Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus



Durch Solidarität die Angst brechen

Foto von Caruso Pinguin https://www.flickr.com/photos/110931166@N08/ Interview mit der Intiative für die Aufklärung des Mordes an Burak B. zu ihrer Arbeit, antifaschistischer und antirassistischer Gedenk- und Erinnerungspolitik, sowie den neusten Entwicklungen im Fall Burak B. Die Initiative  hat sich nach dem Mord an Burak Bektas in Berlin gegründet und veranstaltet in regelmäßigen Abständen Gedenkdemonstrationen und Mahnwachen. Im Zuge der Mahnwache zum dreieinhalbjährigen Todestag von Burak B. am 5.10.2015 wurde ein Interview mit Ulrich von der Initiative geführt.

Warum hat sich eure Initiative gegründet?

Nach dem Mord an Burak haben verschiedene Leute unabhängig voneinander den Gedanken gehabt, etwas zu tun und aktiv zu werden. Das hatte vor allem mit der zeitlichen Nähe zur Selbstenttarnung des NSU zu tun. Es gibt, ähnlich wie bei den Morden des NSU, keine Erklärung, die auf ein Tatmotiv im privaten, häuslichen oder familiären Umfeld des Jugendlichen hindeutet und trotzdem sagte die Polizei nur, sie ermittle in alle Richtungen. Aber das Word Rassismus oder die Erwägung eines möglichen „rechtsterroristischen“ Hintergrundes fällt überhaupt nicht.

Das zweite war, dass eine Woche nach dem Mord Freunde von Burak eine Demo in Süd-Neukölln direkt in der Nähe des Tatortes organisiert hatten und da war die antirassistische und die antifaschistische Szene, bis auf Einzelpersonen, völlig abwesend. Die Demo bestand fast ausschließlich aus Freunden, Bekannten und dem weiteren Umfeld von Burak Bektaş. Die migrantische Community war mit ihrer Trauer und den Forderungen nach Aufklärung allein. Dieses Bild verstärkte sich nochmal bei der Beerdigung. Hier waren zwar zwei- bis dreitausend Leute, aber ebenfalls nur sehr wenige Personen aus der antirassistischen und antifaschistischen Szene, die ihre Solidarität mit dem Opfer und der Familie ausdrückten. In der türkischen Community gab es viele, die eine Assoziation hatten, dass der Mord an Burak nicht einfach ein „normaler“ Mord war, sondern dass es hier einen anderen Hintergrund geben muss und daher eine Solidarität mit den Betroffenen notwendig wurde.

Eure Initiative besteht nun seit fast dreieinhalb Jahren. Aus welchen Akteur*innen besteht die Initiative und wie habt ihr es geschafft eine gewisse Kontinuität in eure Arbeit zu bekommen?

Es haben sich Personen aus Kollektiven aus Neukölln, der Antirassistischen Initiative, von Reach Out, der Gruppe Allmende, eine migrantische linke Gruppe, sowie antifaschistische Gruppen und Einzelpersonen in den Sommermonaten nach dem Mord mehrmals getroffen und die gemeinsame Arbeit begonnen. Daran sieht man bereits, dass ein relativ weites Spektrum in der Initiative zusammenarbeitet. Zwar haben in den letzten dreieinhalb Jahren auch immer wieder Einzelpersonen die Initiative verlassen, aber es gibt eine sehr große Kontinuität von einigen, gleichzeitig kommen immer wieder neue Leute hinzu. Dadurch ist eine gewisse Kontinuität gegeben. Zusätzlich gibt es ein breites Umfeld von Personen, die über den Blog und einen Mailverteiler informiert werden und immer wieder zu den Mahnwachen kommen. Die Mahnwachen, die wir vor gut einem Jahr begonnen haben, tragen ebenfalls stark auch zu einer öffentlichen Wahrnehmung und dadurch auch zur Kontinuität bei. Durch die Mahnwachen wollen wir der Öffentlichkeit sowie den Ermittlungsbehörden signalisieren, dass wir als Initiative an dem Fall dranbleiben und immer wieder öffentlich auftreten. Diese Mahnwachen sind auch immer wieder ein Treffpunkt, wo Personen hinkommen, die Unterstützung zeigen wollen. Aber auch ein wichtiger Treffpunkt für die Familie Bektaş und dem Freundeskreis von Burak.

In deiner Erzählung hat sich ja bereits herauskristallisiert, dass ihr einen beständigen Kontakt zur Familie von Burak habt. Für einige antifaschistische Gruppen, die im Kontext von Erinnerungsarbeit bei rassistischen Morden tätig sind, ist dies häufig ein Problem. Wie lief die Kontaktaufnahme in eurem Fall?

Der Kontakt zur Familie war uns von Anfang an wichtig und auch ein zentraler Gründungspunkt. Am Anfang jedoch waren die Kontaktaufnahme und der Vertrauensaufbau mit der Familie und dem Freundeskreis von Burak schwierig. Da wurde massiv dagegen gearbeitet, sowohl von polizeilicher Seite und auch von der damaligen Anwältin der Familie. Zuletzt ist der Kontakt über die türkischeGruppe Allmende zustande gekommen. Sie haben an den Institutionen vorbei über Freundeskreise den Kontakt zur Familie hergestellt. Mit dem persönlichen Kontakt war dann auch schon viel geschafft. Die Familie ist aber weiterhin von der Polizei gewarnt worden, dass Gruppen in der Initiative mitarbeiten, die extremistisch bzw. terroristisch sind. Einfach nur um Angst zu säen und die Familie einzuschüchtern.

Der Vertrauensaufbau hat sich dann über die Aktivitäten entwickelt, dadurch hat die Familie gesehen, wer wir sind und was wir tun. Dass uns eine Aufklärung in diesem Fall sehr wichtig ist. Die Kontakte haben sich dann im Vorfeld der Gedenkdemonstrationen, sowie bei den Mahnwachen verfestigt. Teilweise waren dann Familienmitglieder auch bei Treffen von uns dabei.

Habt ihr durch eure Arbeit das Gefühl, dass die Erinnerung an Burak bestehen bleibt und das Tatmotiv Rassismus eine wichtigere Rolle spielt?

Naja, das ist immer sehr schwer zu sagen, vor allem als kleine Initiative, deren Mittel natürlich sehr eingeschränkt sind. Bei den Mahnwachen, die meist in Neukölln stattfinden, haben wir im lokalen Kontext festgestellt, dass viele den Fall kennen und auch einen gewissen Informationsstand haben. Wobei oft Leute denken, dass, wenn sie sich nicht weiter damit beschäftigen, der Mord bereits aufgeklärt sein müsste. Sie sind dann sehr erstaunt, dass der Mörder nicht gefasst wurde und trotzdem nichts von staatlicher Seite diesbezüglich geschieht.

Der Mord an Burak wird von dem RBB und der Zeit aber immerhin als Verdachtsfall eines rassistischen Mordes gezählt, das ist auch ein Erfolg unserer Arbeit. Wir denken, dass ohne unser Engagement niemand den Namen Burak, bis auf Freunde und Familien, kennen würden. Es gibt leider ein öffentliches Bestreben, diese Dinge zu vergessen, so ist es bei den Dunkelziffern der rassistischen Morden, wo bei vielen die Ermittlungen eingestellt wurden, oder erst gar nicht in die Richtung eines rassistischen Motivs ermittelt wurde. So wäre es auch bei Burak, wenn es diese Initiative nicht geben würde.

Nach den neusten Entwicklungen gibt es nun einen potentiellen Tatverdächtigen, Rolf Z.. Welche möglichen Tathintergründe seht ihr für den Mord an Burak? Und welche Rolle spielen sie für die neusten Entwicklungen?

Wir haben über die Jahre mögliche Tathintergründe gesammelt. Das ist einmal die sehr aktive Kameradschaftsszene in Neukölln, die in den Jahren vor 2012 Häuser von Familien migrantischer Menschen angezündet haben. Dieses Spektrum der militanten Neonazis ist sehr stark in Neukölln präsent und der Kiez einer ihrer Schwerpunkte. Aus diesem Spektrum gab es an dem Abend der Mordnacht Störungsversuche einer linke Veranstaltung in Neukölln. Es war immer ein Anliegen von uns, dass polizeilich in diese Richtung ermittelt wird.

Ein zweiter Hintergrund, den wir immer gesehen haben, ist, dass einen Tag vor Buraks Ermordung der Tod eines Nazifunktionärs Gerhard Kaindl sich zwanzig Jahre gejährt hat. Dieser ist bei einer Auseinandersetzung mit migrantischen antifaschistischen Jugendlichen gestorben, damals wurden auch Menschen inhaftiert und verurteilt. Die NPD und die Naziszene sind aber der Meinung, dass dieser Mord ungesühnt ist. Zum neunzehnten Jahrestag gab es einen sehr militanten Racheaufruf, der wurde damals von den „Freien Kräften Neukölln“ weiterverbreitet und auch bis zum Tatzeitpunkt auf der Homepage zu finden war. Auch der Aufruf zum zwanzigsten Jahrestag wurde bundesweit von der Kameradschaftsszene, der „Deutschen Stimme“ [NPD-Parteizeitung] und der NPD Berlin verbreitet.

Eine dritte Verbindung ist die „Reichsbürgerszene“, die im Frühjahr 2012 einen Drohbrief an verschiedene Privatpersonen, an Moscheen, u. a. die Neuköllner Şehitlik Moschee, Vereine, sowie die jüdische Gemeinde verschickt haben. Dieser Drohbrief beschwört den „Rassenkrieg“, der als ideologisches Motiv auch der NSU-Mordserie war.

Alle diese Spuren müssten in Bezug auf die Person Rolf Z. überprüft werden, alles was wir über Rolf Z. wissen, ist, dass er als „Waffennarr“ gilt, mehr nicht.

Alles was wir wollen, ist, dass ermittelt wird, ob es ein rassistischer Mord war. Für die Familie würde es viel Ruhe und Entlastung bringen, wenn ein Täter gefunden würde. Auch wenn Rolf Z. der Mörder ist und einfach ein verwirrter Einzeltäter, wie die Polizei das gerade erscheinen lässt. Dann ist das für die Familie eine große Entlastung zu wissen, dass ein Täter gefasst wird. Und sie sich nicht mehr von diesem Täter in ihrer Nachbarschaft bedroht fühlen müssen.

Foto von Marco Schott

In Leipzig fand vor einigen Wochen der Gedenkkongress „NSU-Gedenken im Kontext bisheriger Gedenk- und Erinnerungspolitik nichtstaatlicher Gruppen an rechte Morde und Gewalttaten“, wo ihr auch bei einer Podiumsdiskussion vertreten ward. Wie fandet ihr den Kongress und habt ihr Schlüsse für eure Aktivität daraus ziehen können?

Generell war dieser Kongress in Leipzig aus unserer Sicht sehr gut und wir begrüßen den Impuls der Antifa-Szene, das Thema Gedenken und Erinnern so in den Mittelpunkt zu stellen und die Kooperation zwischen antirassistischen und antifaschistischen Konzepten voranzutreiben. Die Leipziger Initiative „Rassismus tötet!“ ist ja bereits seit Jahren aktiv, die rassistischen Morde in Leipzig zu thematisieren und jährliche Demonstrationen zu organisieren. Das ist auch etwas, was auch für uns in Berlin relevant sein könnte. Berlin hat die höchste Quote rassistischer Morde bundesweit, das passt nicht zum Selbstbild dieser Stadt. Hier besteht eine Lücke, was das Gedenken an diese Morde angeht. Zwar gibt es ein aktives Gedenken an Dieter Eich in Buch und die jährliche Silvio Meier Demonstration in Friedrichshain, aber die migrantischen Opfer rassistischer Morde wurden in der Vergangenheit in Berlin häufig nicht beachtet. Da müssen wir was dran ändern.

Auf dem Gedenkkongress in Leipzig ging es viel um Erinnern und Gedenken. Welche Aspekte sind eurer Meinung für ein gemeinsames Erinnern und Gedenken zwischen Unterstützer*innen und Betroffenen wichtig?

Erstmal ist das Gedenken bei rassistischen Morden immer etwas, was eine Solidarisierung mit den Betroffenen beinhaltet. Da werden Menschen, die bereits im rassistischen Weltbild marginalisiert sind, ermordet und es gibt keine bzw. sehr wenig Empathie aus der Mehrheitsgesellschaft. Wir wollen diese fehlende Empathie ausdrücken und daher muss es immer ein gemeinsames Gedenken sein. Grundsätzlich spielt die Angst der Familie und auch der Community bei der Erinnerung eine wichtige Rolle. Die Angst kommt einerseits von dem Täter selbst, der immer noch nicht gefunden wurde, aber auch Angst vor dem Staat, der es vielleicht nicht gerne sieht, wenn man kritische Nachfragen stellt. Viele fühlen sich nicht sicher und das bestimmt auch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit. Durch unsere Solidarität haben wir es teilweise geschafft, diese Angst gemeinsam zu durchbrechen.

 


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