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Laizismus in der Türkei

Themen : Allgemein, Religion · No Comments · von 10. Dezember 2015

Die heu­ti­ge Tür­ki­sche Repu­blik stellt eine Gesell­schaft dar, die sich in einer stän­di­gen Kri­se befin­det. Sie ist eth­nisch tür­kisch und im Sin­ne der Reli­gio­si­tät eine sun­ni­ti­sche, anti­de­mo­kra­ti­sche Struk­tur. Es zeigt sich ein pro­ble­ma­ti­sches Bild, weil die repu­bli­ka­ni­sche Gesell­schaft Gerech­tig­keit, Gleich­be­rech­ti­gung der unter­schied­li­chen eth­ni­schen und reli­giö­sen Grup­pen, Mei­nungs­frei­heit, Pres­se und Ver­samm­lungs­recht ver­mis­sen lässt.

Kön­nen Sie sich vor­stel­len, dass das öffent­li­che Leben  nach sun­ni­ti­schen Nor­men geän­dert, dass wäh­rend des Fas­ten­mo­nats das Mit­tags­es­sen im öffent­li­chen Dienst gestri­chen, dass der sun­ni­ti­sche Reli­gons­un­ter­richt zum obli­ga­to­ri­schen Schul­fach wird oder dass im Namen der Pfle­ge der «tür­ki­schen Kul­tur», Ima­mIn­nen ins Aus­land geschickt und Mosche­en aus Steu­er­gel­dern finan­ziert wer­den? All dies pas­siert in einem Land, in des­sen Ver­fas­sung der «Lai­zis­mus» eine der wich­tigs­ten Nor­men dar­stellt.

Die­ser Lai­zis­mus hat sich ohne kul­tu­rel­le und intel­lek­tu­el­le Basis, ohne Klas­sen­in­ter­es­sen, die ihn ver­tei­di­gen und auch ohne Säku­la­ri­sie­rungs­be­we­gung ent­wi­ckelt. Er ist in einer nur for­mal  demo­kra­ti­schen Situa­ti­on ent­stan­den, dabei könn­te der Lai­zis­mus eine der Antriebs­kräf­te der Demo­kra­ti­sie­rung sein. Die Repu­blik wur­de auf der Rui­nen des Osma­ni­schen Rei­ches gegrün­det, des­sen Fort­füh­rung sie gewis­ser­ma­ßen ist. Wich­tig ist aber, dass sie zugleich auf der Leug­nung des Osma­ni­schen Rei­ches auf­ge­baut wur­de. So hat die Repu­blik zum Bei­spiel an Stel­le einer einer reli­giö­sen Grun­die­rung auf eine natio­na­le Ver­bin­dung der Gesell­schaft gesetzt.

 Ziel: Nati­on

Das Haupt­ziel der Repu­blik war die Errich­tung eines Natio­nal­staats nach west­li­chen Modell. Die natio­na­le Ein­heit soll­te auf Grund der Tür­ki­sie­rung der Bevöl­ke­rung geschaf­fen wer­den, in allen Lan­des­tei­len, die nach dem Ende des Osma­ni­schen Rei­ches, der anschlie­ßen­den Beset­zung und dem soge­nann­ten Befrei­ungs­krieg ver­blie­ben waren. Der Islam soll­te dabei der Viel­fäl­tig­keit der Gesell­schaft ent­ge­gen­wir­ken, die in den herr­schen­den Krei­sen als einer der Grün­de für den Unter­gang des Osma­ni­schen Rei­ches ange­se­hen wur­de. In die­sem ideo­lo­gi­schen Rah­men hat­te der Kema­lis­mus sei­ne Hege­mo­nie gebil­det und ver­such­te, sein Ziel einer homo­ge­ni­sier­ten Gesell­schaft zu errei­chen.

Das Tür­ken­tum wur­de nicht (mehr) als eth­ni­sches Merk­mal defi­niert. Viel­mehr wur­den die­je­nie­gen, die im Land leben und eine gemein­sa­me Spra­che, Idea­le und Kul­tur haben, de fac­to als «tür­kisch» iden­ti­fi­ziert. Bis zur Grün­dung der Repu­blik hat­te die Bevöl­ke­rung fast aus­schließ­lich mit reli­giö­sen Refe­ren­zen und unter reli­giö­sen Geset­zen gelebt. Das Bewusst­sein, eine «Nati­on» zu sein, war nicht ent­wi­ckelt. Für eine erfolg­rei­che Repu­blik­grün­dung war also der Lai­zis­mus unbe­dingt not­wen­dig. Er wur­de als ein Mit­tel inter­pre­tiert für die Moder­ni­sie­rung der Gesell­schaft, aber auch als Mit­tel für die Tota­li­tät einer natio­na­len Iden­ti­tät, inner­halb derer unter­schied­li­che Kon­fes­sio­nen und Glau­bens­rich­tun­gen exis­tier­ten. Der Lai­zis­mus war zugleich ein Mit­tel im Kampf gegen das domi­nan­te reli­giö­se Gesetz der Scha­ria.

Ziel: Tür­ki­sie­rung

Vor der Grün­dung der Repu­blik leb­ten auf dem Gebiet der spä­te­ren Tür­kei auch Mus­li­mIn­nen, die ande­re natio­na­le Iden­ti­tä­ten hat­ten. Des­we­gen wur­de der Befrei­ungs­krieg 1920–1923 zunächst als Befrei­ungs­kampf gegen Scha­ria und isla­mi­sche Herr­schaft geführt, nicht als Befrei­ungs­kampf für das Tür­ken­tum und den Lai­zis­mus. Wäh­rend der Ver­hand­lun­gen für den Lau­san­ner Ver­trag (1922), der zur Grün­dung der Repu­blik führ­te, wur­den tür­ki­sche und kur­di­sche Bür­ge­rIn­nen als gleich­be­rech­tigt aner­kannt. Erst nach dem Kriegs­en­de wur­de das Tür­ken­tum als ein­zi­ge natio­na­le Iden­ti­tät pro­kla­miert.

Um das Ziel der Tür­ki­sie­rung zu errei­chen, funk­tio­nier­te der Lai­siz­mus allein aber nicht. Dazu wur­de der Islam als Kitt für nicht-tür­ki­sche Mus­li­mIn­nen gebraucht. Er wur­de so in der Fol­ge schnell zu einem Kon­troll­mech­nis­mus des Staa­tes: Gegen die sun­ni­ti­sche Scha­ria wur­de der Lai­zis­mus, der ver­meint­lich säku­la­ri­sier­te Islam als gesamt­ge­sell­schaft­li­che Iden­ti­tät fest­ge­hal­ten. In die­sem Sin­ne wur­den nach 1923 grie­chisch-ortho­do­xe Tür­kIn­nen nach Grie­chen­land und Mus­li­mIn­nen – auch nicht-tür­ki­scher Her­kunft – aus Grie­chen­land in die Tür­kei umge­sie­delt. Der Wunsch eini­ger nich­mus­li­mi­scher, aber tür­ki­scher Grup­pen (wie etwa gag­au­si­sche Tür­kIn­nen) in die Tür­kei umzu­sie­deln, wur­de nicht akzep­tiert. Christ­li­che Grup­pen, die seit Jahr­hun­der­ten im Osma­ni­schen Reich gelebt hat­ten, wur­den zu Min­der­hei­ten erklärt und in der Fol­ge aus­ge­grenzt.

Wie das im Osma­ni­schen Reich erst oppo­si­tio­nel­le, dann regie­ren­de Komi­tee für Ein­heit und Fort­schritt (İtti­hat ve Ter­ak­ki Cemiy­e­ti, İTC) ver­folg­ten die Grün­de­rIn­nen der Repu­blik den Weg, gesell­schaft­li­che Ele­men­te zu besei­ti­gen bzw. in die neue Gesell­schaft ein­zu­pas­sen, die tat­säch­lich oder ver­meint­lich ein Hin­der­nis für die mono­kul­tu­rell ver­ein­heit­lich­te sun­ni­tisch-tür­ki­sche Gesell­schaft dar­stell­ten. Damit hat­te die west­lich ori­en­tier­te, moder­ne, lai­zis­ti­sche, sich mit dem tür­ki­schen natio­na­len Bewusst­sein defi­nie­ren­de Repu­blik gleich zu Beginn struk­tu­rel­le Hin­der­nis­se für die Ent­wick­lung einer zeit­ge­mä­ßen Demo­kra­tie geschaf­fen.

Ziel: Sun­ni­ti­sie­rung

Lai­zis­mus meint in der Tür­kei die Ver­ban­nung der Reli­gi­on aus dem öffent­li­chen Raum. Sie soll zur Pri­vat­sphä­re jedes Indi­vi­du­ums gehö­ren. De fac­to wur­de in der neu­en Tür­ki­schen Repu­blik der Lai­zis­mus aber instru­men­ta­li­siert, um die sun­ni­ti­sche Rich­tung des Islam zur ein­zig akzep­ta­blen Reli­gi­on auf­zu­wer­ten. So wur­de das «Amt für Reli­gi­ons­an­ge­le­gen­hei­ten» gegrün­det (Diya­net). Es hat­te schnell eine Mono­pol­stel­lung errun­gen und konn­te die Inter­pre­ta­ti­onhoch­heit über den sun­ni­ti­schen Islam für sich bean­spru­chen. Das heißt auch, dass es – bis heu­te – über die reli­giö­se Struk­tu­rie­rung der Gesell­schaft qua­si allein ent­schei­den. Mit fast 900 Moschee­ge­mein­den in der Bun­des­re­pu­blik ist Diya­net auch Teil der deut­schen Rea­li­tät.

Die größ­te reli­giö­se Grup­pe, die im Fokus der Sun­ni­ti­sie­rung stand und steht, sind die Ale­vi­tIn­nen. Sie hat­ten die Grün­dung der Tür­ki­schen Repu­blik unter­stüzt und lan­ge dar­auf ver­traut, dass das Amt für Reli­gi­ons­an­ge­le­gen­hei­ten gegen die Scha­ria kämpft und den Staat vor ihr in Schutz nimmt. Was sie aber seit fast ein­hun­dert Jah­ren erle­ben, ist rei­ne Assi­mi­la­ti­on und Aus­gren­zung. Im Namen des Lai­zis­mus stellt heu­te die­ses Amt die größ­te staat­li­che Ein­rich­tung in Ana­to­li­en mit ver­fas­sung­mä­ßig ver­an­ker­ten Rech­ten und Zustän­dig­kei­ten dar. Mit der Grün­dung der Repu­blik wur­de die ideo­lo­gi­sche Begrün­dung des Osma­ni­schen Rei­ches, die Scha­ria, zwar abge­schafft, gleich­zei­tig aber auch das Ale­vi­ten­tum als ille­gi­tim erklärt.

Die Lin­ke und der Lai­zis­mus

Mit dem Mili­tär­putsch 1980 wur­den die ohne­hin schwa­chen linken/sozialistischen Kräf­te Opfer gro­ßer Unter­drü­ckungs­maß­nah­men. Tau­sen­de pro­gres­si­ve Akademiker_innen, Journalist_innen und Intel­lek­tu­el­le wur­den inhaf­tiert bzw. muss­ten ins Exil gehen, wenn sie nicht ermor­det wur­den. In der Gesell­schaft ent­stand eine intel­lek­tu­el­le Lücke. Wo pro­gres­si­ve Inhal­te gewalt­voll zurück­ge­drängt wur­den, füll­te der Staat Reli­gi­on auf. Anhän­ge­rIn­nen des poli­ti­schen Islam haben dabei eine Gele­gen­heit gese­hen, ihre Anhän­ger­schaft zu stär­ken – was ihnen auch gelun­gen ist. Heu­te sind die­se Kräf­te eine der stärks­ten gesell­schaft­li­chen Grup­pen und haben die gesell­schaft­li­che Hege­mo­nie in der Tür­kei. Die­se Situa­ti­on ist ein Ergeb­nis der Grün­dungs­pe­ri­ode der Repu­blik, in der der Lai­zis­mus kei­ne brei­te gesell­schaft­li­che Eini­gung dar­stell­te. Der Lai­zis­mus war eine allen Bevöl­ke­rungs­grup­pen auf­ge­zwun­ge­ne Lebens­norm.

Es mag durch­aus sein, dass die Grün­de­rIn­nen der Repu­blik mit ihrer Vor­stel­lung von Lai­zis­mus gegen die Scha­ria und auf Gleich­be­rech­ti­gung gerich­te­te Über­le­gun­gen ver­ban­den. Die radi­ka­le Abstand­nah­me von der Ver­gan­gen­heit und der Wie­der­auf­bau der Gesell­schaft hat­ten aber eine schwa­che gesell­schaft­li­che Ver­an­ke­rung. Gegen­über die­sem Man­gel wur­de der Staat immer zen­tra­lis­ti­scher, sein Kon­troll­wahn immer grö­ßer. Dies sind die haupt­säch­li­chen Grün­de für feh­len­de Demo­kra­tie auch im Bereich der Reli­gi­on und Reli­gi­ons­aus­übung sowie den dar­ge­stell­ten Miss­brauch des «Lai­zis­mus» in der Tür­kei.

Lai­zis­mus ist kei­ne Alter­na­ti­ve zur Reli­gi­on. Er soll eine Atmo­sphä­re schaf­fen, in der der öffent­li­che Raum als frei­er Raum für alle Reli­go­nen funk­tio­niert, in dem reli­giö­se Sym­bo­le kei­nen Platz fin­den, der allen Glau­bens- und Welt­an­schau­ungs­rich­tun­gen (auch dem Athe­is­mus) die gleich­be­rech­tig­te Arti­ku­la­ti­on gestat­tet – einen Raum also, in dem der in der Ver­fas­sung ver­an­ker­te Schutz gilt, der jedem Indi­vi­du­um freie und frei­heit­li­che Ent­fal­tung gestat­tet. Ein lai­zis­ti­scher demo­kra­ti­scher Staat ist in der Pflicht, dafür Sor­ge zu tra­gen und Schutz­me­cha­nis­men zu ent­wi­ckeln, dass frei­heit­li­che Ent­schei­dun­gen und reli­gö­se Pflich­ten ohne Angst aus­ge­übt wer­den kön­nen. Nur in die­sem Sin­ne ist der Lai­zis­mus eine Befrei­ungs­norm und wider­spricht nicht demo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en.

Der Lai­zis­mus in der Tür­kei funk­tio­niert aber nicht auf die­se Wei­se. Er ist ein Instru­ment für die Mono­kul­tu­ra­li­sie­rung und zugleich ein Kon­troll­me­cha­nis­mus. Die zwölf Jah­re Regie­rungs­zeit der Par­tei für Gerech­tig­keit und Auf­schwung (Ada­let ve Kal­kın­ma Par­ti­si, AKP) lie­fern zuhauf Para­de­bei­spie­le dafür. Der jet­zi­ge Staats­prä­si­dent und dama­li­ge Minis­ter­prä­si­dent Erdoğan hat­te unum­wun­den ver­kün­det, dass er eine «reli­giö­se Gene­ra­ti­on» her­an­zie­hen möch­te. Die­se Form des Lai­zis­mus à la Tür­ki­sche Repu­blik kann aus lin­ker, eman­zi­pa­to­ri­scher Per­spek­ti­ve nicht ver­tei­digt wer­den. Sie repro­du­ziert Ungleich­heit und anti­de­mo­kra­ti­sche, sun­ni­tisch hege­mo­nia­le Staats­tra­di­tio­nen aus sich selbst her­aus. Der Lai­zis­mus müss­te in der Tür­kei neue defi­niert wer­den, und zwar auf der Grund­la­ge eines Demo­kra­ti­sie­rungs­kon­zep­tes.

 

Kad­riye Kar­cı arbei­tet für das Zen­trum für Inter­na­tio­na­len Dia­log und Zusam­men­ar­beit.


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