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EDEWA: Berlins erster widerständiger Supermarkt

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Regal des EDEWA, Foto: Mar­co Schott

EDEWA: Ber­lins ers­ter wider­stän­di­ger Super­markt

Inter­es­siert beugt sich eine „Kun­din“ über eine Packung „Super­blöd­manns“, ein an die „Scho­ko­küs­se“ ange­lehn­tes Pro­dukt im ers­ten anti­ras­sis­ti­schen und wider­stän­di­gen Super­markt Ber­lins, kurz EDEWA. Nach dem Öff­nen erwar­ten die Besucher_innen kei­ne süßen Lecke­rei­en, son­dern wei­ße und schwar­ze Scho­ko­küs­se aus Papp­ma­sche, auf deren Unter­sei­te Gedich­te der schwar­zen Femi­nis­tin May Ayim geklebt sind. Die­se und wei­te­re anti­ras­sis­ti­sche und anti­se­xis­ti­sche Pro­dukt-Adap­tio­nen las­sen sich in der EDE­WA-Filia­le in Neu­kölln bestau­nen. EDEWA steht für „Ein­kaufs­ge­nos­sen­schaft anti­ras­sis­ti­schen Wider­stan­des“, eine inter­ak­ti­ve Wan­der­aus­stel­lung, die ihre Besucher_innen auf Ras­sis­men und Sexis­men, sowie ande­ren Unter­drü­ckungs­for­men inner­halb der Mehr­heits­ge­sell­schaft auf­merk­sam machen will.

Dabei haben die Initiator_innen eine Kulis­se gewählt, die jede_r von uns kennt. In Form eines Super­mark­tes zei­gen sie die Dis­kri­mi­nie­rung anhand einer brei­ten Palet­te von Pro­duk­ten, die uns im täg­li­chen Leben so oder so ähn­lich begeg­nen. Am 15.11.2015 fand die Eröff­nung inklu­si­ve Füh­rung durch die „Filia­le“ statt. Dazu kamen etwa 60 Per­so­nen in die klei­ne, namen­lo­se Gale­rie in die Weser­stra­ße 176 in Ber­lin-Neu­kölln.

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Super Blödmann’s, Foto: Mar­co Schott

EDEWA — Ein­kaufs­ge­nos­sen­schaft anti­ras­sis­ti­schen Wider­stan­des

Die Idee zur Eröff­nung eines „anti­ras­sis­ti­schen“ Super­mark­tes ent­wi­ckel­ten Stu­die­ren­de der Hum­boldt Uni­ver­si­tät wäh­rend des zwei­se­mest­ri­gen Semi­nars „May Ayim – Schwar­ze deut­sche Femi­nis­tin?“ unter der Lei­tung von Nata­sha A. Kel­ly am Zen­trum für trans­dis­zi­pli­nä­re Geschlech­ter­stu­di­en der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin.

Der Super­markt als Ort, an dem Ras­sis­mus, Sexis­mus, Kolo­nia­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus sicht­bar wer­den, liegt auf der Hand. Die aktu­el­le Wer­bung der Fir­ma Mül­ler, die ihre „süße“ Weih­nachts­ver­si­on der Müll­er­milch mit einer schwar­zen Frau im Weihnachts(frau)kostüm bewarb, stellt dabei nur einen wei­te­ren „Skan­dal“ in der Pro­dukt­plat­zie­rung dar. Doch auch Super­märk­te haben neben den Pro­duk­ten, die eine beson­de­re kolo­nia­le Geschich­te auf­wei­sen oder durch ras­sis­ti­sche oder sexis­ti­sche Spra­che ver­mark­tet wer­den, häu­fig selbst eine kolo­nia­le Ver­gan­gen­heit.

So auch der Groß­dis­coun­ter „Ede­ka“, ein Akro­nym für „Ein­kaufs­ge­nos­sen­schaft der Kolo­ni­al­wa­ren­händ­ler im Hal­le­schen Tor­be­zirk zu Ber­lin“, wel­cher den initia­len Impuls für die Inter­ven­ti­on der Stu­die­ren­den gab. Nicht allein wegen des Namens, son­dern auch wegen der Fort­füh­rung kolo­nia­ler Ras­sis­men. Erst 2011 nann­te „Ede­ka“ eine „Sonn­tags-Waf­fel“ in „Moh­ren-Waf­fel“ um. Dar­auf­hin ver­fass­ten die Seminarteilnehmer_innen einen Brief, mit dem sie „Ede­ka“ auf die ras­sis­ti­sche Bedeu­tung des Begrif­fes auf­merk­sam mach­ten. Der Super­markt reagier­te und ver­än­der­te den Namen wie­der, äußer­te sich aber nicht zu der Kri­tik der Stu­die­ren­den. Dies war der Start­punkt für die mitt­ler­wei­le drei Jah­re alte Wan­der­aus­stel­lung EDEWA.

Die Kursteilnehmer_innen nah­men die Reak­ti­on von „Ede­ka“ zum Anlass für eine inten­si­ve Beschäf­ti­gung mit ras­sis­tisch, sexis­tisch oder kolo­ni­al kon­no­tier­ten Pro­duk­ten. So wer­den in der Aus­stel­lung kolo­nia­le Pro­duk­te wie Kaf­fee und Scho­ko­la­de, deren pro­ble­ma­ti­sche und aus­beu­te­ri­sche Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se sowie ras­sis­tisch-sexis­ti­sche Ver­mark­tung offen­ge­legt und kri­tisch reflek­tiert wer­den. Dane­ben haben die Stu­die­ren­den aber auch eige­ne Pro­duk­te kre­iert, die durch eine Umdeu­tung oder ande­re Kon­tex­tua­li­sie­rung ver­su­chen, einen „Per­spek­tiv­wech­sel“ vor­zu­neh­men.

So schu­fen sie anti­ko­lo­nia­le und ras­sis­mus­kri­ti­sche Pro­duk­te zum Anfas­sen und Dis­ku­tie­ren. Dabei soll bei­spiels­wei­se durch Poe­sie der Blick des Betrach­ters oder der Betrach­te­rin her­aus­ge­for­dert wer­den und so auch die eige­ne, „wei­ße“ Posi­ti­on reflek­tiert wer­den. Die Pro­duk­te regen so zum kri­ti­schen Hin­ter­fra­gen des Kon­sum­ver­hal­tens und der eige­nen Wahr­neh­mung an, wäh­rend sie zugleich den Kon­sum­kon­text the­ma­ti­sie­ren.

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Potrai der femi­nis­ti­schen Wider­stands­kämp­fe­rin­nen May Ayim und Pan­na Czin­ka, Foto: Mar­co Schott

Wider­stän­di­ge Per­sön­lich­kei­ten

Neben den kre­ierten Pro­duk­ten wer­den aber auch wider­stän­di­ge Per­so­nen, wie die vier femi­nis­ti­schen­Wi­der­stands­kämp­fe­rin­nen May Ayim, Aud­re Lor­de, Pan­na Czin­ka und­De­lia Zamu­dio in den Fokus gestellt. Alle vier haben einen star­ken Bezug zu Kunst und Kul­tur   , wel­cher durch ihre Por­träts in der Aus­stel­lung aus­führ­lich vor­ge­stellt wird. „So sind die poli­ti­schen Kämp­fe von May Ayim, Aud­re Lor­de, Delia Zamu­dio und Pan­na Czin­ka als untrenn­ba­re Tei­le his­to­ri­scher und star­ker Wider­stands­be­we­gun­gen gegen bestehen­de Unter­drü­ckung und gewalt­vol­le Macht­struk­tu­ren zu sehen“, meint Nata­sha A. Kel­ly, die die Lei­tung des Semi­nars inne hat­te und auch über den Semi­nar­kon­text hin­aus die EDE­WA-Initia­ti­ve betreut.

Der ers­te anti­ras­sis­ti­sche und wider­stän­di­gen Super­markt führt uns so nicht nur die Kon­ti­nui­tät ras­sis­ti­scher und sexis­ti­scher Struk­tu­ren in unse­rem all­täg­li­chen Kon­sum­ver­hal­ten vor Augen, son­dern regt auch zum Hin­ter­fra­gen, Reflek­tie­ren und Wei­ter­den­ken an.

Noch bis 12.12.2015 kön­nen sich Besucher_innen immer Mitt­woch, Sams­tag und Sonn­tag von 14 — 20 Uhr mit einem ras­sis­mus-, sexis­mus- und kolo­ni­al­kri­ti­schen Blick mit der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­sum­welt aus­ein­an­der­set­zen. Ein Besuch lohnt sich auch für jün­ge­re Men­schen, denn die Aus­stel­lung ver­sucht expli­zit aus dem „uni­ver­si­tä­ren“ Raum aus­zu­bre­chen. Indem für die Erklä­run­gen häu­fig sehr kom­ple­xer Zusam­men­hän­ge unkom­pli­zier­te Spra­che und Argu­men­ta­ti­ons­li­ni­en ver­wen­det wer­den, wird die Kri­tik leicht zugäng­lich auf­be­rei­tet. Und nicht nur das: Durch den spie­le­ri­schen Umgang mit den Pro­duk­ten öff­net sich meist auch ein Inter­pre­ta­ti­ons- und Dis­kus­si­ons­raum, der ein wei­te­res Reflek­tie­ren über Ras­sis­mus und Sexis­mus anregt. Die Wir­kung von EDEWA geht damit über den geschlos­se­nen Raum der „Filia­le“ hin­aus, bis hin­ein in unse­re all­täg­li­chen Denk­mus­ter.