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Laizität, oder: wie sag ich’s meinen deutschen Genoss_innen?

Themen : Allgemein, Religion · No Comments · von und 10. Dezember 2015

Nicht erst seit den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und auf einen koscheren Supermarkt, und seit alle Charlie sind, blicken deutsche Linke häufig mit sehnsüchtigen Augen nach Frankreich, wo sie die offizielle Trennung von Staat und Kirche beneiden, die sie sich für Deutschland herbeisehnen. Laizität, oder Säkularismus nach französischer Art, hat eine lange und komplizierte Geschichte, genauso wie die vielen anderen Formen der Sekularität, die im globalen Nordwesten entwickelt und teilweise im „Rest“ der Welt umgesetzt wurden. Die französische Republik wird oft als die ideale und definitive Trennung von Politik und Religion dargestellt, da sie keine staatlichen Subventionen für Religion vorsieht. Diese radikale Trennung soll die Religionsfreiheit garantieren, sowie für Individualisierung und Privatisierung der Religion sorgen. Für die deutsche Linke, die täglich mit der sogenannten „hinkenden Trennung“ des deutschen Säkularismus in Form von Kirchensteuern, Religionsunterricht an staatlichen Schulen oder mit Kreuzen in den Gerichtsaalen Bayerns konfrontiert ist, klingt es verlockend, eine genuine Befreiung der Politik von der Religion wie in Frankreich zu schaffen. Der deutsche Staat ist – auch wenn es keine offizielle Staatsreligion gibt – christlich, und macht auch keinen großen Hehl draus.

 Laizität ist eine Form von Säkularismus, die für Frankreich spezifisch ist und gerade aufgrund ihrer historischen Wurzeln in der französischen Revolution, aber auch in der Pariser Kommune, deutsche linke Begeisterung hervorruft. Jedoch enthält die Laizität auch inhärente Unvollkommenheiten und Ungleichheiten, die auf den ersten Blick unsichtbar sind, wie die finanzielle Unterstützung privater christlicher und jüdischer Schulen seit 1959 und die juristischen „Ausnahmen“ innerhalb der une et indivisible (eins und unteilbar) Republik, wie in den Departements Moselle, Haut-Rhin und Bas-Rhin. Da sie noch nicht Teil Frankreichs sind als das Gesetz der Laizität 1905 in Kraft tritt, bleibt in diesen Gebieten die Gesetzeslage des Konkordat Regimes aus dem Jahr 1801 bestehen, in dem Katholizismus, Protestantismus und Judentum vom Staat anerkannt werden. In beiden Fällen hat der Islam noch keine Anerkennung bekommen und nur 10% der muslimischen Schulen bekommen Geld vom Staat gegenüber 90% der katholischen und jüdischen Schulen.

Wenn die Laizität also – vor allem für Menschen, die den religiösen Normvorstellungen nicht entsprechen oder nicht entsprechen wollen – erst mal nach einer guten Idee klingt, so liegt das Problem unter anderem darin, dass sie seit dem Beginn des neuen Jahrtausends zu einem nationalen Gut erklärt wurde, mit dem eine befürchtete Islamisierung Frankreichs bekämpft werden müsse. Es wird eben nicht über Laizität diskutiert, wenn Rechtsradikale, Christen und rechtsradikale Christen die Regierung dazu bringen, das ABC der Gleichheit[1] wieder zurück zu nehmen. Es wird aber über Laizität diskutiert, wenn Kopftuch tragende Schülerinnen aus der Schule ausgeschlossen werden, Kopftuch tragenden Müttern verweigert wird, ihre Kinder aus Schule und Kindergarten abzuholen oder Mädchen der Schule verwiesen werden, weil ihre Röcke zu lang (!) seien.

Trotz der ursprünglichen Absicht, die BürgerInnen der neuen Nation im alltäglichen Leben komplett von der Autorität der katholischen Kirche zu befreien und eine Gleichbehandlung für die Unterdrückten – Juden, Ungetaufte, Freidenker – vor dem Gericht zu etablieren, wurde Laizität in der Geschichte Frankreichs sowohl von den Herrschenden als auch von politisch marginalen Gruppen stets neu ausgelegt und angewandt. Auch wenn sie erst mit der Kommission Stasi (2003) offiziell zum nationalen Wert erklärt wurde, so stellt sie doch schon lange eine spezifisch französische Form des Säkularismus dar. Die Vorstellung, man könnte den Staat in einer christlich dominierten Gesellschaft von sämtlichen religiösen Einflüssen frei halten ist eine Illusion. Was de facto passiert ist, dass mit dem Kampfbegriff Laizität seit dem neuen Jahrtausend ausschließlich gegen Muslime vorgegangen wird, obwohl die konservativen bis rechts-radikalen Christen die viel Stärkere Bedrohung darstellen. Die Politikwissenschaftlerin Nilüfer Göle erinnert daran, dass Laizität immer eine doppelte Bedeutung gehabt hat: einerseits ging es darum, den Einfluss der religiösen Institutionen auf den Staat und das Bildungswesen zurück zu drängen. Andererseits ging es aber von Anfang an auch immer darum, ein staatlich verbrieftes Recht auf Glaubensfreiheit zu verteidigen und zwar für sämtliche Konfessionen. Dieser zweite Teil ist bei der Nationalisierung der Laizität zunehmend auf der Strecke geblieben. So kann man es als Kontinuität sehen, dass die extreme Rechte sich dieses Konzept zu Eigen macht. Nicht nur der Front National benutzt die Laizität um den muslimischen Teil der französischen Bevölkerung zu diskriminieren.

Wenn frankophile deutsche Linke sich zu Charlie erklären, weil für sie die französische Laizität ein anstrebenswertes linkes Gut ist, ignorieren sie bestenfalls, gegen wen Laizität in Frankreich als Kampfbegriff eingesetzt wird und gegen wen nicht, schlimmstenfalls teilen sie die Positionen des anti-Muslimischen Rassismus: die Grenze zwischen bestimmten Antideutschen und Pegida-Rassist_innen wird immer dünner. Was es braucht in der deutschen sowie in der globalen Linken, ist eine klare Absage an Nationalismus, eine klare Positionierung gegen anti-Muslimischen Rassismus und einen kritischen Blick darauf, wann Laizität zur rassistischen Ideologie wird.

[1] Eine Handreichung an Lehrkräfte zur Sensibilisierung gegen Homophobie und Geschlechterstereotype.

 

 

Cornelia Möser ist Wissenschaftlerin am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) und assoziiert am Berliner Centre Marc Bloch. Sie ist Autorin von « Feminismus en traductions. Théories voyageuses et traductions culturelles » das 2013 in den Editions des Archives Contemporaines in Paris erschienen ist.

Nur Yasemin Ural ist Doktorandin an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris und assoziiert am Berliner Centre Marc Bloch. Seit Oktober 2015 ist sie an der Freien Universität als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig.


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