Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus



ASOG: Sicherheit, Ordnung, Rassismus.

 

Wand­ta­pe­te nähe Gör­lit­zer Park [Foto: KOP Ber­lin]


„Gefähr­li­che Orte“: als sol­che stuft die Ber­li­ner Poli­zei regel­mä­ßig ver­schie­de­ne Gegen­den in Ber­lin ein. Die Ein­gren­zung die­ser „kri­mi­na­li­täts­be­las­te­ten Orte“ (kbO) dient nicht einer Vor­war­nung für unbe­schol­te­ne Bürger*innen, sich dort beson­ders vor­sich­tig durch die Groß­stadt zu bewe­gen. Ganz im Gegen­teil, eigent­lich woll­te die Poli­zei die Namen die­ser Orte am liebs­ten im Gehei­men hal­ten – aus poli­zei­stra­te­gi­schen Grün­den, wie es heißt. Der Clou die­ser kbO ist näm­lich, dass sie der Poli­zei erwei­ter­te Hand­lungs­mög­lich­kei­ten im Namen der öffent­li­chen Sicher­heit und Ord­nung ermög­li­chen. Der wich­tigs­te Bestand­teil die­ser Befug­nis­se ist es, soge­nann­te ver­dachts­un­ab­hän­gi­ge Iden­ti­täts­kon­trol­len vor­neh­men zu kön­nen, auch wenn kei­ne kon­kre­te Gefahr vor­han­den ist. Die Poli­zei muss in sol­chen Fäl­len an kbO auch kei­ne Grün­de für Kon­trol­le und Fol­ge­maß­nah­men wie eine Durch­su­chung angeben.Von die­sen Kon­trol­len betrof­fen ist jedoch nicht ein Quer­schnitt der Gesell­schaft, wie das Wört­chen „ver­dachts­un­ab­hän­gig“ ver­mu­ten lie­ße. Beson­ders Men­schen, die von Beamt*innen als „aus­län­disch“, also meis­tens nicht-weiß mar­kiert wer­den, wer­den ange­hal­ten und kon­trol­liert.

Schon lan­ge ver­su­chen Peop­le of Color (PoC) und ver­schie­de­ne Initia­ti­ven, die Kri­tik an der dis­kri­mi­nie­ren­den Pra­xis des poli­zei­li­chen Raci­al Pro­filing an die Öffent­lich­keit zu brin­gen. Beson­ders die Befug­nis zum anlass­lo­sen Kon­trol­lie­ren rückt dabei immer wie­der in den Fokus, denn gera­de die­se brei­te Ermäch­ti­gung ist prä­de­sti­niert für ras­sis­tisch moti­vier­te Maß­nah­men. Die Ber­li­ner Kam­pa­gne „Ban Raci­al Pro­filing“ [dt. sinn­ge­mäß: „Stoppt ras­sis­ti­sche Kon­trol­len“] ver­öf­fent­lich­te im Mai 2019 das Rechts­gut­ach­ten „Ver­fas­sungs­recht­li­che Bewer­tung der Vor­schrift des § 21 Abs.2 Nr. 1 des All­ge­mei­nen Geset­zes zur Sicher­heit und Ord­nung in Ber­lin – das Kon­zept der ‚kri­mi­na­li­täts­be­las­te­ten Orte‘“, in dem die poli­zei­li­che Befug­nis des ASOG Ber­lin hin­sicht­lich ihrer Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit über­prüft wird.

Wer ent­schei­det, was gefähr­lich ist?
Inzwi­schen ist grob ersicht­lich, wel­che Ber­li­ner Gegen­den als kbO klas­si­fi­ziert sind, bei­spiels­wei­se der Alex­an­der­platz, die War­schau­er Brü­cke, Tei­le der Riga­er Stra­ße und — Über­ra­schung! — das Kott­bus­ser Tor. Ab und an gibt es auch Ände­run­gen und Ver­schie­bun­gen der Gren­zen – wie und war­um bleibt weit­ge­hend unklar. Auch wie die­se „gefähr­li­chen Orte“ eigent­lich zustan­de kom­men und wer sie aus wel­chen Grün­den benennt, ist ein denk­bar intrans­pa­ren­ter Pro­zess, er hängt mehr oder weni­ger von der Lage­be­ur­tei­lung der Poli­zei ab, die sich wie­der­um selbst­re­dend auf ihre eige­nen Sta­tis­ti­ken bezieht. Nun gibt es zahl­rei­che Ein­flüs­se auf die Ent­ste­hung der poli­zei­li­chen Sta­tis­ti­ken wie das Anzei­ge­ver­hal­ten Betrof­fe­ner, das öffent­li­che Inter­es­se an bestimm­ten Straf­ta­ten und natür­lich auch die Prä­senz von Poli­zei­kräf­ten an bestimm­ten Orten. Je mehr Poli­zei, des­to mehr Kri­mi­na­li­tät in den Sta­tis­ti­ken, wor­auf stets die For­de­rung nach mehr Prä­senz folgt – es scheint ein Teu­fels­kreis zu sein. Die Bestim­mung der Orte ist also ein rein ver­wal­tungs­in­ter­ner Vor­gang, der einer gericht­li­chen Kon­trol­le und damit der Über­prü­fung durch Bürger*innen ent­zo­gen ist. Das Gut­ach­ten der Ber­li­ner Rechts­an­wäl­tin Dr. Maren Burk­hardt und des Rechts­wis­sen­schaft­ler Dr. Cen­giz Bars­kan­maz vom Max-Planck-Insti­tut für Sozi­al­an­thro­po­lo­gie in Hal­le legt dar, dass die­se Intrans­pa­renz dem Gebot des Geset­zes­vor­be­halts wider­spricht und die man­geln­de Über­prüf­bar­keit ent­spre­chen­der Maß­nah­men also ver­fas­sungs­recht­lich kri­tisch ist.

Mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung
Zwar wird argu­men­tiert, dass ja wirk­lich jeder sich an einem kbO auf­hal­ten­de Mensch von der Poli­zei kon­trol­liert wer­den kön­ne, die­se „Sicher­heits­maß­nah­men“ also alle beträ­fen. Normadres­sat, wie es im Jura­sprech heißt, ist also jede Per­son. Norm­be­trof­fe­ne jedoch – das kri­ti­siert das vor­lie­gen­de Gut­ach­ten – sind in der Rea­li­tät fast aus­schließ­lich PoC. Die­se Dis­kri­mi­nie­rung scheint näm­lich schon in der Kon­zep­ti­on der kbO inhä­rent zu sein: Ein Ort qua­li­fi­ziert sich unter ande­rem als kri­mi­na­li­täts­be­las­tet, wenn sich dort Per­so­nen tref­fen, die gegen auf­ent­halts­recht­li­che Straf­vor­schrif­ten ver­sto­ßen. Das Gut­ach­ten spricht hier von einer mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung, wel­che dazu führt, dass die Poli­zei ver­mehrt die Iden­ti­tät von aus ihrer Sicht „aus­län­disch“ erschei­nen­den Per­so­nen fest­stellt, was unwei­ger­lich zu Raci­al Pro­filing führt. Die­se Pra­xis ver­stößt gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Grund­ge­set­zes und durch ihre enge Ver­bin­dung zur Men­schen­wür­de wird ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung als beson­ders schwer­wie­gend ange­se­hen.

Das Grenz­re­gime vor unse­ren Augen
Bei einer genaue­ren Betrach­tung des kbO-Kon­zepts wird die Ver­mu­tung immer stär­ker, dass es durch sei­ne Ver­men­gung mit dem Auf­ent­halts­recht ein wich­ti­ges Instru­ment des deut­schen Grenz­re­gimes ist. Nach außen hin die­nen die poli­zei­li­chen Befug­nis­se an kbO der Prä­ven­ti­on von Kri­mi­na­li­tät. Auf­ent­halts­recht­li­che Straf­ta­ten „ent­ste­hen“ jedoch nicht an Ort und Stel­le, son­dern ent­ste­hen z.B. schon durch eine ille­ga­li­sier­te Ein­rei­se. Das wider­spricht der Prä­ven­ti­ons­lo­gik der kbO, wie das Gut­ach­ten fest­stellt: „Migra­ti­ons­kri­mi­na­li­tät“ wird nicht ver­hin­dert, son­dern ledig­lich auf­ge­deckt. Zudem sei die­se Auf­ga­be eigent­lich eine der Bun­des­po­li­zei und nicht der Ber­li­ner Lan­des­po­li­zei. Und es stel­le sich ins­be­son­de­re die Fra­ge, so im Gut­ach­ten, war­um und für wen die Anwe­sen­heit von Men­schen mit even­tu­ell ungül­ti­gem Auf­ent­halts­sta­tus eine Gefahr dar­stel­le. Grenz­prak­ti­ken spie­len sich also nicht nur an den natio­na­len und euro­päi­schen Außen­gren­zen ab, son­dern auch direkt vor aller Augen mit­ten in den Innen­städ­ten.

Und was ist schlimm an Iden­ti­täts­kon­trol­len?
In rechts­wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur wird eine Iden­ti­täts­fest­stel­lung häu­fig als nied­rig­schwel­li­ger Ein­griff gese­hen, das Gut­ach­ten jedoch hält dage­gen: dadurch, dass so vie­le Men­schen so häu­fig kon­trol­liert wür­den, und dadurch, dass bei den anlass­lo­sen Kon­trol­len ein qua­li­fi­zier­ter Ver­dacht feh­le, kön­ne man durch­aus von einer hohen Ein­griffs­in­ten­si­tät spre­chen, beson­ders, wenn es immer die Glei­chen trifft. Die stig­ma­ti­sie­ren­de Wir­kung von Poli­zei­kon­trol­len sei außer­dem enorm. Auf­grund der ras­sis­ti­schen Struk­tur unse­rer Gesell­schaft sei es in der Außen­wir­kung näm­lich nicht das­sel­be, ob eine wei­ße Per­son von der Poli­zei ange­hal­ten wer­de oder eben eine PoC. Eine kri­mi­nel­le Hand­lung einer wei­ßen Per­son aus der Mehr­heits­ge­sell­schaft wer­de außer­dem indi­vi­du­ell und ein­zel­fall­be­zo­gen wahr­ge­nom­men, bei der Kon­trol­le einer nicht-wei­ßen Per­son wür­den hin­ge­gen Rück­schlüs­se auf gan­ze Gesell­schafts­grup­pen gezo­gen, stel­len die Gutachter*innen fest. Die struk­tu­rell bedingt häu­fi­gen Kon­trol­len nicht-wei­ßer Per­so­nen ver­stärk­ten dem­nach mit jeder erneu­ten Kon­trol­le schon exis­tie­ren­de Res­sen­ti­ments in die­ser Gesell­schaft.

Gefähr­li­che Orte abschaf­fen!
Das Gut­ach­ten der Initia­ti­ve legt ziem­lich aus­führ­lich dar, an wel­chen Stel­len es Beden­ken bezüg­lich der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des ASOG 21 und dem dazu­ge­hö­ri­gen Kon­zept der „kri­mi­na­li­täts­be­las­te­ten Orte“ gibt. Zu ver­fas­sungs­recht­lich frag­wür­di­gen Aspek­ten gehö­ren z.B. die Ver­mi­schung mit dem Auf­ent­halts­recht, die Intrans­pa­renz der Bestim­mung der als gefähr­lich mar­kier­ten Orte oder die Unver­ein­bar­kei­ten mit euro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben, zumal sie alle die dis­kri­mi­nie­ren­de Pra­xis des Raci­al Pro­filing unter­stüt­zen. Für Betrof­fe­ne gibt es kaum juris­ti­schen Mög­lich­kei­ten sich zu weh­ren, bezie­hungs­wei­se herrscht aus ver­schie­de­nen Grün­den eine gro­ße Scheu, gegen Raci­al Pro­filing zu kla­gen, so Rechts­an­wäl­tin Burk­hardt. Die gesetz­li­che Grund­la­ge der dis­kri­mi­nie­ren­den Pra­xis einer genau­en Prü­fung zu unter­zie­hen, hat also eine gro­ße Bedeu­tung für Betrof­fe­ne. KbO sind näm­lich tat­säch­lich eine Gefahr, und zwar für Men­schen, die von der Poli­zei als „aus­län­disch“ gele­sen und mar­kiert wer­den

Die Poli­tik
Insti­tu­tio­nel­ler Ras­sis­mus ist für die Koali­ti­on nicht akzep­ta­bel“, ist im Ber­li­ner rot-rot-grü­nen Koali­ti­ons­ver­trag zu lesen. Der Ver­trag legt fest, dass kla­re Kan­te gezeigt wer­den soll, gegen Raci­al Pro­filing, auch, indem ent­spre­chen­de Absät­ze des ASOG gestri­chen wer­den. Bis­her ist nichts der­glei­chen gesche­hen. Das vor­lie­gen­de Gut­ach­ten bestä­tigt, dass die gesetz­li­che Grund­la­ge für anlass­lo­se Kon­trol­len auch recht­lich auf wacke­li­gen Bei­nen steht und macht noch­mal klar und deut­lich, dass der Ber­li­ner Senat end­lich in Akti­on tre­ten müss­te. Das ras­sis­ti­sche Grund­rau­schen im deut­schen All­tag wird durch die poli­zei­li­che Pra­xis des Raci­al Pro­filing immer und immer wie­der mit neu­en Bil­dern gefüt­tert. Es wird Zeit, der ras­sis­ti­schen Ten­denz der poli­zei­li­chen Befug­nis­se Gren­zen zu set­zen. Eine Abschaf­fung des umstrit­te­nen Kon­zepts der kri­mi­na­li­täts­be­las­te­ten Orte wäre ein ers­ter Schritt, Men­schen in Ber­lin eine gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be am und im öffent­li­chen Raum zu ermög­li­chen.