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Interview mit Renato Biagettis Mutter Stefania Zuccari: „Der Faschismus war nie weg“

Graf­fi­to für Rena­to Bia­get­ti in Rom

Unser Ita­li­en-Kor­re­spon­dent Hei­ko Koch inter­view­te am 26. Sep­tem­ber 2018 in Rom Ste­fa­nia Zuc­ca­ri, die Mut­ter von Rena­to Bia­get­ti. Rena­to Bia­get­ti wur­de im August 2006 in Foce­ne, einem Vor­ort von Rom, von einem Faschis­ten ermor­det. Ste­fa­nia Zuc­ca­ri grün­de­te dar­auf mit ande­ren Frau­en das „Comi­ta­to Madri per Roma Città Aperta“ [„Komi­tee der Müt­ter für Rom Offe­ne Stadt“] und enga­giert sich seit­dem grenz­über­grei­fend gegen Poli­zei­ge­walt und Faschis­mus und für sozia­le Gerech­tig­keit. Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: „Wenn ich in mei­nem Kopf nur den­je­ni­gen sehen wür­de, der Rena­to getö­tet hat, dann wäre ich in mei­nem Kopf ste­hen geblie­ben. Mein Geist muss­te sich öff­nen und dazu brauchst du Lie­be.“

Hei­ko Koch: Guten Tag Signo­ra Zuc­ca­ri. Vie­len Dank, das Sie zu einem Inter­view bereit sind. Sie sind die Mut­ter von Rena­to Bia­get­ti, der im Jahr 2006 von einem Faschis­ten in Rom ersto­chen wur­de. In Deutsch­land gibt es nur weni­ge Men­schen, die von dem Schick­sal ihres Soh­nes wis­sen. Bit­te erzäh­len Sie uns über Rena­to und die Ereig­nis­se aus dem Jahr 2006.

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Mein Name ist Ste­fa­nia Zuc­ca­ri. Ich bin die Mut­ter von Rena­to – Rena­to Bia­get­ti. Rena­to war ein jun­ger Mann von 26 Jah­ren. Er war wie vie­le ande­re jun­gen Leu­te im heu­ti­gen Ita­li­en. Mit einem Unter­schied — er war ein Lin­ker. Eine „Zec­ca comu­nis­ta“ — eine „kom­mu­nis­ti­sche Zecke“, wie man Lin­ke hier in Ita­li­en von Rechts beschimpft. Wir sind eine ganz nor­ma­le Fami­lie. Ich war von Beruf Bank­an­ge­stell­te und habe als sol­che mei­ne bei­den Söh­ne — Dario und Rena­to — groß gezo­gen. Rena­to hat 2005 sei­nen Uni­ver­si­täts­ab­schluss in Inge­nieur­we­sen abge­schlos­sen, spe­zia­li­siert auf Robo­ter­tech­nik. Im Som­mer 2006, an einem sehr hei­ßen Tag im August — Rena­to war damals sehr ver­liebt — woll­te er mit sei­ner Freun­din Lau­ra ein Fuß­ball­spiel von AS Roma anse­hen. Was ich nicht wuss­te — er hat­te bei Lau­ra geschla­fen — das sie anschlie­ßend noch auf ein Kon­zert am Strand von Foce­ne gehen woll­ten. Mit die­sem Kon­zert hat sich alles geän­dert. Es war ein Reg­gae-Kon­zert. Eine Musik, die ger­ne von den jun­gen Lin­ken gehört wird. Und in die­sem Treff hing damals auch eine Fah­ne der Par­tei „Rif­on­da­zio­ne comu­nis­ta“. Rena­to war der Letz­te der das Kon­zert ver­ließ, denn er war sehr müde gewe­sen und dort ein­ge­schla­fen. Drau­ßen war­te­te er auf Lau­ra, die los­ge­gan­gen war, um das Auto zu holen, um dann nach Hau­se zu fah­ren. Mit sei­nem Freund Pau­lo war­te­te er an einem Mäu­er­chen auf Lau­ra, als ein Auto her­an­fuhr und sie qua­si an die Mau­er quetsch­te. Aus dem Auto her­aus wur­den sie ange­brüllt, ob das Kon­zert zu Ende sei. Rena­to ant­wor­te­te, dass das Kon­zert vor­über sei. Danach wur­den sie ange­brüllt „Scheiß­ker­le, haut ab, hier ist kein Platz für Euch!“. Pau­lo hat­te inzwi­schen gemerkt, dass die bei­den Insas­sen des Autos Mes­ser bereit hiel­ten und sie gefähr­li­che Absich­ten hat­ten. Dar­auf­hin ver­such­te er eine Wagen­tür zu blo­ckie­ren, damit der Insas­se nicht aus­stei­gen konn­ten. Auf der ande­ren Sei­te stieg der ande­re Insas­se aus. Rena­to sah das Mes­ser und rief „Sie haben Mes­ser, sie haben Mes­ser, schmeißt die Mes­ser weg!“ Lau­ra hat­te die Schreie gehört und kam ange­rannt. Sie sah wie der Täter auf Rena­to ein­stach. Sie schmiss sich zwi­schen Rena­to und den Angrei­fer.

H.K.: Eine sehr muti­ge Reak­ti­on.

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Ja, aber Lau­ra geht es bis heu­te – noch 12 Jah­ren nach den Ereig­nis­sen – nicht gut. Aus den Pro­zess­ak­ten ging her­vor, dass schon die ers­ten Mes­ser­sti­che, die Rena­to hier tra­fen, die töd­li­chen waren. Sie gin­gen in den Bauch und ins Herz. Den­noch schaff­te er es, zu rufen: „Sie nicht! Lasst Sie in Ruhe! Sie nicht!“ und den Angrei­fer umzu­stos­sen. Da kam der ande­re Angrei­fer, der schon auf Pau­lo ein­ge­sto­chen hat­te, um den Wagen her­um und stach Rena­to mit sei­nem Mes­ser in den Rücken und die Lun­ge. Wir — also ich, Dario, und all die Genos­sen aus dem Cen­tro Soci­al Acro­b­ax, wo auch Rena­to ver­kehr­te, haben damals schnell ver­stan­den, dass es sich um einen faschis­ti­schen Angriff gehan­delt haben muss­te. Die­se Art und Wei­se zu agie­ren und Men­schen anzu­grei­fen, die von einem lin­ken Kon­zert kom­men. Aber wir konn­ten es nicht bewei­sen, dass die Täter Faschis­ten waren. Die Mör­der waren mit dem Auto geflo­hen. Die Poli­zei erzähl­te mir, dass Rena­to noch fünf Stun­den gelebt habe. Fünf Stun­den bei vol­lem Bewusst­sein. Und er soll Aus­sa­gen gemacht habe, deren Auf­zeich­nung aber als ver­schwun­den gel­ten. Die Cara­bi­nie­ri [ita­lie­ni­sche kaser­nier­te Bun­des­po­li­zei] ver­si­cher­ten mir, sie wür­den alles unter­neh­men, um die geflo­he­nen Angrei­fer zu fin­den. Durch eine Zeu­gen­aus­sa­ge kann­ten wir den Auto­typ und die ers­ten bei­den Zif­fern des Auto-Kenn­zei­chens. Die Cara­bi­nie­ri ver­si­cher­ten uns, sie wür­den das Fahr­zeug suchen, fän­den aber nichts. Nach eini­gen Tagen mel­de­ten sich zwei Jugend­li­che bei der Poli­zei und gaben an, die Angrei­fer gewe­sen zu sein. Der älte­re 19Jährige gab zu Pro­to­koll, Rena­to ersto­chen zu haben.

H.K.: Die Täter haben sich selbst gestellt?

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Ja. Es war eine Selbst­an­zei­ge. War­um? Die bei­den Täter hat­ten sich in einer Rei­se­agen­tur nach dem ers­ten Flug in ein Land erkun­digt, das kein Aus­lie­fe­rungs­ab­kom­men mit Ita­li­en hat. Zu dem frag­ten sie, ob man mit 70.000 Euro dort ein Haus kau­fen kann. Sie kauf­ten zwei Tickets nach San­to Dom­in­go. Dabei war auch ein Mäd­chen. Das eine Ticket ging auf ihren Namen. Kurz bevor sie die Agen­tur ver­lie­ßen, sag­te sie, dass wenn sie nicht rei­sen kön­ne, einer der Jungs für sie flie­gen wür­de. Der Ange­stell­ten der Rei­se­agen­tur kam das Ver­hal­ten der drei so merk­wür­dig vor, dass sie ihrem Ehe­mann von dem Vor­gang berich­te­te. Die­ser war aber nun Beam­ter der Finanz­po­li­zei. Auch der fand ihr Ver­hal­ten merk­wür­dig. Er hat sich über die aktu­el­len Fahn­dun­gen infor­miert, ist fün­dig gewor­den und hat ihr gesagt, sie sol­le die Flü­ge annul­lie­ren. Im Fol­ge des­sen kam her­aus, dass der 19jährige, der das Auto gefah­ren hat, der Sohn eines Offi­ziers der Cara­bi­nie­ri, des Kom­man­dan­ten von Foce­ne, war. Das Auto der Täter war das pri­va­te Auto des Kom­man­dan­ten gewe­sen und es war nach der Tat voll mit dem Blut mei­nes Soh­nes. Es wur­de wei­ter­hin bekannt, dass der Täter auf sei­nem Kör­per einen römi­schen Gla­dia­tor, den Spruch „For­za e Ono­re“ – „Kraft und Ehre“ und ein Kel­ten­kreuz täto­wiert hat. All das war uns eine Bestä­ti­gung, dass der Mord an Rena­to eine faschis­ti­sche Tat war. Dann wur­de hier, in der Nähe mei­ner Woh­nung, an eine Häu­ser­wand der Spruch gesprüht „Acro­b­ax — meno uno“ — „Acro­b­ax — einer weni­ger“. Der Vater des 19jährigen, der Cara­bi­nie­ri-Offi­zier, hat­te sei­nen Sohn davon über­zeugt, sich der Poli­zei zu stel­len. Schließ­lich hat­te man ja schon sei­nen Namen über die Rei­se­agen­tur.

H.K.: Wie ging es Lau­ra?

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Es ging Lau­ra sehr schlecht. Sie wur­de auto­ag­gres­siv und füg­te sich immer wie­der Wun­den zu. Sie hat auch heu­te noch gro­ße psy­chi­sche Pro­ble­me. Jetzt ist Lau­ra mit einem der bes­ten Freun­de von Rena­to zusam­men.

H.K.: Und wie geht es Pau­lo?

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Auch Pau­lo wird von Schuld­ge­füh­len geplagt. Pau­lo denkt, wenn er Rena­to schnel­ler gewarnt hät­te, hät­te Rena­to sich ret­ten kön­nen. Pau­lo hat eine lan­ge Zeit nur geweint und sich in sich selbst ver­schlos­sen. Auch Lau­ra ist bis heu­te dar­auf fixiert, dass sie Rena­to hät­te ret­ten kön­nen. Ihre psy­chi­schen Pro­ble­me haben mitt­ler­wei­le dazu geführt, dass sie kei­ne Kin­der mehr bekom­men kann.

H.K.: Wie waren im Jahr 2006 die Reak­tio­nen in der Öffent­lich­keit? Was hat die Pres­se über den Mord geschrie­ben?

Die Wahr­heit für Rena­to: Pla­kat gegen die Lüge, Rena­to sei bei einer „Schlä­ge­rei von Dumm­köp­fen“ umge­kom­men. Es habe sich um eine „faschis­ti­sche Aggres­si­on“ gehan­delt, heißt es dar­auf

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Die Medi­en berich­te­ten über eine „Ris­sa tra Bal­or­di“ – eine „Schlä­ge­rei zwi­schen Dumm­köp­fen“. Da fing es an, dass ich mich das ers­te Mal dafür ein­setz­te, das dies rich­tig gestellt wur­de. Ich habe dann mit Wal­ter Vel­tro­ni, dem dama­li­gen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Bür­ger­meis­ter Roms von der Par­ti­do Demo­cra­ti­co (PD) gespro­chen. In sei­ner Jugend war er Mit­glied der kom­mu­nis­ti­schen Jugend gewe­sen. Als er ver­stand, dass Rena­to kein jugend­li­cher Rabau­ke war, frag­te er mich, ob sich die Stadt Rom an dem Pro­zess gegen die Mör­der betei­li­gen soll. Und ob die Stadt Rom eine Stra­ße oder eine Piaz­za nach mei­nen Sohn benen­nen soll. Ich habe ihm gesagt, dass eine Mut­ter für ihren Sohn kein Stra­ßen­schild will. Er sol­le viel­mehr die rech­ten Beset­zun­gen von Casa­Po­und in der via Napo­leo­ne III und das „Foro 753“ in der Via Beve­ri­no räu­men las­sen. Dar­auf ant­wor­te­te er, dass dies nicht mög­lich sei. Die Lin­ke hät­te vie­le besetz­te Cen­tri Socia­li in Rom, die Rech­ten aber nur die­se. Ich habe ihm gesagt, dass ich nichts von der Stadt Rom will, außer das sie die besetz­ten Zen­tren der Faschis­ten räumt. Das war, was in den ers­ten zwei Mona­ten nach der Tat pas­sier­te. Unge­fähr acht Mona­te spä­ter habe ich bei einem Sit In für Wahr­heit und Gerech­tig­keit vor der Kir­che San­ta Maria Mag­gio­re dar­über gespro­chen, dass man Men­schen töten kann, nicht aber ihre Ide­en. Dort ent­stand die Idee, sich ähn­lich zu orga­ni­sie­ren wie die Madres de Pla­za di Mayo in Bue­nos Aires in Argen­ti­ni­en. Ich ent­schied mich die­se Müt­ter in Ita­li­en zu fin­den und eine Orga­ni­sa­ti­on zu grün­den. Ich fand die­se Müt­ter und grün­de­te mit ihnen das „Comi­ta­to madri per Roma Città Aper­ta“. Das war im Jahr 2007. Wir haben ange­fan­gen Ver­an­stal­tun­gen zu machen. Nicht nur um an Rena­to zu erin­nern. Auch an die ande­ren durch Faschis­ten und durch Staat und Poli­zei Ermor­de­ten. Wir set­zen uns zudem für das Recht auf Woh­nen, auf Arbeit und auf sozia­le und medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ein – sprich ein Recht auf ein men­schen­wür­di­ges Leben.

H.K.: Von wel­chen staat­li­chen Opfern sprecht ihr?

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Von Per­so­nen, die von der Poli­zei kon­trol­liert oder ver­haf­tet und dann ermor­det wur­den. Als beson­ders gra­vie­ren­der Fall wäre Feder­i­co Aldo­van­di aus Fer­ra­ra zu nen­nen. Der 18jährige wur­de im Sep­tem­ber 2005 auf sei­nem Weg nach Hau­se mor­gens früh von vier Poli­zis­ten ange­hal­ten. Sie hiel­ten ihn für einen ille­ga­len Migran­ten oder eine Kom­mu­nis­ten und schlu­gen ihn mit ihren Schlag­stö­cken zusam­men. Man zähl­te bei einer spä­te­ren Unter­su­chun­gen sei­nes Leich­nams 54 Ver­let­zun­gen mit­tels Schlag­stö­cken. Selbst sei­ne Herz­kam­mern waren zusam­men­ge­fal­len. Feder­i­co war Sohn eines Ver­kehrs­po­li­zis­ten. Es gab eine Gerichts­ver­hand­lung, in der die Rich­ter befan­den, dass die vier Poli­zei­be­am­ten über­trie­ben agiert hät­ten. Aber die Beam­ten sind wei­ter­hin im Poli­zei­dienst. Und so wie Feder­i­co gibt es zahl­rei­che ande­re Fäl­le von Poli­zei­über­grif­fen und staat­li­chen Mor­den. Wie etwa Ste­fa­no Cuc­ci, der 2009 im Gefäng­nis starb, und vie­le ande­re mehr. Auch gibt es vie­le Fäl­le von lan­ger Inhaf­tie­run­gen, nach­dem Jugend­li­che auf Demons­tra­tio­nen ver­haf­tet wur­den. Dies sind die Sachen, um die wir Müt­ter uns küm­mern. In den letz­ten Jah­ren ist unser Komi­tee gewach­sen. Und auch in ande­ren Tei­len Ita­li­ens sind ähn­li­che Grup­pen ent­stan­den, mit denen wir zusam­men arbei­ten. So zum Bei­spiel auf die Akti­vi­tä­ten von Hai­di Giu­lia­ni hin. Hai­di ist die Mut­ter von Car­lo Giu­lia­ni, der 2001 in Genua von einem Cara­bi­nie­re wäh­rend der G8-Pro­tes­te erschos­sen wur­de. Und Rosa Piro, die Mut­ter von Davi­de Cesa­re – Dax genannt –, der ähn­lich wie Rena­to von einem Faschis­ten in Mai­land im Jahr 2003 ersto­chen wur­de. Wir haben auch damit begon­nen ins Aus­land zu gehen und dort Kon­tak­te zu suchen. So sind wir nach Madrid zu der Erin­ne­rung an Car­los Palomi­no gefah­ren, der 2007 von einem Falan­gis­ten [spa­ni­sche Faschis­ten] ermor­det wur­de, und haben zu den Genos­sin­nen in Madrid Kon­tak­te auf­ge­baut. Und wir sind nach Paris gegan­gen und haben den Kon­takt zu den Eltern von Cle­ment Meric gesucht, der 2013 von einem Nazi erschla­gen wur­de. Und nach Athen sind wir gegan­gen. Mit all die­sen Müt­tern haben wir eine Dekla­ra­ti­on ver­fasst und die­ses Jahr Anfang Sep­tem­ber ver­öf­fent­licht. Wir haben auch tat­säch­lich Kon­takt zu den „Madres de la Pla­za de Mayo“ in Bue­nos Aires auf­ge­baut und waren im letz­ten Jahr in Argen­ti­ni­en. Die „Madres de la Pla­za de Mayo“ demons­trie­ren noch immer jeden Don­ners­tag vor dem Prä­si­di­al­pa­last, der Casa Ros­a­da, mit ihren wei­ßen Kopf­tü­chern. Vie­le sind schon ver­stor­ben. Aber es demons­trie­ren immer noch 90- bis 95-jäh­ri­ge Frau­en auf der Pla­za de Mayo für die Men­schen­rech­te. Die Madres haben uns mit unse­rem Ban­ner in der ers­ten Rei­he in Bue­nos Aires demons­trie­ren las­sen.

Ein jähr­li­ches öffent­li­ches Erin­nern an Rena­to, der von Faschis­ten ermor­det wur­de

Wir sagen, dass alle von Repres­si­on Betrof­fe­nen unse­re Söh­ne und Töch­ter sind. Nicht dei­ne Toch­ter oder mein Sohn, son­dern unse­re Töch­ter und Söh­ne. Und so ver­su­chen wir jetzt Kon­takt zu den Müt­tern in Chia­pas in Mexi­ko auf­zu­bau­en, deren Söh­ne und Töch­ter ermor­det wur­den. So geht unse­re Arbeit jeden Tag wei­ter. Mit unse­ren Ver­an­stal­tun­gen an den Schu­len, an den Uni­ver­si­tä­ten, mit den Demons­tra­tio­nen usw.. Wir sind freie Frau­en. Wir sind nicht mit irgend­wel­chen Par­tei­en asso­zi­iert, weil wir in unse­ren Ent­schei­dun­gen frei und unab­hän­gig sein wol­len. Wir finan­zie­ren uns sel­ber. Zum Bei­spiel über den Ver­kauf von Kuchen und Lebens­mit­teln auf Fes­ten in Cen­tri Socia­li, auf Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen, Kund­ge­bun­gen usw.. Mit dem Buch „Prossi­mo Fer­ma­ta“ von Zero­cal­ca­re über den Tod von Rena­to haben wir zum Bei­spiel die Eröff­nung einer Schu­le in Paläs­ti­na unter­stützt. Eine Schu­le für tra­di­tio­nel­len paläs­ti­nen­si­schen Tanz für Kin­der mit geis­ti­gen und kör­per­li­chen Behin­de­run­gen. Aber auch für Kin­der, deren Eltern in israe­li­schen Gefäng­nis­sen sit­zen. Sowie einen klei­nen Bus, der die Kin­der von zu Hau­se abholt, sie zur Schu­le bringt und spä­ter wie­der zu Hau­se absetzt. Der Druck des Buches wur­de von einem Vater eines unse­rer Grup­pen­mit­glie­der finan­ziert. Wir wol­len in Zukunft hier in Rom eine musi­ka­li­sche Initia­ti­ve grün­den. Denn das ist, wor­an ich mich ger­ne erin­ne­re: An Rena­tos Lie­be für und Freu­de an der Musik. Das ist mehr für mich ein pri­va­tes Erin­nern. Die jähr­li­che Gedenk-Ver­an­stal­tung am Strand von Foce­ne im August und das gro­ße Kon­zert zu Beginn jeden Sep­tem­bers in einem Park in Rom stel­len ein öffent­li­ches Erin­nern dar. Zu dem Kon­zert im Par­co Schus­ter kom­men jedes Jahr ein paar Tau­send Per­so­nen. Es ist eine gute Gele­gen­heit auf den Kon­zer­ten mit­tels Musik und Reden anti­fa­schis­ti­sche Inhal­te zu ver­brei­ten. Aber auch über den Kampf gegen die Tras­se für den Hoch­ge­schwin­dig­keits­zug „Tre­no ad Alta Velo­ci­tá“ (TAV) zwi­schen Turin und Lyon, der im Val di Susa tobt, zu spre­chen. So sind zwei Müt­ter aus dem Val di Susa auch in unse­rem Komi­tee. Es gibt eine Men­ge an bru­ta­len Rea­li­tä­ten in Ita­li­en, die wie im Val di Susa sind, sich kaum ändern und mit denen unse­re Kin­der kon­fron­tiert sind.

Es hat in Ita­li­en die Resis­ten­za und den Befrei­ungs­kampf gegen den Faschis­mus gege­ben. Aber der Faschis­mus war nie weg. Und heu­te ist alles erlaubt und der Faschis­mus wird wie­der gesell­schafts­fä­hig. Die­ses Jahr habe ich die Kin­der unse­rer Kin­der — unse­re Enkel — auf die Büh­ne im Park geholt, weil sie viel­leicht die­je­ni­gen sind, die eine ande­res Ita­li­en erle­ben wer­den. So auch mei­ne Enke­lin, die Toch­ter von Dario. Sie beginnt mit ihren fünf­ein­halb Jah­ren lang­sam Zusam­men­hän­ge zu ver­ste­hen und mein­te neu­lich „Sia­mo tut­ti anti­fa­scis­ti“ – “Wir sind alle Antifaschist*innen“. Das macht mir Hoff­nung für die Zukunft.

Als ich die Lei­che mei­nes Soh­nes gese­hen habe, bleich und tot – auf fürch­ter­li­che Art ermor­det – in die­sem zer­rei­ßen­den Schmerz, habe ich mir gedacht, dass all die Freun­din­nen und Freun­de, Bekann­ten, Genos­sin­nen und Genos­sen alle mei­ne Kin­der sind. Es ent­stand eine Art Beschüt­ze­rin­nen­rol­le in mir und ich dach­te man muss mit Lie­be arbei­ten. Denn nur die Lie­be kann etwas auf­bau­en. Wenn ich in mei­nem Kopf nur den­je­ni­gen sehen wür­de, der Rena­to getö­tet hat, dann wäre ich in mei­nem Kopf ste­hen geblie­ben. Mein Geist muss­te sich öff­nen und dazu brauchst du Lie­be. So erklä­re ich es den Schü­le­rin­nen und Schü­lern in den Mit­tel­schu­len und Gym­na­si­en, wo ich über Rena­to erzäh­le. Ich neh­me mei­ne gro­ße Wut und mei­nen Hass gegen faschis­ti­sche Ide­en – jenen Ide­en, die nur vom Tod spre­chen und nicht von dem, was die Men­schen brau­chen. Es gibt nur eine Ras­se, und das ist die mensch­li­che Ras­se. Das Leben muss wür­dig für alle Men­schen sein – mit einer Woh­nung, einer Arbeit und Zuge­hö­rig­keit. Wir sind anders – wir gehö­ren nicht die­sen Ide­en des Todes und der Unter­drü­ckung an. Und erst Recht wir Frau­en haben ein Recht auf Frei­heit – Frei­heit von die­ser Men­ta­li­tät eines faschis­ti­schen Mas­ku­li­nis­mus.

Musik­pro­jekt gegen rechts

H.K.: Ich habe von einem Musik­pro­jekt namens „Renoi­ze“ gehört, was in Namen ihres Soh­nes in dem Cen­tro Sozia­le „Acro­b­ax“ gegrün­det wur­de? Was macht die­ses Pro­jekt?

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Zum einen ver­an­stal­te­te „Renoi­ze“ Musik­aben­de, Kon­zer­te und der­glei­chen. Und „Renoi­ze“ hat im Cen­tro Socia­le „Acro­b­ax“ einen Pro­be- und Auf­nah­me­raum für jun­ge Bands ein­ge­rich­tet.

H.K.: Ähn­lich wie Casa­Po­und mit sei­nem „Bun­ker­noi­se Aca­de­my“, das sie 2010 in der Via Napo­leo­ne III ein­rich­te­ten.

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Casa­Po­und über­nimmt vie­les von der Lin­ken. Und sie bewe­gen sich in den sozia­len Fel­dern, wo denen sich die Lin­ke seit lan­gem zurück­ge­zo­gen hat.

H.K.: Könn­te man sagen, dass Casa­Po­und eine Form der Dis­kur­s­pi­ra­te­rie betreibt?

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Ja, Casa­Po­und hat auch schon Rino Gaeta­no und Che Gue­va­ra als Pro­pa­gan­da für sich ein­ge­setzt. Sie spre­chen in einer Spra­che, die der der Lin­ken ähnelt, und tref­fen auf ein tie­fes sozia­les Unbe­ha­gen in der ita­lie­ni­schen Gesell­schaft, das in der stei­gen­den Armut und Ent­rech­tung wur­zelt. An genau die­sem Unbe­ha­gen knüp­fen sie an. Mit den bekann­ten Argu­men­ten, wie z.B. „Die Aus­län­der bekom­men eine Woh­nung – ich nicht“ usw. Genau die sozia­len The­men und Pro­ble­me, um die sich die Lin­ke seit Jah­ren nicht küm­mert, wer­den von Casa­Po­und auf­ge­grif­fen. So ver­teilt Casa­Po­und Essens­pa­ke­te an Ita­lie­ne­rin­nen und Ita­lie­ner, die es als Arbeits­lo­se oder bei ihrer klei­nen Ren­te sehr schwer haben.

H.K.: Noch ein­mal zurück zum Mord an Rena­to: Wie ver­lief der Pro­zess gegen die zwei Angrei­fer?

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Bei dem Pro­zess inter­es­sier­te mich nicht die Län­ge der Haft­stra­fe für den Mör­der mei­nes Soh­nes. Ich glau­be nicht, dass ein Gefäng­nis­auf­ent­halt eine Art Erzie­hung oder eine „Wie­der­ein­glie­de­rung“ sein kann. Egal wie vie­le Jah­re die Schul­di­gen bekom­men. Was mich – was uns – inter­es­sier­te, war der Umstand, das in dem Urteil stand, das Rena­to ermor­det wur­de, weil er ein Lin­ker, ein Anti­fa­schist, war. Der eine Täter fiel unter das Jugend­straf­recht. Er war zur Tat­zeit sieb­zehn­ein­halb Jah­re alt. Und in dem Jugend­ge­richts­ur­teil stand, dass die Tat began­gen wur­de, weil der Jugend­li­che das Ter­ri­to­ri­um für sich bean­sprucht hät­te. Für den Sohn des Poli­zei­of­fi­ziers galt das Erwach­se­nen­straf­recht. In sei­nem Urteil stand, dass das gewalt­tä­ti­ge Delikt aus nie­de­ren Beweg­grün­den began­gen wur­de. Es hat mich nie inter­es­siert, ob Rena­tos Mör­der noch im Gefäng­nis sitzt, oder nicht. Aber vor eini­ger Zeit bekam ich eini­ge Face­book-Fotos geschickt. Hier, sieh‘ selbst auf mei­nem Smart­pho­ne, es sind vie­le Fotos. Vit­to­rio Emi­lia­ni, der Sohn des Cara­bi­nie­re, zeigt sich hier auf Face­book, wie er ganz ent­spannt bei einer Unter­was­ser­mas­sa­ge in einem Whirl­pool sitzt. Hier schreibt er, was ihm gefällt: Boxen, Mus­so­li­ni, Natur, Treue, Frau­en und „For­za e Ono­re“. Viel­leicht war er neun Jah­re im Gefäng­nis. Wie Du siehst, haben die­se Jah­re in Haft nichts genützt.

Der jün­ge­re Täter gilt als nicht vor­be­straft. Wäh­rend wir alle wegen die­ser Tat und des Trau­mas lan­ge Zeit in The­ra­pie gewe­sen sind und über die Jah­re auch viel Geld dafür bezah­len muss­ten, hat er sein Leben nor­mal wei­ter geführt. Er war für sei­ne Tat kei­nen Tag in Haft oder in Haus­ar­rest. Er bekam kei­ne Sozi­al­auf­la­gen, nichts. In dem Pro­zess ging der Rich­ter von 14 Jah­ren auf 7 Jah­re Haft her­un­ter, bis er sich auf eine Maß­nah­me in der Stadt L‘Aquila für den Täter ent­schied. Heu­te hat der Täter sozu­sa­gen eine „rei­ne Wes­te“ und schreibt auf Face­book über die posi­ti­ve Bewer­tung, die sein Fuß­ball­trai­ner über ihn abgibt. Er sei ein „bra­vo raga­z­zo“ – ein guter Kerl. Er soll dar­auf erwi­dert haben, dass er nur ein­mal in sei­nem Leben ein „bra­vo raga­z­zo“ gewe­sen sei. Das bezog sich auf die Tat in Foce­ne.

Für uns war das damals so. Als wir das „Comi­ta­to madri per Roma Città Aper­ta“ grün­de­ten, beka­men ich und Dario jede Men­ge anony­me Bedro­hun­gen, por­no­gra­phi­sche Bil­der usw. zuge­sandt. Und mein Tele­fon wur­de von der Poli­zei über­wacht. Als ich mei­nen Anwalt frag­te, war­um ich über­wacht wür­de, ant­wor­te­te er, weil ich nicht ruhig zu Hau­se sit­zen, dass das an mei­nen poli­ti­schen Akti­vi­tä­ten lie­gen wür­de. Und als im Jahr 2008 Fabio und zwei wei­te­re Genos­sen nach dem Kon­zert im Par­co Schus­ter von einer Grup­pe Rech­ter mit Mes­sern ange­grif­fen wur­de, pos­te­te Casa­Po­und auf You­tube ein Video. Dar­in zeig­te man das Rug­by-Team „All Reds“ von Acro­b­ax – wo Dario Trai­ner war – und beschimpft sie und ver­spricht ihnen: „Sia­mo arri­v­an­do“ — „Wir kom­men!“ Aber wir haben uns nicht ein­schüch­tern las­sen und unse­re Akti­vi­tä­ten fort­ge­setzt. Je mehr ich bedrängt wur­de mei­ne poli­ti­schen Akti­vi­tä­ten ein­zu­stel­len, um so mehr habe ich sie wei­ter ver­folgt.

H.K.: Ich hät­te noch eine letz­te Fra­ge. Das „Comi­ta­to madri per Roma Città Aper­ta“ betreibt in Ita­li­en, wie auch trans­na­tio­nal, poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten. Haben Sie für ihr wei­te­res Vor­ge­hen eine Art Road Map?

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Natür­lich wer­den wir mit unse­ren inter­na­tio­na­len Kon­tak­ten wei­ter machen. Und so merk­wür­dig es auch klingt, aber hier in Ita­li­en ist es schwie­ri­ger für uns Ver­an­stal­tun­gen zu machen. Wir dür­fen näm­lich an Schu­len immer nur auf Ein­la­dung der Schü­le­rin­nen­schaft erschei­nen. Die Direk­to­rin­nen und Direk­to­ren wol­len meis­tens nicht, dass wir Vor­trä­ge an ihren Schu­len hal­ten. In die­sem römi­schen Stadt­teil hat bei den letz­ten Wah­len „Mit­te-Links“ gewon­nen. Ich habe jetzt bei dem Bezirks­bür­ger­meis­ter bean­tragt, dass hier im Stadt­teil an die Resis­ten­za – an den anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand – mehr erin­nert wird. Aber nicht nur an den his­to­ri­schen Wider­stand, son­dern auch an den aktu­el­len Wider­stand gegen den Faschis­mus. Es gibt die „Nuo­vi Par­ti­gia­ni“, die neu­en Partisan*innen, das sind die, die auf die Demons­tra­tio­nen gegen die Faschis­ten gehen. Und die auch wie­der Opfer des Faschis­mus wer­den. Das sind die „Nuo­vi Par­ti­gia­ni“.

H.K.: Dann hof­fe ich, das Sie mit ihrer Inter­ven­ti­on im Stadt­teil und mit dem „Comi­ta­to madri per Roma Città Aper­ta“ viel Erfolg haben. Vie­len Dank für das Inter­view.

Ste­fa­nia Zuc­ca­ri: Gern gesche­hen.

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Comi­ta­to madri per Roma città aper­ta   —   https://​madri​x​ro​macitta​per​ta​.noblogs​.org

Cen­tro Socia­le Acro­b­ax   —   http://​acro​b​ax​.org

Renoi­ze 2018   —   http://radiosonar.net/renoize-2018–12-anni-di-renato-roma-non-dimentica

All Reds Rug­by Roma   —   http://​www​.all​reds​.it/​a​l​l​r​e​d​s​_​new


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