Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus



Rassistischer Gimmick

Rewe_Werbung_groß_20.9.2015Der renom­mier­te Schul­buch­ver­lag Klett soll sei­ne ras­sis­ti­sche Schul­buch­rei­he «Mei­ne India­ner­hef­te» ein­stel­len. Das zumin­dest for­dert der Ver­ein glo­kal e.V.  in einem offe­nen Brief. Die kri­ti­sier­ten Hef­te sind Lern­ma­te­ria­li­en für Grund­schul­kin­der, die mit Ano­ki, einem klei­nen «India­ner» illus­triert sind. Der Klett-Ver­lag hat reagiert und glo­kal e.V. ein Gesprächs­an­ge­bot gemacht.

glo­kal kri­ti­siert die Schul­hef­te dafür, dass sie Nati­ve Ame­ri­cans als Mas­kott­chen für Wer­be­zwe­cke miss­brau­chen und sie kli­schee­haft dar­stel­len wür­den. Die­se Kri­tik wird von Orga­ni­sa­tio­nen der Nati­ve Ame­ri­cans und 200 ande­ren Unterzeichner_innen aus Schu­le, Poli­tik und Wis­sen­schaft unter­stützt. Sei­tens Vertreter_innen der Nati­ve Ame­ri­cans in den USA wer­den seit Jah­ren Kam­pa­gnen wie «We are a cul­tu­re, not a cos­tu­me» und «Not your mas­cot» betrie­ben, um auf die ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung auf­merk­sam zu machen.

Ein Inter­view mit glo­kal e.V.

Was ist eigent­lich ras­sis­tisch dar­an, sich als «India­ner» zu ver­klei­den und an Zeich­nun­gen in Schul­hef­ten mit einem «India­ner»?

Ziem­lich leicht zu erklä­ren ist, dass es Men­schen gibt, die sich heu­te als Nati­ve Ame­ri­cans bezeich­nen. Die wol­len nicht, dass du dich so ver­klei­dest. Punkt. Wie­so muss man da noch wei­ter dis­ku­tie­ren? Ab hier wird es absurd. Wer kann sich denn so eine Frei­heit her­aus­neh­men, sich dann trotz­dem zu ver­klei­den? Natür­lich sind das Men­schen, die sonst im All­tag nicht dis­kri­mi­niert wer­den und nicht zu «Ande­ren» gemacht wer­den.

Das Pro­ble­ma­ti­sche ist im Prin­zip, sich zen­tra­le Merk­ma­le wie Feder­schmuck anzu­eig­nen, obwohl die bei den Nati­ve Ame­ri­cans nur für einen ganz spe­zi­el­len Kon­text da sind und nur ganz bestimm­te Men­schen das tra­gen dür­fen. Das ist eine Belei­di­gung und Dis­kri­mi­nie­rung der Men­schen.Klett Hefte

Und zum ande­ren ist es ein Sym­bol für Ras­sis­mus, weil Ver­klei­dung als eine kul­tu­rel­le Aneig­nung immer ent­lang einer «Rassen»-Hierarchie-Skala von oben nach unten gemacht wird: Wei­ße Men­schen tra­gen Dre­ad­locks und ver­klei­den sich mit Bast­röck­chen – das ist ein Zei­chen von Über­le­gen­heit nach dem Mot­to «Wir kön­nen uns das leis­ten, wir müs­sen uns kei­ne Gedan­ken machen, ob die Men­schen, die wir imi­tie­ren, das gut fin­den oder nicht.»

Des­we­gen haben auch vie­le Schwar­ze und Wis­sen­schaft­ler of Color unse­ren offe­nen Brief mit­un­ter­schrie­ben. Es ist ein The­ma, das sie genau­so betrifft. Auch Kin­der of Color wer­den mit den «India­ner­hef­ten» vom Klett-Ver­lag in Deutsch­land nicht adäquat beschult. Jede_r hat aber das Recht dar­auf, nach seinen_ihren Bedürf­nis­sen beschult zu wer­den. Das wird Schwar­zen Kin­dern und Kin­dern of Color sowie­so per­ma­nent ver­wehrt.

Und das Beson­de­re bei dem The­ma Ver­klei­den als «India­ner» ist auch die Ver­bin­dung zu Cow­boys: Wenn man weiß, dass in Nord- und Süd­ame­ri­ka 95–98 Pro­zent der Bevöl­ke­rung umge­bracht wur­de, dann ist klar: Das war Völ­ker­mord. Und wie absurd wäre es, zu irgend­ei­nem ande­ren Völ­ker­mord Faschings­spie­le aus­zu­rich­ten? Gra­de in Deutsch­land… Das zeigt ein­fach auch, dass in der deut­schen Gesell­schaft bis­her sehr wenig Wis­sen und Bewusst­sein für die Geschich­te und aktu­el­le Debat­ten von Nati­ve Ame­ri­cans vor­han­den ist.

Wie wur­det ihr auf «Mei­ne India­ner­hef­te» das ers­te Mal auf­merk­sam?

Uns hat eine Kol­le­gin, die in der Leh­rer­aus­bil­dung tätig ist, dar­auf hin­ge­wie­sen. Wer­bung mit ste­reo­ty­pen Bil­dern über Nati­ve Ame­ri­cans gibt es vie­le, aktu­ell z.B. von REWE oder der Ziga­ret­ten­in­dus­trie. Wir haben gedacht, beim Klett-Ver­lag es ist ein­fach noch­mal was ande­res: Da gibt es Hoff­nung auf Umden­ken, weil der Klett-Ver­lag einen Bil­dungs­auf­trag hat. Sie schmü­cken sich dort ja auch damit, dass sie dis­kri­mi­nie­rungs­freie Mate­ria­li­en auf den Markt brin­gen wol­len.

Der Ver­lag scheint bis­her das Pro­blem der Wahr­neh­mung von «India­nern» als Kos­tüm nicht zu ken­nen.

Von den gan­zen Autor_innen der  Schul­hef­te hat wahr­schein­lich nie­mand mit Nati­ve Ame­ri­cans gespro­chen. Wir haben auch eini­ge Unter­schrif­ten von Nati­ve Ame­ri­cans in den USA und Kana­da, die zu den Schul­hef­ten ganz klar sagen: «Wir füh­len uns als First Nati­on oder Nati­ve Ame­ri­cans nicht reprä­sen­tiert. Das ist eine ste­reo­ty­pe Dar­stel­lung und his­to­risch inkor­rekt.»

Klett-Mit­ar­bei­ten­de stan­den für Wer­be­zwe­cke auf der didac­ta-Mes­se 2015 in Han­no­ver sogar mit Feder­schmuck auf dem Kopf neben einem Tipi.

Das zeigt ein­fach noch­mal, dass dort wirk­lich über­haupt gar kein Bewusst­sein da ist. Für das The­ma, sich zu ver­klei­den und «Cow­boy und India­ner»  zu spie­len, gibt es in Deutsch­land kein Bewusst­sein, dass das Men­schen ver­letzt, dass es kei­ne Ehrung, son­dern Exo­ti­sie­rung ist und dass es dage­gen auch Wider­stand gibt.

Über­rascht es Euch, dass die Klett-Auto­r_in­nen und -Illustrator_innen die­se Dis­kri­mi­nie­rung der Nati­ve Ame­ri­cans nicht reflek­tie­ren?

Das ist im Main­stream sehr weit ver­brei­tet, daher wun­dert uns das nicht. Uns wun­dert, wie wenig ver­ant­wor­tungs­be­wusst der Ver­lag mit so einem The­ma umgeht. Es gibt Nati­ve Ame­ri­cans, die in Deutsch­land leben. Wenn man nur ein­mal das Inter­net auf­macht, kann man nach­le­sen, dass nie­mand so dar­ge­stellt wer­den möch­te. Das Inter­es­san­te bei Klett ist, dass sie die Dar­stel­lung nicht für ein Hilfs­pro­jekt oder um auf eine Pro­ble­ma­tik hin­zu­wei­sen – wie etwa in der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit — ver­wen­den, son­dern rein zu Ver­mark­tungs­zwe­cken. Daher gibt es von unse­rer Sei­te auch nicht viel Ver­hand­lungs­be­reit­schaft. Das ist poli­tisch viel zu absurd, Nati­ve Ame­ri­cans als Gim­mick zu ver­wen­den.

Wel­che Erwar­tun­gen habt ihr an das Gespräch mit dem Klett-Ver­lag?

Dass sie uns erst ein­mal ernst neh­men. Aber die Schul­hef­te sind in so einer hohen Auf­la­ge erschie­nen und der­art weit an den Schu­len ver­brei­ten, dass Klett sie ver­mut­lich ein­fach wei­ter ver­le­gen.

Was emp­fehlt ihr für eine dis­kri­mi­nie­rungs­freie Bil­dungs­ar­beit zum Bei­spiel in Bezug auf «Indianer»-Spiele?

Was wich­tig wäre, wäre ein Buch, das Kin­der dort abholt, wo sie sind, und zwar an der Idee, dass sie sich ger­ne ver­klei­den wol­len, und sie dann mit­nimmt auf eine Erzäh­lung, die erklärt, war­um das Men­schen nicht wol­len.

Wir arbei­ten oft mit Lehrer_innen und Erzieher_innen zusam­men. Vie­le wol­len mal eine «Afri­ka-Woche» machen. Sie wol­len eine Woche «ganz ein­fach leben», ver­ste­cken alle Spiel­sa­chen und wol­len ganz wild sein und so wei­ter. Aber durch Nach­fra­gen kom­men wir schnell dar­auf: Dazu braucht man kei­ne «Afri­ka-Woche». Sie kön­nen ein­fach ganz wun­der­bar eine Woche «ein­fach Leben» spie­len. Sie kön­nen ger­ne alle Spiel­sa­chen ver­ban­nen – ich fin­de das eine super Idee –, sie kön­nen auch vom Boden essen, aber man braucht nicht den Umweg über den Exo­tis­mus. Und genau­so ist es beim The­ma «India­ner spie­len». Ver­klei­den ist toll, aber ich muss dafür nie­man­den dis­kri­mi­nie­ren.

Kurz gesagt: Es ist ein The­ma, wozu es in Deutsch­land unfass­bar viel Dis­kus­si­ons- und Bil­dungs­be­darf gibt. Und wir hof­fen, dass wir über den offe­nen Brief an Klett auch jen­seits von Klett eine Dis­kus­si­on anre­gen kön­nen.

Uns hat vor­hin eine Mut­ter ange­ru­fen und erzählt, dass es an der Schu­le ihrer Kin­der seit Anfang des Schul­jah­res die­se «India­ner­hef­te» gibt und dass dort vie­le Eltern dar­über dis­ku­tiert haben. Das ist doch schon ein wich­ti­ger Schritt. Letzt­end­lich wäre es natür­lich am bes­ten, wenn Eltern und Lehrer_innen die­se Hef­te ein­fach nicht bestel­len.

  

glo­kal e.V. besteht seit 2006 und ist ein Ber­li­ner Ver­ein für macht­kri­ti­sche Bil­dungs­ar­beit. Sie bie­ten Semi­na­re, Work­shops und einen macht­kri­ti­schen-sys­te­mi­schen Bera­tungs­an­satz an. Der offe­ne Brief an Klett wur­de am 14. Sep­tem­ber 2015 auf ihrer Iner­net­sei­te gepos­tet.

 


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