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Odfried Hepp in Ost-Berlin: Stasi und (west-)deutsche Nazis

Themen : Allgemein, Antisemitismus, Neonazismus, NSU-Komplex · No Comments · von 4. Dezember 2015

Uwe Mund­los, Uwe Böhn­hardt (1. und 3. v. rechts) und spä­te­re Unter­stüt­zer des NSU 1996 vor dem Gerichts­ge­bäu­de in Jena, wo sich Man­fred Roeder ver­ant­wor­ten muss­te Bild: apa­biz e.V.

Die Über­schnei­dun­gen und teil­wei­se gegen­sei­ti­ge Unter­stüt­zung von Geheim­diens­ten und Neo­na­zis sind in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (BRD) nicht erst seit der Selbstent­tar­nung des NSU (Natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Unter­grund) immer wie­der vor­ge­kom­men. Im Ver­lauf der Geschich­te der BRD gab es immer wie­der undurch­sich­ti­ge Seil­schaf­ten zwi­schen den Inlands- sowie Aus­lands­ge­heim­diens­ten und der (west-)deutschen Neo­na­zi­sze­ne. Aber auch auf der ande­ren Sei­te des Eiser­nen Vor­hangs in der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik (DDR) wur­de die deut­sche Neo­na­zi­sze­ne inten­siv beob­ach­tet und Infor­ma­tio­nen, teil­wei­se auch über mensch­li­che Quel­len, ein­ge­holt. Bei eini­gen Fäl­len gab es sogar akti­ve Unter­stüt­zung durch die Staats­si­cher­heits­or­ga­ne der DDR. Der Jour­na­list Andre­as Förs­ter hat sich durch die Sta­si-Akten der Abtei­lung 22, die Abtei­lung des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit, zustän­dig für „Ter­ror­ab­wehr“, gear­bei­tet und eini­ge inter­es­san­te Ver­bin­dun­gen zwi­schen füh­ren­den (west-)deutschen Neo­na­zi-Kadern der 1980er Jah­re und der DDR her­aus­ge­ar­bei­tet. In einem Vor­trag bei der Hel­len Pan­ke  berich­te­te er über sei­ne Ergeb­nis­se.

Die Abtei­lung 22 des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit

Das Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit (MfS), der Über­wa­chungs­ap­pa­rat der ehe­ma­li­gen DDR, kon­zen­trier­te sich nicht nur auf die Bürger_innen sei­nes Staats, son­dern hat­te auch ein gro­ßes Inter­es­se an den Ent­wick­lun­gen in der BRD. Neben einer mehr oder weni­ger offe­nen Unter­stüt­zung der Roten Armee Frak­ti­on (RAF) und der Beob­ach­tung „links­ter­ro­ris­ti­scher“ Ver­ei­ni­gun­gen war das MfS auch sehr an der Ent­wick­lung der deut­schen Neo­na­zi­sze­ne inter­es­siert. Die Abtei­lung 22 des MfS wur­de 1975 zur „Ter­ror­ab­wehr jeder poli­ti­schen Strö­mung gegen die DDR gegrün­det. Ins­ge­samt gab es über einen Zeit­raum von 1975 bis 1989 mehr als drei­ßig ope­ra­ti­ve Vor­gän­ge, die mit der Neo­na­zi­sze­ne zu tun hat­ten.

In der Abtei­lung 22 beob­ach­te­ten drei Unter­ab­tei­lun­gen, 1, 2 und 4, die Nazi­sze­ne in Ost- und West­deutsch­land. Das Inter­es­se galt dabei rechts­ter­ro­ris­ti­schen Ent­wick­lun­gen in der BRD, der Ver­hin­de­rung von Ter­ror­an­schlä­gen gegen die DDR (spe­zi­ell gegen die inner­deut­sche Gren­ze) und Kon­tak­te der Neo­na­zis zu Kame­ra­den in Ost­deutsch­land.

Die Unter­ab­tei­lung 1 war dabei mit cir­ca zwan­zig Mitarbeiter_innen aus­schließ­lich für west­deut­sche Neo­na­zis zustän­dig. Unter der Beob­ach­tung der Abtei­lung 22.1 stan­den Mit­te und Ende der 80er Jah­re die DVU, die Wiking Jugend, die Wehr­sport­grup­pen (WSG) um Karl-Heinz Hoff­mann, die soge­nann­te NSDAP Aus­lands­grup­pe Orts­grup­pe Ber­lin, die Deut­sche Akti­ons­grup­pen aber auch die tür­ki­schen Faschist_innen der Grau­en Wöl­fe.

Rück­blick auf den Rechts­ter­ro­ris­mus in der BRD Anfang und Mit­te der 1980er Jah­re

Nicht nur seit dem NSU gab es in der BRD immer wie­der mili­tan­te und ter­ro­ris­ti­sche Neo­na­zi­grup­pen, die sich einem Kampf gegen den Staat und „Fein­de der ari­schen Ras­se“ ver­schrie­ben hat­ten. Par­al­lel zum Nie­der­gang der NPD ent­wi­ckel­te sich Anfang der 1970er Jah­re ein Lager gewalt­be­rei­ter, sehr stark am Natio­nal­so­zia­lis­mus ori­en­tier­ter, mili­tä­risch aus­ge­bil­de­ter, gut bewaff­ne­ter und hier­ar­chisch orga­ni­sier­ter Neo­na­zis. Die bekann­tes­ten Grup­pen waren neo­na­zis­ti­sche Kader­grup­pen, wie die Deut­sche Akti­ons­grup­pen und die Wehr­sport­grup­pen um Karl-Heinz-Hoff­mann.

Das blu­tigs­te Jahr mit ins­ge­samt 18 Opfern rechts­ter­ro­ris­ti­scher Anschlä­ge war 1980. In die­sem Jahr ver­üb­ten die Deut­schen Akti­ons­grup­pen sie­ben Brand- und Spreng­stoff­an­schlä­ge. Kopf der Trup­pe war der bis zu sei­nem Tod 2014 akti­ve Neo­na­zi Man­fred Roeder. Bei einem Brand­an­schlag auf ein Wohn­heim in Ham­burg star­ben am 22. August 1980 die Viet­na­me­sen Ngoc Nguy­en und Anh Lan Do.

Am 26. Sep­tem­ber 1980 folg­te der Bom­ben­an­schlag auf das Münch­ner Okto­ber­fest. 13 Men­schen star­ben an den Fol­gen ihrer Ver­let­zun­gen, 213 Per­so­nen wur­den zum Teil schwer ver­letzt. Der eben­falls getö­te­te Gun­dolf Köh­ler wur­de schnell als Ein­zel­tä­ter prä­sen­tiert, obwohl sei­ne Ver­bin­dun­gen zur Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann doku­men­tiert waren und Zeug_innen ande­re WSG-Mit­glie­der gese­hen haben wol­len. Der Ablauf und die Hin­ter­grün­de sind bis heu­te nicht voll­stän­dig geklärt. 35 Jah­re nach der Tat hat die Bun­des­an­walt­schaft die­ses Jahr ein neu­es Ver­fah­ren zu den Umstän­den, Hin­ter­män­nern und mög­li­chen (wei­te­ren) Täter_innen ein­ge­lei­tet.

Karl-Heinz-Hoff­mann grün­de­te 1973 die nach ihm benann­te Wehr­sport­grup­pe Hoff­mann (WSG) in Bay­ern. Die WSG Hoff­mann bezeich­ne­te sich selbst als „nach mili­tä­ri­schen Gesichts­punk­ten orga­ni­sier­ter, straff geführ­ter Frei­wil­li­gen­ver­band“. Die Orga­ni­sa­ti­on und die Tätig­keit der WSG gin­gen dabei auch über die Län­der­gren­zen von Bay­ern hin­aus, meh­re­re Orts­grup­pen ent­stan­den in ande­ren Bun­des­län­dern. Nach Jah­ren der poli­zei­li­chen Untä­tig­keit wur­de sie erst kurz vor dem Okto­ber­fest-Atten­tat im Janu­ar 1980 ver­bo­ten.

Das Okto­ber­fest-Atten­tat war indes nicht das letz­te im Jahr 1980: Der jüdi­sche Ver­le­ger Shlo­mo Levin und sei­ne Lebens­ge­fähr­tin Frie­da Poeschke wur­den am 19. Dezem­ber 1980 in ihrem Wohn­haus in Erlan­gen ermor­det. Als Täter wur­de Uwe Beh­rendt, ein Mit­glied der WSG, ver­ur­teilt.

Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung der Sta­si

Genau die­se Grup­pen und ihre Bestre­bun­gen inter­es­sier­te Anfang der 1980er Jah­re auch die Abtei­lung 22.1. Die DDR hat­te die Befürch­tung, dass die „Wel­le der Gewalt“ auch vor ihr nicht hal­ten machen wür­de.

Die Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung unter­schied sich nicht groß von dem Vor­ge­hen west­deut­scher Geheim­diens­te und beinhal­te­te Doku­men­ta­ti­on von Demons­tra­tio­nen, Flug­blät­ter und inhalt­li­chen Dis­kus­sio­nen, sowie der Wer­bung „mensch­li­cher Quel­len“. Andre­as Förs­ter geht von ins­ge­samt 75 soge­nann­ten Inof­fi­zi­el­len Mit­ar­bei­tern (IM) der Abtei­lung 22.1 in ihrem Ope­ra­ti­ons­zeit­raum 1975 — 1989 aus.

Dabei han­del­te es sich nicht nur um füh­ren­de Neo­na­zi­ka­der, son­dern auch um Spio­ne oder Dop­pel­agen­ten inner­halb der west­deut­schen Geheim­diens­te. Die Sta­si ver­schaff­te sich so auch Infor­ma­tio­nen über inter­ne Doku­men­te der west­deut­schen Geheim­diens­te, wie dem Bun­des­nach­rich­ten­dienst (BND), dem Mili­tä­ri­schen Abschirm­dienst (MAD) und dem Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz (BfV). Unklar ist, ob eini­ge ange­wor­be­ne Informant_innen aus der Neo­na­zi­sze­ne eben­falls V-Leu­te des Ver­fas­sungs­schut­zes oder ande­rer Geheim­diens­te waren. Im Gegen­satz zu den frei zugäng­li­chen Sta­si-Akten sind vie­le Akten der west­deut­schen Geheim­diens­te immer noch unter Ver­schluss oder wer­den stark gekürzt bzw. geschwärzt ver­öf­fent­licht.

West­deut­sche Neo­na­zis und die Sta­si

Einer der bekann­tes­ten Infor­man­ten zu die­ser Zeit war der Neo­na­zi Odfried Hepp, Grün­der der Hepp-Kexel-Grup­pe, die im Rhein-Main-Gebiet meh­re­re Anschlä­ge gegen ame­ri­ka­ni­sche Ein­rich­tun­gen ver­üb­ten. Der Sta­si gelang es Anfang 1980 eine Zusam­men­ar­beit mit Hepp zu arran­gie­ren. 1982 besuch­te er Ost­ber­lin und die Abtei­lung 22.1. Dabei gab er Infor­ma­tio­nen eines geplan­ten Anschlags einer Weh­sport­grup­pe gegen die inner­deut­sche Gren­ze wei­ter und lie­fer­te Details zu sei­nen Kame­ra­den und spe­zi­ell zu Karl-Heinz Hoff­mann. In den Ver­hör­pro­to­kol­len fin­den sich aber auch ideo­lo­gi­sche Offen­ba­run­gen. So sah Odfried Hepp die DDR als Ver­bün­de­ten gegen den Kampf gegen die ame­ri­ka­ni­schen „Besat­zer“, sowie den gemein­sa­men Feind Isra­el. 1983 wur­de Hepp von den deut­schen Ermitt­lungs­be­hör­den wegen Waf­fen­lie­fe­run­gen in den Liba­non ver­folgt, die DDR orga­ni­sier­te ihm einen Flug von Ost­ber­lin nach Damas­kus (Syri­en). 1985 wur­de er schließ­lich in Paris nach einem geplatz­ten Waf­fen­deal ver­haf­tet. In den spä­te­ren Ver­hö­ren äußer­te er sich nicht zu sei­ner Zusam­men­ar­beit mit der DDR.

Aber auch der Waf­fen­händ­ler und noto­ri­sche Kri­mi­nel­le Udo Albrecht, mit guten Kon­tak­ten in die euro­päi­sche Neo­na­zi­sze­ne, war Infor­ma­ti­ons­quel­le der Sta­si. Albrecht, der in Thü­rin­gen auf­wuchs und 1955 gemein­sam mit sei­nem Vater nach West­deutsch­land floh, gelang 1981 aus deut­scher Haft eine spek­ta­ku­lä­re Flucht in die DDR.

In der Zeit zwi­schen 1960 und 1980 grün­de­te Albrecht meh­re­re neo­na­zis­ti­sche Ter­ror­grup­pen, wie die Volks­be­frei­ungs-Front Deutsch­land und — angeb­lich zusam­men mit Karl-Heinz-Hoff­mann, was der stets abstritt — die Wehr­sport­grup­pe Ruhr­ge­biet. Ab 1970 bau­te Albrecht Kon­tak­te zur Paläs­ti­nen­si­schen Befrei­ungs­front (PLO) auf. Wäh­rend des Schwar­zen Sep­tem­bers 1970 kämpf­ten Albrecht und ande­re Kame­ra­den auf Sei­ten der Fedai­jin, einer paläs­ti­nen­si­schen Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on, die Anschlä­ge gegen Isra­el ver­üb­te. Zusam­men mit Karl-Heinz Hoff­mann ver­kauf­te er spä­ter Mili­tär­fahr­zeu­ge und Waf­fen in den Liba­non. 1980 wur­de er in der BRD wegen meh­re­rer Bank­über­fäl­le, die er zwi­schen 1976 und 1979 beging, ver­haf­tet. Das Geld der Bank­über­fäl­le floss in gro­ßen Men­gen in die Neo­na­zi­sze­ne die­ser Zeit.

In sei­ner Aus­sa­ge ver­riet er meh­re­re Waf­fen­ver­ste­cke im gan­zen Bun­des­ge­biet. Die Poli­zei konn­te zwei Ver­ste­cke aus­fin­dig machen und beschlag­nahm­te Maschi­nen­pis­to­len und meh­re­re Kilo Spreng­stoff.

An der inner­deut­schen Gren­ze in der Nähe von Büchen gab Albrecht ein wei­te­res Ver­steck an. Als die zustän­di­gen Beamt_innen die angeb­lich ver­steck­ten Pan­zer­fäus­te nicht fin­den konn­ten, fuh­ren sie gemein­sam mit Albrecht in die Grenz­re­gi­on. In einem güns­ti­gen Moment rann­te Albrecht plötz­lich Rich­tung DDR-Gren­ze. Die Grenz­be­am­ten lie­ßen ihn pas­sie­ren, wäh­rend den fol­gen­den Beamt_innen der Ein­tritt mit vor­ge­hal­te­nen Maschi­nen­pis­to­len ver­wehrt wur­de. Die ost­deut­schen Behör­den lie­fer­ten ihn anschlie­ßend auch nicht aus. Er blieb 10 Tage in der DDR, danach reis­te er mit der Unter­stüt­zung der Sta­si in den Liba­non. In der Zeit in der DDR mach­te er eine umfas­sen­de Aus­sa­ge zu sei­nen Akti­vi­tä­ten in der BRD und auch spe­zi­ell zu Karl-Heinz Hoff­mann. Auch in sei­nen Ver­neh­mungs­pro­to­kol­len fin­den sich wie bei Hepp Bezugs­punk­te zu den gemein­sa­men Fein­den Ame­ri­ka und Isra­el, sowie den gemein­sa­men Ver­bün­de­ten, den Paläs­ti­nen­sern.

Die DDR als natür­li­cher Ver­bün­de­ter gegen USA und Isra­el

Die Bei­spie­le der Zusam­men­ar­beit und gegen­sei­ti­gen Unter­stüt­zung zwi­schen west­deut­schen Neo­na­zi­grö­ßen und der Staats­si­cher­heit, die Andre­as Förs­ter aus­führ­lich und span­nend beschrieb, haben zwei sehr auf­fäl­li­ge Gemein­sam­kei­ten. Zum einen die Nähe von Albrecht und Hepp zu Karl-Heinz Hoff­mann, der von der DDR ver­mut­lich als Bedro­hung wahr­ge­nom­men wur­de. Des Wei­te­ren die gemein­sa­men Feind­bil­der Isra­el und USA. Hin­zu kam eine Nähe der bei­den zu kämp­fen­den Grup­pen in Paläs­ti­na und dem Liba­non. Die DDR unter­stütz­te so seit ihrer Grün­dung meh­re­re Grup­pen im Kampf gegen den aus ihrer Sicht impe­ria­lis­ti­schen Staat und engs­ten Ver­bün­de­ten der USA, Isra­el. Die anti­ame­ri­ka­ni­sche und min­des­tens anti­zio­nis­ti­sche, wenn nicht sogar anti­se­mi­ti­sche, Pro­pa­gan­da der DDR waren für Albrecht und Hepp star­ke Bezugs­punk­te. Neben­bei ist dies auch eine Gemein­sam­keit, die sie mit der RAF und der Bewe­gung 2. Juni teil­ten, die eben­falls von der DDR unter­stützt wur­den.

 

 


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