Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Zeigt die Doku!

Themen : Allgemein, Antisemitismus · (1) Kommentar · von 15. Juni 2017

Ein anderthalbstündiger Dokumentarfilm über Judenhass in Europa und im Nahen Osten sorgt gerade für Aufsehen. Der Film „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ von Joachim Schröder und Sophie Hafner wird von den öffentlich-rechtlichen Sendern arte und WDR, die ihn in Auftrag gegeben haben, zurückgehalten, angeblich handwerklicher Mängel wegen und weil nicht nach Vereinbarung produziert worden sei. Ausgerechnet die Bild-Zeitung hat in  einem Akt von Kommunikationsguerilla den Film kurzerhand für 24 Stunden ins Netz gestellt, getreu dem Motto: „Bild dir deine Meinung“.

Der Film ist aufrüttelnd und alarmierend, es ist wichtig, dass er gezeigt wird. Selbstverständlich kann daran auch Kritik geäußert werden, wo kämen wir sonst hin. Aber um ihn zu beurteilen und überhaupt Kritik oder eben auch Anerkennung zu äußern, muss man ihn auf jeden Fall erst einmal zu sehen bekommen. Tja, und dafür ist man vielleicht sogar bereit, die einführenden Worte des Bild-Reporters Claas Weinmann über sich ergehen zu lassen. Immerhin ist der Film jetzt an mehreren Stellen – in einer noch nicht ganz fertigen Fassung – zu sehen: Klickt mal oben!

Die Art und Weise wie die Auftraggeber gerade mit dem Film und der Kritik umgehen, können nur verwundern. Deswegen haben jetzt über 100 Erstunterzeichner_innen (zu denen der Autor dieser Zeilen gehört) einen offenen Brief unter dem Motto Zeigt die Doku! an die Veantwortlichen geschrieben, in dem sie die Ausstrahlung der Doku fordern. Wer auch findet, dass der Film gezeigt werden muss, kann sich dem Brief auch noch anschließen.

Nachklapp

Am gestrigen Mittwochabend, 21.6.2017, hat das ARD die Doku gezeigt und damit zur Diskussion gestellt (eine Woche ist sie in der ARD-Mediathek zum nachträglichen Schauen verfügbar); im Anschluss an die Ausstrahlung wurde die „hitzige Debatte“ über die Doku in der Talkshow Maischberger  diskutiert. Mit dabei: Michael Wolffsohn, Norbert Blüm, Ahmad Mansour, Gemma Pörzgen, Rolf Verleger und Jörg Schönenborn. Auch die Disku wird wohl eine Woche abrufbar sein.

 


Website „Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg“ jetzt aktualisiert

Website „Todesopfer rechter Gewalt in Brandenburg“ jetzt aktualisiert

Zum 20. Todestag von Sven Beuter geht die Opferperspektive mit ihrer aktualisierten Website zu Todesopfern rechter Gewalt in Brandenburg online….


50. Todestag von Emil Julius Gumbel: Vergessener Held der Demokratie

Gedenktafel für die deutschen und österreichischen Flüchtlinge in Sanary-sur-Mer, unter ihnen Emil Julius Gumbel // Bild: Anima (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons


Es herrschte Hochspannung  in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Der Versailler Vertrag wurde als ungerecht in der desaströsen wirtschaftlichen Situation der Nachkriegszeit gesehen. Die Niederlage wurde durch die als demütigend empfundenen Reparationszahlungen noch deutlicher gemacht und das verschärfte die politische Situation. Die junge Weimarer Republik hatte die unmögliche Aufgabe, aus dem Desaster die demokratische Gesellschaft aufzubauen. Obwohl die Weimarer Verfassung in der Zeit enorm fortschrittlich war, hielt die Weimarer Republik dem politischen Druck nicht stand. Justiz, Militär und Verwaltung bestanden zu großen Teilen noch aus den gleichen Leuten wie im Kaiserreich, die die Demokratie zum größten Teil rundweg ablehnten. Die extreme Rechte, die von höchst undemokratischen Idealen geprägt war, und hunderttausende von den Schlachtfeldern heimkehrende Soldaten hätte den Krieg am liebsten weitergeführt und schlossen sich vielfach in antidemokratischen und konterrevolutionären Freikorps zusammen. Das Ideal der demokratischen Republik verschwand hinter der bitteren Realität von wirtschaftlicher Schwäche und brutalen politischen Kämpfen.


Odfried Hepp in Ost-Berlin: Stasi und (west-)deutsche Nazis

Themen : Allgemein, Antisemitismus, Neonazismus, NSU-Komplex · 0 Kommentare · von 4. Dezember 2015

Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt (1. und 3. v. rechts) und spätere Unterstützer des NSU 1996 vor dem Gerichtsgebäude in Jena, wo sich Manfred Roeder verantworten musste Bild: apabiz e.V.

Die Überschneidungen und teilweise gegenseitige Unterstützung von Geheimdiensten und Neonazis sind in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) nicht erst seit der Selbstenttarnung des NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) immer wieder vorgekommen. Im Verlauf der Geschichte der BRD gab es immer wieder undurchsichtige Seilschaften zwischen den Inlands- sowie Auslandsgeheimdiensten und der (west-)deutschen Neonaziszene. Aber auch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde die deutsche Neonaziszene intensiv beobachtet und Informationen, teilweise auch über menschliche Quellen, eingeholt. Bei einigen Fällen gab es sogar aktive Unterstützung durch die Staatssicherheitsorgane der DDR. Der Journalist Andreas Förster hat sich durch die Stasi-Akten der Abteilung 22, die Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit, zuständig für „Terrorabwehr“, gearbeitet und einige interessante Verbindungen zwischen führenden (west-)deutschen Neonazi-Kadern der 1980er Jahre und der DDR herausgearbeitet. In einem Vortrag bei der Hellen Panke  berichtete er über seine Ergebnisse.


„Antifa heißt Arbeitskampf“

Themen : Allgemein, Antisemitismus, Neonazismus, Rassismus · 0 Kommentare · von 11. November 2015
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Antifa Kongresstag Quelle: http://antifakongress.blogsport.eu/

Auf einem Kongress in München diskutiert die Antifaschistische Bewegung neue Politikstrategien

Was heißt Antifa? Vier Jahre nach dem Auffliegen des NSU, nach über zwei Jahren rassistisch- völkischer Eskalation, pogromartiger Ausschreitungen in Heidenau, Freital und anderen Orten, täglichen Angriffen auf Geflüchtete und ihre Supporter*innen und dem (Wieder-)Erstarken der AfD scheint diese Frage zurzeit dramatische Relevanz zu haben. Zu tun gäbe es genug für die antifaschistische Bewegung in Deutschland, befände diese sich nicht seit mehreren Jahren in einer strukturellen Krise. Daher müssen neue Organisierungs- und Politikkonzepte her. Raus aus der Defensive, hin zu einer handlungsfähigen Bewegung, die Antworten parat hat. Der Antifa-Kongress in München hat diese Diskussion nun erneut in den Mittelpunkt gestellt.


Deutschrock: Ausdruck gesellschaftlichen Rollbacks

Die Dokumentation „Deutsche Pop Zustände – eine Geschichte rechter Musik in Deutschland“ widemt sich der Entwicklung neonazistischer Musik in Deutschland

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Neonazi-Konzert in Mailand 2015 Foto: indymedia

Für Uwe Mundlos, Uwe Böhnhard und Beate Zschäpe, die Rechtsterroristen des NSU (Nationalsozialistischen Untergrund), spielte neonazistische Musik immer eine wichtige Rolle. So ist das erste Bekennervideo der Morde und Bombenanschläge mit den Liedern „Am Puls der Zeit“ und „Kraft für Deutschland“ der Band „Noie Werte“, Urgestein der neonazistischen Rockmusik in Deutschland, unterlegt. Eine neue Dokumentaion, „Deutsche Pop Zustände“, widemt sich genau dieser neonazistischen Musikszene. Dabei wird aber auch die Szene diesseits des RechtsRocks in den Blick genommen und Popmusik allgemein in Deutschland betrachtet. Die Dokumentation geht nicht nur der Frage nach, wie sich die neonazistische Musikszene seit den Siebzigerjahren entwickelt hat, sondern auch in welchem gesellschaftlichen Klima dies geschehen ist.

Marco Schott hat sich mit Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler aus Mainz, über die Dokumentation und seine Mitarbeit darander unterhalten. Hindrichs beschäftigt sich seit längerer Zeit wissenschaftlich mit neonazistischer Musik und – wie er es nennt – „neuer Deutschrock-Szene“ wie „FreiWild“.

Die Dokumenation findet sich noch bis zum 10.11.2015 immer von 22 – 6 Uhr in der Mediathek von 3Sat.


Aufklären und Einmischen

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Kuppel des Gerichtssaals des NSU Prozess in München. Foto von Fritz Burschel

Eine Veranstaltung versucht das aufklärerische Gehalt des Frankfurter Auschwitz Prozess und dem Münchner NSU-Prozess herausarbeiten

Das Leben von Fritz Bauer, der Generalbundesanwalt, der die Verbrechen in Auschwitz vor Gericht brachte, erfreut sich neuer cineastischer Aufmerksamkeit. Nach einer Verfilmung aus dem Jahr 2014 erschien am 01.10.2015 eine neuer Film über den „Nazijäger“ Fritz Bauer. Aber auch abseites von Spielfilmen ist das Leben und Werk von Fritz Bauer durchaus interessant für die aktuelle Zeit. Eine Veranstaltung in Berlin ergründet Fritz Bauers Verständnis des Frankfurter Auschwitz-Prozesse als mögliche Perspektive auf das Münchner NSU- Verfahren. Ein Gastbeitrag von Ingolf Seidel.

 


Fallstricke der deutschen Debatte

Themen : Allgemein, Antisemitismus, Rassismus · 0 Kommentare · von 4. März 2015

Für Peter Ullrich haben Differenzierungen in der Diskussion über Antisemitismus Seltenheitswert

Es gibt für Jüdinnen und Juden gegenwärtig einigen Grund zur Besorgnis, gerade angesichts aufgeputschter Demonstranten und Demonstrantinnen mit judenfeindlichen Sprüchen, Übergriffen auf Personen, Brandstiftungen in Synagogen und im nahen Ausland sogar islamistischen Terroranschlägen. Jüdinnen und Juden verdienen daher unsere volle Solidarität, die Auseinandersetzung mit Antisemitismus entsprechend hohe Priorität – im Sinne der Bedrohten und im Sinne einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft.

Bis hierhin besteht weitgehend Einigkeit, sieht man von den Antisemiten und Antisemitinnen selbst und einigen Radikalen der Palästina-Soli-Szene ab. Letztere scheinen in schnöder Eindimensionalität wohl zu glauben, dass die Anerkennung der Sorgen von Jüdinnen und Juden hierzulande ihren nahostpolitischen und antirassistischen Anliegen schadet. Diese zumindest moralisch falsche Einschätzung entbehrt aber nicht eines gewissen Realitätsbezugs. Denn am gegenwärtigen Modus der Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Bundesrepublik ist so vieles falsch. Die Opferkonkurrenz zwischen von Antisemitismus und Rassismus Betroffenen stellt dabei nur ein Problem unter vielen dar. Das liegt zuvörderst daran, dass der Kampf gegen Antisemitismus und die häufig daraus abgeleitete Solidarität mit Israel zu einer fragilen Hülse erinnerungspolitisch begründeter Politrituale geworden ist – zu einem allerdings nur rhetorisch durchgesetzten Symbol der deutschen «Staatsräson».


Gemeindezugehörigkeit oder jüdische Identität? Wie Ethnie und Religion sich ergänzen

Vor 25 Jahren begann eine jüdische Einwanderung, wie sie nach dem Holocaust undenkbar schien. Die DDR war fast passé und die deutsche Einheit stand an, als im Februar 1990 der drei Monate alte Jüdische Kulturverein Berlin (JKV) am Zentralen Runden Tisch die bedingungslose Öffnung der DDR-Grenze für alle forderte, die sich in der Sowjetunion als Juden bedroht sahen.

«Jüdisch» war in der UdSSR eine von 126 Nationalitäten. Die «nationale Zugehörigkeit» war identisch mit der ethnischen und als «5. Punkt» auch im Inlandspass vermerkt. Das National-Ethnische einte, grenzte aber auch ab und aus. Die jüdische Bevölkerung wusste, welche Studienrichtungen und Arbeitsfelder für sie gesperrt waren, lebte zumeist in Großstädten. Familien tradierten die Bildungsideale, der Anteil an jüdischen Hochschul- und Universitätsabsolventen überstieg jede Quote. Sie galten pauschal als hochbegabt, geschickt und gut vernetzt, je nach politischer Lage als Weltverschwörer und Zionisten.


Kein Frieden mit der Querfront

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Diese neue „Friedensbewegung“ ist einfach ein…. Foto: Burschel

Sie sehen sich nach eigenen Angaben als die Friedensbewegung 2014 und wollen sich weder rechts noch links positionieren.  Sie behaupten die Stimme des Volkes zu sein. Sie nutzen den Begriff «Montagsdemonstration» in Anspielung auf die Massendemonstrationen in der DDR und die Hartz-IV-Proteste. Doch ein Blick auf die Seiten der Organisator_innen zeigt, dass es sich  bei den bundesweiten Montagsdemonstrationen um ein Sammelbecken antisemitischer Verschwörungstheoritiker_innen handelt.

Die Facebook-Seite «Anonymous.Kollektiv» gilt als wichtiger Initiator bei der Mobilisierung zu Montagsdemos und fällt immer wieder mit antisemitischen und völkischen Äußerungen auf. Anonymous-Aktivist_innen richten sich in einem Aufruf explizit gegen den Betreiber des Accounts. Sie weisen jede Beteiligung des Hackerkollektivs an den Aktionen von sich und sehen darin eine Aneignung eines bekannten Labels, um Werbung für sein Unternehmen und rechte Verschwörungstheorien zu verbreiten. Durch nicht gleich mit dem rechten Spektrum verbundene Themen, wie Kritik an Rundfunk- und Fernsehgebühren oder dem Einsatz für Frieden wird ein niederschwelliger Zugang für politisch Unentschlossene geschaffen. So wird ein heterogenes Spektrum zu den  verschwörungstheoretischen Montagsdemonstrationen angezogen. Darin liegt auch das schwer fassbare der neuen «Friedensbewegung».

Bei einer näheren Betrachtung des Ganzen, lassen sich klare Denkmuster herausarbeiten. So seien alle Völker von Amerika fremdgesteuert und man müsse deswegen für Volkssouveränität kämpfen. «Das deutsche Volk hat dazugelernt! Das deutsche Volk ist viel besser als sein Ruf! Die amerikanisierten Medien und Politiker in Deutschland sind geil auf Krieg, unser Volk aber will den Frieden!», verkündet etwa Jürgen Elsässer in seiner  Rede am  21. April. Die Konstruktion eines vereinigten deutschen Volkes, das gemeinsam gegen die bösen amerikanischen Mächte einsteht, folgt einem simplen Wir -Ihr-Antagonismus, der typisch ist für solche Argumentationmuster.