Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus



Pädagogin 2.0

Themen : Allgemein, Empowerment?!, Rassismus · (1) Comment · von 14. Januar 2015

In Vor­be­rei­tung auf die­sen Text gab ich «Empower­ment» bei Goog­le ein, um mich ein wenig inspi­rie­ren zu las­sen, und erhielt 53.800.000 Ergeb­nis­se. Vie­le aka­de­mi­sche Tex­te habe ich gele­sen, vie­le über­flo­gen, eini­ge nicht ver­stan­den und eini­ge sehr gut gefun­den. Ehr­lich gesagt, kann ich das Kon­zept trotz­dem immer noch nicht rich­tig erfas­sen. Viel­leicht, weil es nicht rich­tig plan­bar ist, zu «empowern» und kon­kret genug ist es auch nicht immer: Empower­ment ist kein kla­res, durch­sich­ti­ges Kon­zept. Seit ein paar Jah­ren umgibt mich die­ser mitt­ler­wei­le in bestimm­ten poli­ti­schen Krei­sen zum Main­stream gewor­de­ne, in der poli­ti­schen Arbeit unent­behr­li­che und viel­schich­ti­ge Begriff.

Nun ist es bereits zwölf Jah­re her, dass ich die Aus­bil­dung zur Erzie­he­rin absol­vier­te und anfing, in einer Kin­der­ta­ges­stät­te im Ber­li­ner Bezirk Wed­ding zu arbei­ten. Ich lese ab und zu immer noch gern mein Jahr­gangs­buch zum Abschluss der Aus­bil­dung, um mich immer wie­der an die Tuğ­ba von damals zu erin­nern. Jede Per­son der Klas­se bekam dort eine Sei­te zum Aus­fül­len. Erzählt wird dar­in von schö­nen Erin­ne­run­gen wäh­rend der Schul­zeit, von guten und schlech­ten Eigen­schaf­ten, Träu­men und es ist jeweils ein sehr viel­sa­gen­des indi­vi­du­el­les Lebens­mot­to mit­ge­ge­ben. Mein Traum: «Es bes­ser machen als ande­re und eine der bes­ten Erzie­he­rin­nen sein.» Beim Lebens­mot­to schrieb ich und konn­te mich wie so oft nicht für einen Satz fest­le­gen: «Behan­de­le ande­re Men­schen so, wie du behan­delt wer­den willst!!!» und «Die, die nichts zu sagen haben, reden viel. Die, die was zu sagen haben, hin­ge­gen kaum!»

Heu­te den­ke ich hin und wie­der dar­über nach, woher das kam. Ich war mir vie­lem gar nicht bewusst zu die­sem Zeit­punkt. Ras­sis­mus, Sexis­mus, Homo­pho­bie und Klas­sis­mus betraf nur ande­re Men­schen, aber nicht mich. Glaub­te ich. Ich war doch kein Opfer und schon gar nicht mar­gi­na­li­siert. Schwer vor­stell­bar, dass ich das glaub­te. Ich ging in Ber­lin-Pan­kow zur Schu­le und war fast die ein­zi­ge aus mei­ner Klas­se, die den Bus in den «Wes­ten» nahm und die ein­zi­ge Woman of Color der Klas­se. War­um woll­te ich mei­ne päd­ago­gi­sche Arbeit bes­ser aus­üben, als die, die ich bis zu dem Tage kann­te? War­um woll­te ich alle Men­schen wert­schät­zend und – inso­fern es mög­lich und rele­vant ist – gleich behan­deln? Wie­so ging ich davon aus, dass eini­ge Men­schen nicht gehört wer­den und nicht zu Wort kom­men?

Da stand ich also an mei­nem ers­ten Tag vor 30 Kin­dern im Alter von 6–11 Jah­ren und hat­te Ver­ant­wor­tung. Nach einem Jahr mit vie­len «Diversity»-Projekten, einem selbst­ver­wal­te­ten Thea­ter­pro­jekt von Kin­dern und mir zum The­ma Dis­kri­mi­nie­rung durch Spra­che und vie­len diskriminierenden/machtvollen Kon­flik­ten mit Eltern und Kol­le­gin­nen war es mir nicht genug, in einer Kita zu arbei­ten. Ich woll­te gehört wer­den und auf Din­ge auf­merk­sam machen. Ich wech­sel­te den Job und auch das reich­te nicht. Ich woll­te mehr Wis­sen, mehr Macht, mehr Mög­lich­kei­ten und woll­te poli­ti­scher arbei­ten. Um mehr Aner­ken­nung zu bekom­men, muss­te ich an die Hoch­schu­le. Glaub­te ich – und stu­dier­te sozia­le Arbeit…

Indes­sen arbei­te ich seit vier Jah­ren bei der Initia­ti­ve inter­sek­tio­na­le Päd­ago­gik (i-PÄD) und unter­rich­te Klas­sen aus mei­ner ehe­ma­li­gen Schu­le in Pan­kow. Und ich mache es bes­ser. Ich brin­ge den Lehr­kräf­ten und den ange­hen­den Erzieher_innen mei­ne Visi­on einer Gesell­schaft näher und berich­te von mei­nen Erfah­run­gen. Ich sage ihnen, wie sie es bes­ser machen kön­nen und bekom­me sogar Geld dafür. Geld dafür, ihnen ihre Arbeit zu erklä­ren. Für mich sehr empowernd.

Mein Bild von Päd­ago­gik ist es, jeden Men­schen so anzu­neh­men, wie er ist. Gleich­be­rech­tigt zu han­deln und Men­schen ihre Auto­no­mie zu las­sen. Men­schen mit all ihren Iden­ti­täts­merk­ma­len wahr­zu­neh­men und mit Respekt zu begeg­nen. Nach Res­sour­cen zu schau­en, statt nach Defi­zi­ten. Iden­ti­tä­ten, das Ich-Gefühl und jedes Indi­vi­du­um zu stär­ken und zu unter­stüt­zen. Ich ver­su­che, mei­ne Arbeit als Päd­ago­gin so zu gestal­ten, dass alle Men­schen, mit denen ich zusam­men­ar­bei­te, sich in die­sen Räu­men wohl, ver­stan­den und respek­tiert füh­len. Ich ver­su­che, mit ihnen zusam­men Wor­te dafür zu fin­den, was in unse­rer Gesell­schaft pas­siert. Gemein­sam fin­den wir einen, soweit es geht, macht­kri­ti­schen und gewalt­frei­en Umgang.

Ich erklä­re Jun­gen, dass sie auch mal wei­nen und, wenn sie wol­len, Jun­gen lie­ben kön­nen, auch wenn es nicht alle Men­schen immer gut fin­den wer­den. Mäd­chen wis­sen, dass sie auch die Din­ge machen kön­nen, die Jungs machen und umge­kehrt. Men­schen ler­nen, dass es mehr als zwei Geschlech­ter gibt. Dass sie sich nicht immer mit dem Geschlecht iden­ti­fi­zie­ren müs­sen, das ihnen nach der Geburt zuge­ord­net wor­den ist. Kemal weiß, dass er sich selbst einen Namen bzw. eine Bezeich­nung geben kann – oder nicht. Dass er sich selbst defi­nie­ren kann. Und wenn er sich nicht als «behin­dert» sieht, dann ist es so. Nora lässt sich nicht mehr von allen Men­schen in die Haa­re fas­sen und beant­wor­tet kei­ne Fra­gen mehr über den Kon­ti­nent Afri­ka.

In mei­ner päd­ago­gi­schen Arbeit öff­ne ich man­chen Men­schen den Blick für ver­schie­de­ne Iden­ti­tä­ten und Lebens­rea­li­tä­ten. Wir tei­len Erfah­run­gen und Wis­sen. Wir ler­nen in einem teils schmerz­haf­ten Pro­zess, dass Dis­kri­mi­nie­rung, Gewalt und Ras­sis­mus nie­mals auf­hö­ren wer­den, wir aber nicht ein­fach alles über uns erge­hen las­sen müs­sen. Wir ler­nen, uns zu weh­ren, auf unter­schied­lichs­te Arten und Wei­sen. Wir erler­nen par­ti­zi­pie­ren und uns eine Stim­me geben, auch wenn ande­re Men­schen das nicht immer wol­len. Man­chen von uns geht es danach gut – und man­chen nicht. Eini­ge gewin­nen an Erkennt­nis und Kraft. Eini­gen geht es schlech­ter, weil sie die­se Macht­ver­hält­nis­se nicht sehen wol­len und eben nicht akzep­tie­ren kön­nen, dass sie zu den weni­ger pri­vi­le­gier­ten Men­schen gehö­ren. Denn es gibt nie eine Garan­tie dafür, dass «Empower­ment» immer alle von uns bestärkt. Doch allen wird bewusst, dass eben nicht alle Men­schen gleich behan­delt wer­den und die glei­chen Zugän­ge und Chan­cen in unse­rer Gesell­schaft haben.

Wenn das alles zu Empower­ment gehört, dann mache ich wohl auch «Empower­ment-Arbeit». Wie­so es die­sen Namen dazu braucht, ver­ste­he ich nicht immer. Ich bin Päd­ago­gin. Viel­leicht eine Päd­ago­gin 2.0, updatefä­hig, aber den­noch eine von vie­len.

Wenn wir unser Augen­merk auf Mach­struk­tu­ren, Vor­ur­tei­le, Selbst­de­fi­ni­tio­nen, ver­schie­de­ne Rol­len in der Gesell­schaft, Unter­stüt­zung, Power-Sharing, Empa­thie, Wert­schät­zung und Respekt len­ken, dann könn­ten vie­le Men­schen mehr, empowern­de Men­schen sein. Und falls es eini­gen nicht gelingt, kommt zu der Initia­ti­ve inter­sek­tio­na­le Päd­ago­gik – i-PÄD, wir zei­gen euch unse­re Visi­on einer Gesell­schaft und unter­stützt mich dabei, mich wei­ter zu empowern und Geld zu ver­die­nen.

 

Tuğ­ba Tanyıl­maz ist zur­zeit als psy­cho­so­zia­le Beraterin/Sozialarbeiterin in einem Frau­en­haus tätig. Als selb­stän­di­ge Bil­dungs­re­fe­ren­tin bie­tet sie Work­shops und Lehr­ver­an­stal­tun­gen für Lehrer_innen, Eltern, Stu­die­ren­de, (ange­hen­de) Pädagog_innen, Erzieher_innen und ande­ren Multiplikator_innen aus sozia­len Beru­fen zu den The­men: dis­kri­mi­nie­rungs­freie und macht­kri­ti­sche Erzie­hung, Inter­sek­tio­na­li­tät, Gen­der, Homo- und Trans­dis­kri­mi­nie­rung, Sexua­li­tät, Iden­ti­tät, Ras­sis­mus- und Kri­sen­in­ter­ven­ti­on sowie Kon­flikt­ma­nage­ment an. Tuğ­ba Tanyıl­maz ist Mit­be­grün­de­rin der Initia­ti­ve inter­sek­tio­na­le Päd­ago­gik (i-PÄD).

 

Wei­te­re Bei­trä­ge im Dos­sier «Empower­ment?!»:

Mar­wa Al-Rad­wany und Ahmed Shah: Mehr als nur ästhe­ti­sche Kor­rek­tu­ren

Pas­qua­le Vir­gi­nie Rot­ter: We can bre­a­the

Ozan Kes­kin­kılıç: Erin­nern ist Empower­ment

Isi­do­ra Rand­je­lo­vić: Rech­te statt Für­sor­ge

Nata­scha Salehi-Shah­ni­an: Powers­ha­ring: Was machen mit Macht?!

Mona El Oma­ri und Sebas­ti­an Fle­a­ry: «If you can’t say love…» – Ein Empower­ment-Flow zu Indi­vi­du­um, Dia­spo­ra-Com­mu­ni­ty und päd­ago­gi­scher Refle­xi­on

Doro­thea Lin­den­berg und Eli­sa­beth Nga­ri: Von per­sön­li­chen Pro­ble­men zu poli­ti­schen For­de­run­gen

Tahir Del­la: Schwar­ze Men­schen zwi­schen Fremd­wahr­neh­mung und Selbst­be­stim­mung

Nuran Yiğit: Empower­ment durch Recht

Ire­ne Run­ge: Gemein­de­zu­ge­hö­rig­keit oder jüdi­sche Iden­ti­tät? Wie Eth­nie und Reli­gi­on sich ergän­zen

Žakli­na Mamu­to­vič: Empower­ment ist ein poli­ti­scher Begriff

Fatoş Ata­li-Tim­mer und Paul Meche­ril: Zur Not­wen­dig­keit einer ras­sis­mus­kri­ti­schen Spra­che

Son­gül Bitiș und Nina Borst: Gemein­sam könn­ten wir das Haus rocken!


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