Die letz­ten Sekun­den nach Ende des NSU-Pro­zes­ses vor dem Ober­lan­des­ge­richt im Saal des A 101 des Straf­jus­tiz­zen­trums in Mün­chen

Ver­bit­te­rung bringt mich nicht wei­ter, ich muss nach vor­ne schau­en“, sagt Seda Başay-Yıl­dız, die als Neben­kla­ge­ver­tre­te­rin im NSU-Pro­zess poli­ti­scher gewor­den sei. Sie habe als tür­kisch­stäm­mi­ge Per­son immer mit ras­sis­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rung leben müs­sen. Auch das Jura­stu­di­um habe ihre Lage im Grun­de nicht ver­bes­sert, sagt sie, sie gehö­re trotz­dem nicht dazu: „Vor dem Gesetz soll­ten wir nach unse­rer Ver­fas­sung alle gleich sein. Das sind wir ein­fach nicht. Das ist so.“ Als Anwäl­tin von Nebenkläger*innen im NSU-Ver­fah­ren sei sie zum Teil üblen Beschimp­fun­gen und mas­si­ven Bedro­hun­gen aus­ge­setzt gewe­sen, erzählt sie in einem beein­dru­cken­den Radio­fea­ture des Baye­ri­schen Rund­funks, das am kom­men­den Sams­tag, 8. Dezem­ber, um 13.05 Uhr, auf dem Sen­der Bay­ern 2 zu hören ist. Das Fea­ture stammt vom BR-Jour­na­lis­ten Thies Mar­sen, der zu den Dauerbesucher*innen und -berichterstatter*innen im Saal A 101 im Mün­che­ner Straf­jus­tiz­zen­trum gehört hat, wo der NSU-Pro­zess „über die Büh­ne ging“. Mar­sen hat­te sich schon vor dem Auf­flie­gen des NSU einen Namen als Exper­te für das Gesche­hen am „rech­ten Rand“ gemacht, ent­spre­chend kun­dig und stich­hal­tig war auch bis­her schon alles, was er zu dem The­ma gemacht hat. Und er ist ein bril­lan­ter Radio­ma­cher, des­sen Hör­stü­cke zum Bes­ten gehö­ren, was über den baye­ri­schen Äther ver­brei­tet wird.

So auch die­ses Fea­ture unter dem Titel “Was bleibt vom NSU-Pro­zess? Eine per­sön­li­che Sicht auf fünf Jah­re Ver­hand­lung und die Fol­gen“. Es ist bezeich­nend, dass das Per­sön­li­che sei­nes Rück­blicks eher in der Aus­wahl der Gesprächspartner*innen und der Per­spek­ti­ven als in Selbst­be­fra­gung und Nabel­schau liegt. Nur an weni­gen Stel­len scheint sei­ne eige­ne Erschüt­te­rung auf, die der NSU und das Leid, dass er über so vie­le Men­schen gebracht hat, ihm ver­ur­sach­te. Als die Ehe­frau des Mün­che­ner NSU-Opfers Theo­do­rus Boul­ga­ri­des, Yvon­ne Boul­ga­ri­des, vor Pro­zess­be­ginn Mit­te April 2013 auf einer gro­ßen Demons­tra­ti­on in Mün­chen sprach, sei­en ihm die Trä­nen über das Gesicht gelau­fen. Schon ein kur­zer Schnip­sel eines State­ments von Yvon­ne Boul­ga­ri­des macht die­se Reak­ti­on unmit­tel­bar ver­ständ­lich.

Mar­sens „per­sön­li­che Sicht“ auf den NSU und den Pro­zess, der am 11. Juli 2018 ende­te, ist bestimmt von der Per­spek­ti­ve der Betrof­fe­nen, der Opfer, der Über­le­ben­den, im Jura­jar­gon: der Geschä­dig­ten des NSU-Ter­rors, der Hin­ter­blie­be­nen der zehn Mord­op­fer, der zum Teil schwer Ver­letz­ten der drei Spreng­stoff­an­schlä­ge und der Betrof­fe­nen der 15 beson­ders bru­ta­len Bank- und Raub­über­fäl­le des NSU. Aus­gangs­punkt sei­nes Ein­stün­ders ist die Ernüch­te­rung und Ent­täu­schung ange­sichts des letz­ten Tages des NSU-Pro­zes­ses, des 438. Haupt­ver­hand­lungs­ta­ges mit der Urteils­ver­kün­dung, der ohne Umschwei­fe als Tief­punkt des gesam­ten über fünf­jäh­ri­gen Ver­fah­rens bezeich­net wer­den kann. Aus­ge­rech­net die bei­den hals­star­rig beken­nen­den Neo­na­zis unter den Ange­klag­ten, NSU-Waf­fen­be­schaf­fer Ralf Wohl­le­ben und Unter­stüt­zer André Emin­ger kamen mit Haft­stra­fen zum Teil deut­lich unter den For­de­run­gen der Bun­des­an­walt­schaft davon, der fana­ti­sche „Natio­nal­so­zia­list“ Emin­ger gar mit fast zehn Jah­ren weni­ger und wenig nach­voll­zieh­ba­ren Teil­frei­sprü­chen. Er konn­te das Gericht als frei­er Mann unter dem Jubel sei­ner ange­reis­ten „Kame­ra­den“ ver­las­sen. Unter der Bal­lus­tra­de der Öffent­lich­keit saßen die Betrof­fe­nen des NSU-Ter­rors, hör­ten den Jubel oben und waren wie vor den Kopf gesto­ßen. Hat­ten sie doch – und nicht nur sie – von dem Pro­zess nichts weni­ger als die Ein­lö­sung des voll­mun­di­gen Ver­spre­chens von Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel vom 23. Febru­ar 2012 erwar­tet, die damals von „lücken­lo­ser Auf­klä­rung“ sprach.

Ob das viel­leicht naiv gewe­sen sei, fragt sich auch Mar­sen, der irgend­wie die­sel­ben Erwar­tun­gen gehegt hat­te. Er lässt sich von dem Pro­zess­be­ob­ach­ter von NSU-Watch Robert Andre­asch aus der See­le spre­chen: „Ja, Ernüch­te­rung. Wir haben uns ein­fach Illu­sio­nen gemacht“, sagt er. Man fra­ge sich tat­säch­lich, ob es das wert gewe­sen sei, sagt Andre­asch. Die vie­le Zeit im Pro­zess habe auch von ande­ren Recher­chen und Auf­ga­ben abge­hal­ten, die ange­sagt gewe­sen wären – etwa ange­sichts der Explo­si­on ras­sis­ti­scher Gewalt in Deutsch­land, deren Druck­wel­len sich im Grun­de par­al­lel zum Pro­zess aus­brei­te­ten. Und alles was dazu gehört: der Maaßen-Skan­dal, der rechts­ter­ro­ris­ti­sche Bun­des­wehr­of­fi­zier Fran­co A., die Wei­ße-Wöl­fe-Ter­ror­crew in Bam­berg, Aus­schrei­tun­gen in Chem­nitz, der Pro­zess gegen die „Grup­pe Frei­tal“ usw. usf.

Vor dem Haus in der Nym­phen­bur­ger Stra­ße in Mün­chen: Die wüten­de Dau­er-Kund­ge­bung mit anschlie­ßen­der „Kein Schlussstrich!“-Demo

Mar­sen reist als Repor­ter auch nach Apol­da, wo im Okto­ber 2018 Nazis ein ande­ren­orts ver­bo­te­nes Rechts­Rock-Kon­zert im Stadt­zen­trum ange­mel­det hat­ten. Mar­sen will sich selbst davon über­zeu­gen, ob tat­säch­lich der eine Woche nach dem Urteil in Mün­chen eben­falls auf frei­en Fuß gesetz­te Ralf Wohl­le­ben als Red­ner dort erschei­nen wür­de. Und er trifft einen alten Bekann­ten wie­der: Micha­el Ebenau, in Thü­rin­gen seit Jahr­zehn­ten immer an der Spit­ze von Pro­tes­ten gegen rechts, den er schon im Jahr 2003 ken­nen­ge­lernt hat­te, als Wohl­le­ben und sei­ne Kame­ra­den gera­de ein Haus in Jena-Alt­lo­be­da erwor­ben und zum „Brau­nen Haus“ erklärt hat­ten. Gera­de­zu gespens­tisch ist die „his­to­ri­sche“ Auf­nah­me vom dama­li­gen Besuch in Jena, wo Wohl­le­ben, kurz vor­her noch Ver­bin­dungs­mann und Ver­trau­ter des nach Chem­nitz geflüch­te­ten Kern­tri­os des NSU, sich dem Repor­ter und sei­nem Inter­view­part­ner Ebenau nähert und bei dem Inter­view zuhö­ren will.

Ein groß­ar­ti­ges Radio­stück hat Mar­sen da abge­lie­fert, eine ver­stö­ren­de Tie­fen­boh­rung in das Dra­ma von Ver­tu­schung, Ver­harm­lo­sung, Igno­ranz und Ras­sis­mus, des Down­si­zing einer der mons­trö­ses­ten Nazi­ter­ror­se­ri­en in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik, eine nüch­ter­ne, auch ernüch­ter­te Bilanz, die aber zum Wei­ter­ma­chen und Kei­ne-Ruhe-Geben moti­viert und kei­nen Schluss­strich zulas­sen will. Um mit Blick auf das ent­täu­schen­de Pro­zess­ende mit Yvon­ne Boul­ga­ri­des zu spre­chen: „Das war nur ein ober­fläch­li­cher Haus­putz, wo nicht mal unter den Tep­pich geschaut wur­de.“

Und das kann man doch so nicht auf sich beru­hen las­sen.

Das sehr emp­feh­lens­wer­te Fea­ture „Was bleibt vom NSU Pro­zess? Eine per­sön­li­che Sicht auf fünf Jah­re Ver­hand­lung und die Fol­gen” wird am Sams­tag, 8. Dezem­ber 2018, um 13.05 Uhr auf Bay­ern 2 aus­ge­strahlt und am Sonn­tag, 9. Dezem­ber, um 21.05 Uhr noch ein­mal wie­der­holt. Als Pod­cast kann das Fea­ture ab sofort hier her­un­ter­ge­la­den wer­den.