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Das braune Elend: Pogrom in Bautzen

Themen : Allgemein · (1) Comment · von 16. September 2016
Auch 2014 und 2015 zeigten Nazis Präsenz in Bautzen. Foto von 2015: Caruso Pinguin, flickr, CC BY-NC 2.0

Auch 2014 und 2015 zeigten Nazis Präsenz in Bautzen. Foto von 2015: Caruso Pinguin, flickr, CC BY-NC 2.0

Wer solche Medien hat, braucht keine „Lügenpresse“ mehr. Allein die Schlagzeilen des – pars pro toto – Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) stellen eine Realität dar, die es nicht gibt. Diese Art der Darstellung ist eine unterlassene Hilfeleistung, eine Anstiftung zum Pogrom und deckt die eigentlichen Täter_innen in Bautzen, nämlich den organisierten Rechtsterrorismus in Deutschland.

„Polizei: Gewalt ging von Asylsuchenden aus“, „Krawalle in Bautzen: ‚Stimmung ist bedrohlich und angespannt’“, „Alkoholverbot und Ausgangssperre für junge Flüchtlinge“ – die Geschichte geht dann so: Besoffene Flüchtlinge haben einen bedrohlichen Krawall verursacht und bekommen dafür Hausarrest und Alkoholverbot, sie haben angefangen und sind „unser“ Problem.

In Wirklichkeit ist die Lage aber so und das weiß jeder, der die zurückliegenden Monate Revue passieren lässt, auch ohne einen Moment im braunen Elend von Bautzen gewesen zu sein: Seit fast drei Jahren baut sich in Deutschland eine mörderische faschistische Bedrohung auf, in welcher organisierte Nazis und ein völkischer Mob in lebensgefährlicher Stimmung zusammenfinden. Seit 2014 bis Mitte 2016 hat es 2500 Angriffe auf Asylbewerber-Unterkünfte im ganzen Land gegeben, rassistische Angriffe, Beleidigungen und Demütigungen gar nicht mitgezählt. Diese Stimmung ist mit der Ankunft Zehntausender Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan und etliche afrikanischen „failed states“ ab Mitte 2015 nochmals gefährlich eskaliert und durch das Verhalten von Politik, Behörden und Medien, die vor dem Pegida-, Bürgerwehr-, „EinProzent“-, „Reichsbürger“-, „Identitären“-, „AfD“- und Internet-Mob zurückweichen, weiter angeheizt worden. Es nimmt nicht wunder, dass, nachdem eine schwere Brandstiftung in Bautzen (und in tausend anderen Städten des Landes) weitgehend ohne Konsequenzen blieb, dass deutsche Nazis sich ermächtigt fühlen, in diesem mörderischen Sinne fortzufahren und auf Geflüchtete loszugehen, die nicht mit der Solidarität ihrer Umgebung oder dem Schutz der „Sicherheitsbehörden“ rechnen können.

Sie verabreden sich – ist ja jetzt alles so praktisch – zum „Ausländerklatschen“ per Facebook und ziehen Richtung Geflüchteten-Unterkunft. Die Polizei merkt nichts. Sie kommt erst dazu, als sich die 20 (in Worten: Zwanzig) Bedrohten beginnen gegen einen Mob von 80 (in Worten: Achtzig) zu wehren: Schon das offiziell bestätigte Zahlenverhältnis beschreibt eine Notwehr-Situation.

Interpretiert wird es polizeilich und medial anders: Es sind die „Unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge“ – Nachrichtensprecher_innen übernehmen gleich das Verwaltungskürzel „UMFs“ –, die nicht mit Alkohol umgehen können und auf Krawall gebürstet sind und dann auch noch – welch Missbrauch des Gastrechts – nicht nur auf die zusammengerotteten teutonischen Herrenmenschen losgehen, sondern sogar auf die Polizei.

Die 1990er Jahre scheinen auf, tausende Geschichten kommen ins Gedächtnis, wo in dieser Manier krasseste rassistische Angriffe zu „Auseinandersetzungen unter Jugendlichen“, zu „Krawall“ und „Schlägerei“ und die Opfer zu Tätern erklärt werden. Eine Opfer-Täter-Umkehr, die einen pogromartigen Normalzustand im Lande zu einem „Integrationsproblem“ erklärt. Das haben „wir“ alles erlebt und seither sind mehr als 180 Menschen von Rassist_innen umgebracht worden, eine Nazi-Killer-Zelle konnte ungehindert über Jahre morden und ein heldisches Beispiel setzen für mordbereite Nazis im ganzen Land. Nein, das hat der Autor nicht in seinem Furor polemisch zugespitzt: Das BKA hat erst im Januar davor gewarnt, dass sich im organisierten Neonazismus Zellen wie der NSU bilden könnten. Aber doch nicht in Bautzen: Die wollten doch nur eine Facebook-Party vor dem Flüchtlingslager feiern.

Es bleibt nur Wut und Empörung über dieses widerliche Zusammenspiel von Behörden, Medien, „besorgten Bürgern“ und ihren neuen Freunden, den organisierten Nazis in Deutschland. Bleibt nur zu hoffen, dass noch genügend solidarische Menschen mit humaner Orientierung in diesem völlig verwahrlosten Sachsen übrig sind, die den Bedrängten von Bautzen und anderswo zur Seite stehen, ihnen zuhören und mit ihnen die Notwehr organisieren.


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