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Der unsichtbare Tropenhelm: Wie koloniales Denken noch immer unsere Köpfe beherrscht

Themen : Gedenkpolitiken, Rassismus · No Comments · von 18. Dezember 2013

Ja, auch Deutsch­land hat eine Kolo­ni­al­ge­schich­te. Und ja, auch hier­zu­lan­de sind die Köp­fe durch jahr­hun­der­te­al­te ras­sis­ti­sche Mus­ter geprägt! Das macht die Öko­no­min und His­to­ri­ke­rin Frie­de­ri­ke Haber­mann in ihrem kurz­wei­lig geschrie­be­nen Bänd­chen über den «unsicht­ba­ren Tro­pen­helm» deut­lich und plä­diert dafür, die damit ver­bun­de­nen Über­le­gen­heits­phan­ta­si­en abzu­le­gen.

«Wer die abend­län­di­sche Gesell­schaft für frei, auf­ge­klärt und gerecht hält, wird über die Wun­den, auf die Frie­de­ri­ke Haber­mann den Fin­ger legt, erstaunt sein», heißt es in der Ver­lags­an­kün­di­gung. Exakt – außer­dem aber auch oft amü­siert und nicht sel­ten scho­ckiert.

Amü­siert etwa über dumpf­ba­cki­ge Äuße­run­gen des hoch geach­te­ten Phi­lo­so­phen der Auf­klä­rung Imma­nu­el Kant wie: «Die Mensch­heit ist in ihrer größ­ten Voll­kom­men­heit in der Race der Wei­ßen.» Scho­ckiert zu erfah­ren, dass in der Kolo­nie «Deutsch-Süd­west» Aus­peit­schun­gen der Ur-Ein­woh­ner durch die deut­schen Kolo­ni­al­her­ren an der Tages­ord­nung waren, «mit Vor­lie­be quer über das Gesicht». Und unan­ge­nehm berührt von Haber­manns küh­lem Hin­weis dar­auf, dass wir es hin­neh­men, dass heu­te all­täg­lich 100 000 Men­schen ver­hun­gern – ganz ohne Nil­pferd­peit­sche.

«Da die Men­schen alle aus Afri­ka kamen, haben wir alle einen migran­ti­schen Hin­ter­grund», erin­nert uns die Autorin. «Alle spä­te­ren Ver­su­che, Grenz­li­ni­en zwi­schen Men­schen zu zie­hen – sei es auf­grund von Her­kunft, Geschlecht, Reli­gi­on oder was auch immer, die­nen vor allem einem: klar zu machen, wer dazu gehört und wer nicht. Und damit letzt­lich: Wer an bestimm­ten Pri­vi­le­gi­en teil­hat und wer nicht.»

So wird prä­zi­se auf den Punkt gebracht, was den Kern von Ras­sis­mus, Sexis­mus, Isla­mo­pho­bie, Anti­zi­ga­nis­mus und ande­ren Aus­schluss­me­tho­den aus­macht. Das «Othe­ring» näm­lich (der Begriff stammt von Gayar­ti Cha­kra­vor­ty Spivak, die es als Cha­rak­te­ris­ti­kum post­ko­lo­nia­len Ver­hal­tens beschrieb), das «Zum-Frem­den-Stem­peln» wird in mehr oder weni­ger sub­ti­len For­men auch hier­zu­lan­de meist unbe­wusst, den­noch gna­den­los betrie­ben. Vor allem von den (wei­ßen) Zeitgenoss_innen, denen es nützt.

Der his­to­ri­sche Wider­spruch zwi­schen der Pro­kla­mie­rung der Men­schen­rech­te auf der einen Sei­te und dem Kolo­ni­al­sys­tem und der Skla­ve­rei auf der ande­ren Sei­te, den Haber­mann dar­stellt, erin­nert unan­ge­nehm an zeit­ge­nös­si­sche Krie­ge im Namen von Men­schen­rech­ten und dar­auf fol­gen­de Flüchtlings“ströme“, die dazu die­nen, Ille­ga­li­sier­te in den rei­chen Indus­trie­staa­ten aus­zu­beu­ten.

Die Leser_innen erfah­ren, wie die Dif­fe­renz der Haut­far­ben und dar­auf basie­rend die Wer­tig­keit von Men­schen kon­stru­iert wur­de – in auf­stei­gen­der Linie von den «nie­de­ren» Afri­ka­nern bis zu den Euro­pä­ern «direkt unter den Engeln».

Kapi­tel­über­schrif­ten wie «Ist Ras­sis­mus von ges­tern?», «Die Bür­de des weis(s)en Bes­ser­wes­sis», «Frei­heit, Gleich­heit, Aus­schluss», «Die Erfin­dung des ‹Hun­gern­den› im 18.Jahrhundert», «Wie wir uns selbst kolo­nia­li­sie­ren», «Sex, ‹Race› und der Homo oeco­no­mi­cus» umrei­ßen die Band­brei­te der kom­pak­ten, fak­ten- und gedan­ken­rei­chen Dar­stel­lung.

 

Frie­de­ri­ke Haber­mann: Der unsicht­ba­re Tro­pen­helm. Wie kolo­nia­les Den­ken noch immer unse­re Köp­fe beherrscht. Dra­chen Ver­lag, Klein Jase­dow 2013, 112 Sei­ten, 10 EUR

 

Die­ser Text erschien zuerst in Aus­ga­be 351 von CONTRASTE, der Monats­zei­tung für Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on (Dezem­ber 2013): www​.con​tras​te​.org


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