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Integriert euch mit unseren Geschichten“: Der Mord an Burak Bektaş

Gedenk­ver­an­stal­tung für Burak am 7.4.2019 in Süd-Neu­kölln. [Foto: Mil­den­ber­ger]

Der 22-jäh­ri­ge Neu­köll­ner Burak Bek­taş wur­de vor sie­ben Jah­ren auf offe­ner Stra­ße erschos­sen. Bis heu­te sind der Täter oder die Täter*innen nicht gefasst. Am 7. April 2019 ver­sam­mel­ten sich um die 250 Men­schen im Süden Neu­köllns, um Buraks zu geden­ken und an die vie­len Fra­ge­zei­chen zu erin­nern, die der nach wie vor unge­klär­te Mord­fall auf­wirft.

Auf­klä­rung für Burak

Die essen­ti­el­le Fra­ge „Wer hat Burak ermor­det?“ war schon 2012 im Jah­re sei­nes gewalt­sa­men Todes auf einem roten Ban­ner der „Initia­ti­ve für die Auf­klä­rung des Mor­des an Burak B.“ zu lesen. Seit sie­ben Jah­ren ist sie nicht beant­wor­tet; das Ban­ner ist nach wie vor aktu­ell und ver­weilt die gesam­te Ver­an­stal­tung über auf sei­nem Platz hin­ter der Büh­ne. Das gro­ße Stich­wort der dies­jäh­ri­gen Gedenk­ver­an­stal­tung ist weni­ger Geden­ken als Auf­klä­rung. Auf­klä­rung des Mor­des an Burak, Auf­klä­rung über die Zusam­men­hän­ge zu ande­ren neo­na­zis­ti­schen und ras­sis­ti­schen Taten, Auf­klä­rung über die Rol­le staat­li­cher Behör­den in die­sem Kon­text.

Vor einem Jahr ist ganz in der Nähe des Tat­or­tes eine zwei Meter hohe Bron­ze­sta­tue der Künst­le­rin Zeynep Deli­bal­ta zum Geden­ken an den Ermor­de­ten ent­hüllt wor­den, sie trägt den Titel „Algo­rith­mus für Burak und ähn­li­che Fäl­le“. Wäh­rend der Ver­an­stal­tung legen immer wie­der Men­schen Blu­men und Sträu­ße auf dem Sockel der Sta­tue ab, auf dem auch meh­re­re Bil­der von Burak zu sehen sind. Kurz nach der Ent­hül­lung letz­ten Jah­res über­gos­sen Unbe­kann­te die Sta­tue mit Che­mi­ka­li­en und beschä­dig­ten sie so – ein wei­te­rer beängs­ti­gen­der Akt ver­mut­lich ras­sis­ti­scher Art, der unauf­ge­klärt geblie­ben ist .

Zusam­men­hän­ge und Zusam­men­halt

Zahl­rei­che Initia­ti­ven, Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge und Ein­zel­per­so­nen betei­li­gen sich an den der Kund­ge­bung. „Wir wol­len zusam­men leben, wir wol­len zusam­men sein. Wir wol­len kei­ne Kämp­fe, kei­ne Krie­ge“, sind die eröff­nen­den Wor­te von Buraks Groß­mutter. Faruk Ars­lan, der bei dem ras­sis­ti­schen Brand­an­schlag in Mölln 1992 Mut­ter, Toch­ter und Nich­te ver­lor, betont in sei­nem Rede­bei­trag, dass er solan­ge wie­der­kom­me, bis der Mord an Burak auf­ge­klärt sei. Alle Men­schen, deren Leben durch Nazi­ter­ror zer­stört wur­de, soll­ten hier zusam­men­kom­men und sich gegen­sei­tig Kraft geben. Sei­ne Soli­da­ri­tät und Anteil­nah­me mit dem Fall in Ber­lin wird noch deut­li­cher mit sei­nen Wor­ten: „Wir sind auch eine Fami­lie Bek­taş“. Der Zusam­men­halt von Men­schen, die Ange­hö­ri­ge durch ras­sis­ti­sche und neo­na­zis­ti­sche Gewalt ver­lo­ren haben, zeigt sich bei die­ser Ver­an­stal­tung in beein­dru­cken­der Wei­se. Auch Can­dan Özer-Yıl­maz, die Wit­we des 2017 an den Spät­fol­gen des Nagel­bom­ben­an­schlags des NSU in der Köl­ner Keup­stra­ße ver­stor­be­nen Atil­la Özer ist anwe­send. Sie spricht davon, dass sinn­lo­se Mit­tag­essen mit Mer­kel die feh­len­den The­ra­pie­an­ge­bo­te für Betrof­fe­ne ras­sis­ti­scher Anschlä­ge nicht erset­zen wür­den und sie das ewi­ge Gere­de von Inte­gra­ti­on nicht mehr hören kön­ne. „Inte­griert euch mit unse­ren Geschich­ten“, ist ihre kla­re Ansa­ge an die deut­sche Mehr­heits­ge­sell­schaft. Wäh­rend die Namen der NSU-Mörder*innen in der deut­schen Öffent­lich­keit fast iko­ni­siert wer­den, blei­ben die Namen der Opfer oft unbe­nannt .

 Unzu­rei­chen­de Ermitt­lun­gen

Wäh­rend der Gedenk­ver­an­stal­tung gibt die Burak-Initia­ti­ve eine aus­führ­li­che kri­ti­sche Bestands­auf­nah­me des Ermitt­lungs­ver­fah­rens: An wie vie­len Ecken und Enden die Behör­den unge­nau gear­bei­tet hät­ten, sei erschre­ckend. Dass schon nach drei Mona­ten kei­ne Zeug*innen mehr ver­nom­men wur­den, dass das ana­ly­sier­te Über­wa­chungs­vi­deo eines BVG-Bus­ses von einem fal­schen Fahr­zeug stamm­te, dass drei Hin­wei­sen , die einen Zusam­men­hang mit dem Nazi Rolf Z. anre­gen, nicht nach­ge­gan­gen wur­de, sind nur ein paar Bei­spie­le der unzu­rei­chen­den Ermitt­lungs­ar­beit.

Enough inves­ti­ga­ti­on?“ Seit sie­ben Jah­ren offe­ne Fra­gen. [Foto: Mil­den­ber­ger]

Beson­ders gra­vie­rend ist, dass die Nebenklageanwält*innen der Hin­ter­blie­be­nen nur einen selek­ti­ven Zugang zu den außer­dem ziem­lich unsys­te­ma­ti­schen Ermitt­lungs­ak­ten beka­men – die Akten zu den Par­al­leler­mitt­lun­gen des Staats­schut­zes wur­den ihnen bei­spiels­wei­se gar nicht zugäng­lich gemacht. Nach­er­mitt­lun­gen wur­den erst 2015 auf­ge­nom­men, und zwar aus­schließ­lich auf Anre­gung der Fami­lie und der Initia­ti­ve.

Das Stich­wort struk­tu­rel­ler Ras­sis­mus drängt sich auch im Fal­le von Burak Bek­taş mal wie­der auf. Das Anwält*innenteam der Fami­lie kri­ti­siert, dass ein rech­tes Motiv oder mög­li­che Spu­ren, die in die  Neo­na­zi­sze­ne füh­ren, wäh­rend des Ermitt­lungs­ver­fah­rens kaum eine Rol­le spiel­ten. Dabei klingt die Befürch­tung mit, dass der Staats­schutz – zustän­dig für poli­tisch moti­vier­te Kri­mi­na­li­tät und auch für ras­sis­ti­sche Ver­bre­chen – selbst von ras­sis­ti­schen Struk­tu­ren durch­zo­gen ist. Nur kurz erwähnt sei­en hier Droh­brie­fe an die lin­ke Sze­ne oder Chats mit rech­ten Paro­len, aus­ge­hend von Beamt*innen des Ber­li­ner Staats­schut­zes. Auch die reflex­ar­ti­gen Ermitt­lun­gen in Rich­tung „Ehren­mord“ zeu­gen von der struk­tu­rel­len Ver­an­ke­rung ras­sis­ti­scher Vor­an­nah­men inner­halb der Poli­zei. Die Ermitt­lungs­ar­beit der Ber­li­ner Behör­den wird von den Redner*innen auch mit den Stich­wor­ten Untä­tig­keit, Igno­ranz und Des­in­ter­es­se beschrie­ben; eine Zusam­men­fas­sung, die bei den zahl­rei­chen Pan­nen nicht ver­wun­der­lich ist.

 For­de­rung nach Unter­su­chungs­aus­schuss

Die­se Aspek­te und noch viel mehr haben dazu geführt, dass die „Initia­ti­ve für die Auf­klä­rung des Mor­des an Burak B.“ die For­de­rung nach einem Par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schuss stellt, um die ergeb­nis­lo­sen Ermitt­lungs­ar­bei­ten zu unter­su­chen. Bis­her ver­hal­len trotz rot-rot-grü­ner Regie­rung alle Auf­klä­rungs­ap­pel­le in Rich­tung rech­ten Ter­ro­ris­mus’ ohne Wir­kung, auch im Zusam­men­hang mit dem „Wir­ken“ des NSU und der ent­spre­chen­de Behör­den­ar­beit in Ber­lin. Mit den Ver­stri­ckun­gen des Ber­li­ner Inlands­ge­heim­diens­tes, Behör­den­leaks gegen­über der Pres­se und Ver­bin­dun­gen Ber­li­ner Beamt*innen in die rech­te Sze­ne hät­ten ent­spre­chen­de Unter­su­chungs­aus­schüs­se genug zu tun. Stad­t­of­fi­zi­ell scheint man sich jedoch an die eige­nen Beam­ten­schaft nicht dran zu trau­en.

Eine Unge­heu­er­lich­keit ereig­ne­te sich am Tage nach der dies­jäh­ri­gen Gedenk­ver­an­stal­tung: im Bou­le­vard­blatt „Ber­li­ner Kurier“ erschien ein Arti­kel, der den Mord an  Burak Bek­taş in den Zusam­men­hang eines miss­lun­ge­nen Raub­über­falls stellt und als einen erklär­ba­ren Rache­akt bezeich­net. Die­se Falsch­be­haup­tung voll­führt ein­mal mehr die alt­be­kann­te Täter-Opfer Umkehr, was die Fami­lie des Ermor­de­ten mit Ent­set­zen erfüll­te und die For­de­rung nach einem Unter­su­chungs­aus­schuss noch dring­li­cher macht.

Genau vor die­sem Hin­ter­grund wird deut­lich, wie wich­tig Initia­ti­ven wie die zur Auf­klä­rung des Mor­des an Burak Bek­taş sind: Die Geschich­ten der Betrof­fe­nen wer­den davor geschützt, dif­fa­miert zu wer­den oder in Ver­ges­sen­heit zu gera­ten. Auch bleibt die behörd­li­che Arbeit nicht unhin­ter­fragt und die Pro­ble­ma­tik man­geln­der Ermitt­lun­gen in Rich­tung ras­sis­ti­scher oder neo­na­zis­ti­scher Moti­ve wird skan­da­li­siert.