Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration
und gegen Rassismus und Neonazismus




Der (medizinethische) deutsche Diskurs über die Vorhautbeschneidung


Im Juni 2012 wurde die reli­giöse Beschnei­dung der Vor­haut bei Jun­gen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu einem öffent­li­chen Thema. Hatte es zuvor im deutsch­spra­chi­gen Raum auch in eman­zi­pa­to­ri­schen und lin­ken Zusam­men­hän­gen keine dies­be­züg­li­chen Dis­kus­sio­nen gege­ben, ent­brannte im Anschluss an die Ent­schei­dung einer juris­ti­schen Insti­tu­tion nun in Arti­keln und Kom­men­ta­ren von Zeit­schrif­ten und Blogs ein «Lauf­feuer» der Ent­rüs­tung über die Vor­haut­be­schnei­dung (Zir­kum­zi­sion). Dabei wurde viel vor­aus­ge­setzt. Aus­ge­hend von einer Befra­gung der Debatte auf ihre dis­kur­si­ven Bezüge und dis­zi­pli­nä­ren Argu­men­ta­ti­ons­fi­gu­ren wer­den im Fol­gen­den ins­be­son­dere einige der medi­zi­ni­schen und medi­zi­nethi­schen Posi­tio­nen beleuch­tet. Unter wel­chen Bedin­gun­gen gerinnt ein Vor­gang zu einem Ereig­nis, und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen wächst ein Ereig­nis sich zum öffent­li­chen Thema aus?

1. Das Urteil und der schlag­ar­tige Dis­kurs – tatsächlich?

Die öffent­li­che Debatte um die Vor­haut­be­schnei­dung star­tete am 26. Juni 2012. Im Anschluss an einen Arti­kel der Finan­cial Times Deutsch­land ver­öf­fent­lich­ten in den dar­auf­fol­gen­den Tagen dut­zende bun­des­deut­sche wie inter­na­tio­nale Zeit­schrif­ten Bei­träge zum Thema. An die­ser Stelle ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es in den Jah­ren und Jahr­zehn­ten zuvor im deutsch­spra­chi­gen Raum kei­nen Bei­trag zur Vor­haut­be­schnei­dung gege­ben hatte, der zum media­len Thema wurde – bei, wohl­ge­merkt, unver­än­der­ter Beschnei­dungs­pra­xis. Auch im wis­sen­schaft­li­chen Kon­text erschie­nen aus dem deut­schen Sprach­raum nur sehr ver­ein­zelt Bei­träge, die sich mit der Vor­haut­be­schnei­dung befass­ten. Min­des­tens ebenso erwäh­nens­wert wie die jahre– bis jahr­zehn­te­lange Nicht-Thematisierung ist auch der fol­gende Sach­ver­halt: Bis zum Juni 2012 gab es im deutsch­spra­chi­gen Raum keine Selbst­or­ga­ni­sa­tion von Men­schen, die sich gegen die Vor­haut­be­schnei­dung – aus reli­giö­sen oder hygie­ni­schen Moti­ven – äußer­ten. Inter­net­fo­ren, in denen gegen die Vor­haut­be­schnei­dung gestrit­ten wird, kamen erst ab Juli 2012 auf. Ihre Betrei­ber rekru­tie­ren sich inter­es­san­ter­weise nicht aus Selbst­or­ga­ni­sa­tio­nen, etwa agnos­ti­scher oder athe­is­ti­scher Män­ner jüdi­schen oder mus­li­mi­schen Eltern­hau­ses, son­dern aus ande­ren Per­so­nen­krei­sen, mit eige­nen Moti­ven.[1]

Nicht min­der inter­es­sant ist ein Blick auf Ereig­nisse, die vor dem Debat­ten­be­ginn am 26. Juni 2012 lie­gen. Etwa die von der Öffent­lich­keit weit­ge­hend unbe­merkte Urteils­ver­kün­dung des Köl­ner Land­ge­richts am 7. Mai 2012. Erst sechs Wochen spä­ter, nach­dem die Finan­cial Times Deutsch­land davon berich­tet hatte, sah das Köl­ner Land­ge­richt sich ver­an­lasst, die ein­set­zende Anfra­ge­flut mit einer Pres­se­mit­tei­lung zu parie­ren. Den Ver­fah­rens­ver­lauf ebenso wie den auf­kom­men­den Dis­kurs hat der Jurist und Jour­na­list Jost Müller-Neuhof (2012) aus­führ­lich auf­ge­ar­bei­tet; alle wis­sen­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den juris­ti­schen Vor­gän­gen im Vor­feld der Debatte bezie­hen sich auf die Recher­chen Müller-Neuhofs.[2]

«Eine ver­störte Mut­ter, gebür­tige Tune­sie­rin, kommt mit ihrem Vier­jäh­ri­gen in die Kli­nik.» (Müller-Neuhof 2012) Das Kind war zuvor von einem nie­der­ge­las­se­nen Arzt beschnit­ten wor­den und zeigte Nach­blu­tun­gen. Da die Mut­ter sich nur unzu­rei­chend aus­drü­cken und die Situa­tion schil­dern und erklä­ren konnte, setzte ein behörd­li­ches Ver­fah­ren ein. Das Hin­zu­zie­hen der Poli­zei mar­kiert einen Punkt, an wel­chem ein bis dato pri­va­ter Vor­gang seine Sphäre ver­lässt und zu einem offi­zi­el­len Vor­gang wird. Der ursprüng­li­che Sach­ver­halt (ärzt­li­che Vor­haut­be­schnei­dung mit anschlie­ßen­den Nach­blu­tun­gen) erfährt bereits mit der Erwei­te­rung der zustän­di­gen Stel­len einen ekla­tan­ten Bedeu­tungs­wan­del. Dar­über hin­aus erge­ben sich einige schwer zu über­ge­hende Fra­gen zum Ereig­nis­her­gang im Köl­ner Kli­ni­kum: Einer­seits wird sogleich die Poli­zei geru­fen – ver­fügt sie etwa über die medi­zi­ni­sche Exper­tise, um die Nach­blu­tun­gen zu stil­len? Zugleich wird die als unzu­rei­chend emp­fun­dene Kom­mu­ni­ka­tion mit dem Kran­ken­haus­per­so­nal der Mut­ter ange­las­tet, womit der soziale, der gemein­schaft­li­che Aspekt gelin­gen­der Kom­mu­ni­ka­tion und die Ver­ant­wor­tung des Kli­ni­kums, geeig­nete Dol­met­sch­dienste vor­zu­hal­ten, aus dem Blick gerät. Auch die­ser Fall lässt sich lesen als ein Hin­weis dar­auf, dass «Inte­gra­tion» in Deutsch­land noch immer als pri­mär ein­sei­ti­ges Pro­jekt ver­stan­den wird, zu des­sen Kenn­zei­chen eher eine ver­hal­tens­spe­zi­fi­sche Erwar­tungs­hal­tung und weni­ger ein Inter­esse am Gegen­über zählt.

Es kommt zu einem Ver­fah­ren gegen den nie­der­ge­las­se­nen Arzt, ihm wird ein Behand­lungs­feh­ler, ein «Kunst­feh­ler» zur Last gelegt. Er wird erst­in­stanz­lich frei­ge­spro­chen, und das Gericht stellt fest: «[D]er Junge wurde kor­rekt und unter Betäu­bung beschnit­ten. […] Der Ein­griff sei [dem Amts­rich­ter zufolge] kein Ver­stoß gegen das Kin­des­wohl. Die Eltern hät­ten im Hin­blick auf Reli­gi­ons­frei­heit und Erzie­hungs­recht wirk­sam ein­ge­wil­ligt.» (Müller-Neuhof 2012) Die­ses Urteil jedoch stimmt kei­nes­wegs alle mit dem Fall Befass­ten zufrie­den, wes­halb eine Köl­ner Ober­staats­an­wäl­tin in Beru­fung und der Fall an die nächst­hö­here Instanz geht. Der dor­tige Urteils­spruch stellt fest, dass der Arzt eben nicht dem Kin­des­wohl ent­spre­chend gehan­delt habe. Da ihm dies wäh­rend des Ein­griffs aber nicht klar gewe­sen sei («Ver­bots­irr­tum»), spricht ihn das Gericht von «sei­ner Schuld» frei. Die­ses Urteil ent­fal­tet weit­rei­chende Wir­kung – es betrifft immer­hin Grund­rechte (Reli­gi­ons­frei­heit) – und hätte ent­spre­chend an die juris­ti­schen höhe­ren Stel­len wei­ter­ge­lei­tet wer­den müs­sen, wie es die juris­ti­schen Vor­ga­ben in Nordrhein-Westfalen bei Ver­fah­ren von «grund­sätz­li­cher Bedeu­tung» vor­se­hen. Dies erfolgt nicht, womit auch die Mög­lich­keit, inner­halb von Wochen­frist vor dem Ober­lan­des­ge­richt gegen das Urteil in Revi­sion zu gehen, unge­nutzt ver­streicht. Erst nach Ablauf der Frist wer­den die Medien brei­ter infor­miert – und hier kommt ein wesent­li­cher Prot­ago­nist die­ser Debatte ins Spiel: Holm Putzke, Straf­recht­ler. Bereits seit Jah­ren enga­gierte er sich auf die­sem The­men­feld, refe­rierte in Fach­krei­sen, «pro­fi­lierte» sich als Fach­mann zu die­sem Thema. Aller­dings war die Debatte bis­lang auf kleine juris­ti­sche Fach­kreise beschränkt geblie­ben und hatte weder eine mediale Öffent­lich­keit erreicht, noch bestim­men­den Ein­fluss auf die Recht­spre­chung erlangt. Diese Gele­gen­heit sollte sich nun erge­ben; nach­weis­lich war es Holm Putzke, der über einen Freund bei der Finan­cial Times Deutsch­land den Arti­kel lan­cierte, der am 26. Juni 2012 erschien, und der die öffent­li­che Debatte for­cie­ren sollte. (vgl. Müller-Neuhof 2012)

«Der ein­zige Experte, der [in dem Bei­trag der Finan­cial Times Deutsch­land, Anm. d.V.] zu Wort kommt, ist Holm Putzke. ‹Das Urteil ist für Ärzte enorm wich­tig, weil diese jetzt zum ers­ten Mal Rechts­si­cher­heit haben.› Das Gericht habe sich nicht von der Sorge abschre­cken las­sen, als anti­se­mi­tisch und reli­gi­ons­feind­lich kri­ti­siert zu wer­den. ‹Anders als viele Politiker.›

Rechts­si­cher­heit kann es durch Urteile von Unter­ge­rich­ten nicht geben. Ver­schwie­gen wird, dass es um eine Beru­fung ging, bei der die Kam­mer mit nur einem ein­zi­gen juris­tisch gebil­de­ten Rich­ter besetzt ist. Kein Wort, dass der Rich­ter­spruch schon sechs Wochen alt ist, dass ein Amts­ge­richt zuvor das Gegen­teil ent­schie­den hatte. Nichts davon, dass weder andere Gerichte noch Staats­an­wälte an das Urteil gebun­den sind. Nichts, was auf die per­sön­li­che Nähe zwi­schen Putzke und dem Ver­fas­ser des Arti­kels hin­deu­tet. Der FTD-Journalist sagt, er habe sich für die Anfrage bei Putzke aus fach­li­chen Grün­den ent­schie­den. Putzke gibt mitt­ler­weile zu, von sich aus an die Presse her­an­ge­tre­ten zu sein.» (Müller-Neuhof 2012)

Es ist wich­tig, den Ent­ste­hungs­hin­ter­grund der Debatte im Kopf zu haben, um sich zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, wes­sen Inter­es­sen in die­ser öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung ver­han­delt wur­den und wer­den. Über die gesell­schaft­li­che Trag­weite des Urteils wie des besag­ten Zei­tungs­ar­ti­kels scheint beim Straf­recht­ler Holm Putzke keine Unklar­heit geherrscht zu haben; es zeigt sich zumin­dest der Hin­weis, dass er durch­aus im Blick hatte, dass grund­le­gende Tra­di­tio­nen jüdi­scher (und mus­li­mi­scher) Reli­gi­ons­pra­xis durch das Urteil betrof­fen sein würden.

2. Poli­ti­sche und medi­zi­ni­sche Reaktionen

Die Reak­tio­nen aus ver­ant­wort­li­chen poli­ti­schen Krei­sen – ins­be­son­dere den Bun­des­tags­frak­tio­nen – waren deut­lich und unauf­ge­regt. Im Juli äußert sich Bun­des­kanz­le­rin Angela Mer­kel klar: «Ich will nicht, dass Deutsch­land das ein­zige Land auf der Welt ist, in dem Juden nicht ihre Riten aus­üben kön­nen. Wir machen uns ja sonst zur Komiker-Nation» (vgl. Spie­gel 2012). Selbst Alice Schwar­zer, seit den letz­ten Jah­ren oft mit ras­sis­ti­schen Posi­tio­nie­run­gen gegen Muslim_innen auf­ge­fal­len, nimmt in die­ser Frage eine klare Posi­tion für die Reli­gi­ons­frei­heit von Muslim_innen und Jüd_innen ein: «Die Ver­ur­tei­lung der männ­li­chen Beschnei­dung halte ich für eine rea­li­täts­ferne poli­ti­sche Cor­rect­ness.» Im Wei­te­ren hebt sie die gesund­heit­li­chen Vor­teile der Vor­haut­be­schnei­dung her­vor: «Etwa jeder dritte männ­li­che Mensch welt­weit ist beschnit­ten. Und das nicht nur aus reli­giö­sen oder kul­tu­rel­len Grün­den, son­dern auch aus hygie­ni­schen. Bereits 2007 rie­ten sowohl die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) als auch die UN drin­gend zur Beschnei­dung von Män­nern: als Prä­ven­tion gegen Aids, Penis­krebs und Gebär­mut­ter­hals­krebs. Denn letz­te­rer wird ver­ur­sacht von einem ver­un­rei­nig­ten männ­li­chen Penis.» (Schwar­zer 2012)

Pro­mi­nente medi­zi­ni­sche Kreise zeig­ten sich von dem Urteil erschüt­tert. Der Prä­si­dent der Bun­des­ärz­te­kam­mer, Frank Ulrich Mont­go­mery, beur­teilte das Urteil des Köl­ner Land­ge­richts als «für die Ärzte unbe­frie­di­gend und für die betrof­fe­nen Kin­der sogar gefähr­lich». Der Bun­des­ver­band der deut­schen Uro­lo­gen und – in glei­chem Wort­laut – die Deut­sche Gesell­schaft für Uro­lo­gie erklärte mit ähnli­cher Sicht­weise wie Mont­go­mery und unter Ver­weis auf die begrenzte Reich­weite des Köl­ner Urteils:

«Es han­delt sich hier um eine soge­nannte Güter­ab­wä­gung, wobei das Gericht in der Urteils­be­grün­dung selbst ein­räumt, dass auch die gegen­tei­lige Auf­fas­sung ver­tret­bar sei. Ein Gericht in Mün­chen oder Ham­burg könnte den­sel­ben Sach­ver­halt also durch­aus anders bewer­ten. […] End­gül­tige Rechts­si­cher­heit kön­nen nur ein höchst­rich­ter­li­ches Urteil oder der Gesetz­ge­ber her­bei­füh­ren. […] Bei der Dis­kus­sion dar­über, ob zukünf­tig ritu­elle Beschnei­dun­gen durch Ärzte rechts­si­cher durch­ge­führt wer­den kön­nen, sollte auch der Aspekt berück­sich­tigt wer­den, dass man ritu­elle Beschnei­dun­gen durch Gerichts­ur­teile in Deutsch­land nicht ein­fach abschaf­fen kann. Damit besteht die kon­krete Gefahr, dass ritu­elle Beschnei­dun­gen ver­mehrt von medi­zi­ni­schen Laien durch­ge­führt wer­den.» (DGU 2012, Juli)

Von die­sen medi­zi­ni­schen Gesell­schaf­ten wurde die dar­auf­hin von den Parlamentarier_innen gefun­dene und am 12. Dezem­ber 2012 ver­ab­schie­dete Lösung – das Gesetz zum «Umfang der Per­so­nen­sorge bei einer Beschnei­dung des männ­li­chen Kin­des» (Druck­sa­che 17/11295) – schließ­lich expli­zit begrüßt, da sie Rechts­si­cher­heit für die Mediziner_innen schaffe (DGU 2012, Dezember).

Die Deut­sche Gesell­schaft für Psy­cho­ana­lyse, Psy­cho­the­ra­pie, Psy­cho­so­ma­tik und Tie­fen­psy­cho­lo­gie ver­wies auf die Mög­lich­keit, dass auch mit der Vor­haut­be­schnei­dung trau­ma­ti­sie­rende Erfah­run­gen ver­bun­den sein könn­ten, wobei es aller­dings schwie­rig sei, ein sin­gu­lä­res Ereig­nis für Trau­ma­ti­sie­run­gen ver­ant­wort­lich zu machen. Deut­lich warnt die Gesell­schaft vor den trau­ma­ti­sie­ren­den Aus­wir­kun­gen, die mit der «Miss­ach­tung [von] kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Identität[en]» und auch von «Migra­ti­ons­schick­sa­len» ver­bun­den sein könn­ten – und regt zu einer tole­ran­ten gesell­schaft­li­chen Aus­hand­lung an:

«Im Sinne kumu­la­ti­ver Trau­ma­ti­sie­run­gen wir­ken sol­che Umwelt­be­din­gun­gen leise und nach­hal­tig. Ein Ein­griff in zen­trale Ele­mente reli­giö­ser Iden­ti­tät kann von vie­len Fami­lien durch­aus als Labi­li­sie­rung, Ver­un­si­che­rung und Miss­ach­tung in einem wesent­li­chen Kern­punkt ihres Lebens emp­fun­den wer­den – mit eben­falls gra­vie­ren­den psy­chi­schen Fol­gen für die Kin­der. In die­sem Kon­text gilt es daher, aus fach­li­chen Grün­den sorg­fäl­tig zwi­schen ver­schie­de­nen mög­li­chen psy­chi­schen Gefähr­dun­gen zu unter­schei­den und nicht vor­schnell ein sin­gu­lä­res, poten­ti­ell trau­ma­ti­sches Ereig­nis in den Vor­der­grund zu stel­len. Der der­zei­tige Stand der Dis­kus­sion ist unse­res Erach­tens noch zu sehr davon geprägt, dass um den Vor­rang jeweils einer Per­spek­tive gerun­gen wird. Ein Refle­xi­ons­raum über die Bedeu­tung reli­giö­ser Zuge­hö­rig­keit unter Berück­sich­ti­gung der sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen und his­to­ri­schen Bedin­gun­gen jüdi­schen und mus­li­mi­schen Lebens in Deutsch­land kann dabei nicht ent­ste­hen.» (DGPT 2012)

Ein­zig Orga­ni­sa­tio­nen wie die Deut­sche Gesell­schaft für Kin­der­chir­ur­gie und in ihrem Nach­gang die Deut­sche Aka­de­mie für Kin­der– und Jugend­me­di­zin befür­wor­ten das Köl­ner Urteil, bei gleich­zei­ti­ger Kennt­nis um seine Bedeu­tung für reli­giöse Min­der­hei­ten. Aber auch hier ist ein dis­kurs­theo­re­ti­scher Ein­blick erhel­lend: So publi­zierte Maxi­mi­lian Stehr, der den Vor­sitz der Deutsche[n] Gesell­schaft für Kin­der­chir­ur­gie führt und die Pres­se­mit­tei­lung nach dem Köl­ner Urteil ver­fasste, seit eini­gen Jah­ren immer wie­der gemein­sam mit Holm Putzke. Nun sind die Ein­schät­zun­gen Stehrs jedoch gerade nicht in der wis­sen­schaft­li­chen Dif­fe­ren­ziert­heit ver­fasst wie bei den zuvor benann­ten Gesell­schaf­ten und dem Prä­si­den­ten der Bun­des­ärz­te­kam­mer. Stehr selbst weist dar­auf hin, dass die Ein­schät­zung vor allem auf die ste­ten Vor­ar­bei­ten in Zusam­men­ar­beit mit Holm Putzke zurück­zu­füh­ren ist. So schreibt er im Namen der Deut­schen Gesell­schaft für Kin­der­chir­ur­gie:

«Mit der prin­zi­pi­el­len Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit medi­zi­nisch nicht indi­zier­ter Beschnei­dun­gen bei nicht ein­wil­li­gungs­fä­hi­gen Kna­ben bestä­tigt das Gericht die von der DGKCH ver­tre­tene und viel dis­ku­tierte Mei­nung. In den letz­ten Jah­ren wurde von ver­schie­de­nen Auto­ren in meh­re­ren Publi­ka­tio­nen hierzu kri­tisch Stel­lung genom­men, zuletzt 2008 im Deut­schen Ärzte­blatt (Dtsch Ärztebl 2008; 105(34–35); A 1778–80).» (DGKCH 2012)

Jener Arti­kel im Deut­schen Ärzte­blatt wurde ver­fasst von Maxi­mi­lian Stehr, Holm Putzke und Hans-Georg Dietz – als Kon­takt­per­son ist Holm Putzke ange­ge­ben. Indes­sen han­delt es sich bei die­sem Bei­trag kei­nes­wegs um den jüngs­ten zum Thema; 2010 publi­zier­ten die glei­chen drei Auto­ren gemein­sam auch in Der Uro­loge eine Erwi­de­rung auf einen ande­ren Bei­trag. Umso inter­es­san­ter ist der dis­ku­tierte Sach­stand: Zahl­rei­che bun­des­weite und inter­na­tio­nale medi­zi­ni­sche Bei­träge zur Vor­haut­be­schnei­dung, u.a. sol­che mit zum Teil wider­sprüch­li­chen Posi­tio­nen, wer­den von den drei Auto­ren über­haupt nicht rezi­piert. Statt­des­sen wer­den, etwa im besag­ten Arti­kel im Deut­schen Ärzte­blatt, ins­be­son­dere sol­che Bei­träge ange­führt, die geeig­net sind, die eigene Posi­tion zu stüt­zen – und zudem oft selbst ver­fasst sind. Ein Beispiel:

«Der Nut­zen über­wiegt die Nach­teile aller­dings nur dann, wenn eine Zir­kum­zi­sion das Risiko einer spä­te­ren Erkran­kung nicht nur uner­heb­lich ver­rin­gert. Das Erkran­kungs­ri­siko ist in den genann­ten Fäl­len aller­dings sehr gering: Bei Harn­wegsin­fek­ten liegt die Inzi­denz bei 1,12 Pro­zent (10). Für Penis­krebs wies die Ame­ri­can Can­cer Society dar­auf hin, dass die dabei beste­hende Sterb­lich­keits­rate von der durch Zir­kum­zi­sio­nen ver­ur­sach­ten auf­ge­ho­ben wer­den dürfte (7). Auch die Wahr­schein­lich­keit, spä­ter an einer mani­fes­ten Phi­mose, Para­phi­mose oder einer Bala­no­post­hi­tis zu erkran­ken, ist gering – sie liegt zwi­schen zwei und vier Pro­zent (11). Nicht viel anders ist die Sache zu sehen bei Syphi­lis oder Gonor­rhö.» (Stehr et al. 2008)

Die ange­führ­ten Quel­len 10 und 11 ver­wei­sen auf eigene Aus­füh­run­gen aus den Jah­ren 2001 (Dietz et al. 2001; Stehr et al. 2001). Es han­delt sich hier­bei um knappe deutsch­spra­chige Bei­träge mit Umfang von drei bzw. vier Sei­ten, die in eher popu­lär ori­en­tier­ten medi­zi­ni­schen Ver­öf­fent­li­chun­gen unter­ge­bracht sind. Quelle 7 hin­ge­gen ver­weist auf den deutsch­spra­chi­gen Sam­mel­band «Das ver­letzte Geschlecht. Die Geschichte der Beschnei­dung», der im Jahr 2002 im Ber­li­ner Aufbau-Verlag erschie­nen ist. Im ange­führ­ten Absatz wer­den keine – und im übri­gen Bei­trag nur ver­ein­zelt – wis­sen­schaft­li­che Quel­len her­an­ge­zo­gen, die in medi­zi­ni­schen Fach­da­ten­ban­ken indi­ziert sind. Ledig­lich in Bezug auf den von der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion beschrie­be­nen Nutz­ef­fekt der Vor­haut­be­schnei­dung für die Ver­min­de­rung des HIV-Infektionsrisikos, auf­grund des­sen die WHO die Vor­haut­be­schnei­dung als Vor­beu­ge­maß­nahme für Län­der Afri­kas emp­fiehlt, wer­den inter­na­tio­nale und indi­zierte Fach­bei­träge her­an­ge­zo­gen. Diese Bezug­nahme wird von den drei Auto­ren aller­dings sogleich als für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land unbe­deu­tend zurück­ge­wie­sen, da in der BRD HIV-Infektionen nur sel­ten aufträten.

Ein nicht gerin­ges Maß an Selbst­re­fe­renz auf eigene Arbei­ten sowie die feh­lende Bezug­nahme auf wis­sen­schaft­li­che Fach­ar­ti­kel kenn­zeich­net die Qua­li­tät des Bei­tra­ges, der für die Deut­sche Gesell­schaft für Kin­der­chir­ur­gie und ihren Vor­sit­zen­den Maxi­mi­lian Stehr die zen­trale Basis ihrer Argu­men­ta­tion dar­stellt und ent­spre­chend pro­mi­nent immer wie­der rezi­piert wird (vgl. auch Putzke 2012). Ein Umstand, der nicht fol­gen­los bleibt. Denn auch für die Stel­lung­nahme der Deut­schen Aka­de­mie für Kin­der– und Jugend­me­di­zin (DAKJ 2012) stellt die Posi­tio­nie­rung der Deut­schen Gesell­schaft für Kin­der­chir­ur­gie eine der zen­tra­len Bezug­nah­men dar. Chris­toph Kup­fer­schmid, einer der Ver­fas­ser die­ser Stel­lung­nahme, bezieht sich – wie­derum im Deut­schen Ärzte­blatt – in sei­ner Posi­tio­nie­rung, die jüdi­sche und mus­li­mi­sche Tra­di­tion der Vor­haut­be­schnei­dung abzu­leh­nen, zen­tral auf Stehr: «Bereits vor elf Jah­ren stell­ten die Münch­ner Kin­der­chir­ur­gen um Prof. Dr. med. Maxi­mi­lian Stehr medi­zi­nisch nicht indi­zierte Beschnei­dun­gen infrage. Die Kom­pli­ka­ti­ons­rate von zwei Pro­zent, Schmer­zen und Unwohl­sein stan­den für sie nicht im Ein­klang mit unse­ren Vor­stel­lun­gen von Kin­der­rech­ten und Selbst­be­stim­mung.» (Kup­fer­schmid 2012; Her­vor­he­bung d.V.).

Inter­es­sant ist der Blick auf die Rezep­tion auch des­halb, weil eine nicht zu über­se­hende Zahl von popu­lä­ren media­len Bei­trä­gen auf die­sen bei­den Pres­se­mit­tei­lun­gen fußt. Der leicht­fer­tige Umgang mit Daten­be­stän­den in einer für viele Men­schen so grund­le­gen­den Dis­kus­sion ist bedenk­lich, vor allem jedoch hin­ter­lässt er drin­gen­den Klärungsbedarf.

In einem Dos­sier des Deut­schen Ärzte­blat­tes, in dem ver­schie­dene Medi­zi­ner zu Wort kom­men, geben inter­es­san­ter­weise eben­falls die drei Auto­ren Stehr, Putzke und Dietz eine gemein­same Stel­lung­nahme ab, zudem die ein­zige (!), die über die reli­giöse Bedeu­tung schlicht hin­weg­geht. Sie ver­wei­sen eben­falls erneut zen­tral auf ihren Bei­trag im Deut­schen Ärzte­blatt (Stehr 2008). Alle ande­ren befrag­ten Mediziner_innen hin­ge­gen gelan­gen zu einer dif­fe­ren­zier­ten Posi­tion. Hans-Peter Bruch, Prä­si­dent des Berufs­ver­ban­des der Deut­schen Chir­ur­gen etwa, kommt auf Grund­lage der medi­zi­ni­schen Daten­ba­sis zu einem gänz­lich ande­ren Urteil als das Auto­ren­trio Stehr/Putzke/Dietz:

«Aus gro­ßen sta­tis­ti­schen Erhe­bun­gen unse­rer Tage geht her­vor, dass durch die Beschnei­dung das Risiko an Aids zu erkran­ken, erheb­lich gesenkt wird und die Beschnei­dung auch eine Pro­phy­laxe für die Über­tra­gung von HPV (human papil­loma virus) ist, wel­cher den Gebär­mut­ter­hals­krebs aus­löst. Dar­über hin­aus wird natür­lich auch die Über­tra­gung von Darm­kei­men, Pil­zen und ande­ren Viren durch die Beschnei­dung ein­ge­schränkt. […] Die Dis­kus­sion sollte daher vor allen Din­gen frei­ge­hal­ten wer­den von Vor­ur­tei­len und emo­tio­na­ler Über­la­ge­rung. Aus Sicht des Berufs­ver­ban­des der Deut­schen Chir­ur­gen muss sicher­ge­stellt wer­den, dass eine Beschnei­dung durch dafür exzel­lent aus­ge­bil­dete Chir­ur­gen in opti­ma­ler Ope­ra­ti­ons­um­ge­bung schmerz­frei durch­ge­führt wird. Der Gesetz­ge­ber muss nach Auf­fas­sung des Berufs­ver­ban­des der Deut­schen Chir­ur­gen (BDC) dafür Sorge tra­gen, dass Rechts­si­cher­heit her­ge­stellt wird und Mus­lime und Juden nicht gezwun­gen sind, ihren reli­giö­sen Gesetze fol­gend ins Aus­land rei­sen zu müs­sen, wo die Beschnei­dung mög­li­cher­weise unter Umstän­den statt­fin­det, die mit den Grund­sät­zen der Pati­en­ten­si­cher­heit und der moder­nen Asep­sis nicht überein­stim­men.» (Bruch 2012)

Zwei Pro­fes­so­ren an den Uro­lo­gi­schen Kli­ni­ken Ber­lin und Ros­tock, Ahmed Mag­heli und Oli­ver Haken­berg, erklä­ren mit ähnli­cher Les­art der medi­zi­ni­schen Daten im glei­chen Dossier:

«Da es für in Europa lebende Kin­der keine guten medi­zi­ni­schen Gründe für eine Zir­kum­zi­sion gibt, ande­rer­seits aber auch keine medi­zi­nisch rele­van­ten Beden­ken gegen eine Zir­kum­zi­sion beste­hen, muss diese Dis­kus­sion auf ande­rer Ebene geführt wer­den. […] Daher ist es not­wen­dig, dass die Abwä­gung der hier berühr­ten Grund­rechte durch den Gesetz­ge­ber gere­gelt wird oder eine Aus­nah­me­re­ge­lung für die ritu­elle Zir­kum­zi­sion defi­niert wird. Wenn man die zum Teil sehr hit­zige Dis­kus­sion die­ses The­mas in den Medien ver­folgt – die gera­dezu zum Kul­tur­kampf gewor­den ist –, dann ver­läuft die Grenze ziem­lich deut­lich zwi­schen eher reli­giö­sen Befür­wor­tern einer Tole­rie­rung der ritu­el­len Zir­kum­zi­sion und eher are­li­giö­sen Geg­nern einer sol­chen Tole­rie­rung. Völ­lig abwe­gig ist jedoch der Ver­gleich der Zir­kum­zi­sion, die im Kin­des­al­ter keine funk­tio­nel­len Aus­wir­kun­gen hat, mit der erheb­li­chen Geni­tal­ver­stüm­me­lung von Mäd­chen durch ‹Beschnei­dung›, d. h. Ent­fer­nung der Kli­to­ris und der klei­nen Scham­lip­pen.» (Magheli/Hakenberg 2012)

Über die Aus­wir­kun­gen der Vor­haut­be­schnei­dung gibt es mitt­ler­weile einen medi­zi­nisch weit­rei­chen­den Kennt­nis­stand. So sind etwa in der inter­na­tio­na­len medi­zi­ni­schen Fach­da­ten­bank PubMed allein unter dem Stich­wort «cir­cum­ci­sion» 5566 Bei­träge zu fin­den. Die Ver­öf­fent­li­chun­gen umfas­sen dabei teils sehr große Stu­dien mit über 100.000 Unter­such­ten, oft­mals wur­den zumin­dest einige Hun­dert bis Tau­send Jun­gen und Män­ner unter­sucht – für andere Ein­griffe sind häu­fig weit gerin­gere Proband_innen-Gruppen üblich. Die in PubMed gelis­te­ten Stu­dien decken dabei zahl­rei­che Fra­ge­stel­lun­gen ab, etwa Fra­gen zu Kom­pli­ka­ti­ons­ra­ten, Emp­find­sam­keit der Eichel, sexu­elle Zufrie­den­heit und psy­cho­lo­gi­sche Aus­wir­kun­gen (die etwa durch Dis­kri­mi­nie­run­gen von Kin­dern und Teen­agern auf Grund des Beschnei­dungs­sta­tus in geschlechts­ho­mo­ge­nen Grup­pen vor­kom­men).[3] Die Daten­lage zu Aus­wir­kun­gen von Vor­haut­be­schnei­dun­gen ist also ver­gleichs­weise sehr gut – gleich­wohl ließ die Medi­zi­ne­rin und Vor­sit­zende des Ethik­ra­tes Chris­tiane Woo­pen ver­lau­ten, zunächst ein­mal müss­ten deut­lich mehr For­schun­gen stattfinden.

«Die Vor­sit­zende des Ethik­ra­tes […] plä­dierte dafür, dass der Ethik­rat jetzt Rah­men­an­for­de­run­gen für wei­tere For­schun­gen ent­wi­ckelt. ‹Eine sol­che Daten­lage wür­den wir in ande­ren Berei­chen nie akzep­tie­ren›, sagte sie am Rande der Sit­zung in Ber­lin zur ‹Ärzte Zei­tung›. Es gebe Hin­weise dar­auf, dass schwere Fol­gen ein­tre­ten könn­ten, aber bei den bis­he­ri­gen Stu­dien sei über­haupt nichts über die Umstände der Beschnei­dun­gen bekannt, auch nicht, wer sie vor­ge­nom­men hat, so Woo­pen. Ihre For­de­rung wurde von wei­te­ren Medi­zi­nern im Natio­na­len Ethik­rat aus­drück­lich unter­stützt.» (Mißl­beck 2012)

Der Ruf nach wei­te­ren For­schun­gen, ohne deren Ergeb­nisse die Basis für die eigene Posi­ti­ons­be­stim­mung fehle, scheint unter Medizinethiker_innen eine nicht unüb­li­che Stra­te­gie zu sein. Das Risiko einer womög­lich unpo­pu­lä­ren Fest­le­gung wird damit weit­ge­hend mini­miert. Eine grund­le­gende Klä­rung anste­hen­der Fra­gen wird – zumin­dest mit­tel­fris­tig – umgan­gen, wie sich auch bei der pro­ble­ma­tisch zu nen­nen­den Stel­lung­nahme des Deut­schen Ethik­ra­tes zu Inter­se­xua­li­tät zeigte (vgl. Voß 2012b). Hier wie dort lie­gen klare Erkennt­nisse vor, die eine Rich­tung der Ent­schei­dung aus medi­zi­ni­scher Per­spek­tive anzei­gen.[4]

3. Was aus­ge­schlos­sen bleibt – ras­sis­ti­sche Motive in der Debatte

Der unge­plante Ver­lauf (Straf­an­zeige nach Kli­nik­be­such) eines durch­aus übli­chen Vor­gangs (Vor­haut­be­schnei­dung nach erfolg­ter Ein­wil­li­gung der Eltern durch appro­bier­ten Arzt) hatte die­sen Vor­gang zu einem Ereig­nis (Urteils­spruch mit Ver­bot reli­giö­ser Vor­haut­be­schnei­dung) wer­den las­sen, wel­ches sich durch gezielte Inter­ven­tion (inter­es­sen­ge­rich­tete Kom­men­tie­rung des Urteils in der Presse) zu einem öffent­li­chem Ereig­nis aus­wuchs. Diese Bühne nutz­ten vor allem Geg­ner der bis­lang gän­gi­gen Pra­xis, um aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den ein Ver­bot medi­zi­nisch nicht­in­di­zier­ter Vor­haut­be­schnei­dung zu for­dern. Ihre Argu­men­ta­tio­nen waren von Vor­an­nah­men geprägt, wie etwa der­je­ni­gen, dass ein sol­cher Ein­griff äußerst gefahr­voll und trau­ma­ti­sie­rend sei. Obwohl der medi­zi­ni­sche Sach­stand die­ser Vor­an­nahme wider­spricht, war für die Wirk­sam­keit der Argu­men­ta­tion eine nähere Begrün­dung nicht nötig. Inner­halb des in der BRD domi­nan­ten – christ­li­chen, christlich-atheistischen – Ver­ständ­nis­ses erschloss sich die «Plau­si­bi­li­tät» der Argu­mente unmittelbar.

Mel­de­ten sich hin­ge­gen Ver­bände der betrof­fe­nen Grup­pen zu Wort – ins­be­son­dere die Inter­es­sens­ver­tre­tun­gen von Jüd_innen und Muslim_innen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land –, fan­den sich in den Kom­men­tar­spal­ten von Zeit­schrif­ten rasche Reak­tio­nen, in denen ihre Aus­füh­run­gen dis­kre­di­tiert wur­den. Die Posi­tio­nie­run­gen wur­den als par­tei­isch ein­ge­ord­net und kaum ernst genom­men. Statt­des­sen stell­ten nicht-jüdische und nicht-muslimische Kommentator_innen Mut­ma­ßun­gen an, wonach jüdi­sche und mus­li­mi­sche Eltern das Wohl ihrer Kin­der aufs Spiel set­zen wür­den. In einem uner­hör­ten Akt der Umkeh­rung tritt hier­bei ein wesent­li­ches Nor­ma­tiv west­li­cher Gesell­schaft zutage: Nur der ratio­nal nach­voll­zieh­bare Umgang mit einem Gegen­über (z.B. Kind) könne über­haupt ein rich­ti­ger und damit ein guter sein. Die­ses Deu­tungs­mus­ter taugt als Posi­tiv– wie als Nega­tiv­scha­blone, um bereits auf den ers­ten Blick «rich­ti­ges» von «fal­schem» Han­deln zu unter­schei­den. Dass gerade anders­herum, etwa von jüdi­schen und mus­li­mi­schen Mediziner_innen und bei jüdi­schen und mus­li­mi­schen Beschnei­dungs­spe­zia­lis­ten, eine Exper­tise zu Fra­gen der Vor­haut­be­schnei­dung zu erwar­ten sei, wurde in sol­chen Dis­kus­sio­nen schlicht­weg nicht für mög­lich gehalten.

In Folge die­ses kul­tu­rel­len blin­den Flecks wurde die christ­li­che und athe­is­ti­sche weiße (also: hege­mo­niale) Posi­tion gerade nicht als eine par­tei­ische, wer­tende aus­ge­stellt, son­dern im Gegen­teil als eben eine sol­che, die unbe­ein­flusst einen Außen­blick ermög­li­che. Die Unsicht­bar­keit des eige­nen wei­ßen Hin­ter­grunds erregt auch des­halb kaum einen Ver­dacht, weil er im Zuge der Dis­kurse der letz­ten Jahr­zehnte und sogar Jahr­hun­derte zunächst hege­mo­nial durch­ge­setzt und dann für uni­ver­sell erklärt wurde. So gerät aus dem Blick, dass die Vor­stel­lung eines vom «pro­fa­nen Leben» abge­spal­te­nen geis­ti­gen Bereichs mit der christ­li­chen Reli­gion ver­bun­den ist (vgl. Çetin/Wolter 2012: 24ff). Erst aus die­ser Tren­nungs­per­spek­tive wird die Vor­haut­be­schnei­dung reli­giös unnö­tig. Ver­bun­den mit einer sol­chen Abspal­tung des Glau­bens vom «pro­fa­nen Leben» wurde die Aner­ken­nung der welt­li­chen Ord­nung gefor­dert, in der jeder Mensch an dem Platz sei, der ihm zukomme. Nicht nur Skla­ve­rei und Leib­ei­gen­schaft wur­den auf die­ser Basis gerecht­fer­tigt (Çetin/Wolter 2012). Mit dem Pro­tes­tan­tis­mus und der auf­zie­hen­den euro­päi­schen Moderne, in der etwa Kör­per­stra­fen schließ­lich abge­schafft wer­den, ver­fes­tigt sich diese Tei­lung. Sie grun­diert heu­tige Regie­rungs­wei­sen (vgl. Lud­wig 2012; Çetin/Wolter 2012) ebenso wie sie die abge­trennte Zustän­dig­keit der reli­giö­sen Instan­zen für den Glau­ben bestimmt, wohin­ge­gen die medi­zi­ni­schen Instan­zen für das «pro­fane Leben», für die Leib­lich­keit zustän­dig zeich­nen.[5]

Mit Blick auf den zugrun­de­lie­gen­den Sinn– und damit Wertho­ri­zont wird deut­lich, wie an die weiße christ­li­che und weiße athe­is­ti­sche Welt­sicht eine Per­spek­tive auf Gesell­schaft – auf «Kör­per» und «Geist» – geknüpft ist, die in Debat­ten voll­stän­dig unhin­ter­fragt bleibt. Statt einer Refle­xion auf das his­to­ri­sche kul­tu­relle Gewor­den­sein eines sol­chen breit geteil­ten Welt­zu­gangs erwar­ten weiße Men­schen von Men­schen, die nicht in die­ser Tra­di­tion ste­hen und ande­ren Welt­sich­ten den Vor­rang geben, stete Recht­fer­ti­gung. Jes­sica Jacobi und Got­linde Magi­riba Lwanga hal­ten mit Blick auf das Gros der wei­ßen Bevöl­ke­rungs­mehr­heit der BRD fest: «Frauen wie Män­ner wis­sen fast nie, was das spe­zi­fisch Christ­li­che ihrer säku­la­ren Kul­tur ist, weil es als quasi-natürlicher Zustand, als Selbst­ver­ständ­lich­keit oder als die kul­tu­relle Nor­ma­li­tät schlecht­hin emp­fun­den wird.» (Jacobi/Magiriba Lwanga 1990: 97) Auch die säku­lare Posi­tio­nie­rung wei­ßer Men­schen und die säku­lare Kul­tur sind auf­ge­spannt vor einem für selbst­ver­ständ­lich erach­te­ten Hin­ter­grund, der kaum je hin­ter­fragt wird. Für die jüdi­sche Reli­gion und Kul­tur machen die bei­den Auto­rin­nen deutlich:

«Eine sehr ver­brei­tete Annahme ist die, Juden­tum sei nichts wei­ter als eine Reli­gion. Und mit Reli­gion hat die Mehr­heit derer, die sich für anti­ras­sis­tisch hal­ten, nichts zu tun. Aus der Kir­che kann frau ja aus­tre­ten. Meist sind es auch nicht die pro­fes­sio­na­li­sier­ten Kir­chen­frauen, die Jüdin­nen über ihren Glau­ben aus­fra­gen, son­dern die weni­ger reli­giös enga­gier­ten. Chris­ten und Nicht-mehr-Christen reden vom Glau­ben, wo doch sie es sind, die glau­ben oder eben nicht mehr glauben.

Juden ‹wis­sen›. Unse­rer Mei­nung nach gibt es in die­sem Sinne kei­nen jüdi­schen ‹Glau­ben›, genau­so­we­nig wie es eine jüdi­sche ‹Rasse› gibt. Es gibt jedoch eine jüdi­sche Lebens­weise. Es gibt jüdi­sches Wis­sen und Sen­si­bi­li­tät, die oft auch ohne Lebens­weise und ohne Wis­sen durch Sozia­li­sa­tion erwor­ben wird. Es gibt jüdi­sche Geschichte und jüdi­sche Kul­tu­ren, wovon Reli­gion ein wesent­li­cher Bestand­teil ist.» (Jacobi/Magiriba Lwanga 1990: 97)

So ist unser Fazit unspek­ta­ku­lär: Wenn es gelingt, den jeweils eige­nen Blick auf Men­schen, auf Gesell­schaft zu befra­gen auf die Bedin­gun­gen sei­nes Zustan­de­kom­mens, auf den blin­den Fleck sei­ner Her­kunft, erst dann ent­ste­hen die Grund­la­gen für Dis­kus­sio­nen. Denn es ist ein ernüch­tern­des – oder viel­mehr: erschre­cken­des – Zei­chen, wie wenig es im «demo­kra­ti­schen Deutsch­land» bis­her gelun­gen ist, weiße Selbst­ver­ständ­lich­keit und Domi­nanz auch nur ansatz­weise in den Blick zu rücken, um sie reflek­tie­ren und befra­gen, auf Alter­na­ti­ven hin unter­su­chen und auf­lö­sen zu kön­nen. «Auf­lö­sen» in dem Sinne, dass unter­schied­li­che «Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten» einen Platz in die­ser Gesell­schaft erhal­ten, und somit die Gesell­schaft tat­säch­lich offen gehal­ten wird.

Um eine beja­hende Ver­bin­dung von Lebens­weise und Geschichte, Kul­tur und Reli­gion, von «Wis­sen und Sen­si­bi­li­tät» geht es auch Aiman Mazyek, Vor­sit­zen­der des Zen­tral­ra­tes der Mus­lime. Für den Islam führt er unter direk­ter Bezug­nahme zur «Beschnei­dungs­de­batte» aus:

«Die mensch­li­che Gesund­heit hat Prio­ri­tät im Islam, die Bewah­rung der mensch­li­chen Unver­sehrt­heit ist ein ebenso gött­li­ches Gebot. Aus die­sem Grund wird das Beschnei­dungs­ri­tual erlaubt und gefor­dert. Zumal ermög­licht es dem Indi­vi­duum die reli­giöse und soziale Ver­ge­mein­schaf­tung mit der ent­spre­chen­den Reli­gi­ons­ge­mein­schaft. […] Die Geg­ner der Beschnei­dung, zu denen auch lei­der einige deut­sche Juris­ten und Rich­ter gehö­ren, ver­fol­gen nicht sel­ten poli­ti­sche Motive und ver­su­chen mit viel Pole­mik und wenig Wis­sen erneut Juden und jetzt auch Mus­lime zu kri­mi­na­li­sie­ren.» (vgl. Çetin/Wolter 2012: 44)

Es ist nicht zuletzt die neue Inten­si­tät der in der «Beschnei­dungs­de­batte» ans Licht gelang­ten Vor­ur­teile gegen­über Men­schen jüdi­scher und mus­li­mi­scher Reli­gion und Kul­tur, die offen (in den Kom­men­tar­spal­ten) und ver­deckt (in eini­gen medizinischen/wissenschaftlichen «Argu­men­ta­tio­nen») her­vor­tra­ten, die eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den unre­flek­tier­ten Set­zun­gen und Moti­ven der Betei­lig­ten dring­lich machen. Die fol­gen­den Fra­gen könn­ten diese Aus­ein­an­der­set­zung flan­kie­ren und somit (zumin­dest struk­tu­rell) gege­be­nen­falls ver­ein­fa­chen: An wes­sen Rechte und an wes­sen Frei­heit wird gedacht, wenn Selbst­be­stim­mung, Unver­sehrt­heit und Kin­des­wohl ein­ge­for­dert wer­den? Vor dem Hin­ter­grund wel­cher selbst­ver­ständ­li­chen Set­zun­gen kom­men For­de­run­gen über­haupt erst auf? Wer kann sich vor dem Hin­ter­grund domi­nan­ter Set­zun­gen äußern und wer ist aus­ge­schlos­sen, wird also zum «Schwei­gen gebracht»?

 

Lite­ra­tur:

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Spie­gel (2012): Umstrit­tene Rechts­lage: Kanz­le­rin warnt vor Beschnei­dungs­ver­bot. Der Spie­gel, 16. Juli 2012. Online: http://​www​.spie​gel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​b​u​n​d​e​s​k​a​n​z​l​e​r​i​n​-​m​e​r​k​e​l​-​w​a​r​n​t​-​v​o​r​-​b​e​s​c​h​n​e​i​d​u​n​g​s​v​e​r​b​o​t​-​a​-​8​4​4​6​7​1​.​h​tml (Zugriff: 7.5.2013).

Stehr, Maximilian/Putzke, Holm/Dietz, Hans-Georg (2008): Zir­kum­zi­sion bei nicht ein­wil­li­gungs­fä­hi­gen Jun­gen: straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen auch bei reli­giö­ser Begrün­dung, in: Deut­sches Ärzte­blatt, 105 (34–35): 1778–1780.

Stehr, Maximilian/Schuster, Tobias/Dietz, Hans-Georg (2001): Phi­mose. Mehr Zurück­hal­tung bei ein­schnei­den­den Lösun­gen! päd­ia­trie haut­nah 2001, 9: 320–323.

Voß, Heinz-Jürgen (2012a): Zir­kum­zi­sion – die deut­sche Debatte und die medi­zi­ni­sche Basis. Sexuo­lo­gie – Zeit­schrift für Sexu­al­me­di­zin, Sexu­al­the­ra­pie und Sexu­al­wis­sen­schaft, 19 (3–4): 154–162. (Nach­ge­druckt in: Çetin, Zülfukar/Voß, Heinz-Jürgen/Wolter, Salih Alex­an­der (Hg., 2012): Inter­ven­tio­nen gegen die deut­sche «Beschnei­dungs­de­batte». Müns­ter: Assemblage.)

Voß, Heinz-Jürgen (2012b): Inter­se­xua­li­tät – Inter­sex: Eine Inter­ven­tion. Müns­ter: Unrast-Verlag.

Wid­mann, Peter (2012): Ein Gerichts­ur­teil und seine mediale Insze­nie­rung. In: Heil, Johannes/Kramer, Ste­phan J. (Hg.): Beschnei­dung: Das Zei­chen des Bun­des in der Kri­tik – zur Debatte um das Köl­ner Urteil. Ber­lin: Metro­pol. S. 219–227.

Fuß­no­ten

  1. Vgl. etwa die Foren von Edwin Man­fred Reich­hart (Graz und Frei­burg) und Guy Sin­den (Frei­burg) bzw. Stef­fen Was­mund (Ber­lin) www​.beschnei​dungs​fo​rum​.de, www​.beschnei​dung​-von​-jun​gen​.de und www​.zwangs​be​schnei​dung​.de, die im Juli und August 2012 online gegan­gen sind (Zugriff: 7.5.2013 sowie Denic-Auskunft [29.1.2013]). ^
  2. Vgl. etwa Wid­mann 2012; Çetin/Wolter 2012. ^
  3. Ein Über­blick über die Stu­dien und Stu­di­en­er­geb­nisse fin­det sich an ande­rer Stelle: Voß 2012a; vgl. auch: Deu­sel 2012a; Deu­sel 2012b. Ein­zig auf­fäl­lig ist, dass in den Stu­dien stets ein normativ-penetrierendes und zudem hete­ro­se­xu­el­les Ver­ständ­nis ange­wandt wird, um Fra­gen nach der Emp­find­sam­keit nach­zu­ge­hen. ^
  4. Die Rich­tung der Ent­schei­dung ist dabei unter­schied­lich. Wäh­rend sich medi­zi­nisch ein deut­li­cher Vor­teil der Vor­haut­be­schnei­dung bei Jun­gen zeigt, ist dies bei Inter­se­xua­li­tät anders. Die medi­zi­ni­schen Behand­lun­gen füh­ren bei Inter­se­xua­li­tät zu einer hohen Rate schwe­rer Kom­pli­ka­tio­nen (fast immer sind meh­rere Ope­ra­tio­nen nötig; bei Ent­fer­nung der Keim­drü­sen schlie­ßen sich Hor­mon­er­satz­the­ra­pien an etc.), zu schlech­ten funk­tio­na­len Ergeb­nis­sen und zu einer hohen Rate psy­chi­scher Lei­den bei den Behan­del­ten (vgl. aus­führ­lich: Voß 2012b). ^
  5. An die­ser Stelle zeich­net sich auch die pro­ble­ma­ti­sche Domi­nanz der Medi­zin als ein wesent­li­ches «Dogma» der Moderne ab – aus einer Tei­lung lebens­welt­li­cher Sphä­ren und den fortan dau­ern­den Behaup­tungs­ver­su­chen von legi­ti­mer Zustän­dig­keit. (So wur­den «medi­zi­nisch indi­zierte» Vor­haut­be­schnei­dun­gen nicht ein­mal in der vehe­ment geführ­ten «Beschnei­dungs­de­batte» dis­ku­tiert. Für die pro­ble­ma­ti­sche Behand­lung von inter­ge­schlecht­li­chen Men­schen sowie für eben­falls pro­ble­ma­ti­sche psych­ia­tri­sche Behand­lun­gen wird die Medi­zin als grund­sätz­lich zustän­dige Instanz nicht in Frage gestellt.) ^
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(1) Kommentar

[…] sei auf einen wei­te­ren Fach­bei­trag von Heinz-Jürgen Voß und Mat­thias Zaft hin­ge­wie­sen: Der (medi­zi­nethi­sche) deut­sche Dis­kurs über die Vor­haut­be­schnei­dung. Der Arti­kel wurde auf dem sehr emp­feh­lens­wer­ten neuen Blog anti­fra – Debatte, Bildung, […]

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