Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus



RE:GUBEN. Oder was bisher geschah

Autor: Burschel2009

Gedenk­stein für Farid Guen­doul in Guben-Ober­spru­cke, Win­ter 2009 Foto: Bur­schel

Eine neu­ar­ti­ge Idee steckt hin­ter dem Inter­net-Pro­jekt RE:Guben, das im Lau­fe des Jah­res vor dem 15. Jah­res­tag des Todes des alge­ri­schen Asyl­su­chen­den Farid Guen­doul die Erin­ne­rung an ihn wach­ru­fen und pfle­gen will und ganz grund­sätz­lich der Fra­ge nach­geht, wie in einem Land wie die­sem, wo die ras­sis­ti­schen Mor­de an bis zu 180 Men­schen seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung zu bekla­gen sind, Ras­sis­mus the­ma­ti­siert und bekämpft, wie ein poli­tisch wür­di­ges Geden­ken an die Toten beschaf­fen sein könn­te und wie gegen den Ras­sis­mus in der Gesell­schaft vor­ge­gan­gen wer­den kann. Die Rosa Luxem­burg Stif­tung för­dert das weg­wei­sen­de Pro­jekt finan­zi­ell und ist über ihren Refe­ren­ten zu Neo­na­zis­mus und Strukturen/Ideologien der Ungleich­wer­tig­keit, Fried­rich Bur­schel, auch an Kon­zep­ti­on und Redak­ti­on der Sei­te betei­ligt.

 

In den Mor­gen­stun­den des 13. Febru­ars 1999 starb in Guben der 28-jäh­ri­ge alge­ri­sche Flücht­ling Farid Guen­doul in einem Haus­ein­gang, nach­dem er und sei­ne bei­den Freun­de – Iss­a­ka K. aus Sier­ra Leo­ne und Kha­led B., eben­falls aus Alge­ri­en – von einer Meu­te rech­ter Jugend­li­cher gejagt wor­den waren. Im Ver­gleich zu den meis­ten ande­ren ras­sis­tisch oder rechts­mo­ti­vier­ten Gewalt­ta­ten war der Tod von Farid Guen­doul über Mona­te ein The­ma in der media­len Öffent­lich­keit – mit gro­ßer Empa­thie für das/die Opfer. Kein Ver­ständ­nis indes fan­den die Reak­tio­nen der Stadt und der Regi­on; die han­deln­den Akteur/innen (Ange­klag­te, Ver­tei­di­ger, Staats­an­walt­schaft und Rich­ter) in dem 17-mona­ti­gen Ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt Cott­bus und das erst­in­stanz­li­che Urteil; die andau­ern­den Über­grif­fe auf Nicht­rech­te, Ausländer/innen und den kurz nach der Tat bereits gesetz­ten Gedenk­stein im Stadt­teil Ober­spru­cke: Das Gesche­hen blieb bis Ende 2000 medi­al unge­wöhn­lich prä­sent. Der­weil schie­nen es die Einwohner/innen und die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen der Stadt und der nahen Umge­bung dar­auf ange­legt zu haben, die all­ge­mei­nen Vor­ur­tei­le über die ost­deut­sche Pro­vinz zu bestä­ti­gen: eine grund­sätz­li­che Abwehr dem The­ma gegen­über, die Wei­ge­rung, sich mit den rechts­ex­tre­men und ras­sis­ti­schen Poten­zia­len in der eige­nen Bevöl­ke­rung zu befas­sen, eine Ver­keh­rung der Täter-Opfer-Ver­hält­nis­se in der Tat­nacht, Schuld­zu­wei­sun­gen an die Opfer, die Pres­se, die Anti­fa und «Aus­wär­ti­ge» all­ge­mein, kurz­um, eine «Wagen­burg­men­ta­li­tät» mach­te sich breit, in der alles, was von «außen» kam, als Angriff auf das eige­ne Gemein­we­sen wahr­ge­nom­men und abge­wehrt wur­de.

Die Zeit gab den Gubener/innen Recht: Alle Ver­ant­wor­tung für den Umgang mit den Ereig­nis­sen vom 13. Febru­ar 1999 wur­de dem Cott­bu­ser Land­ge­richt zuge­scho­ben. Und als die­ses die Tat als «fahr­läs­si­ge Tötung» ver­ur­teil­te und die meis­ten der Täter auf frei­em Fuß blie­ben, konn­te man sich in Guben bestä­tigt sehen: Es war ein «tra­gi­scher» Unfall, für den kein Gubener/keine Gube­ne­rin die Ver­ant­wor­tung trug.

Die media­le Auf­merk­sam­keit ließ nach, als nichts mehr pas­sier­te, über das es sich zu berich­ten lohn­te. Aber auch ein Geden­ken an den Toten, von dem man mei­nen könn­te, dass es nicht abhän­gig ist von Ereig­nis­sen oder der Pres­se, fand kaum statt. Es gab nie­man­den in der Stadt selbst, dem dies ein Anlie­gen war oder der das nöti­ge Durch­hal­te­ver­mö­gen besaß, es gegen den Wil­len der Mehr­heit dau­er­haft zu eta­blie­ren. Bes­ten­falls klei­ne Ges­ten der Erin­ne­rung gab es am Todes­tag seit 2001: Ein­zel­per­so­nen, wel­che die Not­wen­dig­keit einer poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung und/oder eines Geden­kens immer wie­der anmahn­ten, 100 Gubener/innen, die 2001 eine Paten­schaft für den Gedenk­stein über­nah­men, um des­sen Pfle­ge zu garan­tie­ren, eine bun­des­weit mobi­li­sier­te anti­fa­schis­ti­sche Demons­tra­ti­on im Jahr 2005 und eini­ge zivil­ge­sell­schaft­lich moti­vier­te Aktio­nen zum 10. Todes­tag.

Farid Guen­doul ist eines von min­des­tens 150 Opfern ras­sis­ti­scher und/oder rechts­ex­tre­mer Gewalt in Deutsch­land seit 1990. Und auch wenn sei­nem Tod das Pri­vi­leg gro­ßer öffent­li­cher Auf­merk­sam­keit zu Teil wur­de, war er «Nur ein Toter mehr…». Die Reak­tio­nen auf der­ar­ti­ge Taten glei­chen sich so sehr, dass sie häu­fig iden­tisch sind: Abwehr und Leug­nung bei den städ­ti­schen Ver­ant­wort­li­chen auch noch Jah­re spä­ter; bes­ten­falls Betrof­fen­heit bei eini­gen weni­gen Bürger/innen; Ver­ständ­nis für die Täter; eine in der Regel klei­ne Anti­fa­grup­pe, die ver­sucht, die Erin­ne­rung an den Toten, den Umgang mit der Tat und rechts­ex­tre­me Grup­pie­run­gen zu the­ma­ti­sie­ren; Gerichts­ur­tei­le, die den Ereig­nis­sen und den Emp­fin­dun­gen von Hin­ter­blie­be­nen und Freund/innen nicht gerecht wer­den kön­nen und die trotz­dem als abschlie­ßen­de Fest­set­zung und Ein­ord­nun­gen die­nen. So auch in Guben: Man darf nicht «Mord» sagen, weil es nach juris­ti­schen Maß­stä­ben kein Mord war. Die feh­len­den gesell­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die zu einem ande­ren Urteil kom­men könn­ten, weil sie über die jus­ti­zia­blen Zuschrei­bun­gen hin­aus­ge­hend ande­re Kri­te­ri­en von Schuld anwen­den, fan­den und fin­den nicht statt.

Am Ende bleibt in der Regel Schwei­gen. Und nur noch die gro­ßen Jah­res­ta­ge füh­ren zu vor­her­seh­ba­ren Betrof­fen­heits­ges­ten.