeindezugehörigkeit oder jüdische Identität? Wie Ethnie und Religion sich ergänzen

Vor 25 Jah­ren begann eine jüdi­sche Ein­wan­de­rung, wie sie nach dem Holo­caust undenk­bar schien. Die DDR war fast pas­sé und die deut­sche Ein­heit stand an, als im Febru­ar 1990 der drei Mona­te alte Jüdi­sche Kul­tur­ver­ein Ber­lin (JKV) am Zen­tra­len Run­den Tisch die bedin­gungs­lo­se Öff­nung der DDR-Gren­ze für alle for­der­te, die sich in der Sowjet­uni­on als Juden bedroht sahen.

«Jüdisch» war in der UdSSR eine von 126 Natio­na­li­tä­ten. Die «natio­na­le Zuge­hö­rig­keit» war iden­tisch mit der eth­ni­schen und als «5. Punkt» auch im Inlands­pass ver­merkt. Das Natio­nal-Eth­ni­sche ein­te, grenz­te aber auch ab und aus. Die jüdi­sche Bevöl­ke­rung wuss­te, wel­che Stu­di­en­rich­tun­gen und Arbeits­fel­der für sie gesperrt waren, leb­te zumeist in Groß­städ­ten. Fami­li­en tra­dier­ten die Bil­dungs­idea­le, der Anteil an jüdi­schen Hoch­schul- und Uni­ver­si­täts­ab­sol­ven­ten über­stieg jede Quo­te. Sie gal­ten pau­schal als hoch­be­gabt, geschickt und gut ver­netzt, je nach poli­ti­scher Lage als Welt­ver­schwö­rer und Zio­nis­ten.


Kein Frieden mit der Querfront

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Die­se neue „Frie­dens­be­we­gung“ ist ein­fach ein.… Foto: Bur­schel

Sie sehen sich nach eige­nen Anga­ben als die Frie­dens­be­we­gung 2014 und wol­len sich weder rechts noch links posi­tio­nie­ren.  Sie behaup­ten die Stim­me des Vol­kes zu sein. Sie nut­zen den Begriff «Mon­tags­de­mons­tra­ti­on» in Anspie­lung auf die Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen in der DDR und die Hartz-IV-Pro­tes­te. Doch ein Blick auf die Sei­ten der Organisator_innen zeigt, dass es sich  bei den bun­des­wei­ten Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen um ein Sam­mel­be­cken anti­se­mi­ti­scher Verschwörungstheoritiker_innen han­delt.

Die Face­book-Sei­te «Anonymous.Kollektiv» gilt als wich­ti­ger Initia­tor bei der Mobi­li­sie­rung zu Mon­tags­de­mos und fällt immer wie­der mit anti­se­mi­ti­schen und völ­ki­schen Äuße­run­gen auf. Anony­mous-Akti­vis­t_in­nen rich­ten sich in einem Auf­ruf expli­zit gegen den Betrei­ber des Accounts. Sie wei­sen jede Betei­li­gung des Hacker­kol­lek­tivs an den Aktio­nen von sich und sehen dar­in eine Aneig­nung eines bekann­ten Labels, um Wer­bung für sein Unter­neh­men und rech­te Ver­schwö­rungs­theo­ri­en zu ver­brei­ten. Durch nicht gleich mit dem rech­ten Spek­trum ver­bun­de­ne The­men, wie Kri­tik an Rund­funk- und Fern­seh­ge­büh­ren oder dem Ein­satz für Frie­den wird ein nie­der­schwel­li­ger Zugang für poli­tisch Unent­schlos­se­ne geschaf­fen. So wird ein hete­ro­ge­nes Spek­trum zu den  ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen ange­zo­gen. Dar­in liegt auch das schwer fass­ba­re der neu­en «Frie­dens­be­we­gung».

Bei einer nähe­ren Betrach­tung des Gan­zen, las­sen sich kla­re Denk­mus­ter her­aus­ar­bei­ten. So sei­en alle Völ­ker von Ame­ri­ka fremd­ge­steu­ert und man müs­se des­we­gen für Volks­sou­ve­rä­ni­tät kämp­fen. «Das deut­sche Volk hat dazu­ge­lernt! Das deut­sche Volk ist viel bes­ser als sein Ruf! Die ame­ri­ka­ni­sier­ten Medi­en und Poli­ti­ker in Deutsch­land sind geil auf Krieg, unser Volk aber will den Frie­den!», ver­kün­det etwa Jür­gen Elsäs­ser in sei­ner  Rede am  21. April. Die Kon­struk­ti­on eines ver­ei­nig­ten deut­schen Vol­kes, das gemein­sam gegen die bösen ame­ri­ka­ni­schen Mäch­te ein­steht, folgt einem simp­len Wir -Ihr-Ant­ago­nis­mus, der typisch ist für sol­che Argu­men­ta­ti­onmus­ter.


Antisemitische Kampagne in Italien

Kurz vor dem Jah­res­tag der Befrei­ung des NS-Ver­nich­tungs­la­gers Ausch­witz sind jüdi­sche sowie israe­li­sche Insti­tu­tio­nen in Rom Ziel einer anti­se­mi­ti­schen Kam­pa­gne gewor­den: Drei Ein­rich­tun­gen waren Schwei­ne­köp­fe zuge­schickt wor­den. In bei­lie­gen­den Schrei­ben wird etwa der Begrün­der des Zio­nis­mus, Theo­dor Herzl, ver­höhnt. Außer­dem gab es anti­se­mi­ti­sche Schmie­re­rei­en in eini­gen Stra­ßen Roms, vor allem aber auf den Außen­wän­den des Rat­hau­ses in Rom, dar­un­ter der Slo­gan «Han­na [sic!] Frank ist eine gro­ße Lüg­ne­rin.»

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Ras­sis­ti­sche Pla­ka­te der «Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Arbei­ter Bewe­gung» in Mai­land: «Das Blut gegen das Gold / Das Blut gegen sie / Wach auf!» Foto: Facebook/privat

Die Emp­fän­ger der Schwei­ne­köp­fe waren die Haupt­syn­ago­ge, ein Muse­um mit einer Aus­stel­lung über jüdi­sche Kul­tur in der Haupt­stadt Ita­li­ens sowie die israe­li­sche Bot­schaft. Die Pake­te waren alle in Rom auf­ge­ge­ben wor­den. Die sofor­ti­gen Unter­su­chun­gen des poli­zei­li­chen Staats­schut­zes ermit­tel­ten kur­ze Zeit spä­ter einen 29–Jähriger aus der neo­fa­schis­ti­schen Sze­ne als mut­maß­li­chen Täter. Der Mann soll als Absen­der für sei­ne Pake­te den Namen «Gio­van­ni Pre­zio­si» ver­wen­det haben: dabei han­delt es um einen ehe­ma­li­gen Minis­ter Mus­so­li­nis und glü­hen­den Anti­se­mi­ten,  der «Gene­ral­in­spek­tor für Demo­gra­phie und Ras­se» gewe­sen ist. In der Woh­nung des Beschul­dig­ten ent­deck­ten Beam­te unter ande­rem T-Shirts der neo­fa­schis­ti­schen Bewe­gung «For­za Nuo­va». Er habe sogar eine neue anti­se­mi­ti­sche Par­tei grün­den wol­len, gaben die Ermitt­ler an.

Bei den Unbe­kann­ten, die eini­ge Tagen spä­ter einen wei­te­ren Schwei­ne­kopf an einen jüdi­schen Adres­sa­ten in Flo­renz gesen­det haben, soll es sich nach Aus­sa­gen der Behör­den ledig­lich um Tritt­brett­fah­rer gehan­delt haben. Dar­über hin­aus sind in der Nacht zum 27. Janu­ar 2014 anti­se­mi­ti­sche Slo­gans auf den Wän­den des Doni­zet­ti-Thea­ters in Ber­ga­mo auf­ge­taucht. Dort lief das Stück «Der Elfen­bein­turm» von Ronald Har­wood, in dem es um den Pro­zess der US-Mili­tär­ver­wal­tung gegen den NS-belas­te­ten Star-Diri­gen­ten Wil­helm Furt­wäng­ler 1946 in Ber­lin geht [Titel der Ver­fil­mung: «Taking Sides»]. Anti­se­mi­ti­sche und Juden­hass schü­ren­de Kari­ka­tu­ren sind zur sel­ben Zeit auch in ver­schie­de­nen Stra­ßen Mai­lands pla­ka­tiert wor­den.

Ver­ant­wort­lich für die­se Hetz­pla­ka­te zeich­net die 2002 von Pier­lu­i­gi Pagli­ughi gegrün­de­te «Natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Arbei­ter Bewe­gung» (NSAB). Die «Bewe­gung» soll Anhän­gern im Pie­mont und der Lom­bar­dei haben. Die­se klei­ne Grup­pie­rung mit ihren etwa 200 Anhänger_innen, ent­sen­det eine Hand­voll Man­dats­trä­ger in Gemein­de­rä­te klei­ner Ort­schaf­ten in die­ser Regi­on. Die NSAB bezieht sich offen auf Adolf Hit­ler und ist schon durch ähn­li­che ras­sis­ti­sche Kam­pa­gnen auf­ge­fal­len. So berich­te­te die Tages­zei­tung «Repubbli­ca» ver­gan­ge­nes Jahr von Pla­ka­ten, die die Immigrant_innen aus Asi­en auf­for­der­te, Ita­li­en zu ver­las­sen mit Sät­zen wie: «Euro­pa den Euro­pä­ern» und  «Die absur­de und gesteu­er­te Mischung von Ras­sen rui­niert sowohl unse­re Nach­kom­men als auch dei­ne: Wir sind der auf­ge­zwun­ge­nen Immi­gra­ti­on müde!»


Rezension: Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken

Ver­folgt man die ein­schlä­gi­gen Debat­ten, so kann man sich oft des Ein­drucks nicht erweh­ren, dass die deut­sche Lin­ke ihren ganz eige­nen Nah­ost­kon­flikt aus­trägt. Über­iden­ti­fi­ka­ti­on und unre­flek­tier­te Soli­da­ri­tät ent­we­der mit Isra­el oder mit Paläs­ti­na tra­gen beson­ders in den letz­ten zwölf Jah­ren zu einer in Tei­len hoch­emo­tio­na­len Debat­ten­kul­tur bei, die eine sach­li­che Erör­te­rung und dif­fe­ren­zier­te Zugän­ge zur Pro­ble­ma­tik erschwe­ren, wenn nicht unmög­lich machen. Alter­na­ti­ve lin­ke Per­spek­ti­ven auf den Kon­flikt zwi­schen Isra­el und Paläs­ti­na, die die berech­tig­ten Inter­es­sen aller in der Regi­on leben­der Men­schen im Auge haben und daher etwa eine ana­ly­ti­sche Gleich­ran­gig­keit von Kolo­nia­lis­mus­kri­tik, Anti­se­mi­tis­mus­kri­tik und Ideo­lo­gie­kri­tik ein­for­dern sowie die Anwen­dung glei­cher uni­ver­sa­lis­ti­scher Stan­dards an die Beur­tei­lung der Kon­flikt­par­tei­en, gel­ten in hoch­dog­ma­ti­schen Milieus als nicht dis­kurs­fä­hig.