Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus


Reise in die kritische Selbstreflexion

Themen : Gedenkpolitiken, Rassismus · 0 Kommentare · von 16. September 2013
Exzellentes Bildungsmaterial des Vereins glokal e.V.: „Mit kolonialen Grüßen… Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet“

 

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Stra­ßen­blo­cka­de von Landbesetzer_innen: wäh­rend ein  Land­grab­bing unvor­stell­ba­ren Aus­ma­ßes in den Län­dern des glo­ba­len Südens statt­fin­det, müs­sen die Elen­den um ihre win­zi­gen Par­zel­len fürch­ten (wie hier 2011 in Nord-Argen­ti­ni­en in Ledes­ma, Pro­vin­cia de Sal­ta) Foto: Bur­schel

Spä­tes­tens mit der Euro­päi­schen Expan­si­on ist ein welt­wei­tes Unter­drü­ckungs­sys­tem ent­stan­den, in wel­chem nicht-wei­ße Men­schen von wei­ßen Europäer_innen zu Mil­lio­nen aus­ge­beu­tet, ver­sklavt, ver­schleppt, miss­han­delt und ermor­det wur­den. Die­ser Zustand der Ungleich­heit und Ungleich­wer­tig­keit, die Zwei­tei­lung der Welt in die Pri­vi­le­gier­ten und die Miss­brauch­ten, ent­wi­ckel­te sich auch über die poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Epo­chen Feu­da­lis­mus, Auf­klä­rung, Indus­tria­li­sie­rung, Impe­ria­lis­mus und Kolo­nia­lis­mus sowie Kapi­ta­lis­mus wei­ter und hat bis heu­te Bestand. Ein mör­de­ri­scher, aber funk­tio­nel­ler Ras­sis­mus, der sich im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts pseu­do-wis­sen­schaft­li­che Wei­hen zuleg­te und im Holo­caust einen bis­her ein­ma­li­gen, unvor­stell­bar grau­sa­men Kli­max sah, lie­fert für die­sen Zustand eine dau­er­haf­te Grund­la­ge, die den glo­ba­li­sier­ten All­tag mit kata­stro­pha­ler Dyna­mik bestimmt. Eine über­wie­gend männ­lich sozia­li­sier­te, wei­ße, hete­ro­se­xu­ell ori­en­tier­te, mehr oder min­der gebil­de­te Klas­se aus den west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen oder dem glo­ba­len Nor­den domi­niert jede Ent­wick­lung auf dem Glo­bus und bestimmt die Geschi­cke der Welt und der Men­schen,  die auf ihm leben, vor allem im glo­ba­len Süden. Der Anspruch wei­ßer Antirassist_innen muss also von jeher sein, die eige­ne Pri­vi­le­giert­heit in die­ser Kon­stel­la­ti­on zu erken­nen und das eige­ne Weiß­sein kri­tisch zu reflek­tie­ren, um zu ver­hin­dern, dass sie die anso­zia­li­sier­te Domi­nanz im All­tag, im Dis­kurs, in Poli­tik, Geschlechts­le­ben und poli­ti­scher Pra­xis immer und immer wie­der repro­du­zie­ren und die inak­zep­ta­blen Ver­hält­nis­se auf die­sem Pla­ne­ten zemen­tie­ren. Wer als der­art sozia­li­sier­te Per­son im Wes­ten auf­ge­wach­sen ist, kann sich über die­se ver­häng­nis­vol­le Situa­ti­on wohl bewusst sein und dabei unter Umstän­den nicht mer­ken, dass er oder sie auch mit einem liber­tä­ren, wie auch immer lin­ken und kri­ti­schen Anspruch den­noch Teil des Pro­blems bleibt und Struk­tu­ren der Ungleich­wer­tig­keit repro­du­ziert.


Ayfer H. ohne Erfolg in Berufung

Themen : Minderheitenrechte, Rassismus · (1) Kommentar · von 10. September 2013

Wie einer Ber­li­ner Mut­ter ihr „Migra­ti­ons­hin­ter­grund“ zum Ver­häng­nis wird

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War­te­schlan­ge am Zuschau­er­ein­gang zum Kri­mi­nal­ge­richt Moa­bit in der Turm­stra­ße Foto: Szy­j­kow­ska

Jetzt hielt mich der Poli­zei­be­am­te am Arm fest und sag­te: ‚Sie dür­fen nicht tele­fo­nie­ren‘ Ich: ‚War­um darf ich nicht tele­fo­nie­ren?Was habe ich denn gemacht? Bit­te las­sen Sie mich in Ruhe! Lassen Sie mei­nen Arm los!‘ Er hält immer noch mei­nen Arm fest. Der zwei­te Poli­zei­be­am­te gibt mir einen Schlag mit der Faust aufs rech­te Auge. Ich stol­per­te nach hin­ten undfiel an die Wand neben der Klas­sen­zim­mer­tür. Bei­de Poli­zei­be­am­ten lie­fen auf mich erneut zu. Der eine fass­te mich wie­der am Arm, in wel­chem ich immer noch das Tele­fon hielt, als der ande­re ein zwei­tes Mal aus­hol­te und mir auf den Mund schlug. Dabei sag­te er: ‚Ihr scheiß Tür­ken!‘“ (Aus dem Gedächt­nis­pro­to­koll von Ayfer H. / Das Gedächt­nis­pro­to­koll ist in der Chro­nik ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt in Ber­lin“ auf Sei­te 132 nach­zu­le­sen)

Ayfer H. steht am 28. August 2013 wie­der vor Gericht. Nach­dem das Amts­ge­richt Tier­gar­ten sie im März ver­ur­teilt hat­te, ging sie gegen die 1600 Euro Stra­fe und die Abur­tei­lung als Täte­rin in Beru­fung. Eins will sie heu­te klar­stel­len: Sie hat kei­nen Haus­frie­dens­bruch began­gen und sie hat kei­ne Poli­zis­ten ver­prü­gelt. Im Gegen­teil.


Aufstand in Sobibór: Ein Zeitzeuge berichtet

Themen : Gedenkpolitiken · 0 Kommentare · von 3. September 2013

Phi­lip Bia­lo­witz berich­tet der­zeit als Zeit­zeu­ge in ver­schie­de­nen Län­dern über die Ereig­nis­se im Ver­nich­tungs­la­ger Sob­obór Mit­te Okto­ber 1943: er ist einer der letz­ten Über­le­ben­den des Auf­stan­des dort.

Am kom­men­den Mon­tag, 9. Sep­tem­ber 2013, ist er — auf Ein­la­dung der geschätz­ten Kolleg_innen vom Bil­dungs­werk Sta­nis­law Hantz - in Ber­lin zu Gast: eine sel­te­ne und wert­vol­le Gele­gen­heit, über das Gesche­hen damals aus dem Mun­de eines Augen­zeu­gen zu hören.

PhilippBialowitz

Phil­ipp Bia­lo­witz

Aufstand in Sobibór

Ver­an­stal­tung mit Phi­lip Bia­lo­witz

Ein­füh­rung: Prof. Tho­mas Sand­küh­ler

Datum: 9. Sep­tem­ber 2013, 19 Uhr

Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin Haupt­ge­bäu­de (Unter den Lin­den 6, Raum 2002)

Im Ver­nich­tungs­la­ger Sobi­bór wur­den in den Jah­ren 1942 und 1943 min­des­tens 180.000 jüdi­sche Men­schen ermor­det. Die Lei­chen der Män­ner, Frau­en und Kin­der wur­den zu Beginn in Mas­sen­grä­bern ver­scharrt, spä­ter wur­den sie unter frei­em Him­mel ver­brannt. Am 14. Okto­ber 1943 star­te­ten die jüdi­schen  Häft­lin­ge einen Auf­stand. Sie töte­ten meh­re­re SS-Män­ner und Ange­hö­ri­ge der Wach­mann­schaf­ten und orga­ni­sier­ten die Flucht, bei der über 600 Men­schen ent­ka­men. Min­des­tens 47 von ihnen erleb­ten das Kriegs­en­de. Der Auf­stand von Sobi­bór war eine der wich­tigs­ten Wider­stands­hand­lun­gen gegen die deut­sche Ver­nich­tungs­po­li­tik und schloss an eine Rei­he von Aktio­nen an,  von denen die Auf­stän­de in den Ghet­tos von War­schau und Białys­tok sowie im Ver­nich­tungs­la­ger Treb­lin­ka die bekann­tes­ten sind.

Phi­lip Bia­lo­witz war einer der Auf­stän­di­schen von Sobi­bór. Auf­ge­wach­sen in dem ost­pol­ni­schen Schtetl Izbi­ca, wur­de er im April 1943 nach Sobi­bór depor­tiert. Nur weni­ge konn­ten dort dem Tod ent­rin­nen. Eini­ge wur­den nach der Ankunft zur Arbeit aus­ge­wählt, um den Lager­be­trieb auf­rech­zu­hal­ten. Einer von ihnen war Phi­lip Bia­lo­witz.

Nach dem Krieg wan­der­te er in die USA aus, wo er bis heu­te lebt. 2010 sag­te er als Zeu­ge im Dem­jan­juk-Pro­zess in Mün­chen aus.

Hier fin­det man wei­te­re Infor­ma­tio­nen auf Face­book.


Der Aufstieg der Nazipartei «Goldene Morgenröte»

Themen : Neonazismus, Rassismus · (2) Kommentare · von 3. September 2013
Faschistische Mobilmachung im Zuge der Krise in Griechenland

Neue Bro­schü­re von Dimi­tris Psarras

Eine der wich­tigs­ten Fol­ge­er­schei­nun­gen der öko­no­mi­schen, sozia­len und
poli­ti­schen Kri­se in Grie­chen­land ist das Auf­tau­chen der offen natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Grup­pie­rung Chry­si Avgi (Gol­de­ne Mor­gen­rö­te) auf der poli­ti­schen Büh­ne des Lan­des.

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Anti­fa­schis­ti­sches Pla­kat in Athen im Dezem­ber 2012 Foto: Bur­schel

Es han­delt sich um eine Orga­ni­sa­ti­on, die nur weni­ge Jah­re nach dem Ende der Obris­ten-Dik­ta­tur (1967–1974) ent­stan­den ist, aber bis 2009 weit­ge­hend ein Dasein am äuße­ren Rand der Gesell­schaft fris­te­te und kaum von der Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wur­de.

Seit ihrem offi­zi­el­len Grün­dungs­jahr 1980 ver­tritt Chry­si Avgi – unge­ach­tet ihrer bis­lang eher gerin­gen Bedeu­tung – immer die­sel­ben poli­ti­schen Bot­schaf­ten und stützt sich nach wie vor auf den­sel­ben Füh­rungs­kern. Die Orga­ni­sa­ti­on hat schon immer gezielt Gewalt als Mit­tel der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung ein­ge­setzt. Wie gelang es die­ser allen Erns­tes auf den his­to­ri­schen deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus fixier­ten Grup­pie­rung über so vie­le Jah­re hin­weg, «unsicht­bar» und zugleich in stän­di­ger Bereit­schaft zu blei­ben, um den geeig­ne­ten Augen­blick abzu­pas­sen, ihre häss­li­che Frat­ze in aller Öffent­lich­keit zu ent­blö­ßen und damit auch noch einen so gro­ßen Erfolg zu haben?

Eine PDF-Ver­si­on zum Down­load fin­det Ihr hier. Eine Papier­aus­ga­be der Bro­schü­re wird es ab Anfang Okto­ber 2013 geben.

Der Jour­na­list und Faschis­mus-Exper­te Dimi­tris Psarras ist auch Autor des (in Grie­chen­land erschie­ne­nen) Buchs »Die Schwar­ze Bibel der Gol­de­nen Mor­gen­rö­te« über die Geschich­te, die Ideo­lo­gie und die Zie­le der grie­chi­schen Neo­na­zis. In der neu­en Bro­schü­re des Euro­pa-Büros der Rosa Luxem­burg Stif­trung sind sei­ne Erkennt­nis­se nun end­lich auf Deutsch zusam­men­ge­fasst.

Im Novem­ber 2012 hat Psarras der jung­le world ein Inter­view gege­ben.


Hinterland # 23 erschienen

Hinterland # 23 erschienen

Hin­ter­land #23: Rei­sen (88 Sei­ten, 4,50 €) außer­dem an Bord: Wir kön­nen nicht mehr war­ten! Der Non Citi­zen Pro­test im…


DISS: „Vorhersehbare Katastrophen“

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NPD setzt auf stump­fe Res­sen­ti­ments: Wahl­kampf in Hel­lers­dorf, 24.8.2013

Augen­blick­lich eska­lie­ren wie­der Kon­flik­te um Einwanderer_innen aus Ost­eu­ro­pa und Asyl­su­chen­de in ganz Deutsch­land. Die Situa­tio­nen rund um pre­kä­re Wohn­quar­tie­re von  Migrie­ren­den (zumeist aus Rumä­ni­en und Bul­ga­ri­en, häu­fig vor allem Roma) sowie um Asyl­su­chen­den-Unter­künf­te neh­men an Hef­tig­keit und Gefähr­lich­keit zu, orga­ni­sier­te Nazis machen sich eine ras­sis­ti­sche Stim­mung in wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung zu Nut­ze und befeu­ern die agres­si­ve Stim­mung noch mit Het­ze, Demons­tra­tio­nen und indem sie „Bür­ger­initia­ti­ven“ gegen Sam­mel­un­ter­künf­te und wei­te­ren Zuzug unter­wan­dern.

Die auf­ge­la­de­nen Anwoh­ner_in­nen-Pro­tes­te in Ber­lin Hel­lers­dorf, in Wol­gast, Leip­zig und anders­wo, sowie ras­sis­ti­sche Aus­gren­zung wie etwa in Ber­lin-Rei­ni­cken­dorf wecken Erin­ne­run­gen an die ras­sis­ti­sche Pogrom­stim­mung nach der Wen­de Anfang der 1990er Jah­re im  gan­zen Land. Beson­ders bedroh­lich stellt sich die Situa­ti­on in Duis­burg dar, wo vor dem pre­kä­ren Wohn­quar­tier süd

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900 gegen 50: Anti-NPD-Pro­test in Ber­lin Hel­lers­dorf am 24.8.2013

ost­eu­ro­päi­scher Einwanderer_innen auf­ge­brach­te Anwohner_innen und Nazis sich ver­sam­meln. Es gibt zwar aller­or­ten auch star­ke anti­ras­sis­ti­sche und anti­fa­schis­ti­sche Initia­ti­ven, Pro­tes­te und nächt­li­che Wachen vor den bedroh­ten Gebäu­den, aber die Situa­ti­on kann jeder­zeit außer Kon­trol­le gera­ten.

Unser lang­jäh­ri­ger Part­ner, das Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach- und Sozi­al­for­schung (DISS), hat sich nun mit einer Pres­se­er­klä­rung an die Öffent­lich­keit gewandt und vor wei­te­rer Eska­la­ti­on gewarnt. Wir doku­men­tie­ren die PE hier und schlie­ßen uns der Ein­schät­zung und dem poli­ti­schen Weck­ruf der Kolleg_innen in Duis­burg (nicht nur mit Blick auf die Ber­li­ner Situa­ti­on) an:


Bilder des Schreckens

Themen : Neonazismus, NSU-Komplex, Rassismus · 0 Kommentare · von 26. August 2013
Verstörendes aus den ersten drei Monaten des NSU-Prozesses vor dem OLG München

DSC_0389Das Ent­set­zen hat Ein­zug gehal­ten in den NSU-Pro­zess vor dem Ober­lan­des­ge­richt (OLG) in Mün­chen. Nach wochen­lan­gem Gezer­re um Pres­se­plät­ze und Anträ­ge der Ver­tei­di­gung und der rund 50-köp­fi­gen Neben­kla­ge­ver­tre­tung kam in den zwei dar­auf fol­gen­den Mona­ten bis zur gericht­li­chen Som­mer­pau­se die ras­sis­ti­sche Mord­se­rie des „Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds“ (NSU) zur Spra­che. Zehn Men­schen sind vom NSU ermor­det wor­den, bekannt haben sich die Nazi-Ter­ro­ris­ten dazu erst nach ihrem Auf­flie­gen bzw. – was die zwei mut­maß­li­chen Haupt­tä­ter Uwe Mund­los und Uwe Böhn­hardt betrifft – nach ihrem angeb­li­chen Dop­pel­selbst­mord am 4. Novem­ber 2011 im Gefol­ge eines Bank­über­falls in Eisen­ach. Auf der Ankla­ge­bank sitzt die Drit­te in die­sem Bun­de, Bea­te Zschä­pe und vier Hel­fer des NSU: die gestän­di­gen oder teil­ge­stän­di­gen Hol­ger Ger­lach und Cars­ten Schult­ze sowie Ralf Wohl­le­ben und André Emin­ger, die bei­de zu den Vor­wür­fen eben­so schwei­gen wie Zschä­pe.


F wie Antifa

Themen : Что делать? Was tun! · 0 Kommentare · von 20. August 2013

Rezen­si­on: Herausgeber_innenkollektiv: »Fan­ti­fa. Femi­nis­ti­sche Per­spek­ti­ven anti­fa­schis­ti­scher Poli­ti­ken«, Ver­lag edi­ti­on assem­bla­ge, Müns­ter 2013, 194 Sei­ten, 12,80 Euro [geför­dert von der Rosa Luxem­burg Stif­tung]

fantifa_layout_final_U1_U4_72dpiFaschis­mus wird meist als zutiefst männ­li­ches Phä­no­men wahr­ge­nom­men, und auch der Anti­fa­schis­mus wird häu­fig als männ­lich domi­niert ange­se­hen. Dies kri­ti­sier­ten links­ra­di­ka­le Frau­en Ende der 1980er Jah­re und grün­de­ten femi­nis­ti­sche Anti­fa-Grup­pen, die ins­be­son­de­re in den frü­hen 1990er Jah­ren aktiv waren. Die meis­ten lös­ten sich dann aber bald wie­der auf.

In die­sen Grup­pen wur­de vor allem über die Rol­le von Män­nern und Frau­en in der Nazi- und der Anti­fa-Sze­ne dis­ku­tiert. Ers­tens gab es unter den Nazis schon immer vie­le Frau­en, womit Frau­en nicht nur Opfer waren, als wel­che sie im Zusam­men­hang mit Nazi-Akti­vi­tä­ten häu­fig genannt wer­den. Die­se Dis­kus­si­on wird in der Frau­en­for­schung unter dem Begriff der (Mit-)Täterschaft von Frau­en an patri­ar­cha­len oder auch faschis­ti­schen Ver­hält­nis­sen geführt. Zum ande­ren kri­ti­sier­ten die Frau­en das domi­nan­te Ver­hal­ten anti­fa­schis­ti­scher Män­ner, die sowohl in Ana­ly­se als auch Pra­xis Men­schen aus­schlie­ßen und sich mit ihrem gewalt­be­rei­ten Auf­tre­ten ihren Fein­den und der Poli­zei letzt­lich recht ähn­lich sei­en.

Das Phä­no­men der »Fan­ti­fa« betrach­tet nun ein neu­es Buch, das im Ver­lag edi­ti­on assem­bla­ge erschie­nen ist. Her­aus­ge­ge­ben wur­de es von zwei Frau­en und zwei Män­nern, die sich in der auto­no­men, anti­ras­sis­ti­schen und anti­fa­schis­ti­schen Lin­ken bewe­gen. Im ers­ten Block las­sen sie Akti­vis­tin­nen aus fünf mitt­ler­wei­le nicht mehr exis­tie­ren­den Fan­ti­fa-Grup­pen in län­ge­ren Inter­views zu Wort kom­men. Im zwei­ten Block wer­den die theo­re­ti­schen Debat­ten noch­mals ver­tieft.

Das Buch macht deut­lich: Anti­se­xis­ti­sches anti­fa­schis­ti­sches Han­deln ist kein »Frau­en­the­ma«. Lin­ke Män­ner tra­gen die hege­mo­nia­len Männ­lich­kei­ten mit und hal­ten die­se auf­recht — dazu fin­den sich zwei span­nen­de Inter­views im drit­ten Teil. Danach wer­den vier bekann­te­re, der­zeit akti­ve, anti­se­xis­ti­sche Anti­fa-Grup­pen aus Leip­zig, Wien, Mar­burg und Bre­men inter­viewt und damit die Ent­wick­lung der letz­ten zehn Jah­re nach­voll­zo­gen. Das Buch holt eine nahe­zu ver­ges­se­ne Debat­te noch­mals ins Bewusst­sein. Eine Debat­te, die bis heu­te nichts von ihrer Dring­lich­keit ein­ge­büßt hat. Mit »Fan­ti­fa« liegt ein lesens­wer­tes Geschichts­buch zu einem heu­te eher ver­ges­se­nen Strang der radi­ka­len Lin­ken vor. Die im Fak­si­mi­le abge­druck­ten Tex­te, die über ein Vier­tel des Buches ein­neh­men, wer­den älte­re Lesen­de eher nost­al­gisch an ihre Jugend erin­nern.

Die­se Rezen­si­on erschien am 14.8. auch im „Neu­en Deutsch­land“.

Eine wei­te­re Rezen­si­on aus ana­ly­se & kri­tik ist auf der RLS-Home­page hier zu fin­den.

 


Nebenklage on the Blog

Rechtsanwält_innen kommentieren und begleiten das NSU-Verfahren online

Die bei­den Kie­ler Straf­ver­tei­di­ger Alex­an­der Hoff­mann und Björn Elber­ling berich­ten von Beginn an über den Pro­zess gegen Ver­däch­ti­ge des so genann­ten Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds beim Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen. Die Man­dan­tin der bei­den muss­te den Bom­ben­an­schlag in der Keup­stra­ße in Köln am 9. Juni 2004 erle­ben. Über sie­ben Jah­re lang fahn­de­te die Poli­zei in der Nach­bar­schaft der Opfer des Anschla­ges und schür­te das Miss­trau­en der Bewohner_innen des Stadt­teils gegen­ein­an­der. Ihr Blog fin­det sich hier.

Die Sozie­tät der Rechts­an­wäl­te Rein­hard Schön und Eber­hard Rei­ne­cke in Köln betreibt seit Pro­zess­be­ginn den Blog Die Schnee­flo­cke, wo sie auch über das 113_224x197_117500NSU-Ver­fah­ren berich­ten und z.T. eige­ne Pro­zess­erklä­run­gen ein­stel­len. Sie ver­tre­ten eben­falls Opfer des Nagel­bom­ben­an­schla­ges in der Köl­ner Keup­stra­ße 2004

Die Rechts­an­wäl­te Sebas­ti­an Schar­mer und Peer Stol­le aus Ber­lin ver­tre­ten im NSU-Ver­fah­ren die Toch­ter und den Sohn des am 4. April 2006 in Dort­mund ermor­de­ten Kiosk­be­sit­zers Meh­met Kubaşık, Gam­ze Kubaşık und Ergün Kubaşık, als Neben­klä­ger. Auf der Web-Site der Kanz­lei Hummel.Kaleck.Rechtsanwälte schil­dern und kom­men­tie­ren sie regel­mä­ßig das Gesche­hen im Gerichts­saal aus ihrer Sicht.

Die Ham­bur­ger Kanz­lei von Tho­mas Bli­wier, Doris Dier­bach und Alex­an­der Kienz­le, die die Hin­ter­blie­be­nen des am 6. April 2006 in Kas­sel erschos­se­nen Halit Yoz­gat ver­tritt, stellt eben­falls eini­ge ihrer aus­ge­zeich­ne­ten Pro­zess­erklä­run­gen und Pres­se­mit­tei­lun­gen zum Pro­zess online.

Der illus­tre TV-Rechts­an­walt Ste­phan Lucas aus Mün­chen ver­tritt zusam­men mit sei­nem Kol­le­gen Jens Rabe die Fami­lie von Enver Şimşek, dem wohl ers­ten Mord­op­fer des „Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds“ im NSU-Ver­fah­ren. Auf der Sei­te sei­ner Fern­seh-Fan-Gemein­de fin­det sich eine Rubrik zu NSU-Opfern.

Die wohl wich­tigs­te und aus­führ­lichs­te Bericht­erstat­tung und Doku­men­ta­ti­on des­sen, was im Saal A 101 im Mün­che­ner Jus­tiz­zen­trum vor sich geht, ist und bleibt der Blog NSU-Watch, der gro­ßen Wert auf sei­ne Unab­hän­gig­keit, sei­nen nicht-kom­mer­zi­el­len Cha­rak­ter und sei­ne enge Anbin­dung an bewähr­te Anti­fa-Recher­che-Struk­tu­ren legt.


Erfolg für Meinungsfreiheit: Flüchtlingsrat Brandenburg obsiegt vor BVerfG

Gratulation!

 

P1070518Einen über­ra­schend ein­deu­ti­gen Erfolg hat der Flücht­lings­rat Bran­den­burg mit einer Beschwer­de vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erzielt: den Kolleg_innen vom Flücht­lings­rat gebührt gro­ßer Dank nicht nur für ihre jah­re­lan­ge exzel­len­te Arbeit im Sin­ne und zur Unter­stüt­zung von Flücht­lin­gen, Migrant_innen und Ille­ga­li­sier­ten und gegen Ras­sis­mus und behörd­li­che Will­kür, son­dern auch dafür, dass sie die­sen Strauß mit dem Rechts­amt aus­ge­foch­ten, bis in die höchs­te Instanz getra­gen haben und dem höchs­ten deut­schen Gericht einen Satz wie die­sen  ent­lock­ten: «Es ist zu berück­sich­ti­gen, dass das Recht, Maß­nah­men der öffent­li­chen Gewalt ohne Furcht vor staat­li­chen Sank­tio­nen auch scharf kri­ti­sie­ren zu kön­nen, zum Kern­be­reich der Mei­nungs­frei­heit gehört und bei der Abwä­gung beson­ders zu berück­sich­ti­gen ist.»

Wir doku­men­tu­ie­ren hier die gemein­sa­me Pres­se­er­klä­rung des Flücht­lings­ra­tes Bran­den­burg und des Repu­bli­ka­ni­schen Anwäl­tin­nen- und Anwäl­te­ver­eins (RAV) vom 9. August 2013: