Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus



Erfahrungsbericht: NSU-Prozess

Besuchereingang zum NSU Prozess Foto: Robert Andreasch

Über den Besuch von vier Prozesstagen im Oktober 2015 und November 2015

Ich wollte schon so viel früher hier sein, im Strafjustizzentrum München, wo das Oberlandesgericht (OLG) im Saal 101 tagt. Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, André Eminger, Holger Gerlach, Carsten Schultze, all die Rechtsterroristen von nahem sehen. Die Stimmung des Prozesses aufnehmen. Das „Theaterspiel“ des Gerichts, das mir so viele schon beschrieben haben, mit eigenen Augen sehen. Das Gelesene und Erzählte in Erfahrung umwandeln.

Am Ende war es der 30.9.2015, Prozesstag 233. Ich kam gerade von der sogenannten „Balkanroute“ , war in vier Tagen 2000 Kilometer ununterbrochen unterwegs, um Geflüchtete auf ihrem Weg nach und in Europa ansatzweise zu unterstützen; davor die Wochen war ich in Freital, Heidenau, Dresden, um dem rassistischen Mob in seinem Biotop etwas entgegenzusetzen. Die Erfahrungen des „Sommers der Migration“ und die Pogromstimmung in Sachsen lagen hinter mit.

Dann Mittwochmorgen 8:30 in der Nymphenburgerstraße in München im NSU–Prozess, mehrere Besuche folgten und werden folgen. Was erwartete ich? Trauer, Ohnmacht, Bedrückung, Wut, Schock, Resignation?! Sicher kann ich das nicht sagen, doch schon zu Beginn sah ich mich mit einem Gedankencocktail konfrontiert.

Politisierung und NSU

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich vom NSU erfahren habe, aber zu dieser Zeit, vor knapp vier Jahren, wohnte ich in Mannheim und führte ein typisches Studierendenleben. Einige Jahre zuvor hatte ich angefangen mich für linke Politik und Themen zu interessieren. Doch nach der Selbstenttarnung des NSU und dem Bekanntwerden immer weiterer Details – der Verstrickung mit den Geheimdiensten, die von Rassismus geleiteten Ermittlungen, die unglaublichen Ermittlungspannen, die unkritische Berichterstattung – wusste ich: Ab und zu auf Demos fahren und sich selbst kritisch reflektieren, reicht nicht mehr aus. Auch der NSU-Komplex war ein wichtiges Mosaik meiner Politisierung. Der Schock, die Ohnmacht und auch die Trauer wollte ich kanalisieren. Gedauert hat dies wiederum einige Jahre, aber das „Faszinosum“ NSU ist geblieben.

Seitdem versuche ich mehr oder weniger konsequent informiert zu bleiben, habe zwei Bücher über den NSU-Komplex gelesen, habe versucht die Namen der Opfer auswendig zu lernen, besuche in regelmäßigen Abständen den Blog NSU-Watch und habe Veranstaltungen von kritischen Journalist_innen, Politiker_innen und Aktivist_innen besucht, die sich intensiv mit dem NSU auseinandergesetzt haben.

Trotzdem habe ich nach fast vier Jahren immer noch das Gefühl, keine Ahnung zu haben. Es gibt einfach zu viele Details, zu viele Einschätzungen, zu viele schlechte Dokumentationen und reißerische Zeitungsartikel, wie beispielsweise über das Outfit von Beate Zschäpe, dem „Teufel auf der Anklagebank“.

Es fällt schwer, sich durch dieses undurchdringbare Biotop von V-Leuten, Nazis, Ermittlungsbehörden, Pannen, Aufklärungsverschleppung, parlamentarischen Untersuchungsausschüssen und selbsterklärten „Spezialisten“ [1]zu bewegen ohne den „roten“ Faden der Erzählung des NSU zu verlieren. Trotz oder vielleicht auch wegen dieser Masse an Informationen sind mir weder alle Namen der Opfer sofort präsent, noch kenne ich die genauen Hintergründe ihrer Hinrichtungen oder kann ich die vier Angeklagten neben Beate Zschäpe richtig auseinander halten und Bezüge zwischen ihnen herstellen. Ein Prozessbesuch war daher auch mit dem Wunsch verknüpft, ein klareres Bild in meinem Kopf herzustellen.

Prozesstag 233

Es war der 233. Prozesstag, mehr als zweieinhalb Jahre Prozess, fast vier Jahre nachdem angenommenen Doppelselbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt und der damit beginnenden schleppenden Aufklärung des größten Geheimdienst- und Rassismus-Skandals in Deutschland, als ich das erste Mal vor dem Oberlandesgericht in München stehe.

Ich bin pünktlich um 8:30 an diesem milden Septembertag am Strafjustizzentrum in der Nymphenburgerstraße in München. Vor mir erhebt sich der triste Betonklotz. Die Trostlosigkeit deutscher Bürokratie und Paragraphen scheint die Architekt_innen bei ihren Entwürfen inspiriert zu haben.

Ich erwarte eine Schlange von Menschen unter dem Pavillon am Eingang zum „NSU-Prozess“, doch bin ich an diesen Morgen und auch die anderen Male der Einzige. (Bis auf den 10.11.2015, dem Tag bevor Beate Zschäpe eine Erklärung abgegeben wollte, was dann jedoch um einen Monat verschoben wurde). Nachdem ich den Wartebereich umschifft und an der Eingangstür warte, weißt mich ein Justizbeamte darauf hin, ich solle doch bitte unter den eingezäunten Pavillon zurück und mich in die Reihe für Zuschauer_innen stellen. Der erste Kontakt mit dem Ordnungssystem des Münchner Oberlandesgerichts.

Eine Zigarette später holt mich der Justizbeamte von eben wieder ab und leitet mich auf den Weg in den „Kontrollbereich“. Die nächsten Male wiederholt sich dieses Schauspiel.

Ähnlich wie am Flughafen erwartet mich ein durch Stellwände vom anderen Bereich des Eingangs abgeschirmter Metalldetektor mit weiteren Justizbeamt_innen. Ich muss meine Tasche ausräumen, alles auf ein Band legen, den Gürtel nicht zu vergessen. Mein Personalausweis wird kopiert (das geschieht übrigens jedes Mal). Nach dem Passieren des Metalldetektors werde ich von einem Justizbeamten abgetastet. Meine Sachen (außer Block und Stift) werden in einer blauen Kiste verstaut, ich bekomme eine laminierte hellblaue Karte mit der Nummer 86, mit der ich am Ende des Tages meine Sachen wieder auslösen kann. Letztendlich wird mir „Viel Spaß“ gewünscht. „Fun ist ein Stahlbad“ (Adorno/Habermas) schießt mir durch den Kopf.

Nach dieser Prozedur erwartete mich der geflieste Treppenaufgang zur Zuschauer_innentribüne des Saals 101. Nach der dritten Tür erstreckt sich die Empore mit 50 Plätzen für Zuschauer_innen und 51 Plätzen für die Medien. Gegen 8:45 Uhr bin ich fast der Einzige. Nach und nach treffen mehr und mehr Journalist_innen und Zuschauer_innen ein. Am Ende ist die Zuschauer_innen-Empore oberhalb der Nebenklage mit Blick auf den Senat, Bundesanwaltschaft, die Angeklagten und ihre Verteidiger_innen mit etwa 30 Personen mäßig gefüllt. Auf der Seite der Journalist_innen scheint sich eine gewisse Routine eingeschlichen zu haben, jede_r kennt seinen/ihren Sitzplatz, manche reden miteinander, manche nicht. Die Zuschauerreihen sind lose gefüllt, nur ein Platz war an diesem Morgen und auch die nächsten Male immer besetzt.

Der Verehrer, die Beamt_innen und die Nazis

Seit Beginn des Prozesses hat Beate Zschäpe einen männlichen Verehrer, der bisher fast keinen Prozesstag verpasst hat. Immer am selben Platz, mit perfekter Sicht auf sie. Die meiste Zeit trägt er T-Shirts mit mehr oder weniger eindeutigen Botschaften, an diesem Mittwoch ist es ein „Love“- Motiv, die nächsten Male sind es ähnliche Symbole. Durchaus skurril. Beate Zschäpe scheint ihn aber seit Beginn nicht zu beachten.

Über das Geschehen auf der Tribüne wachen mehrere Justizbeamt_innen. Ihre hauptsächliche Aufgabe ist es, die „Sicherheit“ der Glaswand vor der Empore zum Saal hin, die einen Blick in den Gerichtsaal ermöglicht. Jede Annäherung wird streng beäugt, jedes Anlehnen wird konsequent unterbunden. Wenn der Vorsitzende Richter Manfred Götzl den Saal betritt und als Ehrerbietung alle im Saal aufstehen und auf sein Kommando „Bitte nehmen Sie Platz!“ warten, verfolgen die Justizbeamt_innen jede Bewegung mit Adleraugen. Dieses Verhalten drückt wohl aus: „Die Autorität des Staates darf nicht in Frage gestellt werden. Nicht im Saal, nicht in meiner Schicht.“

Diese geradezu angst einflößende Sorgfalt fehlt, wie so oft, auch im Gerichtssaal im Umgang mit Nazis, die den Prozess nicht nur als Zeug_innen oder Angeklagte betreten, sondern ab und zu auch als Zuschauer_innen. Als seelischen Beistand für ihre Kameraden (meist sind es Neonazis aus dem Umfeld von André Eminger oder Ralf Wohlleben). Grundsätzlich ist das auch ihr Recht. Unverschämt ist es trotzdem. Unabhängig davon, wie man sich selbst fühlt, einen 15mal 20 Meter großen Raum mit verurteilten gewalttätigen Neonazis zu teilen, ist es eine Provokation und Verhöhnung der Opfer und Hinterbliebenen.

Man stelle sich vor, ein_e Hinterbliebene_r oder ein Opfer müsste in derselben Reihe mit einem Neonazi Platz nehmen, der vermutlich glorifizierend über die Taten des NSU vor seinen Kamerad_innen spricht oder, im schlimmsten Fall, dessen eigenes Involviertsein in die Morde/Bombenanschläge nicht geklärt ist.

Bei meinem dritten Besuch finden sich sodann auch zwei Neonazis in unmittelbarer Nähe auf der Zuschauertribüne ein. Steffen Richter, Marco Zint aus Thüringen, beide aus dem engsten Unterstützer_innenumfeld von Ralf Wohlleben. Marco Zint trägt eine schwarze Sonne, das „inoffizielle“ Symbol der SS, als Tattoo auf seinem Arm. Und auch der Dresscode der beiden ist mehr als subversive Provokation. Sie tragen Thor Steinar und Ansgar Ayran, beides zwei bekannte Neonazi-Marken. Mehrfach werden die Beamt_innen darauf aufmerksam gemacht, mehrfach passiert nichts.

Am Rande erfahre ich, dass im Sommer einer Person mit einem „Kein mensch ist illegal“-Shirt der Eintritt unter Verweis darauf verwehrt wurde, dass es sich hier um einen „unpolitischen Raum“ handele. Das Kontroll- und Ordnungssystem des Münchner Oberlandesgericht scheint „Ansgar Ayran“ nicht auf seine rote Liste gesetzt zu haben, „kmii“ aber schon.

Das hohe Gericht, die Angeklagten und „Sturm, Stahl und Herr“

Sobald die Angeklagten den Raum betreten, wird es immer unruhig auf der Zuschauertribüne. Die fünf Angeklagten, Beate Zschäpe, André Eminger, Ralf Wohlleben, Carsten Schultze und Holger Gerlach, betreten nacheinander den Raum und setzen sich auf drei Bänke, die vor einem links unterhalb im Saal liegen. Am weitesten von einem selbst entfernt sitzt Carsten Schultze hinten rechts zwischen seinen Anwälten, in derselben Reihe sitzt links Holger Gerlach,, Ralf Wohlleben nimmt den Platz auf der mittleren Bank ein, am nächsten ist André Eminger vorne links und am äußeren rechten Rand Beate Zschäpe, die sich zwischen ihren „alten“ Anwälten „Sturm, Stahl und Heer“ und ihrem „neuen“ Verteidiger Grasel einfindet.

Wenig überraschend interessieren sich die Angeklagten kaum für das Gesagte. Meist sitzen sie teilnahmslos vor ihren Laptops oder Tablets und warten auf das Verstreichen der Zeit. Bei meinen Besuchen habe ich immer versucht, auch die anderen Angeklagten neben Beate Zschäpe genauer zu beobachten. Die einzigen Regungen kamen dabei von Ralf Wohlleben, der sich sichtlich freute, als er die Kameraden aus Thüringen sah, die ihn offensichtlich besuchten, und Holger Gerlach, der nervös hin und her rutschte, als ein Beweisantrag der Nebenklage zu seinen Telefonverbindungen bis zum 4.11.2011 eingereicht wurde.

In den Pausen, in denen es möglich ist das Gebäude zu verlassen, kann man draußen zusammen mit André Eminger, der (wie Gerlach und Schultze) nicht in Untersuchungshaft sitzt, vor dem Eingang des Strafjustizzentrums Kaffee trinkend und rauchend auf die Fortsetzung der Verhandlung warten. Welche Gedanken einem durch den Kopf gehen, während man neben einem gewaltbereiten Neonazis vor einem tristen Betonbau mitten in München auf die Fortsetzung eines Mammut-Prozesses wartet, muss , glaube ich, nicht weiter erläutert werden.

Bei Beate Zschäpe nahm ich die Kälte, mit der sie ihrem alten Verteidiger_innenteam begegnet, am auffälligsten wahr. Mit diesen hatte sie sich im Sommer 2015 zerstritten, seit einigen Monaten wurde ihr daher Martin Grasel zur Seite gestellt. Häufig nutzt sie ihre Haare als „natürlichen“ Blickvorhang um sich vom Team „Sturm, Stahl und Heer“ abzuschirmen.

Trotz dieser Kälte bemühen sich die “Alt-Verteidigung“ von Beate Zschäpe stets um Gehör. Meist stellen sie Anträge, die den Senat oder Richter Götzl angreifen und den Prozess verschleppen. Inwieweit dies Taktik ist, dass dieser sie (aus Frustration) von ihren Pflichten entbindet, bleibt Spekulation, verstärkt aber die Theatralik der Verhandlungstage. Die Relevanz des Verfahrens und die Grausamkeit der Taten verschwimmen nicht zuletzt wegen solcher Zwiegespräche zwischen Senat und Verteidigung sowie Nebenklage.

Wer lauter brüllt, hat doch nicht Recht!

Den bisherigen Höhepunkt bot der 10.11.2015, als bekannt wurde, dass Beate Zschäpe am darauffolgenden Tag auszusagen beabsichtigte.

Erneut gab es ein aufgeregtes öffentliches Interesse am Prozess, seit langem waren auch wieder Kamerateams im und vor dem Gerichtssaal anwesend. Zschäpe, die lächelnd und gut gelaunt den Gerichtssaal als ihre heimliche Bühne betrat, genoss diese Aufmerksamkeit sichtlich.

Schon zu Beginn des Prozesses ließen ihre Verteidiger_innen Sturm, Stahl und Heer verlauten, dass sie sich im Falle einer Aussage Zschäpes von ihrer Verteidigungspflicht entbinden lassen wollen.

Bevor Richter Götzl anfing, die Erklärung zur Aussage zu verlesen, versuchte Verteidiger Heer einen Entbindungsantrag für sich und seine Kolleg_innen zu stellen. Nach einer Unterbrechung und minutenlangem Hin und Her zwischen Richter Götzl, Bundesanwaltschaft und der „Alt-Verteidigung“ von Zschäpe, durfte diese ihren Antrag erst nach einer „Information der Prozessbeteiligten“ durch den Vorsitzenden Götzl verlesen. Der Prozess wurde um fast eine Stunde verzögert, weil sich nicht über die Reihenfolge des Verlesens der Anträge geeinigte werden konnte. Am Ende des Tages bestand der Prozess aus mehr als drei Stunden Unterbrechung, dem Verlesen eines Befangenheitsantrages der Verteidigung Wohlleben gegenüber dem gesamten Senat und letztendlich einer Vertagung der Verhandlung auf die kommende Woche.

Wer sich an den Prozess von Kafka erinnert fühlt, irrt nicht. Nicht nur der NSU-Komplex gleicht einem Labyrinth, in dem jede Abzweigung in eine nicht enden wollende Gasse mit zu vielen Abzweigungen und Fragen zu führen scheint. Auch die prozessualen Abläufe sind einer unverständlichen Logik der juristischen Abhandlungen unterworfen, die Außenstehenden unerklärlich erscheinen. Die zehn Ermordeten und die Opfer der anderen Verbrechen des NSU geraten von prozessualem Schlagabtausch zu Schlagabtausch immer mehr in den Hintergrund. Kein Wunder, dass Angehörige und Opfer gar nicht mehr kommen.

Die Nebenklage

Die einzige Instanz innerhalb des Saals 101, die sich um eine konsequente Aufklärung bemüht und die richtigen Fragen nach Neonazi-Netzwerken, den Verstrickungen der Ermittlungsbehörden und dem gesellschaftlichen Rassismus als Teil des NSU-Komplexes stellt, ist die Nebenklage. Die rund sechzig anwaltlichen Vertreter_innen der Opfer und Opferhinterbliebenen stehen dem Bestreben des Gerichts, der Verteidigung aber auch der Bundesanwaltschaft diametral entgegen.

Unzählige Beweisanträge zu den Hintergründen der Morde, der Rolle der Neonazi-Szene vor Ort oder den eklatanten Ermittlungspannen bei fast allen Morden wurden fast stoisch von Richter Götzl abgelehnt. Die Begründung:

„Eine Relevanz der Anträge für die Schuld- und Straffrage im Hinblick auf die Angeklagten ist nicht ersichtlich.“

Von Seiten des Senats und der Bundesanwaltschaft stehen die Schuldigen bereits fest. In den letzten Wochen hat sich die Tendenz abgezeichnet, dass sowohl Senat als auch Richter Götzl seit August auf die Aussage von Beate Zschäpe warten. Die vielen Fragen und die geforderten Antworten durch die Opfer und Hinterbliebenen wird nicht die notwendige beachtung geschenkt, anstatt dessen werden nichtssagende BKA-Beamte geladen und auf die „Aussage“ der Rechtsterroristen Beate Zschäpe hingearbeitet.

Doch die Nebenklage gibt nicht auf: Während der Zeit meiner Besuche wurden unter anderem Anträge etwa zu Holger Gerlachs Vergangenheit und seinen Kontakten in die Neonaziszene zwischen 2002 und 2011 gestellt. Gerlach hatte am Anfang des Verfahrens behauptet, 2002 aus der Szene ausgestiegen zu sein und demnach auch keine weitere Unterstützungsarbeit für den NSU geleistet zu haben. Die angestrebten Beweismittel wie Telefongespräche und SMS mit führenden Neonazis bis in die Nuller Jahre hinein, sowie Bilder von „Paulchen Panther“, der in das Bekennervideo des NSU eingefügt ist und die Rolle eines „komödiantischen“ Erzählers einnimmt und durch die Taten und Hinrichtungen leitet, auf der Festplatte von Gerlach sprechen indes eine andere Sprache. Die Nebenklage versucht immer wieder solche Dinge aufzudecken und so den Blick auf die anderen Angeklagten (neben Beate Zschäpe) zu lenken und sie aus ihrer Deckung zu holen.

Zusätzlich wurde ein Antrag zu den Akten des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) zum V-Mann Michael See, genannt „Tarif“, gestellt, die fast alle dem akribischen Schreddern im BfV unmittelbar nach der Selbstenttarnung des NSU zum Opfer gefallen sind, gestellt. Nach eigenen Angaben sollte Michael See im Auftrag von André Kapke 1998 eine Wohnung für das Trio organisieren, nach Rücksprachen mit seinen V-Mann-Führer aus dem BfV sollte er dem aber nicht nachkommen.

Doch auch einige Anwälte der Nebenklage haben sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. In einer Art Nebenschauplatz wurde am 27.10.2015 über den Verbleib von „Meral Keskin“, eines Opfers aus der Keupstraße, ein BKA-Beamter geladen. Dieser berichtete über seine Ermittlungen, die das Ergebnis hatten, dass „Meral Keskin“ nicht existiere. Vermutlich handelt es sich bei dem Phantom um die Mutter eines weiteren Opfers, nämlich Atilla Ö., aus Köln, der dem Anwalt Willms das vermeintliche Opfer – angeblich gegen Provision – vermittelt habe. Wer wem wie Geld gezahlt hat und wer was wie wusste, ist für den Prozess irrelevant. Betrug, Korruption und Geltungsdrang sind bei solch einem Prozess wenig überraschend, verstärken aber das Bild einer nicht enden wollenden Tragödie.

Die entscheidenden Fragen:

Wie konnte10 Jahre lang ein rechtsterroristisches Netzwerk in Deutschland be- und entstehen? 10 Menschen töten, 3 Bombenanschläge und 14 Banküberfälle durchführen? Das alles angeblich unterhalb des Radars des Staates, der „kritischen“ Medien? Wieso traf es genau diese Menschen? Wer war alles bei der Auswahl der Opfer involviert? Wie groß war der NSU wirklich und wie viel Staat steckt(e) tatsächlich im NSU? Wichtige Fragen, die sich fast alle stellen, die sich mit NSU–Komplex auseinandersetzen. Antworten, das weiß ich mittlerweile, wird es aber wohl nie zufriedenstellend geben und auch der Prozess kann offenbar wenig bis nichts dazu beitragen.

Sicherlich werden vor dem 8.12.2015, dem neu angesetzten Tag der Aussage Beate Zschäpes, alle möglichen Zeitungen mit Mutmaßungen zum Inhalt ihrer Aussage gefüllt sein. Jede_r der etwas auf sich hält, wird versuchen, an diesem Tag in den Saal 101 zu gelangen. Zur Aufklärung wird das Gesagte jedoch vermutlich wenig beitragen, zum Theater um die Person Beate Zschäpes jedoch schon.

Am Ende stehen eine lebenslange und etliche mehrjährige Freiheitsstrafen mit anschließender Sicherheitsverwahrung für die Angeklagten. Der deutsche Staat kann sich für die umfassende Aufklärung auf die Schulter klopfen. Es wird Filme, Dokumentationen, Themenabende bei Jauch mit Vertreter_innen der Bundesanwaltschaft, unzählige Bücher über die Geschehnisse des Prozesses und seiner Angeklagten geben, allen voran über Beate Zschäpe und ihr „Auftreten“ vor Gericht. Die Opfer aber werden vergessen werden. Das deutsche Narrativ vom „Nach vorne schauen“ und „weitermachen“ wird bemüht werden und letztendlich vielen Verleger_innen, Sendeanstalten und Autor_innen neue Einnahmequellen bescheren. Den gesellschaftlichen Rassismus, ob individuell oder institutionell, werden alle wieder vergessen haben, am Ende werden es dann doch nur ein paar Verrückte gewesen sein, die ein paar „Ausländer“ umgebracht haben. Oder noch besser: Der Staat hat das alles gesteuert und es ist eine riesige Verschwörung, vielleicht waren es auch die USA. Bis sich die „Deutschen“ mit ihrem Rassismus auseinandersetzen, muss noch viel passieren. Zehn Tote Menschen scheinen nicht auszureichen.

Same same but different

Das alles geschieht, während der Terror weitergeht. In den letzten Monaten wurden mehr als achtzig Unterkünfte für Geflüchtete angezündet, immer wieder kommt es zu regelrechten Hetzjagden. In diesem Jahr gab es bereits 741 Angriffe auf Geflüchtete. Eine neue Phase rassistischer Gewalt hat gerade erst begonnen. Falls es zu einer Festnahme kommt, werden Rassismus und Neonazismus bei den Ermittlungen sicher keine Rolle spielen. Vielmehr wird davon gesprochen, dass die Täter_innen „Langeweile“ hatten oder schlichtweg einfach „Angst“ vor den neuen Mitgliedern ihrer Dorfgemeinschaft.

Die deutsche Gesellschaft scheint noch nicht mal der Fakt, dass 13 Jahre unter den Augen staatlicher Institutionen ein neonazistisches Terrornetzwerk entstehen und aktiv werden und in dieser Zeit 10 Morde und Bombenanschläge begehen konnte, zu erschüttern. Entweder es war ein „singuläres“ Ereignis oder es waren einfach „Verrückte“ die mit unserer Gesellschaft nicht zu tun haben. Denn Bagatellisierung und Verdrängung von Rassismus geht immer.

Eine „Aufklärung auf allen Ebenen“ (Merkel) für die Opfer und Hinterbliebenen wird vermutlich noch Jahre dauern, wenn sie überhaupt jemals geschieht. Aber auch ich kann mich einfach dem nächsten Thema widmen, einfach ein neues „Projekt“ angehen, mein Studium fortsetzen, meine Masterarbeit schreiben und vielleicht sogar von meinen Erlebnissen im Oktober und November 2015 in der Nymphenburgerstraße 16 in München in meinem Lebenslauf „profitieren“.

Enver Şimşek

Abdurrahim Özüdoğru

Süleyman Taşköprü

Habil Kılıç

Mehmet Turgut

İsmail Yaşar

Theodoros Boulgarides

Mehmet Kubaşık

Halit Yozgat

Michele Kiesewetter

und ihren Hinterbliebene, den traumatisieren Opfern der Bombenanschläge und den weiteren 178 Todesopfer rechter Gewalt hilft das wenig. Zum Kotzen!

 

 

 

 

 

[1] Tatsächlich sind die meisten Personen, die sich mit dem NSU auseinandersetzten, Männer.

 


SHARE :