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50. Todestag von Emil Julius Gumbel: Vergessener Held der Demokratie

Gedenk­ta­fel für die deut­schen und öster­rei­chi­schen Flücht­lin­ge in Sana­ry-sur-Mer, unter ihnen Emil Juli­us Gum­bel // Bild: Ani­ma (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://​crea​ti​ve​com​mons​.org/​l​i​c​e​n​s​e​s​/​b​y​-​s​a​/​3.0)], via Wiki­me­dia Com­mons


Es herrsch­te Hoch­span­nung  in Deutsch­land nach dem Ers­ten Welt­krieg. Der Ver­sail­ler Ver­trag wur­de als unge­recht in der desas­trö­sen wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on der Nach­kriegs­zeit gese­hen. Die Nie­der­la­ge wur­de durch die als demü­ti­gend emp­fun­de­nen Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen noch deut­li­cher gemacht und das ver­schärf­te die poli­ti­sche Situa­ti­on. Die jun­ge Wei­ma­rer Repu­blik hat­te die unmög­li­che Auf­ga­be, aus dem Desas­ter die demo­kra­ti­sche Gesell­schaft auf­zu­bau­en. Obwohl die Wei­ma­rer Ver­fas­sung in der Zeit enorm fort­schritt­lich war, hielt die Wei­ma­rer Repu­blik dem poli­ti­schen Druck nicht stand. Jus­tiz, Mili­tär und Ver­wal­tung bestan­den zu gro­ßen Tei­len noch aus den glei­chen Leu­ten wie im Kai­ser­reich, die die Demo­kra­tie zum größ­ten Teil rund­weg ablehn­ten. Die extre­me Rech­te, die von höchst unde­mo­kra­ti­schen Idea­len geprägt war, und hun­dert­tau­sen­de von den Schlacht­fel­dern heim­keh­ren­de Sol­da­ten hät­te den Krieg am liebs­ten wei­ter­ge­führt und schlos­sen sich viel­fach in anti­de­mo­kra­ti­schen und kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Frei­korps zusam­men. Das Ide­al der demo­kra­ti­schen Repu­blik ver­schwand hin­ter der bit­te­ren Rea­li­tät von wirt­schaft­li­cher Schwä­che und bru­ta­len poli­ti­schen Kämp­fen.

Emil Juli­us Gum­bel (1891−1966) war ein über­zeug­ter Pazi­fist. Er kam aus einer hoch gebil­de­ten jüdi­schen Fami­lie, was sein Den­ken eben­so geprägt hat wie sei­ne Erfah­rung als Kriegs­frei­wil­li­ger im Ers­ten Welt­krieg. Nach dem Krieg wur­de der jun­ge Mathe­ma­ti­ker auf die skan­da­lö­se Ungleich­be­hand­lung  poli­ti­scher Mor­de von links und rechts aufmerksam.Emil Juli­us Gum­bel hat­te kurz vor dem Ers­ten Welt­krieg am Semi­nar für Sta­tis­tik und Ver­si­che­rungs­we­sen der Uni­ver­si­tät Mün­chen pro­mo­viert und nutz­te sei­ne Kennt­nis­se nun, um die­se haar­sträu­ben­de Unge­rech­tig­keit deut­lich zu zei­gen. In sei­nen Bücher „[Zwei bzw.] Vier Jah­re Poli­ti­scher Mord“ und „Ver­schwö­rer“ und „Ver­rä­ter ver­fal­len der Feme“ hat er detail­lier­te Berich­te über die juris­ti­sche Auf­ar­bei­tung poli­ti­scher Mor­de Lin­ker und Rech­ter vor­ge­legt. Er mach­te mit sei­nen Tex­ten über­deut­lich, was jeder irgend­wie ahn­te, aber kei­ner wag­te, laut zu sagen. Von den 376 poli­tisch moti­vier­ten Mor­den im Zeit­raum von 1919 bis 1922, war die über­wie­gen­de Mehr­heit von 354 Mor­de den natio­na­lis­ti­schen Geheim­or­ga­ni­sa­tio­nen zuzu­ord­nen.  Sei­ne Ver­öf­fent­li­chung zeig­ten die Dop­pel­mo­ral und die natio­na­lis­ti­schen Sym­pa­thi­en der Jus­tiz. Die rechts­ter­ro­ris­ti­sche Gewalt im Namen von Volk und Vater­land wur­de nicht nur von der Jus­tiz und den Behör­den tole­riert, son­dern durch skan­da­lös nied­ri­ge Stra­fen indi­rekt unter­stützt. Die zahl­rei­chen Mor­de rech­ter Atten­tä­ter wur­den durch­schnitt­lich mit 4 Mona­ten Haft geahn­det, dabei war kei­ne ein­zi­ge Todes­stra­fe. Dem gegen­über wur­de bei 10 von den 22 links moti­vier­ten Mor­den die Todes­stra­fe ver­hängt (und voll­streckt).

Nach­dem sei­ne ers­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen zu einem par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schuss im Preu­ßi­schen Land­tag führ­ten, hat Emil Juli­us Gum­bel wei­ter dar­an gear­bei­tet, um die Geheim­struk­tu­ren, die erst durch sei­ne sta­tis­ti­sche Arbeit sicht­bar wur­den, wei­ter in den Mit­tel­punkt des gesell­schaft­li­chen Dis­kur­ses zu brin­gen. Sei­ne wei­te­ren Bücher, „Ver­schwö­rer“ und „Ver­rä­ter ver­fal­len der Feme“ kon­zen­trier­ten sich auf die „Schwar­ze Reichs­wehr“, deren kon­ti­nu­ier­li­cher rech­ter Ter­ror die Demo­kra­tie von Anfang an gefähr­de­te. Ein geschei­ter­ter Ver­such, ihn zum Schwei­gen zu zwin­gen, war es,  ihn des Lan­des­ver­rats anzu­kla­gen.

Sei­ne poli­ti­schen Tex­te, die auf natio­na­lis­ti­sche Geheim­or­ga­ni­sa­tio­nen auf­merk­sam mach­ten und die reak­tio­nä­re Aus­rich­tung der deut­schen Jus­tiz her­aus­ar­bei­te­ten, waren höchst pro­vo­ka­tiv und mahn­ten die fata­len Schwä­chen der Repu­blik an. Gum­bel wur­de für sei­ne akri­bi­sche Arbeit gehasst. Sei­ne Tätig­keit als Wis­sen­schaft­ler war in einer mehr­heit­lich extrem kon­ser­va­ti­ven Pro­fes­so­ren­schaft äußerst gefähr­det. Er wur­de den­noch 1923 an der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg habi­li­tiert, an der er auf­grund sei­nes Pazi­fis­mus‘ stets ange­fein­det wor­den war. Schon ein Jahr spä­ter fand er sich auf Hin­wir­ken des dama­li­gen baye­ri­schen Kul­tus­mi­nis­ters vom Dienst sus­pen­diert. Sei­ne Lehr­be­rech­ti­gung ent­zog man ihm 1932. Dar­auf­hin wan­der­te er schon früh­zei­tig nach Paris aus, wo er ande­re Geflüch­te­te unter­stütz­te und poli­ti­sche Schrif­ten gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­öf­fent­lich­te.

Man könn­te sagen, dass Emil Juli­us Gum­bel nur einer von vie­len elo­quen­ten Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern aus der Zeit war, in der Tau­sen­de in Deutsch­land ver­folgt und zur Flucht gezwun­gen wur­den. Aber das wür­de nicht stim­men. Obwohl er für sei­ne Bei­trä­ge in sta­tis­ti­scher Theo­rie aner­kannt ist, sind sei­ne poli­ti­schen Schrif­ten in Deutsch­land bis heu­te zum Groß­teil unbe­kannt – er ist vie­len ein Dorn im Auge, der­je­ni­ge, der genau jenen gru­se­li­gen Zusam­men­hang von Geheim­ter­ror und reak­tio­nä­rem Staats­ap­pa­rat in der Zwi­schen­kriegs­zeit erkann­te und durch­schau­te. Trotz vie­ler Gast­auf­ent­hal­te in Deutsch­land in den 1950er und 1960er Jah­ren kam sei­ne gewünsch­te Wie­der­an­stel­lung an der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg und sei­ne Reha­bi­li­tie­rung nie zustan­de. Er blieb in den USA als Pro­fes­sor an der Colum­bia Uni­ver­si­ty. Sei­ne enorm hell­sich­ti­gen poli­ti­schen Wer­ke wer­den bis heu­te igno­riert, eben weil sie das Ver­sa­gen der Ver­nunft auf­zei­gen, was er am Bei­spiel rech­ten Ter­rors und der Kom­pli­zen­schaft der deut­schen Jus­tiz in der Wei­ma­rer Zeit beschrieb. Sei­ne Kom­pro­miss­lo­sig­keit und sein Bestehen auf Men­schen­rech­ten, Gleich­heit und Pazi­fis­mus könn­ten ihn auch heu­te noch oder wie­der  zum Vor­bild machen. Er war ein Mann, der nur zum Schlag sei­ner eige­nen Trom­mel zu mar­schie­ren bereit war, wo alle ande­ren aus Angst oder Bequem­lich­keit die Augen schlos­sen und mit­lie­fen. Es wird Zeit, die­sen Vor­kämp­fer der Huma­ni­tät, der Demo­kra­tie und eman­zi­pa­ti­ver Poli­tik dem Ver­ges­sen zu ent­rei­ßen, an ihn zu erin­nern und ihn zu ehren.

 


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