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Rezension: Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken

Themen : Antisemitismus, Gedenkpolitiken, Rassismus · No Comments · von 11. Oktober 2013

Ver­folgt man die ein­schlä­gi­gen Debat­ten, so kann man sich oft des Ein­drucks nicht erweh­ren, dass die deut­sche Lin­ke ihren ganz eige­nen Nah­ost­kon­flikt aus­trägt. Über­iden­ti­fi­ka­ti­on und unre­flek­tier­te Soli­da­ri­tät ent­we­der mit Isra­el oder mit Paläs­ti­na tra­gen beson­ders in den letz­ten zwölf Jah­ren zu einer in Tei­len hoch­emo­tio­na­len Debat­ten­kul­tur bei, die eine sach­li­che Erör­te­rung und dif­fe­ren­zier­te Zugän­ge zur Pro­ble­ma­tik erschwe­ren, wenn nicht unmög­lich machen. Alter­na­ti­ve lin­ke Per­spek­ti­ven auf den Kon­flikt zwi­schen Isra­el und Paläs­ti­na, die die berech­tig­ten Inter­es­sen aller in der Regi­on leben­der Men­schen im Auge haben und daher etwa eine ana­ly­ti­sche Gleich­ran­gig­keit von Kolo­nia­lis­mus­kri­tik, Anti­se­mi­tis­mus­kri­tik und Ideo­lo­gie­kri­tik ein­for­dern sowie die Anwen­dung glei­cher uni­ver­sa­lis­ti­scher Stan­dards an die Beur­tei­lung der Kon­flikt­par­tei­en, gel­ten in hoch­dog­ma­ti­schen Milieus als nicht dis­kurs­fä­hig.

Außer­halb die­ser Milieus gewinnt in den letz­ten Jah­ren ein selbst­re­fle­xi­ver Blick auf das Ver­hält­nis der deut­schen Lin­ken zum Kon­flikt im Nahen Osten, zu Anti­se­mi­tis­mus- und Kolo­nia­lis­mus­kri­tik, zu Isra­el- bzw. Paläs­ti­na­so­li­da­ri­tät an Bedeu­tung, der neue Per­spek­ti­ven für For­schung und poli­ti­sches (u. a. cross-soli­da­ri­sches) Han­deln eröff­net. Bei­spiel­haft kann auf das kon­ti­nu­ier­li­che Bil­dungs­an­ge­bot der Rosa Luxem­burg Stif­tung hin­ge­wie­sen wer­den.[1]

In jün­ge­rer Zeit hat beson­ders Peter Ull­rich wich­ti­ge Bei­trä­ge zur Sozio­lo­gie des inner­lin­ken Kon­flik­tes um Isra­el und Paläs­ti­na und zur Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te vor­ge­legt.[2] Dage­gen man­gelt es an aktu­el­len sys­te­ma­ti­schen Dar­stel­lun­gen des Anti­se­mi­tis­mus­streits in der deut­schen Lin­ken aus his­to­ri­scher Per­spek­ti­ve.[3] Einen gelun­gen Ver­such hier­zu hat nun der Jour­na­list Peter Nowak unter­nom­men, der u. a. für Neu­es Deutsch­land, Jung­le World und Kon­kret schreibt.

In sei­ner in der edi­ti­on assem­bla­ge erschie­ne­nen Kurze(n) Geschich­te der Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te in der deut­schen Lin­ken, die auf ereig­nis­ge­schicht­li­che und theo­rie­his­to­ri­sche Aspek­te abhebt, for­dert der Autor mehr ana­ly­ti­sche Trenn­schär­fe und Sen­si­bi­li­tät sowie Sach­lich­keit in den Dis­kur­sen ein. Nowak skiz­ziert anhand zen­tra­ler Basis­tex­te und aus­ge­wähl­ter Ereig­nis­se wich­ti­ge Etap­pen in der Ent­wick­lung der Debat­te und der Aus­dif­fe­ren­zie­rung lin­ker Spek­tren in deren Fol­ge. In zehn Kapi­teln glie­dert Nowak sei­nen Stoff chro­no­lo­gisch, der gän­gi­gen Peri­odi­sie­rung fol­gend, ent­lang der his­to­ri­schen Zäsu­ren von 19891991 und 2001 und ent­fal­tet den Leser_innen ein brei­tes Pan­ora­ma ver­gan­ge­ner und aktu­el­ler Aus­ein­an­der­set­zun­gen in einer sich über Jah­re zuspit­zen­den Debat­te über For­men, Inhal­te und Legi­ti­mi­tät von Israel­kri­tik und Anti­zio­nis­mus und deren etwai­ge Anschluss­fä­hig­keit an Anti­se­mi­tis­mus. Sein Haupt­au­gen­merk rich­tet Nowak auf die nicht par­tei­för­mig orga­ni­sier­te radi­ka­le Lin­ke und somit auf jene Sze­ne, in wel­cher die Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te Anfang der 1990er Jah­re auf die Agen­da gesetzt wur­de und seit­her mit häu­fig erup­ti­ver Vehe­menz geführt wird.

Nowak, der regel­mä­ßig publi­zis­tisch in die Nah­ost- und Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te inter­ve­niert[4], adres­siert sei­ne äqui­di­stant gehal­te­ne Ein­füh­rung in die Geschich­te des  Anti­se­mi­tis­mus­strei­tes in der deut­schen Lin­ken in ers­ter Linie an eine jün­ger Leser_innenschaft bzw. Einsteiger_innen in die The­ma­tik. Die Über­blicks­dar­stel­lung will Ori­en­tie­rung in einer schwie­ri­gen Debat­te bie­ten und Hil­fe­stel­lung bei der For­mu­lie­rung eines eige­nen Stand­punk­tes leis­ten. Die­sem Anspruch, soviel sei vor­weg­ge­nom­men, wird Nowak gerecht.

Die Stu­die basiert auf einer sinn­voll getrof­fe­nen Aus­wahl aktu­el­ler For­schungs­pu­bli­ka­tio­nen sowie poli­ti­scher Lite­ra­tur. Hier­bei ver­säumt Nowak lei­der hin­sicht­lich der poli­ti­schen Schrif­ten in Sekun­där­li­te­ra­tur und Tex­te mit Quel­len­chark­ter zu dif­fe­ren­zie­ren. Unscharf bleibt Nowak auch im Hin­blick auf die für die Leser_innen wich­ti­ge Unter­scheid­bar­keit von poli­ti­scher, i. e. welt­an­schau­li­cher Lite­ra­tur und For­schungs­pu­bli­ka­tio­nen, die zwar auch kei­ne Objek­ti­vi­tät in der Dar­stel­lung für sich bean­spru­chen kön­nen, aber zumin­dest Kri­te­ri­en inter­sub­jek­ti­ver Nach­prüf­bar­keit genü­gen (müs­sen).

Eine sys­te­ma­ti­sche Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te wird in der deut­schen Lin­ken seit rund fünf­und­zwan­zig Jah­ren geführt. Damit ist die Geschich­te der Debat­te, die erst seit 2001 auch Kon­ti­nui­tät auf­weist, jün­ger, als man es zunächst von einer poli­ti­schen Strö­mung erwar­ten könn­te, für die Ableh­nung des Anti­se­mi­tis­mus’ zu den welt­an­schau­li­chen Grund­über­zeu­gun­gen gehört. Im ers­ten Haupt­ka­pi­tel beleuch­tet Nowak die Geschich­te der Debat­te vor 1989. Streng genom­men kann von einer all­ge­mei­nen Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te in der Lin­ken zu die­sem Zeit­punkt noch kei­ne Rede sein. Ein impe­ria­lis­mus- und zio­nis­mus­kri­ti­scher Grund­kon­sens domi­nier­te die Dis­kur­se zum Nah­ost-Kon­flikt, die sich lei­der oft genug ledig­lich in der Schär­fe der Pole­mik nicht aber im ana­ly­ti­schen Niveau von­ein­an­der unter­schie­den. Eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem eli­mi­na­to­ri­schen Anti­se­mi­tis­mus der Natio­nal­so­zia­lis­ten fand nur ansatz­wei­se statt. Die Geschich­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus wur­de von der Geschich­te Paläs­ti­nas und Isra­els getrennt ver­han­delt. Auch kam die Refle­xi­on gesell­schaft­li­cher Ursa­chen für Anti­se­mi­tis­mus in Geschich­te und Gegen­wart über Ansät­zen kaum hin­aus. Dies soll­te sich mit dem Ende des Staatso­zia­lis­mus und der soge­nann­ten Wie­der­ver­ei­ni­gung ändern.

Bis dahin blieb in wei­ten Tei­len der Lin­ken, ange­fan­gen bei kom­mu­nis­ti­schen Grup­pen über auto­no­me Anti­fa-Zusam­men­hän­ge bis hin­ein in die Frie­dens­be­we­gung, eine ver­kürzt oder regres­siv zu nen­nen­de Isra­el- und Zio­nis­mus­kri­tik maß­ge­bend, die bis­wei­len unge­wollt an anti­se­mi­ti­sche Denk­mus­ter anschluss­fä­hig war, ohne dass ihr zwangs­läu­fig welt­an­schau­li­cher Anti­se­mi­tis­mus zu unter­stel­len gewe­sen wäre. Nowak gibt hier­für mit dem Dis­put in der Hausbesetzer_innenszene um eine Israel­boy­kott­pa­ro­le an einer Fas­sa­de in der Ham­bur­ger Hafen­stra­ße im Jah­re 1988 ein plas­ti­sches Bei­spiel. «Boy­kot­tiert ‹Isra­el›! Waren, Kib­bu­zim und Strän­de! Paläs­ti­na – Das Volk wird Dich befrei­en! Revo­lu­ti­on bis zum Sieg» stand dort zu lesen (S. 14). Nowak stellt anschau­lich dar, dass die­ser ers­te auf über­re­gio­na­ler Ebe­ne geführ­te lin­ke Anti­se­mi­tis­mus­streit nicht die Legi­ti­mi­tät von Israel­kri­tik und Paläs­ti­na­so­li­da­ri­tät in Fra­ge stell­te, son­dern deren For­men und Her­an­ge­hens­wei­sen pro­ble­ma­ti­sier­te. Darf eine deut­sche Lin­ke ange­sichts der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Devi­se «Deut­sche, kauft nicht bei Juden» zu einem Boy­kott Isra­els auf­ru­fen? Eine Fra­ge, auf die bis heu­te unter­schied­li­che Ant­wor­ten for­mu­liert wer­den. Das gilt auch für die Zuläs­sig­keit der Ver­gleich­bar­keit bzw. Gleich­set­zung israe­li­scher Besat­zungs­po­li­tik mit der Ver­nich­tungs­po­li­tik der Natio­nal­so­zia­lis­ten.

In die­sem Kon­text berei­tet der mili­tan­te Anti­zio­nis­mus ver­schie­de­ner aus radi­ka­len lin­ken Milieus her­vor­ge­gan­ge­ner Unter­grund­or­ga­ni­sa­tio­nen Pro­ble­me. Nowak erör­tert Bei­spie­le für Theo­rie und Pra­xis im Umfeld der Revo­lu­tio­nä­ren Zel­len und der Tupam­a­ros West­ber­lin (S. 16–23). Letz­te­re plan­ten für den 9. Novem­ber 1969, dem Jah­res­tag der Reichs­pro­grom­nacht, einen Bom­ben­an­schlag auf das Haus der Jüdi­schen Gemein­de. Das expan­sio­nis­ti­sche Isra­el galt vie­len Lin­ken in der Bun­des­re­pu­blik spä­tes­tens seit 1967 als der Außen­pos­ten des US-Impe­ria­lis­mus im Nahen Osten und als faschis­ti­sches Unter­drü­ckungs­re­gime. Die israe­li­sche Besat­zungs­po­li­tik in Paläs­ti­na wur­de (und wird) seit­her in bestimm­ten Spek­tren, die dazu nei­gen, anti­ko­lo­nia­lis­ti­schen Wider­stand per se als Befrei­ungs­na­tio­na­lis­mus mit sozia­lis­ti­schem Trans­for­ma­ti­ons­po­ten­ti­al zu iden­ti­fi­zie­ren, häu­fig mit der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­po­li­tik gleich­ge­setzt. Dies bedeu­te­te nicht nur eine Rela­ti­vie­rung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen. Nicht sel­ten wur­de das Exis­tenz­recht Isra­els infra­ge gestellt.

Die Tupam­a­ros begrün­de­ten ihren Anschlags­plan damit, dass „aus den vom Faschis­mus ver­trie­be­nen Juden (…) selbst Faschis­ten gewor­den (sind), die das jüdi­sche Volk aus­ra­die­ren wol­len.“ (S. 19ff.) In eine ähn­li­che Rich­tung geht eine ungleich kom­ple­xe­re pro­gram­ma­ti­sche Schrift einer ande­ren sich links ver­or­ten­den Unter­grund­or­ga­ni­sa­ti­on, die Nowak in sei­ner Dar­stel­lung lei­der nicht berück­sich­tigt. Gemeint ist das R.A.F.-Dokument «Zur Stra­te­gie des anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Kamp­fes» aus dem Jah­re 1972. Die Rote Armee Frak­ti­on wür­digt hier den Anschlag der paläs­ti­nen­si­schen Unter­grund­or­ga­ni­sa­ti­on «Schwar­zer Sep­tem­ber» auf die israe­li­sche Olym­pia­mann­schaft in Mün­chen als her­aus­ra­gen­den Akt der Befrei­ung von Kapi­ta­lis­mus, Impe­ria­lis­mus und Faschis­mus. Der Text argu­men­tiert struk­tu­rell im Mus­ter anti­se­mi­ti­scher Ver­schwö­rungs­stra­te­gie und stellt ein zen­tra­les Doku­ment in der Geschich­te der Anti­se­mi­tis­mus­re­zep­ti­on in der deut­schen Lin­ken dar.[5]

Der Anschluss der DDR an die Bun­des­re­pu­blik, geschichts­po­li­tisch als «Wie­der­ver­ei­ni­gung» insze­niert, und die hier­aus erwach­se­ne Hybris deut­schen Natio­na­lis­mus’ und Neo­na­zis­mus’, stellt eine wich­ti­ge Zäsur für die Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te in der Lin­ken dar. Nowak ver­steht es, die kom­ple­xe Ent­wick­lung der Dis­kur­se in die­ser Zeit, die bald zur Spal­tung der radi­ka­len Lin­ken füh­ren soll­te, im zwei­ten Haupt­ka­pi­tel sei­ner Unter­su­chung strin­gent in der Argu­men­ta­ti­on, tref­fend in der Kon­tex­tua­li­sie­rung und kon­zi­se in der Dar­stel­lung ins Bewusst­sein zu rufen. Die Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te in der deut­schen Lin­ken wur­de vor Beginn des zwei­ten Golf­krie­ges kaum im Kon­text des Nah­ost­kon­flikts geführt. Viel­mehr stand die offi­zi­el­le deut­sche Erin­ne­rungs­po­li­tik in kon­kre­ter Gestalt der «Nor­ma­li­sie­rungs­po­li­tik»[6] im Mit­tel­punkt der Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te der 1990er Jah­re.

Das neue und grö­ße­re Deutsch­land woll­te end­lich wie­der eine nor­ma­le Nati­on sein, frei von «Schand­mah­len» der Geschich­te. Als Glei­che unter Glei­chen soll­te der Weg zurück in die Welt­po­li­tik beschrit­ten wer­den. Hier­zu war es nötig, sich der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­gan­gen­heit zu ent­le­di­gen. Da die­se nicht zu leug­nen war, wur­de mit der Umdeu­tung der jün­ge­ren deut­schen Geschich­te begon­nen. Deutsch­land und die Deut­schen soll­ten fort­an nicht mehr in der Täter­rol­le erschei­nen. In den Vor­der­grund rück­te nun eine neue Opfer­nar­ra­ti­ve, eine Selbst­vik­ti­mi­sie­rung, wel­che die Mehr­heit der Deut­schen als Opfer und Ver­führ­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus, von alli­ier­ten Bom­ben­krieg und Hei­mat­ver­trei­bung dar­stell­te und es so ermög­lich­te den Natio­nal­so­zia­lis­mus zu his­to­ri­sie­ren – einen Schluss­strich zu zie­hen, sich der eige­nen Ver­ant­wor­tung weit­ge­hend zu ent­le­di­gen und sich für höhe­re Auf­ga­ben in der west­li­chen Wer­te-und Staa­ten­ge­mein­schaft zu emp­feh­len. Es muss nicht eigens erwähnt wer­den, dass auf die­se Wei­se auch die Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus rela­ti­viert wur­den, beson­ders die Ver­nich­tung der euro­päi­schen Jüd_innen.

Am Bei­spiel der «Nie wider Deutschland»-Kampagne, die 1989 begann und bald zu einer Bewe­gung wer­den soll­te, erör­tert Nowak die Ent­wick­lung der Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Lin­ken. Eine inten­si­ve und sys­te­ma­ti­sche Befas­sung in der Lin­ken mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus setz­te ein, die ana­ly­tisch und metho­disch neue Wege ging. Es war der Beginn einer erin­ne­rungs- und geschichts­po­li­tisch gepräg­te Debat­te zum Anti­se­mi­tis­mus, die sich mit den «deut­schen Zustän­den» nach 1989 aus­ein­an­der­setz­te und auch den eige­nen welt­an­schau­li­chen Tra­di­ti­ons­be­stand kri­tisch hin­ter­frag­te (S. 24ff.). Als wich­ti­ge Anläs­se der erin­ne­rungs­kul­tu­rel­le Fra­gen in den Vor­der­grund rücken­den Debat­te iden­ti­fi­ziert Nowak den Streit um die Aus­ge­stal­tung der Neu­en Wache in Ber­lin 1993 (S. 26), die Kon­tro­ver­se um Dani­el Gold­ha­gens Stu­die «Hit­lers wil­li­ge Voll­stre­cker» (S. 27 ff.) sowie die Rede Mar­tin Wal­sers anläss­lich der Ver­lei­hung des Frie­dens­prei­ses des deut­schen Buch­han­dels 1998, aus wel­cher sich dann eine Kon­tro­ver­se mit dem dama­li­gen Vor­sit­zen­den des Zen­tral­rats der Juden, Ignatz Bubis, um die Bedeu­tung von Ausch­witz als Erin­ne­rungs­ort in der Geschich­te ent­wi­ckel­te. Die Auf­zäh­lung lie­ße sich ergän­zen, etwa um die Insze­nie­rung wei­te­rer deut­scher Erin­ne­rungs­or­te, wie die Jah­res­ta­ge der alli­ier­ten Luft­an­grif­fe auf Dres­den.[7]

Unter­des­sen hat­te die lin­ke Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te eine neue Qua­li­tät erreicht. Mit Beginn des Golf­krie­ges 1991 und des Beschus­ses Isra­els mit ira­ki­schen Scud-Rake­ten rück­te der Nah­ost­kon­flikt in den Mit­tel­punkt der Dis­kus­si­on. Ver­gan­gen­heits­po­li­ti­sche Fra­gen gerie­ten in den Hin­ter­grund. Jetzt wur­de über For­men und Legi­ti­mi­tät von Isra­el- und Paläs­ti­na­so­li­da­ri­tät gestrit­ten und um die Legi­ti­mi­tät von Krieg zur Ver­hü­tung eines befürch­te­ten neu­en Geno­zids an den euro­päi­schen Jüd_innen. Aus­lö­ser hier­für war Kri­tik aus dem Umfeld der «Nie wie­der Deutsch­land»- Kam­pa­gne an Baga­tel­li­sie­rung und Igno­ranz der Beschie­ßung und der so wahr­ge­nom­me­nen exis­ten­zi­el­len Bedro­hung Isra­els in der deut­schen Anti-Kriegs-Bewe­gung (S. 34ff). Nowak hebt die beson­de­re Bedeu­tung der Monats­zeit­schrift Kon­kret als dem media­len Ort her­vor, an wel­chem die Kon­tro­ver­se aus­ge­tra­gen wur­de, und schil­dert deren Ver­lauf (S. 36 ff.). Mit dem Ende des Golf­krie­ges schwäch­te sich die Fixie­rung auf den Nah­ost­kon­flikt in der Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te ab, ohne dass die­ser an Bedeu­tung für die Struk­tu­rie­rung der Dis­kur­se ver­lo­ren hät­te.

Über die Fra­ge, wie den oben kurz skiz­zier­ten «deut­schen Zustän­den», dem dra­ma­ti­schen Rechts­ruck in Poli­tik und Gesell­schaft, poli­tisch-inhalt­lich und stra­te­gisch zu begeg­nen sei, kam es inner­halb der bun­des­wei­ten auto­no­men Anti­fa-Zusam­men­hän­ge ab Mit­te der 1990er Jah­re zu hef­ti­gen Kon­tro­ver­sen. Mehr oder weni­ger einig war man sich in der Fest­stel­lung, dass die klas­si­schen Mit­tel der Aus­ein­an­der­set­zung nicht zur Über­win­dung eben die­ser Zustän­de taug­ten. Zu Recht weist Nowak dar­auf hin, dass die Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te nicht ursäch­lich für die Kri­se der orga­ni­sier­ten Anti­fa war (S. 48). Sie soll­te aber bald nach der Auf­lö­sung der maß­geb­li­chen bun­des­wei­ten Trä­ger­struk­tu­ren erheb­lich zur Spal­tung der radi­ka­len Lin­ken bei­tra­gen.

Die Anschlä­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001 fie­len ziem­lich genau mit dem Ende des nach 1989 begrün­de­ten Anti­fa-Bünd­nis­ses zusam­men (S. 47). Man mag Nowaks Fest­stel­lung tei­len kön­nen, dass ein Teil der alten Anti­fa in der ent­ste­hen­den glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Bewe­gung ein neu­es Akti­ons­feld fand und sich ande­re Grup­pen mehr auf staats- u. ideo­lo­gie­kri­ti­schen Fra­gen kon­zen­trier­ten. Ähn­lich wie wäh­rend des zwei­ten Golf­krie­ges führ­ten die Anschlä­ge auf New York und Washing­ton beson­ders in den zuletzt genann­ten Zusam­men­hän­gen zu einer (not­wen­di­gen) Wie­der­be­le­bung einer nach außen und innen gerich­te­ten Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te, wel­che die so wahr­ge­nom­me­ne regres­si­ve Israel­kri­tik in Tei­len der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Bewe­gung kri­ti­sier­te. Im Unter­schied zu 1991 erle­be der Dis­kurs nun eine neue Dyna­mik, eine bis­her nicht gekann­te Schär­fe und Kon­fron­ta­ti­on, die der ana­ly­ti­schen Strin­genz und einer sach­li­chen Debat­te häu­fig abträg­lich waren. Bald soll­te es nicht mehr um die Fra­ge gehen, wel­che For­men von Israel­kri­tik und Paläs­ti­na­so­li­da­ri­tät (bzw. Isra­el­so­li­da­ri­tät und Paläs­ti­na­kri­tik) adäquat und legi­tim sind. In Tei­len präg­te die neu­for­mier­te isra­el­so­li­da­ri­sche Lin­ke in kur­zer Zeit einen rigi­den Dog­ma­tis­mus aus, wie Nowak anschau­lich aus­zu­füh­ren weiß (S. 50 ff.). Israel­kri­tik und Anti­zio­nis­mus, Isla­mis­mus und Kolo­nia­lis­mus­kri­tik gal­ten in man­chen Spek­tren fort­an als per se anti­se­mi­tisch oder zumin­dest anti­se­mi­tis­mus­ver­däch­tig. Hier­in unter­schied sich die Anti­se­mi­tis­mus­ana­ly­se und Kri­tik vom Dis­kurs der frü­hen 1990er Jah­re.

Nowak beschreibt ein­dring­lich, wie an der Fra­ge der Posi­tio­nie­rung zum Nah­ost­kon­flikt, der jetzt wie­der in den Mit­tel­punkt der Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te rück­te, lin­ke Pro­jek­te und Initia­ti­ven, Wohn­ge­mein­schaf­ten und Freund­schaf­ten zer­bra­chen (S. 48). Gemäß der gän­gi­gen (Selbst-) Zuschrei­bun­gen stan­den sich seit­her häu­fig nicht weni­ger dog­ma­ti­sche paläs­ti­na­so­li­da­ri­sche «Anti­imps» und isra­el­so­li­da­ri­sche «Anti­deut­sche» unver­söhn­lich gegen­über. Aller­dings scheint der Höhe­punkt der Front­stel­lung, wie oben ange­merkt, inzwi­schen über­schrit­ten wor­den zu sein.

Nowaks ereig­nis­ge­schicht­li­cher Zugang über­zeugt auch in die­sem Teil sei­ner Unter­su­chung. Aller­dings fehlt es aus­ge­rech­net für die­se ent­schei­den­de Pha­se der Geschich­te der radi­ka­len Lin­ken in der Bun­des­re­pu­blik an theo­rie­ge­schicht­li­cher Fun­die­rung. Die Fra­ge, war­um ein Teil der Anti­fa «anti­deutsch» und  zuneh­mend unein­ge­schränkt isra­el­so­li­da­risch wur­de, die Fra­ge nach den lite­ra­risch-theo­re­ti­schen Grund­lan­gen für den welt­an­schau­li­chen Wan­del und die Bedeu­tung der aktu­el­len Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te für die Theo­rie- und Mei­nungs­bil­dung in der Lin­ken wer­den wenn über­haupt, dann nur sehr ober­fläch­lich behan­delt. An die­ser Stel­le sei den inter­es­sier­ten Leser_innen nahe­ge­legt, die kom­men­tier­te Biblio­gra­phie von Peter Ull­rich zu kon­sul­tie­ren, wel­che die ein­schlä­gi­ge Lite­ra­tur ver­zeich­net.[8]

Noch bevor beim Leser hier­über Ent­täu­schung Raum grei­fen kann, erfüllt das anschlie­ßen­de Inter­view mit Peter Ull­rich die Erwar­tun­gen in eine fun­dier­te Ana­ly­se. Im Gespräch äußert sich Ull­rich u. a. zu den Grün­den für die Ver­schie­bung der Dis­kur­se um Isra­el und Paläs­ti­na, zur Bedeu­tung der spe­zi­fi­schen deut­schen Erin­ne­rungs­kul­tur zu Natio­nal­so­zia­lis­mus und Shoa, zu den Kri­te­ri­en einer eman­zi­pa­to­ri­schen Paläs­ti­na- bzw. Israel­kri­tik, zur Kri­tik an lin­kem Anti­se­mi­tis­mus und zu bestimm­ten Aus­for­mun­gen der lin­ken Anti­se­mi­tis­mus­kri­tik (S. 64–78).

Nowak schließt sei­ne Dar­stel­lung mit einem über­zeu­gen­den Plä­doy­er für eine ste­ti­ge Ver­sach­li­chung der Debat­te (S. 79). Nowak ist dar­in zuzu­stim­men, dass der Dua­lis­mus von «anti­deutsch» und «anti­im­pe­ria­lis­tisch» im Hin­blick auf den dis­ku­tier­ten Gegen­stand, den Anti­se­mi­tis­mus, wenig erklä­rungs­kräf­tig – man möch­te hin­zu­fü­gen eher irre­füh­rend – ist (S. 5f.). Begriff­li­che Prä­zi­si­on, so Nowak, kann ein ers­ter Schritt zur Ent­emo­tio­na­li­sie­rung und Pro­blem­ori­en­tie­rung der Dis­kur­se sein. Kon­se­quen­ter Wei­se ver­mei­det Nowak zumeist die klas­si­schen Adjek­ti­ve und unter­schei­det eine in sich jeweils hete­ro­ge­ne isra­el­so­li­da­ri­sche von einer israel­kri­ti­schen Strö­mung in der Lin­ken. Nowak, der selbst einen wohl­tu­end dif­fe­ren­zier­ten und ver­mit­teln­den Stand­punkt ver­tritt, weist jede Form von Pau­schal­kri­tik und Gene­ra­li­sie­rung in der Debat­te als wenig gegen­stand­s­ad­äquat und erkennt­nis­för­der­lich zurück. Nowaks Vor­schlag dif­fe­ren­zier­te von ver­kürz­ter Kri­tik ana­ly­tisch zu unter­schei­den – Nowak ver­wen­det hier­für die Begrif­fe regres­si­ve Israel­kri­tik bzw. regres­si­ver Anti­zio­nis­mus – kann man sich nur anschlie­ßen. So setzt sich Nowak u. a. dafür ein, not­wen­di­ge Kri­tik etwa an der israe­li­schen Besat­zungs­po­li­tik zu for­mu­lie­ren. Die­se dür­fe aber nicht zur Dämo­ni­sie­rung und Dele­gi­ti­mie­rung Isra­els füh­ren. Dop­pel­te Stan­dards bei der Bewer­tung der Kon­flikt­par­tei­en sind zu ver­mei­den, soll eine lin­ke eman­zi­pa­to­ri­sche Kri­tik for­mu­liert wer­den, die, wie ein­gangs for­mu­liert, Anti­se­mi­tis­mus-, Kolo­nia­lis­mus- und Ideo­lo­gie­kri­tik sowie die Inter­es­sen aller in der Regi­on leben­den Men­schen gleich­be­rech­tigt berück­sich­tigt.

Resü­mie­rend kann fest­ge­hal­ten wer­den, dass Peter Nowak ein wich­ti­ger Bei­trag zur Geschich­te der Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te in der deut­schen Lin­ken gelun­gen ist, der mit Gewinn gele­sen wer­den und einen Aus­gangs­punkt für eine ver­tief­te Beschäf­ti­gung mit der The­ma­tik bil­den kann. Kri­tisch bleibt neben den bereits genann­ten Punk­ten anzu­mer­ken, dass es Nowak nicht immer durch­gän­gig gelingt, sei­ne strin­gen­te Glie­de­rung auf­recht­zu­er­hal­ten. Nowak beginnt bis­wei­len Exkur­se ohne die­se schlüs­sig zu ver­tie­fen. Ent­wick­lun­gen wer­den ange­deu­tet und blei­ben im stich­punkt­ar­ti­gen ver­haf­tet. Das gilt beson­ders für sein Streif­licht auf die Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te in der DDR und den Exkurs: «Zwi­schen den Fron­ten – Lin­ke Juden und die Lin­ke in Deutsch­land». Mehr addi­tiv als sys­te­ma­tisch rubri­ziert wir­ken die in der Sache über­zeu­gen­den Aus­füh­run­gen von Bern­hard Schmid über die Rech­te und Isra­el, die den Nowak-Band abschlie­ßen. Hier­durch wird der Lese­fluss an man­chen Stel­len beein­träch­tigt. Schließ­lich bleibt die feh­len­de Trenn­schär­fe zwi­schen tra­di­tio­nel­ler Anti­fa und «Nie wie­der Deutschland»-Bewegung und den seit 2001 neu ent­ste­hen­den Anti­fa-Zusam­men­hän­gen zu monie­ren.

Peter Nowak: Kur­ze Geschich­te der Anti­se­mi­tis­mus­de­bat­te in der deut­schen Lin­ken, Edi­ti­on Assem­bla­ge, Müns­ter 2013.

 

 


[2] Peter Ull­rich, Begrenz­ter Uni­ver­sa­lis­mus. Sozia­lis­mus, Kom­mu­nis­mus, Arbeiter(innen)bewegung und ihr schwie­ri­ges Ver­hält­nis zu Juden­tum und Nah­ost­kon­flikt, Ber­lin 2007. Ders., Die Lin­ke, Isra­el und Paläs­ti­na. Nah­ost­dis­kur­se in Groß­bri­tan­ni­en und Deutsch­land, Ber­lin 2008. Ders., Kath­rin Vog­ler, Mar­tin For­berg, Königs­weg der Befrei­ung oder Sack­gas­se der Geschich­te? BDS – Boy­kott, Des­in­ves­ti­ti­on und Sank­tio­nen. Annä­he­run­gen an eine aktu­el­le Nah­ost­de­bat­te, Ber­lin 2011. Ders., Lin­ke. Nah­ost­kon­flikt. Anti­se­mi­tis­mus. Weg­wei­ser durch eine Debat­te. Eine kom­men­tier­te Biblio­gra­phie. Rei­he Ana­ly­sen der Rosa Luxem­burg Stif­tung, Ber­lin 2012. Ders., Deut­sche Lin­ke und der Nah­ost­kon­flikt – Poli­tik im Anti­se­mi­tis­mus- und Erin­ne­rungs­dis­kurs, Göt­tin­gen 2013.

[3] Ger­hard Han­lo­ser (Hrsg.), «Sie waren die anti­deut­sches­ten der deut­schen Lin­ken». Zu Geschich­te, Kri­tik und Zukunft anti­deut­scher Poli­tik, Müns­ter 2004. Mar­tin W. Klo­cke: Isra­el und die deut­sche Lin­ke. Zur Geschich­te eines schwie­ri­gen Ver­hält­nis­ses. Schrif­ten­rei­he des Deutsch-israe­li­schen Arbeits­krei­ses für Frie­den im Nahen Osten, Frank­furt a. M. 1994. Mar­cus Hawel, Moritz Blan­ke (Hrsg.), Der Nah­ost­kon­flikt. Befind­lich­kei­ten der deut­schen Lin­ken, Ber­lin 2010.

[4] Vgl. hier­zu die ein­schlä­gi­gen Arti­kel unter http://​peter​-nowak​-jour​na​list​.de/

[5] Vgl. hier­zu: Mar­tin Hoff­mann, Rote Armee Frak­ti­on. Tex­te und Mate­ria­li­en zur Geschich­te der RAF, Ber­lin 1997.

[6] Vgl. hier­zu: Mar­cus Hawel, Die nor­ma­li­sier­te Nati­on. Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung und Außen­po­li­tik in Deutsch­land. Mit einem Vor­wort von Mos­he Zucker­mann, Han­no­ver 2007.

[7] Vgl. hier­zu aktu­ell: Hen­ning Fischer Dres­den und Deutsch­land: Zwei­er­lei Mythos. Zum Mythos Dres­den als Teil der deut­schen Geschich­te, in: Ders., Uwe Fuhr­mann, Jana König, u. a. (Hrsg.), Zwi­schen Igno­ranz und Insze­nie­rung. Die Bedeu­tung von Mythos und Geschich­te für die Gegen­wart der Nati­on, Müns­ter 2012, S. 32–59.


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