Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus



DISS: „Vorhersehbare Katastrophen“

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NPD setzt auf stump­fe Res­sen­ti­ments: Wahl­kampf in Hel­lers­dorf, 24.8.2013

Augen­blick­lich eska­lie­ren wie­der Kon­flik­te um Einwanderer_innen aus Ost­eu­ro­pa und Asyl­su­chen­de in ganz Deutsch­land. Die Situa­tio­nen rund um pre­kä­re Wohn­quar­tie­re von  Migrie­ren­den (zumeist aus Rumä­ni­en und Bul­ga­ri­en, häu­fig vor allem Roma) sowie um Asyl­su­chen­den-Unter­künf­te neh­men an Hef­tig­keit und Gefähr­lich­keit zu, orga­ni­sier­te Nazis machen sich eine ras­sis­ti­sche Stim­mung in wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung zu Nut­ze und befeu­ern die agres­si­ve Stim­mung noch mit Het­ze, Demons­tra­tio­nen und indem sie „Bür­ger­initia­ti­ven“ gegen Sam­mel­un­ter­künf­te und wei­te­ren Zuzug unter­wan­dern.

Die auf­ge­la­de­nen Anwoh­ner_in­nen-Pro­tes­te in Ber­lin Hel­lers­dorf, in Wol­gast, Leip­zig und anders­wo, sowie ras­sis­ti­sche Aus­gren­zung wie etwa in Ber­lin-Rei­ni­cken­dorf wecken Erin­ne­run­gen an die ras­sis­ti­sche Pogrom­stim­mung nach der Wen­de Anfang der 1990er Jah­re im  gan­zen Land. Beson­ders bedroh­lich stellt sich die Situa­ti­on in Duis­burg dar, wo vor dem pre­kä­ren Wohn­quar­tier süd

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900 gegen 50: Anti-NPD-Pro­test in Ber­lin Hel­lers­dorf am 24.8.2013

ost­eu­ro­päi­scher Einwanderer_innen auf­ge­brach­te Anwohner_innen und Nazis sich ver­sam­meln. Es gibt zwar aller­or­ten auch star­ke anti­ras­sis­ti­sche und anti­fa­schis­ti­sche Initia­ti­ven, Pro­tes­te und nächt­li­che Wachen vor den bedroh­ten Gebäu­den, aber die Situa­ti­on kann jeder­zeit außer Kon­trol­le gera­ten.

Unser lang­jäh­ri­ger Part­ner, das Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach- und Sozi­al­for­schung (DISS), hat sich nun mit einer Pres­se­er­klä­rung an die Öffent­lich­keit gewandt und vor wei­te­rer Eska­la­ti­on gewarnt. Wir doku­men­tie­ren die PE hier und schlie­ßen uns der Ein­schät­zung und dem poli­ti­schen Weck­ruf der Kolleg_innen in Duis­burg (nicht nur mit Blick auf die Ber­li­ner Situa­ti­on) an:

Presseerklärung des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS)

 „Die Ereig­nis­se erin­nern fatal an die ras­sis­ti­sche Pogrom­stim­mung von Anfang der 1990er Jah­re“

Seit Mit­te der 1980er Jah­re befasst sich das Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach- und Sozi­al­for­schung (DISS) mit den Reak­tio­nen deut­scher Bür­ge­rin­nen und Bür­ger auf die Ein­wan­de­rung nach Deutsch­land.

Sieg­fried Jäger, Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Duisburg/Essen und lang­jäh­ri­ger Vor­sit­zen­der des DISS und das gesam­te DISS-Team haben in einer Viel­zahl von Pro­jek­ten und Ver­öf­fent­li­chun­gen bele­gen kön­nen, dass in Deutsch­land ein all­täg­li­cher Ras­sis­mus herrscht, der alle Bevöl­ke­rungs­schich­ten erfasst hat und durch Poli­tik und Medi­en fort­lau­fend geschürt wird. Ras­sis­mus ist kei­ne Erfin­dung eini­ger extrem rech­ter Wirr­köp­fe, son­dern ein gesell­schaft­li­ches Gesamt­pro­blem, das ihnen nur aus­ge­nutzt wird. Will man Ras­sis­mus bekämp­fen, soll­te man nicht nur auf den extre­men rech­ten Rand zie­len, son­dern auf die Fak­to­ren, die die­sen Ras­sis­mus bestän­dig her­vor­brin­gen: z.B. eine restrik­ti­ve Aus­län­der­po­li­tik in Deutsch­land und die fast durch­weg mise­ra­ble Bericht­erstat­tung in den Medi­en.

Klar soll­te wer­den: Zuwan­de­rung ist ein Mensch­heits­phä­no­men seit es Men­schen gibt. Anders gesagt: Seit es Men­schen gibt, wan­dern sie. Die­se Wan­de­run­gen waren und sind die Grund­la­ge für das Ent­ste­hen gro­ßer Städ­te und Bal­lungs­ge­bie­te wie z. B. des Ruhr­ge­biets. Die der­zei­ti­ge Ein­wan­de­rung von Men­schen aus Süd­ost­eu­ro­pa nach Duis­burg, Ber­lin und ande­ren Städ­ten ist auf die rie­si­ge Armut und auch auf die Ver­fol­gung der Roma vor allem in Rumä­ni­en und Bul­ga­ri­en zurück­zu­füh­ren. Außer­dem flie­hen Men­schen vor Krie­gen in Afgha­ni­stan, dem Irak, Syri­en und anders­wo. Mit ihnen wan­dern auch ande­re Spra­chen, Prä­gun­gen, Sit­ten, Gebräu­che und Reli­gio­nen in den Ziel­län­dern ein, was zwar immer auch eine Berei­che­rung bedeu­tet, aber auch Miss­ver­ständ­nis­se, Strei­tig­kei­ten und Belas­tun­gen nach sich zie­hen kann.

Die Kon­se­quenz dar­aus ist: Ein­wan­de­rer brau­chen Hil­fe und Unter­stüt­zung. Das gilt aber auch für die von Armut betrof­fe­nen Ein­ge­bo­re­nen. Und genau da lie­gen die Pro­ble­me: Die Hil­fe und Unter­stüt­zung bleibt weit­ge­hend aus, und damit die Vor­aus­set­zung für ein fried­li­ches Zusam­men­le­ben. Damit eröff­net sich ein Betä­ti­gungs­feld für extre­me Rech­te. Die Kon­flik­te eska­lie­ren bis zu Pogrom­stim­mung und Brand­an­schlä­gen, wie dies (nicht nur) in den 1990er Jah­ren in Ros­tock, Solin­gen und Mölln und in tau­sen­den wei­te­ren Gemein­den der Fall war. Die Idee der Demo­kra­tie gerät unter Druck, Ein­wan­de­rer und Alt­ein­ge­ses­se­ne wer­den allein gelas­sen. Der Staat und sei­ne Orga­ne ver­sa­gen.

Prof. Sieg­fried Jäger, der Grün­der des DISS, erklär­te: „Die Ereig­nis­se der letz­ten Tage und Wochen rund um das Haus in Duis­burg-Berg­heim erin­nern fatal an die ras­sis­ti­sche Pogrom­stim­mung von Anfang der 1990er Jah­re.  Es ist Zeit für einen Para­dig­men­wech­sel in der Aus­län­der­po­li­tik. Eine Poli­tik der Abschre­ckung, Aus­gren­zung, der Assi­mi­la­ti­ons­for­de­run­gen und der sozia­len Ver­nach­läs­si­gung schafft Pro­ble­me statt sie zu lösen und sie schürt den All­tags­ras­sis­mus in der Bevöl­ke­rung. Die aku­te Zuspit­zung der Situa­ti­on in Berg­heim erfor­dert aber zunächst ein­mal sofor­ti­ges Han­deln. Die Poli­zei und die Stadt Duis­burg sind in der Pflicht, die Unver­sehrt­heit der Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner des Hau­ses „In den Peschen“ sicher­zu­stel­len, damit Duis­burg nicht bald schon durch eine neue vor­her­seh­ba­re Kata­stro­phe zum Ort des Schre­ckens wird.“

26. August 2013

Duis­bur­ger Insti­tut für Sprach- und Sozi­al­for­schung