Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus



Das lähmende Mosaik: Rassismus als Alltagserfahrung

Es sind vor allem zwei Probleme, die ein zielführendes Gespräch über beziehungsweise eine funktionierende Arbeit gegen Rassismus erschweren. Zum einen wird er entweder als Phänomen der Nazizeit historisiert oder als Merkmal des aktuellen ‹Rechtsextremismus› debattiert. Rassismus ist unzweifelhaft eines der Ideologieelemente des Neonazismus, vieler populistischer Parteien, aber auch hetzerischer Rede in Büchern, an Wahlkampfständen oder bei Gästen von Fernsehtalkshows. Dass er aber wesentlich mehr ist als das, was lange zurückliegt oder bloß am sogenannten Rand der Gesellschaft stattfindet, taucht allzu selten auf: Kinder, die hier geboren werden, gelten nach wie vor zuerst einmal als das, was ihre Eltern sind oder die Großeltern einmal waren: Migrantinnen und Migranten, ‹mit Migrationshintergrund› oder ‹nicht-deutscher Herkunft›. Menschen, die aus einem Mitgliedsstaat der EU kommen, haben andere Rechte beim Zugang zu Arbeit, Gesundheit und politischer Teilhabe als ‹Drittstaatenangehörige›. Schwarze werden – unabhängig von Pass oder Migrationsgeschichte – nicht nur von der Bundespolizei anlassunabhängig kontrolliert. Tatsächliche oder vermeintliche Sprachkenntnisse, das Äußere, die Staatsangehörigkeit, der Name, die Religion und viele andere Merkmale, wie es im juristischen Antidiskriminierungs-Deutsch heißt, sorgen dafür, dass in Medien, Politik, auf dem Arbeitsmarkt, im Fitnessstudio oder in der Schule Menschen in Gruppen sortiert und diese Gruppen mit einer Wertigkeit versehen werden. Nicht zuletzt die Schulleistungsuntersuchungen der OECD (sogenannte Pisa-Studien) haben deutlich aufgezeigt, wie wenig es der individuelle (Un-) Wille ist, der Bildungsleistungen und -aufstiege beeinflusst. Die institutionellen und die strukturellen Bedingungen, unter denen wir allesamt leben, begünstigen die einen und benachteiligen – und zwar systematisch – die anderen: auch wenn es niemand böse meint, auch wenn die Meinenden nicht ‹-extrem› sind.

Kein Einzelfall

 

Ein zweiter Punkt, der die Alltagsrealität von Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund entscheidend prägt, in der Rede und in der Arbeit über Rassismus aber kaum vorkommt, ist die Frequenz, mit der Rassismus erfahren wird. Wenn jemand auf der Straße angepöbelt wird, ist das immer ein Einzelfall. Wenn eine Moschee angegriffen wird, ist das ein Einzelfall. Wenn ein Schwarzer in Polizeigewahrsam ums Leben kommt, wie Oury Jalloh 2005 in Dessau, ist das ein Einzelfall. Die Einrichtung der Sonderkommissionen «Halbmond» und später «Bosporus» zur Ermittlung von NSU-Mordfällen und viele andere Beispiele, die zunächst immer auf ein regelgerechtes Verhalten von Individuen oder Behörden verweisen, stehen in einem Zusammenhang, der sich Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, nicht immer erschließt. Der stumme Zwang der Kategorien, anhand derer sortiert, bewertet und abgearbeitet wird, ist für manche Menschen aber gar nicht so wortlos. Die mediale Dauerpräsenz von Thilo Sarrazin, der seine sozialchauvinistischen, rassistischen und antisemitischen Thesen nicht nur in der größten Boulevard-Zeitung des Landes und in einer renommierten Politik-Zeitschrift vorabdrucken ließ, sondern auch durch wirklich jede Talkshow tingelte, prägen das Alltagsbewusstsein von Menschen, die in der Nachbarschaft, in der Betriebskantine, auf dem Amt, an der Disko-Tür oder in ihrer Beziehung quasi jederzeit bereit sein müssen, sich für ihre Herkunft, ihr Aussehen, ihren Namen, ihren Akzent oder eben das, was gerade für fremd befunden wird, zu rechtfertigen. Rassismus ist – für diejenigen, die er trifft – niemals ein Einzelfall, sondern eine permanente Anspannungs- und Stresssituation, die jeden vermeintlichen Einzelfall einzusortieren weiß. Und mit jedem Mosaik-Steinchen, das hinzukommt, wird das Gesamtbild bedrohlicher und vor allem lähmender.

Interesse, Unterstellung, Betroffenheit

 

Dabei spielt es keine Rolle, ob Fragen wie «Wo kommst du wirklich her?» oder «In eurer Kultur ist das doch so und so, oder?» einem ehrlichen Interesse, einer innewohnenden Abwertung oder einem gut gemeinten Lob entspringen («nicht so verkopft», «können gut kochen, tanzen, Fußball spielen» etc.). Die Einteilung der Menschen in Gruppen, denen sie vermeintlich entstammen und denen sie in alle Zukunft zugeordnet bleiben werden – die sogenannten Kulturkreise –, ist wohlmeinenden wie nicht wohlmeinenden Aussagen und Fragen gemein. Statt die Menschen in ihrer Individualität, mit ihren Fähigkeiten und Begrenzungen, in den Mittelpunkt zu stellen, sortieren sie sie in Schubladen – und innerhalb der Schubladen noch einmal nach Farben und Größen: Zu viele Kinder, zu wenig tolerant gegenüber Homosexuellen, zu patriarchale Familienverhältnisse, rückwärtsgewandte Wertvorstellungen – die Liste dessen, was in Bezug auf ‹Multikulti›-Probleme als besprechbar gilt, kennt kaum Grenzen, und sei das Thema noch so intim.

Die Formulierung ‹von Rassismus betroffen› ist dabei mehrfach missverständlich. Zum einen sind buchstäblich alle von Rassismus ‹betroffen›, denn was für die einen Ausschluss bedeutet, ist den anderen der selbstverständliche Einschluss. Der Unterschied in der Betroffenheit liegt darin, dass manche es sich aussuchen können, ob, wann, wie lange sie sich mit Rassismus auseinandersetzen wollen. Für andere stellen sich solche Fragen nicht, weil ihnen diese Entscheidungen abgenommen werden.

Zum anderen sind es nicht die Merkmale, die manche Menschen ‹haben› (Name, Aussehen, Kultur etc.), sondern das, was als ihre Besonderheit erkannt wird. Menschen aus Polen oder aus der ehemaligen Sowjetunion gehen manchmal als welche ‹von uns› durch, egal, ob sie in dritter Generation hier leben oder erst letztes Jahr selbst eingewandert sind. Es ist das, was als anders begriffen wird – zwar individuell, aber immer gesellschaftlich vermittelt –, was zum Einschluss der einen und zum Ausschluss der anderen führt. Niemand sieht in einen Abgrund, wenn mal wieder ein Haus brennt oder ein Friedhof geschändet wird. Für einen kurzen Augenblick bricht der Untergrund auf, der auch sonst immer da ist. Schwarze Deutsche leben seit vielen Jahrhunderten auf dem Gebiet, das heute Deutschland heißt, wie auch Roma und Sinti sowie viele Mitglieder der jüdischen Gemeinden. Sie könnten problemlos als ‹deutsch› gelten, wenn Deutschsein nicht in erster Linie als Frage des Phänotyps gälte.

Verstehen – eingreifen – stärken

 

Niemand wird allein verhindern können, dass rassistisches Wissen weiterhin gelehrt und erlernt wird. Schulbücher, die auch im 21. Jahrhundert noch von der Existenz menschlicher ‹Rassen› ausgehen, lassen sich von einer Lehrkraft so wenig abschaffen wie Straßennamen, die Kolonialrassisten oder Nationalsozialisten ehren, von einzelnen Menschen, die dort wohnen. Fernsehshows, in denen bestimmte sprachliche Besonderheiten als lustig gelten, oder Zeitungen, die je nach Herkunft der Täter von einem sogenannten Ehrenmord oder eben von einer angeblichen Familientragödie zu berichten wissen, werden weiterhin zu unser aller Alltag gehören. Von der Wichtigkeit der ‹sozialen Mischung› wird weiterhin in ‹Problemkiezen› gesprochen werden, nicht aber in Villenvierteln. Und so weiter.

Eines aber lässt sich sicher bewerkstelligen, und zwar problem- und kostenlos: Wenn jemand allen Mut zusammennimmt und im eigenen Umfeld von rassistischer Diskriminierung berichtet, lässt sich die eigene Haltung einfach verändern. Statt zu fordern: «Sei nicht so empfindlich!» oder festzustellen: «Das war sicher nicht so gemeint!», wird das Ernstnehmen der Perspektive und der aktive Beistand ein hilfreiches Instrument sein, Opfer von rassistischer Diskriminierung oder Gewalt zu stabilisieren oder sogar zu stärken. Ein toleranter Umgang miteinander, wie er immer wieder propagiert wird, ist nicht ausreichend, um die Sprachlosigkeiten und die Handlungsblockaden aufzulösen, die sich durch die regelmäßig wiederholte Festschreibung auf eine Herkunft, eine Kultur oder eine Religion aufbauen. Rassismus strukturiert unsere Gesellschaft: in Gesetzen, in der Einstellungspraxis von Behörden, in den Empfehlungen beim Übergang auf die Oberschule, in den Fernsehnachrichten. Die alltägliche Dimension von Rassismus, die durch die Normalität des Bestehenden ein ums andere Mal hergestellt wird, kann nur durch eine Alltagskultur irritiert werden, in der bestimmte Fragen, Aussagen und Verhaltensweisen eben nicht mehr normal sind. Verantwortung dafür tragen alle.

 

Koray Yılmaz-Günay ist Referent für das Themengebiet Migration und stellvertretender Direktor der Akademie für Politische Bildung bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Anfang 2014 ist im VSA: Verlag sein Buch «Realität Einwanderung. Kommunale Möglichkeiten der Teilhabe, gegen Diskriminierung» erschienen (gemeinsam mit Freya-Maria Klinger). Kontakt: Yilmaz-Guenay@RosaLux.de. Der Beitrag ist zuerst erschienen im Magazin 08/2014 von Lernen aus der Geschichte (Schwerpunkt: «Rassismus als Ideologie in Gegenwart und Geschichte»). Wir danken für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung!


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